Home | Patienten | Gesundheitssystem | International | GKV | Prävention | Epidemiologie | Websites | Meilensteine | Impressum

Sitemap erstellen RSS-Feed

RSS-Feed
abonnieren


Weitere Artikel aus der Rubrik
Epidemiologie
Psychische Erkrankungen


Weniger Stress mit dem was "Stress" sein könnte: elf Risikobereiche psychischer Belastungen (26.11.15)
Sind Messies psychisch krank? Jedenfalls wird ihre Häufigkeit erheblich überschätzt und das Risiko ist ungleich verteilt. (18.11.13)
Ausgeprägte Interessenkonflikte bei der Erarbeitung des DSM-V (20.5.12)
"Ja, wo explodieren sie denn?" - Cui bono oder Grenzen der Anbieter- "Epidemiologie" von Übergewicht und psychischen Krankheiten (24.1.12)
Ein Fall von Über- und Fehlversorgung: Antidepressiva haben bei "minor depression" keinen größeren Nutzen als Placebos! (13.1.11)
Psychische Erkrankungen: Viel "Epidemie" und relativ wenig evident wirksame Präventionsmaßnahmen in der Arbeitswelt (25.11.10)
Medikalisierung der emotionalen Höhen und Tiefen - Neu ab 2013 im "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder" (DSM) (8.4.10)
Im mittleren Lebensalter geschieden, verwitwet oder Single? Dann ist im Alter das Alzheimer-Risiko deutlich erhöht (8.7.09)
Das Vorurteil der durchweg gewalttätigen "Verrückten" lässt sich anhand empirischer Daten nicht bestätigen (10.2.09)
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder "Heimkehrertrauma": Liegt die "Hardthöhe" im Tal der Ahnungslosen? (3.2.09)
Psychische Erkrankungen nehmen zu? Eine Auswertung von 44 Studien bringt keine Belege für diese weit verbreitete These (9.11.2008)
Allzu patente Kurzfragebögen sind für die Entdeckung, Behandlung und den Behandlungserfolg von Depressionen nutzlos (10.4.2008)
"Epidemie" psychischer Erkrankungen im Spiegel der Gesundheitsreporte von Krankenkassen - ein Überblick (4.2.2007)
Psychische Erkrankungen in Europa - eine "stille Epidemie"!? (5.12.2006)
Depression - Broschüre des BMBF informiert über neuere Forschungsbefunde (5.12.2006)
Psychische Störungen: Frauen häufiger betroffen als Männer (9.12.2005)
Jeder vierte Europäer ist psychisch krank - warnt die EU (19.10.2005)
Psychische Erkrankungen führen immer häufiger zur Arbeitsunfähigkeit (6.7.2005)

Seite mit den Texten aller Artikel aufrufen:
Psychische Erkrankungen
 

Andere Rubriken in "Epidemiologie"


Themen- und länderübergreifende Berichte

Soziale Lage, Armut, soziale Ungleichheit

Umwelt und Ökologie

Arbeit und Betrieb, Berufe, Branchen

Spezielle Krankheiten

Psychische Erkrankungen

Übergewicht, Adipositas

Ältere, Altersaspekte

Kinder und Jugendliche

Männer & Frauen, Gender-Aspekte

Gesundheitsverhalten (Rauchen, Ernährung, Sport usw.)

Gesundheit und Krankheit in den Medien

Andere Themen



Psychische Erkrankungen nehmen zu? Eine Auswertung von 44 Studien bringt keine Belege für diese weit verbreitete These

Artikel 1390 Unlängst warnte die Europäische Union: "Jeder vierte Europäer ist psychisch krank". "Psychische Erkrankungen nehmen zu", hatte es schon 2004 in einem für die DAK erstellten Bericht von Manfred Zielke und Klaus Limbacher "Fehlversorgung bei psychischen Erkrankungen" geheißen. Aufgezeigt wird dort, dass "seit 1997 die Krankheitstage infolge von psychischen Erkrankungen bei gleichzeitigem Rückgang des Krankheitsgeschehens insgesamt zunehmen" und dass der "Anteil von krankheitsbedingten Frühberentungen wegen psychischer Erkrankungen dramatisch steigt". Auch andere Krankenkassen verkünden die Hiobsbotschaft: "Psychische Erkrankungen steigen weiter an". Gibt es tatsächlich eine "Epidemie" psychischer Erkrankungen und kann man die Befunde von Gesundheitsreporten der großen Krankenkassen auf diesen Nenner bringen?

Ein Forschungsteam der Universität Münster hat die zuletzt immer wieder in den Schlagzeilen auftauchende Meldung von der Zunahme psychischer (oder psychiatrischer) Erkrankungen aufgegriffen und anhand von insgesamt 44 schon veröffentlichten, methodisch hochwertigen Studien neu überprüft. Auch die Münsteraner Wissenschaftler räumen ein, dass es eine Reihe von Indikatoren gibt, die diese These zu bestätigen scheinen: "Der Anteil von psychiatrisch bedingten Arbeitsunfähigkeitstagen oder aber der Anteil von psychischen Störungen an Erwerbsminderungsberentungen ist in Deutschland und darüber hinaus seit einiger Zeit stetig gestiegen. Ebenso deutlich angestiegen ist die Behandlungsprävalenz sowie die Verschreibungshäufigkeit für psychopharmakologische Präparate, insbesondere für Antidepressiva."

Zentrales Fazit der Auswertung von 44 Studien ist dann jedoch, dass kein einheitlicher Trend erkennbar ist. Einige Studien finden eine Zunahme, andere finden sinkende Quoten, wieder andere eine weitgehende Konstanz. Es "konnte kein eindeutiger Trend erkannt werden, der darauf schließen lässt, dass die Häufigkeit psychischer Störungen in der Bevölkerung westlicher Länder in den Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg anhaltend zugenommen hat. Möglicherweise war ein Anstieg der Prävalenz und Inzidenz in den ersten Dekaden unseres Beobachtungszeitraums vorhanden, dieser mögliche Trend hat sich jedoch offenbar nicht weiter fortgesetzt."

Die Wissenschaftler sehen ihre Befunde auch bestätigt durch andere Indikatoren, wie beispielsweise Längsschnittdaten über Suizidraten oder den Alkoholkonsum. Auch hier zeigt sich, dass etwa bis Anfang der 80er Jahre für diese Indikatoren steigende Werte gefunden werden, danach jedoch absinkende oder zumindest gleich hohe Quoten. Dass andererseits etwa in Statistiken zur Arbeitsunfähigkeit oder Frühverrentung zunehmende Quoten psychischer Erkrankungen gefunden werden, erklären die Wissenschaftler daraus, dass vormals als normale erlebte Befindlichkeitsprobleme und durchaus geläufige Emotionen neuerdings als psychiatrische Symptome klassifiziert werden. Als Hinweis hierauf bewerten sie etwa den Befund, dass die Rate der Personen in der amerikanischen Bevölkerung, die nach eigenem Erleben schon einen 'Nervenzusammenbruch' erlebt hat, zwischen den 1950er- und den 1990er-Jahren erheblich angestiegen ist. Damit ist es wohl zu einer größeren 'Entstigmatisierung' psychischer Störungen gekommen, vor allem der Depression und dieser Trend verstärkt auch die Bereitschaft, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Schlussbemerkung der Wissenschaftler ist: "Die 'gefühlte' Zunahme psychischer Störungen bildet offenbar etwas anderes ab als eine tatsächliche Zunahme der Inzidenz und Prävalenz psychischer Störungen."

Von der Studie ist leider nur ein Abstract kostenlos verfügbar: Richter, Dirk; Berger, Klaus; Reker, Thomas: Nehmen psychische Störungen zu? Eine systematische Literaturübersicht{Psychiatrische Praxis 2008; 35: 321-330}

Durchaus lesenswert und im Volltext verfügbar ist die in der Zeitschrift "Psychiatrische Praxis", Heft 07, Oktober 2008 veröffentlichte "Debatte Pro und Kontra": Spießl, Hermann; Jacobi, Frank: Nehmen psychische Störungen zu?

Gerd Marstedt, 9.11.08