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Heilungserfolge sind komplexer und verblüffender als angenommen - Das Beispiel der Akupunktur bei Rückenschmerzen

Artikel 0931 "Kreuzschmerzen" sind eine der derzeit häufigsten und auch am schwierigsten zu behandelnden akuten aber auch chronischen Erkrankungen. Kein Wunder, dass es gerade hier immer wieder Versuche gibt, das klassische und oft wenig wirksame Therapierepertoire der Orthopädie und Pharmakologie durch vorgeblich wirksamere und nebenwirkungsärmere Alternativen zu ersetzen oder zu begleiten.

Dazu gehört aus der traditionellen chinesischen Medizin die Akupunktur, die mit einer enormen Gewissheit und Sicherheit von der Existenz eines Systems von therapeutisch spezifischen Punkten ausgeht, die es z. B. durch Nadeln so zu stimulieren gilt, dass z. B. Kreuzschmerzen verschwinden. Da es also nicht egal zu sein scheint, wo und wie akupunktiert wird, durchläuft eine rasch zunehmende Anzahl ganz "normaler" westlich-somatisch orientierter Ärzte Weiterbildungskurse, nach deren Besuch sie dann die Nachfrage von Patienten befriedigen können. Akupunktur ist also seit einiger Zeit kein exotisches Angebot mehr, sondern integraler Bestandteil westlicher ärztlicher Therapeutik.

Ob zu recht wird immer wieder partiell aber auch umfassend bezweifelt. Ein umfassender Zweifel regt sich bei den auch über die Akupunkturprozedur hinaus der chinesischen Medizin verpflichteten Heilern. Sie bezweifeln, dass das Herausbrechen dieser Technik und ihr Einbau in eine ansonsten naturwissenschaftlich und somatisch orientierte Medizin die Wirksamkeit unbeeinträchtigt sein lässt.

Diese Art von Zweifel wird jetzt auch durch die Ergebnisse einer vergleichenden Studie über die Wirksamkeit von tatsächlicher Akupunktur ("real acupuncture" oder verum) (n=387), traditioneller medizinischer Therapie (bestehend aus Physiotherapie, Bewegungstherapie und medikamentöser Behandlung) (n= 388) und einer Pseudo-Akupunktur ("sham acupuncture") (n=387) gefördert.

In der neuesten Ausgabe der amerikanischen Fachzeitschrift "Archives of Internal Medicine" (2007;167:1892-1898) berichtet eine deutsche Autorengruppe über die Ergebnisse einer gegenüber Patienten und Behandlern verblindeten randomisierten kontrollierten Studie im Rahmen des "German Acupuncture Trial (GERAC)", die derartige Vergleiche zuließ. Dazu wurde eine Gruppe von 1.162 Erwachsenen im Alter von 18 bis 86 Jahren, die mindestens schon 8 Jahre an chronischen Kreuzschmerzen litten und dazu in 340 ambulanten Praxen in Behandlung waren, zufällig auf eine der drei genannten Gruppen verteilt.
• Die Akupunkturbehandlung bestand aus zehn 30-minütigen Sitzungen mit fünf weiteren Sitzungen für die Patienten, die nach den ersten zehn Sitzungen eine Schmerzreduktion erfuhren.
• Die Pseudo- oder Scheinakupunktur bestand aus oberflächlichen Nadeldrücken an Nicht-Akupunkturpunkten.
• Im Rahmen der konventionellen Therapie erhielten Patienten ein umfangreiches Programm von Medikamenten bis zur Ergotherapie.

Nach 6 Monaten war die Erfolgsrate (gemessen mit dem "Von Korff Chronic Pain Grade Scale"-Fragebogen und dem "Hanover Functional Ability Questionnaire") von 48 % bei der wirklichen Akupunktur statistisch signifikant höher als die Erfolgsrate der konventionellen Therapie mit 27 %. Nahezu gleich hoch, nämlich 44 %, war aber die Erfolgsrate der Pseudo-Akupunktur, also der Behandlung bei der die Patienten lediglich annahmen sie würden akupunktiert. Der Unterschied der gemessenen Erfolge von wirklicher und lediglich vorgetäuschter Akupunktur war statistisch insignifikant.

Die Ergebnisse, so die Autoren, "forces us to question the underlying action mechanism of acupuncture and to ask whether the emphasis placed on ... traditional Chinese acupuncture points may be superfluous", d.h. überflüssig. Mit anderen Worten: Muss wirklich an bestimmten Punkten "zugestochen" werden, um die Wirkung zu erzielen?

So empirisch evident diese fundamentale Relativierung der Bedeutung der Akupunkturpunkte ist, sollte nicht vergessen werden, dass beide Akupunktur-Formen eine weit höhere Wirkung als die konventionellen Therapien hatten. Auf welchen Mechanismen dies beruht und welche überragende Bedeutung auch hier wieder eine Art Placebo (wörtlich "ich werde gefallen") hat, sollte angesichts der Flut vieler durch spezifische Heilungsversprechen charakterisierten neuen Behandlungsformen noch viel gründlicher untersucht werden.

Anzumerken bleibt noch, dass die konventionelle "schulmedizinische" Therapie den geringsten Erfolg zeigte. Hier zeigte sich bei nur 27% der Patienten eine Besserung.

Ein Abstract des Aufsatzes "German Acupuncture Trials (GERAC) for Chronic Low Back Pain" von Michael Haake et al. ist hier kostenfrei erhältlich.

Bernard Braun, 25.9.2007