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Versorgungsforschung: Psychische Erkrankungen


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Meta-Analyse zeigt: Langzeit-Psychotherapien sind bei komplexen Störungen wirksamer als kurze Interventionen

Artikel 1354 "Psychoanalyse", so urteilte einst der österreichische Schriftsteller und Kritiker Karl Kraus, "ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält." Und viele Repräsentanten der Gesprächs- oder Verhaltenstherapie kritisierten immer wieder, dass die wissenschaftliche Belege für eine Effektivität der psychoanalytischen Therapie trotz einer über 100jährigen Tradition immer noch ausstünden. Wie es scheint, hat eine Metastudie zweier deutscher Wissenschaftler, zumindest solcher Fundamentalkritik erst einmal den Wind aus den Segeln genommen. Falk Leichsenring (Universitätsklinikum Gießen) und Sven Rabung (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) hatten in einer jetzt in der Zeitschrift JAMA (Journal of the American Medical Association) veröffentlichten Meta-Analyse die Ergebnisse von insgesamt 23 Studien noch einmal bilanziert.

Die berücksichtigten Studien waren zwischen dem 1.Januar 1960 und dem 31.Mai 2008 veröffentlicht worden. Als Kriterium für eine Berücksichtigung galt den Wissenschaftlern:
• ein prospektives Studiendesign (also keine retrospektive, im Nachhinein erstellte Bewertung des Therapieerfolgs),
• Designs entweder im Rahmen von randomisierten Kontrollstudien (mit Vergleichsgruppen und zufälliger Zuweisung zu den Gruppen) oder Beobachtungsstudien,
• Studien, die auch Langzeittherapien bestimmter Richtungen (Psychoanalyse, Tiefenpsychologie) einbezogen hatten und zwar mit einer Dauer von mindestens 50 Sitzungen,
• Verwendung zuverlässiger Indikatoren (z.B. psychiatrische Fragebögen) für den Therapieerfolg,
• Einbezug nur komplexer Erkrankungen, z.B. schwere Borderline-Störung, multiple psychische Störungen.

Die beiden Wissenschaftler konnten in ihrer Meta-Analyse dann insgesamt 23 Studien mit 1053 Patienten/innen auswerten. Zur Bewertung des Therapieerfolgs wurden verschiedene Indikatoren verwendet, unter anderem Gesamteffekt, psychiatrische Symptome, Persönlichkeitsstörungen, Sozialverhalten. Im Vergleich zu den verschiedenen Kurzzeitinterventionen, die in den einzelnen Studien teilweise auch berücksichtigt worden waren, zeigte sich dann, dass es den Patienten bei psychoanalytischer oder tiefenpsychologischer Vorgehensweise - mit sehr langer Dauer - im Durchschnitt besser geht als jenen mit einer Kurzzeittherapie. Ob Langzeittherapien bei schwerwiegenden psychischen Erkrankungen trotz ihrer Zeitdauer gleichwohl auch unter Kostenaspekten als effizient zu bewerten sind, solle in künftigen Studien untersucht werden, schreiben die Wissenschaftler.

Hier ist ein Abstract der Studie: Falk Leichsenring, Sven Rabung: Effectiveness of Long-term Psychodynamic Psychotherapy. A Meta-analysis (JAMA. 2008;300(13):1551-1565)

Gerd Marstedt, 5.10.2008