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Das Märchen von der Kostenexplosion


Warum sind Mythen so allgegenwärtig, zäh und bleiben haften und was man daran ändern kann? Antworten eines "Entlarvungs-Handbuchs"

Artikel 2077 Egal, ob es um grundsätzliche Zweifel am Klimawandel, um die eherne Gewissheit geht, dass die Masern-Mumps-Röteln-Impfung Autismus auslöst oder um die "Kostenexplosion" im Gesundheitswesen sowie den demografischen "Silver-Tsunami" (so die neueste Bezeichnung der Zunahme des Anteils der älteren Bevölkerung): Die Versuche, die Vertreter solcher Positionen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft mit immer wieder bestätigten oder erweiterten Fakten und Evidenz davon zu überzeugen, dass es sich dabei um eindeutig widerlegte und unsinnige Mythen handelt, scheitern oft über Jahre und Jahrzehnte.

Ihre Eigenart eines Stehaufmännchen liegt zum einen daran, dass Mythen kognitiv betrachtet nicht hundertprozentiger Unsinn oder gleichbedeutend mit einer falschen Geschichte (Kolakowski) sind. In Anlehnung an Roland Barthes kann man Mythen als Umwandlungen komplexer sozialer oder geschichtlicher Sachverhalte in einfachere scheinbar naturhafte Zustände charakterisieren, bei denen immer "einiges unter den Tisch" fällt (Obendiek).

Zum anderen gibt es aber eine Reihe menschlicher psychologischer und kommunikationeller Eigenschaften oder Eigenarten, die zusätzlich zu der enormen Persistenz der genannten und vieler anderer Mythen beitragen.

Das zuerst im November 2011 veröffentlichte so genannte "Debunking Handbook" (Entlarvungshandbuch) der australischen Psychologen Cook und Lewandowsky enthält eine kompakte Darstellung der Mechanismen, die dabei eine zentrale Rolle spielen und die eine ihrer zentralen Schlussfolgerungen stützen, "die Evidenz" lasse "vermuten, dass populäre Mythen Einfluss behalten werden - egal wie oft und energisch man diese Irrtümer korrigiert." (zitiert nach dem ausgezeichneten Artikel von Sebastian Herrmann (2012): Wie man Starrköpfe überzeugt. In: Süddeutscher Zeitung vom 1.2.2012 - ein Beitrag, der leider für Nichtabonnenten nicht frei zugänglich ist) Trotz dieser Evidenz halten die beiden Autoren es aber für möglich, Mythen und ihre Propagandisten zu irritieren und ihre Behauotungen zu erschüttern.

Zu den wichtigsten Gründen warum Mythen so erfolgreich und zäh sind, zählen Cook und Lewandowsky folgende:

• Psychologische Studien zeigen, dass einmal erhaltene Informationen auch durch noch so gut belegte andersartige Informationen automatisch aus dem Gedächtnis gelöscht werden. Nicht zuletzt ihre Wiederholung durch andere als die Erstinformanten erzeugt den Eindruck, an der ersten Information müsse "doch etwas dran sein".
• Die Annahme, Menschen hielten an einer falschen Meinung oder Vorstellung fest, weil sie noch nicht über genügend Informationen verfügten, ist daher falsch. Das Gegenteil ist sogar richtig. Je mehr man offen gegen einen Mythos als Mythos ankommuniziert, desto wahrscheinlicher kommt es zu einem so genannten "Familiarity Backfire Effect". Die Vertrautheit mit einem Mythos ergibt sich nach Meinung der von den Autoren zitierten Studien dadurch, dass in einer Mischung von Mythen und Pro- oder Contra-Fakten oft nach kurzer Zeit nur noch der Mythos präsent oder vertraut ist und die Fakten verblassen. Die Vertrautheit mit dem Mythos führt dazu, dass frontale Kritik an ihm Abwehr provoziert. Als Alternative schlagen die Handbuchverfasser daher vor, ohne Nennung des Mythos alternative Fakten zu präsentieren und auch davon nicht allzu viele.
• Der Hinweis auf die Risiken von zu viel Gegenargumenten beim Aufklären von Mythen spricht das Problem des so genannten "overkill backfire effect" an. Versucht man die meist einfach gestrickten Mythen komplex zu widerlegen, fühlen sich viele Menschen, die ja auch noch sehr viele weitere Dinge zu verarbeiten haben, überfordert und "schießen" mit dem Festhalten an der unaufwändigeren Version "zurück". Statt dem bereits erwähnten Informationsdefizitansatz zu folgen, schlagen die Handbuchverfasser das so genannte KISS-Prinzip vor: "Keep it simple, stupid!": "Eine simpel gestrickte Legende ist kognitiv attraktiver als deren komplexe Widerlegung."
• Auch zu viel Verständnis oder das mehr oder minder rhetorische Hineindenken oder -versetzen in die als Mythos bezeichnete Position, provoziert meist nicht eine Art Gegenverständnis oder die Bereitschaft "offen und ohne Voreinstellung miteinander zu reden", sondern das Gegenteil. Schon die unkritisierte Erwähnung des Mythos, so entsprechende empirische Experimente, bestärkt diejenigen, die seiner Existenz überzeugt sind, in ihrer Position. Die daraus abgeleitete Empfehlung, den Mythos nicht zu erwähnen, den man gerade zu widerlegen sucht, erscheint aber selbst Cook und Lewandowsky als kommunikationshemmend. Auch aus diesem Dilemma ergibt sich aber, dass die Kommunikation von verstehbaren und prägnant dargestellten Fakten von hoher Bedeutung ist. Als gelungenes Beispiel für ein Faktum, das evtl. den "Klimawandel-Mythos" erschüttert, nennen die Autoren das Argument, dass 99,9% der "Wissenschaftler", die als Unterzeichner einer Resolution den vom durch Menschen verursachten Klimawandel verneinen, keine Klimawissenschaftler, sondern Personen mit irgendeinem Bachelor- oder Masterabschluss, Lehrer oder Computerexperten sind.
• Ein letzter Fehler in der Kommunikation von Mythen und mit Mythenanhängern ist der so genannte Bestätigungsfehler. Je mehr Menschen eine Position beziehen und verinnerlichen, desto mehr glauben sie nur noch Argumenten, die ihre Ausgangsmeinung stützen und werden durch Gegenargumente oft nur noch darin bestärkt. Es kommt dann zum dritten "backfire effect", dem "worldview backfire effect". Als Mittel, auch hier noch aufklärerisch tätig sein zu können, empfehlen die Psychologen u.a., ein anderes "framing", d.h. das Vermeiden von Reizworten und Nutzen unverfänglicherer Begriffe. US-Republikaner dürfe man nicht mit den Begriffen "Klimawandel oder -steuer" überzeugen wollen, sondern müsse z.B. von Kohlendioxidausgleich reden. Ein wichtiger Hinweis ist der, dass das faktengestützte Entlarven eines Mythos Lücken im Geist derjenigen hinterlässt, die sich überzeugen lassen. Man dürfe es daher nicht beim Entlarven belassen, sondern müsse alternative Erklärungen für die sozialen oder natürlichen Phänomene anbieten.

Die Beschäftigung mit Mythen und ihrer Widerlegung oder Entlarvung ist nach Kenntnis der hier vorgestellten Erkenntnisse zwar noch einmal wesentlich anspruchsvoller, aufwändiger und langwieriger geworden, keinesfalls aber hoffnungsloser was mögliche Erfolge betrifft. Da Mythen erheblich durch das ständige Wiederholen im Alltag durch unterschiedlichste Personen und Institutionen am Leben erhalten bleiben, darf auch die Gegenaufklärung nicht aus noch so starken Einmalaktionen bestehen, sondern sollte das Gebetsmühlenhafte im Prinzip übernehmen. Ob man im Einzelfall allen Empfehlungen des Handbuchs folgt, kann jeder für sich entscheiden. Sie sollten aber als Anregungen verstanden werden, mehr als bisher über die dort geschilderten Barrieren und Blockademechanismen für eine rationale Gegenaufklärung zu verbreiteten Mythen und Irrtümern nachzudenken. Wichtig ist dabei, dass man den sozialen Nutznießern von Mythen wenigstens das Argument wegnimmt, es gäbe keine Fakten, die gegen diese Mythen sprächen. Dies ist deshalb wichtig, weil damit die Protagonisten von Mythen ihre Positionen verstärkt durch ihre Interessen begründen müssen und sich nicht mehr hinter naturhaften Abläufen oder angeblich politikfreien Sachzwängen verstecken können.

Wer mehr dazu lesen will, kann das neun Seiten umfassende und zum Teil anschaulich illustrierte "The Debunking Handbook. von Cook, J. und Lewandowsky, S. in der aktuellsten zweiten Version vom 23. Januar 2012 kostenlos herunterladen. Wer auf die Website "Sceptical Science" geht, findet dort für die "Backfire-Thesen" zahlreiche Kommentare und weitere Links von Lesern des Handbuches.

Bernard Braun, 6.2.12


Mythen zur Gesundheitspolitik: Auch in gebildeten Bevölkerungskreisen weit verbreitet

Artikel 1843 Gesundheitspolitische Entscheidungen der letzten Jahrzehnte gingen nicht selten von Annahmen über ökonomische und soziale Verhältnisse aus, die schon seit vielen Jahren als Mythen charakterisiert und kritisiert wurden. Solche Mythen sind keine Hirngespinste, simple Manipulationen oder "hinterlistige" Verschwörungstheorien, sondern Umwandlungen komplexer sozialer oder geschichtlicher Sachverhalte in einfachere Zustände, bei denen immer "einiges unter den Tisch" fällt. Braun u.a. und zuletzt Reiners haben gesundheitspolitische Mythen aufgegriffen und gezeigt, wie stark diese in den Medien verbreitet sind. In einer Befragung des "Gesundheitsmonitor" wurden jetzt 1.520 Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen nach ihrem Kenntnisstand und ihrer Bewertung bekannter Mythen gefragt. Untersucht werden sollte damit, in wie starkem Maße Medien bewusstseinsbildend sind und ob Mythen im Bewusstsein der Versicherten auch gesundheitspolitische und Reformvorschläge beeinflussen.

Die jetzt in einem Newsletter veröffentlichte Studie zeigt zunächst einige zentrale gesundheitspolitische Mythen auf:

• Zu den Klassikern gehören die "Kostenexplosion" und die zu hohen "Lohnnebenkosten", was zumeist so dargestellt wird, dass dies entweder das Finanzvolumen für andere wichtige gesellschaftliche Aufgaben verringert oder die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen im Ausland und damit Arbeitsplätze gefährdet.

• Der "medizinisch-technische Fortschritt" besetzt in der Gesundheitspolitik oft zusammen mit der "demografischen Entwicklung" eine widersprüchliche Rolle: Einerseits wird durch die scheinbar unvermeidbare Kostenentwicklung der GKV-Beitragssatz in den Jahren 2040 und 2050 angeblich irgendwo zwischen 15 und 40% liegen, andererseits gilt er aber auch als der entscheidende Faktor, der zukünftig maßgeblich zur Verbesserung der gesundheitlichen Lage beiträgt. Dabei ist allerdings festzustellen, dass ein erheblicher Teil neuer Innovationen keinen nachgewiesenen Nutzen oder keinen zusätzlichen Nutzen gegenüber bereits vorhandenen Leistungen hat.

Das "nachfragerinduziertes Angebot", die immensen Verwaltungsausgaben der GKV und das Menetekel der demografischen Entwicklung sind weitere Mythen, die dargestellt und deren Unstimmigkeit aufgezeigt wird. Sodann werden Ergebnisse der repräsentativen Bevölkerungsumfrage dargestellt. Hervorzuheben sind unter anderem folgende Befunde.

• Eine große Zahl von Mythen ist im Bewusstsein der GKV-Versicherten "angekommen". Schaut man sich genauer an, welche Teilgruppen für Mythen besonders empfänglich oder aber eher immun sind, ergibt sich ein zum Teil unerwartetes und differenziertes Bild. Die Erwartung, dass ein aktives und aufgeklärtes Verhalten im Gesundheitssystem (z.B. Inanspruchnahme von speziellen Programmen oder Nutzung der Kassenwahlfreiheit) die Übernahme von Mythen hemmt, muss zum Teil revidiert werden.

• Dass häufige NutzerInnen einer Vielzahl von Informationsquellen nicht weniger, sondern eher mehr anfällig sind, wirft eine Reihe von Folgefragen auf. Dass das Bildungsniveau keine besonders große Rolle spielt für eine "aufgeklärte" Haltung gegenüber Mythen ist insofern nicht verwunderlich, als gesundheitspolitische und gesundheitswissenschaftliche Themen im Bildungssystem kaum eine Rolle spielen.

Diskutiert werden aber auch praktische Veränderungsmöglichkeiten. Hingewiesen wird darauf, dass es bereits eine "Patienten-Universität" gibt, an der BürgerInnen intensive Kenntnisse erlangen können über das Herz-Kreislauf-System, Erkrankungen der Atemwege und viele andere medizinische Themen. Und eine große Zahl seriöser Einrichtungen, wie zum Beispiel das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) oder Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung bieten im Internet fundierte Informationen über Krankheiten, ihre Prävention und Therapie. Eine fundierte und systematische, nicht von Mythen durchsetzte Informationsquelle über Rahmenbedingungen und Finanzierungsmodalitäten, Akteure und Interessenbindungen im Gesundheitswesen sucht man unseres Wissens jedoch bislang vergeblich, sieht man von partikularen Informationen zu einzelnen Themen in den Medien einmal ab.

Mythen, so argumentieren die Wissenschaftler weiter, sind nicht nur als Denkfiguren bei zahlreichen Versicherten angekommen, sondern beeinflussen ihrerseits eine Reihe von wichtigen gesundheitspolitischen Einstellungen und fördern auch die Zustimmung zu zahlreichen radikalen gesundheitspolitischen Lösungsvorschlägen. Eine aktive Auseinandersetzung mit und Gegenaufklärung zu den am weitesten verbreiteten Mythen ist daher eine wichtige notwendige Voraussetzung für eine rationale und soziale Gesundheitspolitik. Solche Aktivitäten müssten allerdings inhaltlich und in der Form anders aussehen als die Mehrzahl der aktuell am meisten genutzten Informationsangebote.

Konkret könnte dies heißen, dass etwa der GKV-Spitzenverband in Kooperation mit GKV-eigenen (z.B. WidO, WINEG) oder -nahen Instituten eine dem kanadischen Projekt der "Mythbusters" vergleichbares Angebot (z.B. "Vorsicht Mythos") im Internet einrichtet und laufend erweitert. Dessen Inhalte könnten in entsprechenden Rubriken der kasseneigenen Mitgliedszeitschriften weiter verbreitet werden und auch anderen Medien zur Verfügung gestellt werden. Allgemeiner sollten gesetzliche Krankenkassen auch bemüht sein, die Evidenz-Maßstäbe, die sie zunehmend an die Solidität von Vorschlägen und Handlungen von Leistungsanbietern anlegen, bei sich selber anzulegen bzw. systematisch durch Dritte anlegen zu lassen und deren Erkenntnisse auch selbstkritisch zu verbreiten.

Die Studie steht als PDF-Datei kostenlos zur Verfügung: "Mythen zur Gesundheitspolitik: Auch gebildete Bürger irren" (Autoren: Bernard Braun, Gerd Marstedt), Gesundheitsmonitor Newsletter 2/2010,.

Als Buchveröffentlichungen oben genannt:
• Braun Bernard, Kühn Hagen, Reiners Hartmut (1998): Das Märchen von der Kostenexplosion. Frankfurt a.M. (vergriffen)
• Reiners Hartmut (2010): Mythen der Gesundheitspolitik. Bern.

Gerd Marstedt, 4.8.10


Der systematische "Neusprech" in der Gesundheitsdebatte

Artikel 0445 Nicht nur aus Werbung und Politik ist hinlänglich bekannt, dass Semantik von entscheidender Bedeutung ist. So auch in der gesundheitspolitischen Debatte, wie der Psychoanalytiker und Präsident der hessischen Psychotherapeutenkammer, Jürgen Hardt, zum Jahresbeginn in einem bedenkenswerten Beitrag in der Frankfurter Rundschau darlegt. Schon lange geht es ja bei Gesundheitsreformen gar nicht mehr um die Gesundheit der Menschen "als körperlich-seelisches Wohlbefinden der Menschen, sondern um Gesundheit als Produkt und Ware der Gesundheitswirtschaft", wie Hardt schreibt. Im Mittelpunkt der allgegenwärtigen Reformbemühungen steht die Gesundheitswirtschaft, die nur dann gesund ist, wenn hinreichend therapierbare Krankheit in der Gesellschaft anfällt.

Die semantische Umdeutung der gesellschaftspolitischen Debatte ist viel weiter fortgeschritten, als es sich die Sozialabbau-Modernisierer in Folge ihrer ständig eingehämmerten und doch nicht richtig angenommenen begrifflichen Verwirrungsversuche träumen lassen. Hardt benennt einige Beispiele, wo mit neuen, unscheinbar daher kommenden Wörtern erfolgreich inhaltliche Weichenstellungen erfolgt sind. "Krankheit" wird dabei immer deutlicher zu einem Unwort, das keinen Platz mehr in der modernisierten Gesellschaft hat.

Hier ist der Feuilleton-Beitrag von Jürgen Hardt nachzulesen: Das Unwort "Krankheit" in der Gesundheitswirtschaft

Jens Holst, 3.1.2007


Das Märchen vom Leistungs-Missbrauch

Artikel 0087 Egal, ob es um den "blauen Montag", "Arzt-Hopping" oder den Missbrauch von illegal erworbenen Versichertenkarten geht: Krankenversicherte scheinen "massenhaft" und systembedingt das Ziel zu verfolgen, mindestens das an Leistungen des Gesundheitswesens in Anspruch zu nehmen, was sie an Beiträgen einbezahlt haben, wenn nicht sogar mehr! Ein Großteil der gesundheitspolitischen Instrumente der letzten 30 Jahre (z.B. Selbstbeteiligung, Praxisgebühr, Beitragsrückerstattung bei Nicht-Inanspruchnahme) besteht daher auch aus Anreizen gegen dieses so genannte "moral hazard"-Verhalten. Seine Verhinderung stellt aber auch ein wichtiges Nutzenversprechen radikaler Gesundheitssystemreformen dar.

Hinterfragt man das Verhaltensmodell systematisch und die Effekte empirisch, kommt dreierlei zu Tage: Das Verhaltensmodell abstrahiert von der völligen Unattraktivität, ja sogar belastenden Wirkung und damit Unwünschbarkeit der meisten Gesundheitsleistungen. Das Verhaltensmodell abstrahiert ferner von der meist durch den Versicherten oder Patient und einen Leistungsanbieter gemeinsam bestimmten Entscheidungssituation. Es gibt sogar empirische Evidenz für die überwiegende Existenz einer "anbieterinduzierten Nachfrage". Schließlich sind aber die meisten der dramatisch geschilderten Verhaltensweisen empirisch entweder gar nicht oder nur für wenige Promille oder Prozente aller GKV-Versicherten nachzuweisen.

Kapitel 4: Kein Volk eingebildeter Kranker - Das Märchen vom Mißbrauch

Bernard Braun, 11.8.2005


Die Legenden um den medizinisch-technischen Fortschritt, die "demografische Bedrohung" und die "Krankheitslawine"

Artikel 0086 Der Annahme von einer "Kostenexplosion" aber auch sämtlichen neutraleren Sorgen um die außer Kontrolle geratenden Ausgaben in der GKV, liegen Überzeugungen und Gewissheiten zu Grunde, es gäbe in dem jetzigen System so viele kostentreibende Akteure und Bedingungen, dass es auf Dauer nicht auf dem erreichten Niveau zu finanzieren ist.
Egal, ob dabei der medizinisch-technische Fortschritt, die demografische Alterung oder eine "Krankheitslawine" bemüht wird, gibt es dafür keine oder weniger empirische Evidenz als es die dramatische Inszenierung erwarten lässt.

Ein Kostenfaktor für die GKV, für den es Belege in Hülle und Fülle gibt, sind die Effekte der "Verschiebebahnhof"-Politik des Bundes. Sie verschiebt Ausgaben, die eigentlich aus dem Steueraufkommen finanziert werden müssten (z.B. Kosten der Wiedervereinigung) seit Jahrzehnten in den beitragsfinanzierten GKV-Bereich. Im Jahre 2004 "kostete" dies die Beitragszahler in der GKV etwas mehr als 2 Beitragssatzpunkte.

Kapitel 3: Wie eine Legende überlebt - Das Märchen von der Kostenexplosion Teil II

Bernard Braun, 11.8.2005


Wer mehr wissen will: Literatur über Gesundheitspolitik-"Märchen"

Artikel 0085 Niemand kann sagen, er hätte nichts oder nicht noch Ausführliches über die populären und wirkungsvollen Irrtümer der Gesundheitspolitik gewusst und deswegen nichts machen können. Keine der in unserem Buch und den zitierten Aufsätzen und Büchern veröffentlichten wesentlichen Analysen und Positionen ist seit 1998 widerlegt oder widerrufen worden.

Hier ist die gesamte Buchveröffentlichung als PDF-Datei (1,9 MB) Das Märchen von der Kostenexplosion

Hier ist die PDF-Datei des Literaturverzeichnisses

Bernard Braun, 11.8.2005


Die Legende vom Luxusangebot der GKV

Artikel 0084 Zu den gesundheitspolitischen Standardforderungen gehört die nach dem Abspecken von unnötigen, luxuriösen oder versicherungsfremden Leistungen. Geträumt wird von der Aufteilung des jetzigen Angebots in ein mit dem Beitrag finanziertes Grundangebot gesundheitlich "unbedingt notwendiger" Leistungen für Alle und ein Paket von zusätzlich von den Versicherten zu finanzierenden Wahlleistungen.

Beim Versuch, dies umzusetzen, gibt es aber zahlreiche Schwierigkeiten: Niemand kann und will präzise sagen, was konkret in welchem Leistungsbereich liegt. Kaum wird darüber geredet, dass die Ausgrenzung der Behandlung von so genannten "Bagatellerkrankungen" aus dem Leistungskatalog der GKV und die Konzentration auf das "wirklich Notwendige" und die "Großrisiken" auch nur zu geringsten Kostenersparnissen führt. 75 bis 80 Prozent aller GKV-Ausgaben entfallen auf 10 Prozent schwer Kranker.

Kapitel 6: Auf dem Weg zur GKV-light - Das Märchen vom Luxusangebot der Kassen

Bernard Braun, 11.8.2005


Das Märchen von der Kostenexplosion

Artikel 0083 Zu einem der nahezu unausrottbaren und wirksamsten Leit- und Kampfbegriffe der Gesundheitspolitik seit Mitte der 1970er Jahre gehört die "Kostenexplosion" als übermäßige Erhöhung der GKV-Leistungsausgaben zu Lasten anderer wichtiger Auf- und Ausgaben. Um ihre Existenz zu beweisen und die jahrzehntelange Dominanz von Kostendämpfungspolitik zu rechtfertigen, ist kein statistischer Trick übel genug und keine Scheuklappe vor alternativen Erklärungen der höher steigenden Beitragssätze zu dürftig.

Kapitel 2: Wie eine Legende entsteht - Das Märchen von der Kostenexplosion

Bernard Braun, 11.8.2005


Der Traum von "mehr Eigenverantwortung"

Artikel 0082 Je folgenreicher und teurer gesundheitspolitische Veränderungen für Versicherte und Patienten sind oder sein könnten desto mehr wird an deren "Eigenverantwortung" apppelliert. Diese besteht daher praktisch in großen Teilen aus der Bereitschaft, Selbstbeteiligungen oder privatisierte Leistungen zu finanzieren.
Versteht man darunter aber ein durchgängig für sinnvoll gehaltenes und gefordertes Verhaltensmodell von "eigenverantwortlichen Versicherten und Patienten" auf einem freien Gesundheitsmarkt, entpuppen sich eine Menge problematischer Verkürzungen und Nachteile. So wird Krankheit und Gesundheit auf Verhalten oder Lebensstile und ihre Veränderung reduziert und die Rolle der sozialen und physischen Umwelt konzeptionell und praktisch verdrängt. Ignoriert wird auch das so genannte soziale Dilemma: Dieselben Gruppen und Schichten der Bevölkerung, die das größte Risiko tragen zu erkranken, behindert zu sein oder vorzeitig zu sterben, verfügen zugleich über die geringsten Fähigkeiten und Möglichkeiten, ihre Lebensumstände zu kontrollieren und zu beeinflussen. Die sozial ungleiche Verteilung von gesundheitlichen Risiken und Behandlungschancen ist eine der häufig vernachlässigten Rahmenbedingungen auch im GKV-System.

Nicht zuletzt die Private Krankenversicherung in Deutschland zeigt, dass manche der dort umgesetzten Ideen von Regulierung über mehr Eigenverantwortung nicht funktioniert oder sogar zu finanziell schlechteren (z.B. durch den hohen Verwaltungsaufwand) Ergebnissen als in der GKV führt.

Auch die bisherigen Modellversuche in der GKV, das "eigenverantwortliche Verhalten" von GKV-Versicherten durch Kostenerstattung, Beitragsrückgewähr, Zuzahlungen etc. zu fördern, erbrachten meist nicht den erwarteten monetären Effekt und führten zu sozial und inhaltlich unerwünschten (z.B. auch Nicht-Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen) Verhaltensweisen.

Kapitel 7: Der Traum vom eigenverantwortlichen Patienten - Das Märchen vom freien Gesundheitsmarkt

Bernard Braun, 11.8.2005


Das Märchen von der "Gefährdung des Wirtschaftsstandortes" durch die Lohnnebenkosten der GKV-Arbeitgeberbeiträge

Artikel 0081 Wenn es um den zwingend erforderlichen "Umbau der GKV" oder die "Senkung der Lohnnebenkosten" geht, ist das Spiel mit der Angst um die Zukunft des "Standortes Deutschland" meist nicht mehr weit. Die Beiträge zur GKV sind danach Teil einer permanent steigenden Abgabenlast der Wirtschaft. Dadurch käme es zu weniger Investitionen und es entstünden keine neuen Arbeitsplätze. Weniger sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze aber bedrohten wiederum den Sozialstaat und die GKV. Die Lösung sind eine Senkung der Arbeitgeberbeiträge und/oder eine Kürzung oder Privatisierung von Leistungen.

Auch hier zeigt ein Blick auf die Empirie, dass wesentliche Annahmen der Argumentationsspirale falsch oder weniger dramatisch als suggeriert sind. So liegen die Steuer- und Abgabenlast in Deutschland durchaus inmitten der Werte potenzieller Konkurrenzländer, dieselben "Lasten" verhindern auch nicht, dass die deutsche Exportwirtschaft seit Jahrzehnten weltmeisterlich gut dasteht und die für die Wettbewerbsfähigkeit wichtigen Lohnstückkosten bewegen sich auf einem mittleren Niveau seit Jahren weniger nach oben als in den Konkurrenzländern. Vernachlässigt wird ferner die Beschäftigungseffekte von Ausgaben im Gesundheitswesen. Schließlich bewegt sich der Anteil der Arbeitgeberbeiträge an den gesamten Kosten der Produkte des verarbeitenden Gewerbes seit Jahren etwas über der 1 Prozent-Grenze. Selbst wenn die Arbeitgeber gar keine GKV-Beiträge mehr zahlten, würden die Kosten und der Preis eines Produkts lediglich um 1 Prozent gesenkt werden können!

Kapitel 5: Ein Spiel mit der Angst - Das Märchen von der Gefärdung des Standorts

Bernard Braun, 11.8.2005


Das Märchen von der Gesundheitsreform

Artikel 0080 Obwohl Deutschland seit 1977 weltweit das Land mit der dichtesten Abfolge gesundheitspolitischer Reformen ist, ist der Horizont der Gesundheitspolitik aller politischer Lager extrem verengt: Weder die relevanten Krankheiten und Krankheitsbedingungen noch alle gesundheitsförderlichen Bedingungen und Möglichkeiten sind der Ausgangspunkt, sondern die medizinische Versorgung.

An dieser interessieren dann meist nur die monetären Kosten und nicht auch noch die Wirksamkeit oder die immateriellen "Kosten" wie Ängste, Schmerzen. Und selbst bei den Kosten thematisiert die Gesundheitspolitik nur die Ausgaben der GKV und in einer letzten Verengung nur den Arbeitgeberbeitrag zur Finanzierung der GKV. Fast zwangsläufig geraten wichtige Strukturmerkmale der GKV, wie etwa das Solidaritätsprinzip, in diesem engen Rahmen unter Druck.

Das komplette Buch "Das Märchen von der Kostenexplosion" können Sie hier als PDF-Datei (1.9 MB) herunterladen.
Es ist aber auch möglich, nur einzelne Kapitel mit speziellen Themen (siehe folgende Beschreibungen) abzurufen.

Kapitel 1: Ausverkauf der gesetzlichen Krankenkassen - Das Märchen von der Gesundheitsreform

Bernard Braun, 11.8.2005