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Cochrane-Studie stellt fest: Vitaminpillen bergen tödliche Gesundheitsrisiken

Artikel 0604 Der Markt für Vitaminpräparate und Nahrungsergänzungsmittel boomt: Jeder dritte Deutsche greift nach einer Forsa-Studie zu Pillen, Kapseln oder Pülverchen. Schätzungen gehen von 1 Milliarde Euro Jahresumsatz in Deutschland allein durch Vitamin- und Mineralstoffpräparate aus. Die mit der Einnahme dieser Mittel verbundene Hoffnung auf Fitness, Gesundheit und Schutz vor Krankheiten ist jedoch überaus trügerisch. Manche Vitaminpillen, so fand jetzt eine große Studie heraus, könnten sogar die Sterblichkeit erhöhen.

Dänische Wissenschaftler, unter ihnen Goran Bjelakovic von der Universitätsklinik Kopenhagen, hatten aus einer Vielzahl schon veröffentlichter Studien solche herausgesucht, die aufgrund ihrer methodischen Grundlage besondert fundiert erschienen. Die Forscher arbeiten auch für die renommierte "Cochrane Collaboration", ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten, deren Ziel es ist, systematische und "evidenz-basierte", also methodisch abgesicherte Übersichtsarbeiten (Reviews) zur Bewertung von medizinischen Therapien zu erstellen. Zu den Kriterien, um die Studien nach ihrer methodischen Stärke zu bewerten, gehörten der Einbezug von Kontrollgruppen mit Placebo (Scheinmedikament), zufällige Zuweisung von Studienteilnehmern zu Kontroll- oder Untersuchungsgruppen, Verblindung (also fehlende Kenntnis der Forscher, wer welcher Gruppe zugeordnet war), Ergebnisbeobachtung auch über einen längereren Zeitraum. Übrig blieben insgesamt 47 Studien mit über 180.000 Teilnehmern, in denen der gesundheitliche Effekt von Präparaten mit sog. anti-oxidativen Vitaminen untersucht wurde: Vitamin A, C und E, Betakarotin und das Spurenelement Selen.

Bei einer differenzierten Analyse dieser methodisch besonders gut fundierten Studien mit niedrigen Verzerrungstendenzen zeigte sich dann, dass für die Einnahme einiger Vitaminpräparate ein im Vergleich zu Kontrollgruppen erhöhtes Sterblichkeitsrisiko gefunden worden war. Dieses erhöhte Risiko betrug für Betakarotin 7%, für Vitamin A 16% und für Vitamin E 4%. Für Selen und Vitamin C konnte kein solch fataler Zusammenhang festgestellt werden. Die gefundenen Risiken sind relative Größen, für den einzelnen Menschen eher gering. Ein um 4% höheres Sterblichkeitsrisiko kann beispielsweise bedeuten, dass bei Studien-Teilnehmern in der Untersuchungsgruppe (mit Vitamin-Einnahme) 104 Personen sterben, in der Kontrollgruppe (ohne Vitamine) hingegen nur 100 Personen. Auch die in jetzt der Zeitschrift JAMA veröffentlichten Daten über die absoluten Risiken in den einzelnen Studien zeigen teilweise recht gering erscheinende Unterschiede in den Sterbequoten. So lag in der Studie mit der größten Teilnehmerzahl die Sterberate in der "Vitamingruppe" bei 636 Personen von 19.937 Teilnehmern, in der Kontrollgruppe ein wenig darunter, nämlich 615 von 19.937.

Tatsächlich, so räumen auch die Autoren ein, ist das Risiko für den einzelnen Menschen eher gering. Berücksichtigt man jedoch, dass in Nordamerika und in Europa schätzungsweise 80-160 Millionen Menschen regelmäßig Vitaminpräparate einnehmen, so muss man die schädliche Wirkung doch anders einstufen. Bereits im Jahre 2004 hatte die Wissenschaftlergruppe untersucht, ob die Einnahme künstlicher Vitamine geeignet ist, das Risiko einer Erkrankung an Magen- und Darmkrebs zu senken. Nach Sichtung von 14 schon veröffentlichten Studien mit über 170.000 Teilnehmern konnten sie diese schützende Wirkung nicht feststellen, sondern es fanden sich im Gegenteil schon damals Hinweise, dass eine erhöhte Zufuhr bestimmter Vitamine das Sterberisiko erhöht: Antioxidant supplements for preventing gastrointestinal cancers.

Natürlich stieß die Veröffentlichung auf heftigen Widerspruch von Herstellerfirmen. Eine Repräsentantin des englischen "Health Supplements Information Service" bezeichnete die Studie gegenüber der BBC als "wertlos" und argumentierte, dass in einigen Studien auch kranke Patienten einbezogen waren und meinte weiter: "Vitamine, Mineralstoffe und Nahrungsergänzungsmittel haben nicht nur einen erwiesenermaßen positiven Einfluss auf die Gesundheit, sie sind auch unverzichtbar, um gesund zu bleiben und um die Ernährungsdefizite auszugleichen, die viele Menschen haben." (BBC: Vitamins 'could shorten lifespan') Tatsächlich wäre es methodisch noch fundierter, auch den Gesundheitszustand von Studienteilnehmern zu kontrollieren. Aber wenn in einigen Studien Teilnehmer mit schlechtem Gesundheitszustand höhere Sterbequoten aufweisen, so lässt sich daraus wohl kaum die Gegenfolgerung ableiten, dass Vitaminpräparate der Gesundheit überaus nützlich sind. Überdies zeigen Befragungen, dass gerade Personen, die unter starkem Stress stehen, deren Gesundheitszustand tendenziell also schon angegriffen ist, gehäuft zu Vitaminpillen greifen. (vgl. Innovations Report: Das Geschäft mit den gesunden Kapseln - Der Markt der Nahrungsergänzungsmittel)

Das Abstract der Studie über erhöhte Sterberisiken durch Einnahme von Vitaminpräparaten ist hier nachzulesen: Mortality in Randomized Trials of Antioxidant Supplements for Primary and Secondary Prevention Systematic Review and Meta-analysis (JAMA. 2007;297:842-857)

Gerd Marstedt, 1.3.2007