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Der Placebo-Effekt in der Medizin: Studien der Hirnforschung zeigen neurologische Mechanismen der Patientenerwartung

Artikel 0753 Die Diskussion um den Placebo-Effekt in der Medizin ist in der letzten Zeit wieder stärker entbrannt, seit in einer Reihe klinischer Studien zur Wirksamkeit alternativer Heilmethoden (Akupunktur, Homöopathie) so nicht vorhergesehene Ergebnisse ans Tageslicht kamen. So zeigte sich etwa, dass eine nur scheinbar oder nicht nach den Regeln der chinesischen Heilkunst durchgeführte Akupunktur genau so wirksam war wie eine echte, sogenannte "Verum-Akupunktur". Ähnlich wurden auch die medizinischen Erfolge homöopathischer Vorgehensweisen gedeutet: Reine Placebo-Effekte, die nicht auf der Wirkung von Substanzen beruhen, sondern allein oder überwiegend auf der Einbildungskraft und Erwartung des Patienten.

Zwar haben viele namhafte Wissenschaftler schon seit langem hervorgehoben, dass eben diese psychischen Faktoren für jeden Heilungsprozess eine überaus große Rolle spielen und womöglich wichtiger für die Genesung sind als medikamentöse oder technische Einwirkungen der Medizin. Gleichwohl zeigte sich immer wieder eine Kluft zwischen streng naturwissenschaftlich orientierten Medizinern und solchen, die eher psychosomatischen und ganzheitlichen Krankheitstheorien anhingen. Neue Akzente in diesem Streit setzt nun ein Artikel des Medizinjournalisten Jörg Blech ("Die Krankheitserfinder", "Heillose Medizin") der jetzt als SPIEGEL-Titelgeschichte veröffentlich wurde: Die Heilkraft der Einbildung: Akupunktur - Homöopathie - Naturmedizin (SPIEGEL als E-Paper kostenpflichtig)

Blechs Titelgeschichte ist eine journalistisch sehr umfassend recherchierte und (im Unterschied zu vielen wissenschaftlichen Literaturübersichten) flott geschriebene Übersicht über wissenschaftliche Studien, in denen erstaunliche Belege zutage getreten sind über die "Heilkraft der Einbildung" - bei kranken Patienten, aber auch bei Tieren. Der Artikel berichtet über die erstaunliche therapeutische Wirkung von Kochsalzlösungen, wenn Patienten im Glauben belassen werden, es handle sich um hochwirksame Arzneien, oder über erfolgreiche Therapien bei Rückenschmerz- oder Arthrose-Patienten, die im Glauben waren, bei ihnen sei ein komplizierter operativer Eingriff durchgeführt worden, obwohl sie lediglich unter Narkose standen, aber ohne jede Operation. Auch erfährt man einiges über unterschiedliche Wirkungen von Placebo-Pillen ohne jede Wirksubstanz: Gelbe Kapseln regen an, blauen machen müde, große Pillen wirken stärker als kleine.

Aufschlussreicher als diese zusammenfassende Darstellung klinischer Studien mit Placebo-Gruppen sind jedoch zwei andere Argumentationsfäden im SPIEGEL-Artikel. Zum einen stellt Jörg Blech neuere Ergebnisse der Hirnforschung vor, die aufschlussreiche Erkenntnisse bringen über jene neurologischen und physiologischen Mechanismen im menschlichen Gehirn, die durch Erwartungen und Hoffnungen von Patienten bei einer Therapie in Gang gesetzt werden.

Diese neueren Studien der Hirnforschung haben Erstaunliches gezeigt. So zeichneten an der University of Michigan Computertomografen auf, wie sich körpereigene Schmerzmittel (Endorphine) bilden und an bestimmte Rezeptoren im Gehirn binden, weil die Patientin und Teilnehmerin an dem Versuch festen Glaubens ist, ein neuartiges Schmerzmittel injiziert zu bekommen - in Wirklichkeit jedoch fließt nur Kochsalzlösung. Ähnliche Untersuchungen an der Universität Turin haben Aktivitäten von Nervenzellen in bestimmten Hirnregionen bei Parkinson-Patienten festgehalten, denen man ebenfalls nur ein Placebomittel verabreicht hat. Diese und viele andere Studien zeigen erstmals auch für streng Naturwissenschafts-Gläubige, wie Hoffnungen und Erwartungen von Patienten sich in Hirnaktivitäten oder Veränderungen im Immunsystem niederschlagen, und zwar in einer Weise, die eine daraus resultierende Verbesserung im gesundheitlichen Befinden oder in der Wahrnehmung von Schmerz überaus plausibel und mit medizinischen Erkenntnissen vereinbar macht. Zitat: "Zug um Zug entdecken die Forscher: Der Placebo-Effekt ist ein höchst reales Hirngespinst. Er hat eine biologische Entsprechung im Nervensystem und führt zu nachweisbaren Veränderungen im Körper."

Der Artikel verdeutlicht jedoch auch die Ignoranz und Überheblichkeit von Medizinern, die diese Befunde nicht zur Kenntnis nehmen wollen und nach wie vor den erkrankten Menschen als seelenlosen Hi-Tec-Apparat behandeln, bei dem eine Störung durch chemische, physikalische oder chirurgische Maßnahmen behoben werden kann. Deutlich wird dies für Blech etwa an der Geringschätzung von Information und Kommunikation in der ärztlichen Praxis, die jedoch vielfältige Möglichkeiten verhindert, tatsächlich einen für die Therapie wirksamen Placebo-Effekt im Sinne eines festen Glaubens an die Genesung aufzubauen. Möglicherweise resultiert aus dieser Ignoranz der Schulmedizin auch die große Attraktivität der "alternativen Heilmethoden". Zitat aus dem Spiegel-Artikel: "Im Unterschied zu den Schulmedizinern verstehen es die Nadeltherapeuten [Mediziner, die Akupunktur durchführen, FG] offensichtlich viel besser, die Hoffnung ihrer Patienten zu wecken. Der beteiligte Arzt Heinz Endres von der Universität Bochum und seine Kollegen schreiben, dass Akupunktur bedingt durch eine Kombination unspezifischer Faktoren ein Superplacebo darstellt."

Auch gut kontrollierte klinische Studien über die Wirksamkeit bestimmter Therapieformen haben bislang zumeist sehr stark schwarz-weiß gemalt. Eine Interventionsgruppe und eine Kontrollgruppe wurden einander gegenüber gestellt und verglichen, dahinter stand das falsche Denkmodell: Hier wird interveniert, dort geschieht nichts. Völlig unberücksichtigt und unkontrolliert blieben dabei jedoch oftmals die sozialen Rahmenbedingungen des Versuchs und die damit bewirkten, teilweise sehr unterschiedlichen Patientenhoffnungen und -erwartungen, die jedoch den Therapieerfolg maßgeblich mit beeinflussen. Auch die bereits eingangs zitierte Meta-Analyse von Akupunkturstudien bei Knie-Arthrose hat gezeigt, dass die Ergebnisse vermutlich auch abhängig waren von unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Erwartungen der Teilnehmer in den einzelnen Gruppen. Ein PDF der Studie ist hier zu finden: Meta-analysis: Acupuncture for Osteoarthritis of the Knee (Ann Intern Med. 2007;146:868-877)

Ein ähnliches Ergebnis zeigte sich auch für die Bilanz der sog. GERAC-Akupunktur-Studie in Deutschland (vgl. Forum Gesundheitspolitik: GERAC-Akupunkturstudien zeigen: Akupunktur ist der Standardtherapie teilweise überlegen. Auch dort wurde deutlich, dass SHAM- und Verum-Akupunktur insbesondere bei chronischen Kopfschmerzen überaus wirksam und der schulmedizinischen Therapie mit Medikamenten überlegen waren, beide jedoch in ähnlich großem Umfang.

Gerd Marstedt, 24.6.2007