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Koordinationslücken in Gesundheitsversorgung: Trotz Hausarzt- und IV-Verträgen Deutschland international "Spitze"

Artikel 2033 Weltweit entfällt auf die gesundheitliche Versorgung von Erwachsenen mit ernsthaften akuten Erkrankungen und chronisch Kranken ein überproportionaler Anteil der jeweiligen nationalen Gesundheitsausgaben - und dafür sind soziale Gesundheitssysteme auch vor allem da. In den USA zeigte z.B. eine aktuelle Analyse, dass 89% sämtlicher Gesundheitsausgaben für die Versorgung der kränkesten 30% ausgegeben werden müssen. Ein wesentlicher Grund für den notwendigen Aufwand sind die komplexen Behandlungs-, Versorgungs- und Unterstützungs-Bedarfe und -Bedürfnisse dieser PatientInnen, die kurativer, ambulanter, stationärer, rehabilitativer, pflegerischer oder auch sozialer ("Teilhabe") Art sind. Um dies zum Wohle der Kranken leisten zu können, sind die Kooperation der Versorgungsbereiche und ihr koordiniertes Handeln eine zentrale Voraussetzung.

Eine Gruppe us-amerikanischer Gesundheitswissenschaftler untersuchte nun mit Unterstützung des Commonwealth Fund, wie dieser Bedarf an Koordination von Behandlung etc. in elf vergleichbaren Mitgliedsländern der OECD funktionierte. Dazu befragten sie 2011 im Rahmen des "Commonwealth Fund International Health Policy Survey of Sicker Adults" 18.000 Erwachsene im Alter von 18 und mehr Jahren in Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Neuseeland, Norwegen, Schweden, Schweiz, Großbritannien und den USA. Die Befragten sollten unabhängig davon, ob ihr akutueller Gesundheitszustand gut oder schlecht war, im Jahr vor der Befragung einen Krankenhausaufenthalt hinter sich gehabt haben oder eine große Operation, an einer ernsthaften Erkrankung oder behandlungsbedürftigen Verletzung leiden.

Neben vielen anderen Aspekten (z.B. Nicht-Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen aus Kostengründen) liefert die Analyse wichtige Daten zu den in den letzten zwei Jahren vor der Befragung erfahrenen Koordinationslücken in den 11 Gesundheitssystemen und den Möglichkeiten, diese durch das Angebot von so genannten "medical homes" zu schließen. Als "medical home" gilt eine frei zugängliche im besonderen Maße patientenzentrierte primärärztliche (Gruppen-)Praxis, in der die Erkrankungs- und Behandlungsgeschichte der Patienten bekannt ist und die auch die gesamte Behandlung und Unterstützung ihrer Patienten koordiniert.

Die wichtigsten Ergebnisse lauten:

• Der Anteil dieser Art von Patienten, der Probleme mit der Verfügbarkeit von Untersuchungsergebnissen nach der Entlassung etc., Doppeluntersuchungen oder einen Mangel an Kommunikation zwischen den sie behandelnden Experten, also Koordinationslücken zwischen Behandlungssektoren erlebte, war in Deutschland mit 59% weltweit am höchsten. Frankreich und die USA folgen mit 57% und 54% auf den Plätzen. Am wenigsten haben die PatientInnen mit solchen Lücken in der Schweiz (30%) und in Großbritannien (33%) zu tun. Alle diese PatientInnen waren in normalen Praxen in Behandlung, die nicht der Definition eines "medical home" entsprachen.
• Schaut man sich im Vergleich die Erfahrung mit Versorgungs- oder Koordinationslücken der in "medical homes" behandelten PatientInnen an, sind aus deutscher Sicht zwei Ergebnisse herausragend: Auch diese PatientInnen haben in Deutschland weltweit am meisten mit den beschriebenen Versorgungskoordinationsproblemen zu tun. 53% sind es in Deutschland, 49% in Frankreich, aber nur noch 15% in Großbritannien oder 33% in den USA. Als zweites fällt auf, dass der Unterschied der Koordinationsdefizite zwischen "medical home"- und normal versorgten PatientInnen in Deutschland mit 6 Prozentpunkten am geringsten ist. In den USA beträgt dieser Unterschied 21 Prozentpunkte oder in Kanada 19 Prozentpunkte.
• Die Ergebnisse zeigen in den europäischen "medical home"-"Hochburgen Schweiz und Großbritannien u.a. erheblich geringere Erfahrungen mit medizinischen, Medikations- oder Labortestirrtümern als in den anderen Ländern mit weniger solcher Leistungsanbieter. Die Wahrscheinlichkeit eines Irrtums stieg im Übrigen in allen Ländern mit der Anzahl der Ärzte.
• Obwohl der Anteil der hier untersuchten schwer und/oder chronisch Erkrankten, der eine Behandlung aus Kostengründen nicht in Anspruch nehmen konnte oder abbrach, in den USA mit 42% am höchsten war, lag dieser Wert in den beiden "medical home"-"Musterländern" Schweiz und Großbritannien mit 18% und 11% immer noch recht hoch. Von den 1.200 in Deutschland interviewten Patienten gaben solche Probleme 22% an und nahmen so Platz 4 der Hitliste dieses Problems ein.

Eine Fülle weiterer international vergleichbarer Funktionsprobleme von Gesundheitssystemen im Bereich der schwer und chronisch Kranken findet sich in diesem deshalb auch durchweg lesenswerten Aufsatz.

Der komplette Aufsatz "New 2011 Survey Of Patients With Complex Care Needs In Eleven Countries Finds That Care Is Often Poorly Coordinated" von Cathy Schoen, Robin Osborn, David Squires, Michelle Doty, Roz Pierson und Sandra Applebaum ist in der November-Online First-Ausgabe der Fachzeitschrift "Health Affairs" kostenlos erhältlich.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse und diverse der immer exzellenten Chartpacks findet man ebenfalls auf der entsprechenden Studien-Website des Commonwealth Fund.

Bernard Braun, 9.11.11