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Die neue Gesundheits-Ideologie - Eine Analyse der Botschaften in der Zeitschrift "Men's Health"

Artikel 0808 "Healthismus" nannte der Wissenschaftler Hagen Kühn in seiner Buchveröffentlichung im Jahr 1993 eine US-amerikanische Ideologie, die seinerzeit in Deutschland noch großes Befremden hervorrief, inzwischen aber über den Teich herübergeschwappt ist und zunehmend auch hier an Bedeutung gewinnt. Angesprochen war eine bei vielen jüngeren und erfolgsorientierten Amerikanern verbreitete Lebensorientierung, die alle Bereiche des täglichen Lebens unter die Maxime "Gesundheit" unterordnete. Ernährung und Trinkgewohnheiten, Sexualität und Partnerschaft, Verhalten in der Freizeit und im Beruf, Umgang mit Stress und Gesundheitsbeschwerden: In allen diesen Bereichen erkennt der Anhänger des Healthismus potentielle Gesundheitsrisiken und weiß, welche Verhaltensweisen gesundheitsschädlich und welche gesundheitsförderlich sind.

Männer-Zeitschriften wie "Men's Health" oder "For Him" sind seither bedeutsame Multiplikatoren der neuen Gesundheits-Ideologie. Eine jetzt in der Zeitschrift "Social Science & Medicine" veröffentlichte Studie hat die Artikel aller Hefte der Zeitschrift "Men's Health" aus den Jahrgängen 2003 und 2004 jetzt einmal einer kritischen Analyse unterzogen und überprüft, welche expliziten und welche eher verborgenen Botschaften über das Thema "Gesundheit" dort verbreitet werden. In der sehr detaillierten Analyse unterschiedlicher Rubriken und Artikel der Zeitschrift werden anhand vieler Textbeispiele und Zitate folgende Tendenzen hervorgehoben:

Medikalisierung des Alltags und Individualisierung von Risiken: Dies beschreibt weitgehend, was in der Literatur auch unter "Healthismus" geführt wird, eine "Aufblähung" des Gesundheitsbegriffs und das Vordringen gesundheitlicher Verhaltensratschläge bis in die kleinsten Poren des Alltags. Als Beispiel hierfür wird etwa ein Artikel zitiert, der präzise beschreibt, dass es für das Alltagsverhalten "Kaffee trinken" bessere und schlechtere Varianten gibt. Gesünder und auch für die geistige Fitness am Arbeitsplatz besser ist es danach, häufiger kleinere Portionen Kaffee (oder Tee) als nur einige Male größere Mengen zu trinken. Oder: Um den Jetlag nach einem Flug möglichst in Grenzen zu halten werden wissenschaftliche Befunde darüber vorgestellt, welche Ernährung an den Tagen vor dem Flug besonders günstig ist. Das Spektrum der hier angeführten Verhaltensratschläge betrifft den Beruf ebenso wie Freizeit, Sex und Partnerschaft.

Die allgegenwärtige Bedrohung durch Gesundheitsrisiken: Als ein Beispiel für diese in vielen Artikeln und Kolumnen verborgene Botschaft wird ein Bericht zitiert, der mit Schlagzeile beginnt "Sie könnten tot umfallen, während Sie dies lesen." Der Artikel berichtet dann über einen fiktiven, kerngesunden Leser von MH, dessen Blutdruck, Cholesterin- und sonstigen Funktionswerte sich gerade eben erst bei einer ärztlichen Untersuchung als völlig in Ordnung erwiesen haben. Nichtsdestotrotz könnte es ihm widerfahren, dass er in Kürze einen Herzinfarkt oder Schlaganfall oder ein anderes Krankheitsschicksal erleidet. Berichtet wird dann über einen neu entdeckten medizinischen Test, der sehr viel präziser als übliche Methoden das Erkrankungsrisiko bestimmt. Die Botschaft ist für den Autor der Studie eindeutig: Die Präsentation stets neu entdeckter Risiken dient einerseits dazu, eine "gesunde Lebensweise" noch stärker als Verhaltensvorschrift zu verankern, zum anderen dazu, jede nur verfügbare (und insbesondere neu auf den Markt gekommene) Methode der Früherkennung zu nutzen.

Die Verantwortung des Individuums für sein eigenes Wohlergehen: Die in diesem Kontext präsentierten Botschaften spiegeln sehr eindeutig die neo-liberalen Tendenzen der Ökonomie wider, verlagert auf die Ebene des individuellen Gesundheitsverhaltens. Vorgestellt werden hier Textpassagen, in denen zunächst deutlich gemacht wird: Stress, Unglücklichsein, Gesundheitsbeschwerden, Depressionen sind nicht naturgegebene und schicksalhafte Zustände, sondern selbst produziert und damit auch veränderbar. Einem ekligen Chef kann man ebenso entrinnen wie einer stets nörgelnden Partnerin oder häufigem Sodbrennen und Kopfschmerzen. Und als Hilfe dazu wird eine Vielzahl von Tipps und Tricks verraten: Mal kräftig auf der Autobahn aufs Gaspedal treten, wenn man sich übermäßig geärgert hat. In einer faden sexuellen Beziehung auch mal einen Seitensprung riskieren - wozu einige Internet-Links gezeigt werden. Und immer wieder: Gesund leben.

Als Fazit der Studie hebt der Wissenschaftler Paul Crawshaw hervor, "dass Zeitschriftentexte wie die aus Men's Health neue individualisierte Konzepte des Gesundheitsverhaltens vertreten und neo-liberale Strategien der Gesundheitsversorgung propagieren, die von gesunden männlichen Bürgern ausgehen, die willens und in der Lage sind, Verantwortung für ihr eigenes Wohlergehen zu übernehmen."

Ein kostenloses Abstract der Studie ist hier nachzulesen: Governing the healthy male citizen: Men, masculinity and popular health in Men's Health magazine (Social Science & Medicine, Artice in Press, Available online 12 July 2007)
(Der weitaus interessantere Volltext mit vielen Literatur-Hinweisen zum gleichen Thema ist leider kostenpflichtig bzw. setzt ein Abo bei Science Direct voraus)

Gerd Marstedt, 17.7.2007