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Generalisierte Angststörung: Lavendelöl in RCT signifikant und knapp nicht-signifikant wirksamer als Placebo und Antidepressiva

Artikel 2341 Homöopathische aber auch aus Pflanzen gewonnene Präparate haben häufig damit zu kämpfen, dass ihre Wirksamkeit nicht auf ähnlich methodisch hohem Niveau nachgewiesen wird bzw. angeblich werden kann wie dies bei verordnungspflichtigen Arzneimitteln der Fall ist.

Unter der eigentlich falschen Überschrift "homöopathische Präparate" wurde in einem 2013 veröffentlichten Aufsatz, der sich mit der Diagnose und Behandlung generalisierter Angststörungen befasste, folgendes zur Wirksamkeit eines Pflanzenextrakts ausgeführt: "In einer Studie ohne Placebokontrolle war ein standardisierter Lavendelölextrakt ebenso wirksam wie das Benzodiazepin Lorazepam. Allerdings war die Teststärke der Studie mit n = 77 für einen Non-inferiority-Vergleich nicht ausreichend. …Die bisher verfügbaren placebokontrollierten Studien mit "subsyndromalen" Angststörungen weisen jedoch auf einen möglichen Substanzeffekt des Lavendelölextrakts hin, der in weiteren Vergleichen mit Standardmedikamenten abzuklären wäre. In der einzigen kontrollierten Studie mit einem homöopathischen Präparat fand sich kein Unterschied zu Placebo."

Bereits im Januar 2014 wurde dann das Ergebnis einer randomisierten kontrollierten und doppelblinden Studie mit 539 Erwachsenen veröffentlicht. Die mit Standardinstrumenten und -skalen (Hamilton Anxiety Scale (HAMA)) als Patienten mit einer generalisierten Angststörung diagnostizierten Personen wurden sowohl mit der Lavendelölzubereitung Silexan, einem Placebo und Paroxetin, einem antidepressiv wirkenden Arzneistoff aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) behandelt.
Als primärer Endpunkt für den Nachweis der Wirksamkeit wurde die Veränderung des HAMA-Werts zwischen Beginn und Ende der Behandlung untersucht.

Der HAMA-Wert sank, d.h verbesserte sich

• unter der Behandlung mit zwei Lavendelölkapseln unterschiedlicher Dosis um 14,1 bzw. 12,8 Punkte,
• unter der Behandlung mit dem Placebo um 9,5 Punkte und
• unter der Behandlung mit Paroxetin um 11,3 Punkte.

Die Wirkungsunterschiede zwischen den Lavendelölkapseln jeder Dosis gegenüber dem Placebo waren statistisch signifikant (p<0,01), gegenüber dem Medikament Paroxetin aber nicht, wenn man das übliche Signifikanzniveau von weniger als 5% Irrtumswahrscheinlichkeit nimmt. Die Autoren sehen aber bei dem trotzdem absolut vorhandenen Unterschied zugunsten des Lavendelöls "a trend towards significance (p=0,10)". Die insgesamt positive Bewertung des Lavendelöls stützte sich auch auf seinen zusätzlich nachweisbaren antidepressiven Effekt, die mit ihm assoziierte Verbesserung der allgemeinen mentalen Gesundheit sowie der gesundheitsbezogenen Lebensqualität.

Auch wenn damit keineswegs das Ende der Wirksamkeitsforschung über solche Präparate erreicht ist, zeigt die Studie, dass es Sinn macht und möglich ist solche Untersuchungen zu machen und interessante Ergebnisse zur Wirksamkeit so genannter alternativer Therapeutika zu finden.

Der Aufsatz Generalisierte Angststörung: Diagnostik und Therapie von Bandelow B, Boerner RJ, Kasper S, Linden M, Wittchen HU, Möller HJ ist am 26. April 2013 im Deutschen Ärzteblatt (110 (17): 300-10) erschienen und komplett kostenlos erhältlich.

Der Aufsatz Lavender oil preparation Silexan is effective in generalized anxiety disorder - a randomized, double-blind comparison to placebo and paroxetine. von Kasper S, Gastpar M, Müller WE, Volz HP, Möller HJ, Schläfke S, Dienel A ist im "International Journal of Neuropsychopharmacology" veröffentlicht und am 23. Januar elektronisch vorveröffentlicht worden. Von ihm ist nur das Abstract kostenlos erhältlich.

Bernard Braun, 16.3.14


"Stumme Fehldiagnose" - vermeidbar durch Shared Decision Making

Artikel 2188 Das Wort Diagnose bedeutet laut Duden "unterscheidende Beurteilung, Erkenntnis". In der Medizin bezieht sich der Begriff bislang auf die Bestimmung der Krankheit auf Grundlage der Krankheitszeichen. Al Mulley und Kollegen beschreiben in einem Beitrag im British Medical Journal ein erweitertes Verständnis von Diagnose, das sich darauf bezieht, Behandlungsentscheidungen auf das Erkennen bzw. die Diagnose der Präferenz des Patienten "zu gründen.

In dem Beitrag geht es um 2 zwei hypothetische Patientinnen. Beiden wurde wegen Brustkrebs eine Brust operativ entfernt. Eine der Patientinnen erfährt nach der Operation, dass bei ihr kein Krebs vorlag, die Gewebeproben waren vertauscht. Die andere Patientin erfährt, dass bei Patientinnen ihres Alters eine Hormontherapie zu vergleichbaren Ergebnissen führt wie eine Operation und bedauert ihre Einwilligung in die Operation zutiefst.

Bei beiden Patientinnen liegt eine Fehldiagnose vor. Die Fehldiagnose infolge vertauschter Proben ist eine medizinische Fehldiagnose, die nicht unbemerkt bleibt und zu korrigierenden Maßnahmen bezüglich der Abläufe führen dürfte, möglicherweise auch zu juristischen Schritten von Seiten der Patientin.

Die Fehldiagnose infolge unzureichender Information und fehlender Möglichkeit, die bevorzugte Behandlung zu wählen, bezeichnen die Autoren als "Präferenzfehldiagnose". Die Präferenzfehldiagnose sei eine "stumme Fehldiagnose", weil sie zumeist nicht wahrgenommen werde, weder vom Arzt noch vom Patienten.

Die Autoren plädieren daher dafür, den Begriff Diagnose zu erweitern.

Die richtige Behandlung erfordert eine präzise
• medizinische Diagnose und
• Präferenzdiagnose

Die Diagnose der Krankheit ist ein grundlegendes Element ärztlicher Tätigkeit, das seit der Frühzeit der Medizin hohe Aufmerksamkeit erfährt.
Die Diagnose der Päferenz ist dagegen ein neuartiges Konzept, dass durch eine Arzt-Patient-Kommunikation in Sinne des Shared Decision Making realisiert werden kann.

Die Autoren beschreiben dafür eine Arzt-Patient-Kommunikation in drei Schritten, die sie als "team talk", "option talk" und decision talk" bezeichnen.

Im team talk geht es darum, dem Patienten zu vermitteln, dass es mehr als eine Behandlungsoption gibt und die richtige Wahl davon abhängt, was dem Patienten am wichtigsten ist. Dies herauszufinden erfordert "Teamarbeit" von Arzt und Patient und ggf. unter Einschluss von Angehörigen und Freunden.

Option talk umfasst die Darstellung und den Vergleich der Begleitumstände und der zu erwartenden erwünschten und unerwünschten Ergebnisse der Behandlungsoptionen. Ziel ist es, auch emotional belasteten und zu irrationalen Präferenzen tendierenden Patienten realistische Vorstellungen zu vermitteln. Entscheidungshilfen (decision aids) haben sich als unterstützende Maßnahme bewährt.

Decision talk bezieht sich auf die Unterstützung bei der Entscheidung. Dafür bringt der Patient die zu erwartenden Behandlungsergebnisse, nachdem er sie verglichen hat, in eine Rangfolge und wählt die dazu passende Behandlung.

Diese neue Ausformung des Shared Decision Making-Konzepts wird derzeit an 2 Standorten in England und Wales im Rahmen des MAGIC-Programms erprobt. In Newcastle geht es z.B. um Behandlungsentscheidungen bei Brustkrebs (Link). Dafür wird den Patientinnen u.a. ein Option grid zur Verfügung gestellt, eine Darstellung der Kerninformationen zu den Optionen brusterhaltende Operation vs. Brustamputation auf einer Seite (Download).


Mulley AG, Trimble C, Elwyn G. Stop the silent misdiagnosis: patients' preferences matter. BMJ 2012;345. Link

ausführliche Darstellung des Themas:
Mulley A, Chris Trimble, Elwyn G. Patients' preferences matter. Stop the silent misdiagnosis, King's Fund 2012, Website
Download

MAGIC - Making Good Decisions in Collaboration Link

David Klemperer, 3.12.12


Akupunktur ist bei vier Arten von chronischen Schmerzen wirksam durch eine Mischung von spezifischen und unspezifischen Effekten.

Artikel 2157 Eine tatsächlich durchgeführte Behandlung von vier verschiedenen Arten chronischen Schmerzes mit Akupunktur ist im Vergleich zur Schein-Akupunktur (Placebo) und zu gar keiner Akupunkturbehandlung klinisch wirksam und eine Überweisung zur Akupunktur empfehlenswert. Dies ist jedenfalls das belastbare ("most robust evidence") Ergebnis einer methodisch hochwertigen auf der Basis von Individualdaten (andere Metaanalysen benutzen meist Gruppendaten) von 17.922 Schmerz-PatientInnen aus 29 selber qualitativ hochwertigen randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) gerade publizierten Metaanalyse von Mitgliedern der international besetzen "Acupuncture Trialist Collaboration". Damit ist eine längere Reihe von zum Teil kontroversen Resultaten aus oft qualitativ schlechten Studien zu einem vorläufigen Ende gekommen. Die PatientInnen litten an chronischen Rücken- und Nackenschmerzen, Osteoarthritis, chronischem Kopfschmerz und Schulterschmerzen. Das "vorläufig" beruht darauf, dass auch diese Studie das bereits öfters beobachtete Phänomen des relativ geringen Unterschieds ("relatively modest") zwischen den Effekten von Akupunktur und Scheinakupunktur belegt und offensichtlich nicht nur spezifische Wirkungen der Akupunktur (z.B. das lehrbuchgerechte Setzen von Nadeln), sondern auch unspezifische Effekte des Setzens von Nadeln und nichtspezifische psychologische oder auch Placeboeffekte zum Wirkeffekt beitragen: "The total effects of a acupuncture…include both the specific effects associated with correct needle insertion according to a acupuncture theory, nonspecific physiologic effects of needling, and nonspecific psychological (placebo) effects related to the patient's belief that treatment will be effective." Der Aufsatz "Acupuncture for Chronic Pain: Individual Patient Data Meta-analysis." von Vickers AJ, Cronin AM, Maschino AC, et al. wird in der Fachzeitschrift "Archives of Internal Medicine" erscheinen und ist am 10. September 2012 online veröffentlicht worden. Ein Abstract ist kostenlos erhältlich.

Bernard Braun, 26.9.12


Nackenschmerzen? Es muss nicht immer ein nichtsteroidales Antirheumatikum sein: Anderes ist mehr!

Artikel 2055 An Nackenschmerzen leiden ca. 70% aller Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens. Umso verwunderlicher ist der Mangel an Untersuchungen, die bei der Wahl von Therapien gegen das akute oder auch bereits chronische Auftreten dieser Schmerzen Entscheidungshilfen liefern können. Vielfach greifen daher Ärzte und Patienten zu den symptomatisch meist wirksamen nichtsteroidalen Antirheumatika - Schmerzmittel mit entzündungshemmender Zusatzwirkung.

Dass es auch anders und ohne die nicht seltenen und mehr oder weniger schweren Nebenwirkungen dieser Arzneimittel geht, unterstreicht nun eine Studie, welche die Wirkung einer jeweils zwölfwöchigen Behandlung mit diesen Arzneimitteln mit der von chiropraktischen Interventionen im Bereich der Wirbelsäule und des Rückens und häuslichen körperlichen Übungen (vorbereitet in zwei externen Übungsterminen) vergleicht.
Die Studie wurde bei 272 Personen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren durchgeführt, die zwischen 2 und 12 Wochen an unspezifischen Nackenschmerzen litten. Der primäre Endpunkt zur Beurteilung der Wirksamkeit war das Auftreten von Schmerzen nach 2, 4, 8, 12, 26 und 52 Wochen nach der Aufteilung der StudienteilnehmerInnen auf die Interventionsgruppen. Zusätzlich wurden als sekundärer Outcome u.a. die Lebensqualität, der Grad der Behinderung und die Beweglichkeit des Nackens an verschiedenen Zeitpunkten gemessen.

Die Ergebnisse sahen so aus:

• Die chiropraktische Intervention hatte fast zu jedem Zeitpunkt nach Beginn der UIntervention einen statistisch signifikanten Vorteil gegenüber der Behandlung mit den genannten Arzneimitteln.
• Auch die Wirksamkeit der häuslichen Gymnastik war gegenüber der von Arzneimitteln zumindest nach 26 Wochen statistisch signifikant besser.
• Bei der Wirksamkeit gegen Schmerzen gab es zu keinem Zeitpunkt wichtige Unterschiede zwischen den chiropraktischen und eigenaktiven Interventionen.
• Ein ähnliches Bild zeigte sich bei den verschiedenen Merkmalen des sekundären Outcomes der Interventionen.

Egal, ob man sich immer noch lieber in die Hände von Experten, d.h. hier in die von ChiropraktikerInnen begibt oder die Therapie doch gut vorbereitet in die eigenen Hände nimmt, sind die Effekte auf Nackenschmerzen und sonstige gesundheitliche Merkmale stärker als die der entzündungshemmenden Schmerzmittel. Die wenigen von den AutorInnen eingeräumten Grenzen ihrer Studie (z.B. keine Verblindung der Interventionsformen) ändern an dieser grundsätzlichen Erkenntnis nichts.

Der am 3. Januar 2012 in der Fachzeitschrift "Annals of Internal Medicine" (vol. 156 no. 1 Part 1: 1-10) erschienene Aufsatz "Spinal Manipulation, Medication, or Home Exercise With Advice for Acute and Subacute Neck Pain. A Randomized Trial" von Gert Bronfort et al. ist komplett kostenlos erhältlich.

Bernard Braun, 3.1.12


Hilft transzendentale Meditation bei der posttraumatischen Belastungsstörung von Ex-SoldatInnen oder sogar bei friedlichem Stress?

Artikel 1970 Schenkt man den jüngsten Durchhalteparolen des Bundesverteidigungsministers zum Krieg in Afghanistan Glauben, werden Soldaten der Bundeswehr dort noch für längere Zeit kämpfen, sterben oder immer häufiger mit einem so genannten posttraumatischen Stress-Syndrom bzw. einer Belastungsstörung (englische Abkürzung PTSD), d.h. einer schweren psychischen Störung in ihr bundesrepublikanisches Alltagsleben zurückkehren. Und wenn die in Deutschland von Freunden umzingelten Streitkräfte demnächst das Land noch an weiteren Pässen, Wadis oder Wasserstraßen verteidigen, werden sich auch die unerwünschten psychischen Folgen noch häufen.

Auch wenn sich die Bundeswehr mittlerweile systematischer um die psychische Betreuung und Behandlung ihrer Ex-SoldatInnen kümmert, kann sie eventuell davon lernen wie die kriegserfahrenen und daher schon seit Jahrzehnten auch in psychischer Hinsicht zahlreicher schwer gesundheitlich geschädigten US-SoldatInnen behandelt werden.

Dass dabei auch die exotische und radikal unkriegerische Methode der transzendentalen Meditation zu positiven Wirkungen führen kann, zeigen die Ergebnisse einer kleinen experimentellen Reihe von Behandlungen, deren Resultate jetzt in der US-Fachzeitschrift "Military Medicine" veröffentlicht wurden.
Dabei ist zu beachten, dass die Belastungsstörung nach früheren Studien bei 14% des gesamten entlassenen US-Militärpersonals mit Kriegseinsätzen und sogar bei rund 44% des Militärpersonals auftritt, die leichte Kopfverletzungen davon getragen haben und heftige Kämpfe miterlebt haben.

Trotz des großen Bedarfs gab es bisher nur wenige Studien, die den Nachweis einer wirksamen Therapie erbrachten - darunter auch eine kleine randomisierte kontrollierte Studie mit Vietnamkriegs-Veteranen, welche die Wirksamkeit transzendentaler Meditation und Psychotherapie verglich. Eine andere sehr aufwändige Studie wies positive Wirkungen für ein Programm nach, in dem erkrankte Ex-SoldatInnen in einer sicheren Umgebung mit verschiedenen Formen von Bedrohungen konfrontiert wurden, was ihnen helfen sollte, ihre Ängste zu überwinden. Bereits 2007 stellte ein Bericht über die Behandlungsmöglichkeiten dieser psychischen Erkrankung fest, dass es dafür, dass andere pharmakologische oder psychotherapeutische Behandlungen wirksam oder nicht wirksam keine definitive Evidenz gibt.
In der jetzt veröffentlichten Studie erhielten fünf männliche Golf- und Afghanistanveteranen acht Wochen lanf zweimal täglich zwanzigminütige Trainingseinheiten mit transzendentaler Meditation. Die Teilnehmer konnten während der Laufzeit der Studie selber auswählen, wann sie die Therapie abbrachen und nutzen eine Spanne von 10 Monaten und zwei Jahren. Die Compliance lag bei den regelmäßigen Übungen bei mehr als 90%. Ein wahrscheinlicher Grund war, dass die TeilnehmerInnen nicht das Gefühl hatten durch den Besuch stigmatisiert zu werden.

Die Ergebnisse waren bereits nach acht Wochen bei allen Teilnehmern nachweisbar positiv:

• Auf einer Standardskala zur Messung des Status der Belastungsstörung, der so genannten "Clinician-Administered PTSD Scale (CAPS)", verbesserten sich die Werte statistisch signifikant um durchschnittlich 31,4 Punkte.
• zwei weitere Endpunkte für die Lebensqualität verbesserten sich ebenfalls signifikant.
• Allerdings zeigte sich bei zwei weiteren gemessenen Werten nicht bei allen Teilnehmern signifikante Effekte oder sogar in einem Fall negative.
• Alle fünf Männer sagten auch im Rahmen einer klinischen Untersuchung nach 12 Wochen, sie wollten wegen der durchweg positiven und angenehmen Umstände und Wirkungen der transzendentalen Meditation mit der Therapie weitermachen.

Trotz der natürlich sehr geringen Anzahl von Studienteilnehmern ist nicht auszuschließen, dass die leicht zu lernende, nebenwirkungsfreie und nur mit geringen Stigmatisierungsrisiken verbundene Meditationstechnik möglicherweise auch bei anderen gesundheitlich geschädigten oder traumatisierten Personen wirksam ist. Daher stellt sich zu Recht die auch von den ForscherInnen gestellte Frage, warum trotz Hunderten von Milliarden US-Dollar und Euros für Kriegszwecke nicht durch zusätzliche kontrollierte Studien die Wirksamkeit dieser und möglicher anderer Therapieformen untersucht wird.

Davon unbenommen bleibt bei allen noch so wirksamen Therapien, dass die Vermeidung von "Befreiungs"-Kriegen à la Vietnam und Irak sowie angebliche Anti-Terror-Kriege à la Afghanistan die beste Methode ist, Leid von den BewohnerInnen der Kriegsschauplätze und den SoldatInnen fernzuhalten.

Von dem Aufsatz Effects of transcendental meditation (TM) in veterans of Operating Enduring Freedom (OEF) and Operation Iraqi Freedom (OIF) with posttraumatic stress disorder (PTSD): a pilot study von Rosenthal et al., erschienen in der Fachzeitschrift "Military Medicine" (2011; 176; 6: 626-630), ist lediglich das Abstract kostenlos erhältlich.Etwas ausführlichere Informationen über die Rosenthal-Studie und mehrere Links zu weiteren Studien und Reports über die Langfristopfer unter den US-SoldatInnen findet sich kostenlos auf einer speziellen Website.

Aber auch für Nicht-ExsoldatInnen, die an u.a. durch Stress verursachten Herzerkrankungen leiden, könnte transzendentale Meditation eine hilfreiche Behandlungsmethode sein. Dies hätte man jedenfalls beinahe in einem Aufsatz in der renommierten US-Fachzeitschrift "Archives of Internal Medicine" nachlesen können, wenn dieser am 27. Juni 2011 online veröffentlicht und nicht 12 Minuten vor der Freigabe von der Zeitschrift selber in eine weitere Warteschleife geschickt worden wäre.

Kernergebnis des Aufsatzes war, dass im Vergleich zweier Gruppen von insgesamt 201 US-Amerikanern schwarzer Hautfarbe die Gruppe, deren koronaren Herzbeschwerden mit Methoden der TM und nicht mit konventioneller Gesundheitserziehung behandelt wurden, nach einer Reihe von Standardisierungen verschiedenster Merkmale ein um die Hälfte geringeres Gesamtrisiko hatte zu sterben oder einen nichttödlichen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden (Risikorate 0.53 [95% CI 0.30 to 0.95, P=0.03]). Trotzdem gab es nach Meinung der Herausgeber der Zeitschrift neue, bisher nicht berücksichtigte Daten, die vor einer Publikation ausgewertet werden sollten. Wer also demnächst auf der Basis einer kontrollierten Studie noch Genaueres über die Wirksamkeit von TM wissen will, sollte auf künftige Ausgaben dieser Fachzeitschrift genau achten.

Wer noch etwas mehr über den seltenen Vorgang der vorübergehenden Nichtveröffentlichung eines wissenschaftlichen Aufsatzes erfahren will, findet dies kostenfrei auf der generell empfehlenswerten Website Medpage today vom 28. Juni 2011 noch etwas genauer.

Bernard Braun, 1.7.11


"They don't ask me so I don't tell them" oder Warum Patienten längst nichts alles ihrem Arzt erzählen!? Beispiel Alternativmedizin

Artikel 1572 Viele Menschen greifen, wenn es um ihre Gesundheit oder die Behandlung einer Krankheit geht, mittlerweile aktiv - allein oder mit Hilfe entsprechender Experten - zu Mitteln und Verfahren der komplementären oder alternativen Medizin bzw. Heilkunde. Nach vielen Jahren des Widerstandes gegen die breite Palette derartiger Angebote nimmt seit einigen Jahren sogar der Anteil der Ärzte zu, die ihren PatientInnen neben der traditionellen biomedizinischen Diagnostik und Behandlung auch alternative Angebote wie z.B. die Akupunktur oder Naturheilverfahren anbieten oder zumindest nicht kategorisch eine Art Parallelbehandlung ablehnen.

Darüber, wie die Kommunikation zwischen alternativmedizinisch engagierten PatientInnen und ihren traditionell orientierten Ärzten verläuft und wie gemeinsame Entscheidungen zugunsten welcher Behandlungsorienterung zustande kommen oder auch nicht, gibt es sehr wenig Transparenz. In zahlreichen Studien wird aber ein Mangel an Kommunikation geklagt oder von unerwünschten Effekten schlecht geführter Kommunikation berichtet. Zu diesen Effekten gehören vor allem mögliche gesundheitsgefährdende Wechselwirkungen zwischen jeweils hochwirksamen traditionellen und alternativen Arzneimitteln bzw. Wirkstoffen.

In einem methodisch aufwändigen, mehrstufigen qualitativen Forschungsdesign haben dies nun WissenschaftlerInnen aus den USA bei 114 Patienten, 41 Klinik-Verwaltungskräften und 19 Allgemeinärzten in acht Kliniken in dem Forschungsnetzwerk RIOS Net (Research Involved in Outpatient Settings Network) im Südwesten der USA genauer untersucht.
Einschränkend muss von vornherein festgehalten werden, dass in den untersuchten Kliniken und Praxen hispanische und indianische US-Amerikaner überrepräsentiert waren und in diesen Bevölkerungsteilen alternative Behandlungsmethoden eine wichtige Rolle bei der Selbstbehandlung spielen.

Die wichtigsten Ergebnissen der Studie sind:

• Einige Ärzte interpretierten das niedrige Kommunikationsniveau über alternativmedizinische Behandlung als ein Zeichen dafür, dass ihre Patienten kaum Gebrauch von derartigen Behandlungsangeboten machen.
• Die Kommunikation wurde auf beiden Seiten vor allem durch drei Faktoren bestimmt, ausgelöst oder verhindert: Akzeptanz/Nichtverurteilung, die Art der Eröffnung der Kommunikation und die Thematisierung der Sicherheit und Wirksamkeit.
• Die meisten Patienten, die bei Gesundheit und Krankheit alternative Methoden anwenden, erwarten, dass ihre Ärzte das Gespräch darüber beginnen.
• Die Empfindung darüber wie offen und vorurteilsfrei ihr behandelnder Arzt auf die Inanspruchnahme alternativer Behandlung oder Mittel reagieren würde, war für die Patienten aber der wichtigste Faktor für ihre Offenheit oder Bereitschaft mit ihrem Arzt Gespräche über diesen Punkt zu führen.
• Gegenüber diesem Faktor war die empfundene fachliche alternativmedizinische Kompetenz ihres Arztes von geringerer Bedeutung.

Wegen des Risikos, dass Patienten den Gebrauch alternativer therapeutischer Mittel verschweigen, wenn sie den Eindruck haben, ihr Arzt würde das sofort "übel" nehmen, sollten Ärzte nach Ansicht der ForscherInnen bereits in der Ausbildung lernen, wie sie derartige Kommunikationsbarrieren vermeiden und aktiv überwinden. Allein schon wegen der bereits erwähnten Nichtrepräsentativität sind zum Thema hemmende und fördernde Faktoren für die Arzt-Patient-Kommunikation nicht nur zum Thema Alternativmedizin noch wesentlich mehr Untersuchungen notwendig. Das Vertrauen darauf, dass die Kommunikation schon "irgendwie" klappen würde, reicht sicherlich nicht aus, wichtige Informationsflüsse zu ermöglichen.

Der neun Seiten umfassende und gut mit Zitaten aus den Interviews angereicherte Aufsatz "'They Don't Ask Me So I Don't Tell Them': Patient-Clinician Communication About Traditional, Complementary, and Alternative Medicine" von Brian M. Shelley, Andrew L. Sussman, Robert L. Williams, Alissa R. Segal und Benjamin F. Crabtree ist in der Fachzeitschrift "Annals of Family Medicine" (Vol. 7, No. 2, März/April 2009: 139-147) erschienen und komplett kostenlos erhältlich.

Bernard Braun, 1.6.09


Nutzen und geringe Nebenwirkungen sprechen für Prävention mit Preiselbeerextrakt bei Harnwegsinfekten älterer Frauen

Artikel 1499 "Omas Heilmittel" aus dem "Garten der Natur" fehlt häufig ein genereller wissenschaftlicher Nachweis ihres Nutzens, sie haben zum Teil auch massive Nebenwirkungen oder gefährden die Wirkung von Arzneimitteln (z.B. im Falle von Grapefruitsaft und Johanniskraut) und schließlich gibt es häufig keine vergleichenden Untersuchungen der Wirkungen von Naturheilmitteln gegenüber der von "künstlichen" Arzneimitteln. Dies alles kann auch von Anhängern einer sanfteren Therapie nicht ignoriert werden, vor allem, wenn sie bei anderen Therapeutika vollkommen zu Recht einen Evidenznachweis verlangen.

Nach Lektüre der gerade im Fach-"Journal of Antimicrobial Chemotherapy" [(2009) 63, 389-395] unter der Überschrift "Cranberry or trimethoprim for the prevention of recurrent urinary tract infections? A randomized controlled trial in older women" veröffentlichten Studie von Marion E. T. McMurdo, Ishbel Argo, Gabby Phillips, Fergus Daly und Peter Davey, gibt es nach Ansicht der AutorInnen zumindest beim wissenschaftlich fundierten Vergleich der präventiven Wirkung von Preiselbeerextrakt und des Antibiotikum-Wirkstoff Trimethoprim auf wiederkehrende Harnwegsinfekte von älteren Frauen einen klaren Gesamtvorteil für das Naturprodukt.

In die randomisierte kontrollierte Studie wurden 137 über 45 Jahre alten Frauen aufgenommen, die in den 12 Monaten vor Studienbeginn mindestens zwei ärztlich bestätigte und mit Antibiotika behandelte wiederkehrende Harnwegsinfektionen gehabt hatten. Diese Frauen wurden per Zufall einer Gruppe zugewiesen, die als Intervention über 6 Monate hinweg täglich entweder 500 mg Preiselbeerextrakt in Kapselform (n=69) oder 100 mg des Trimethoprims (n=68) einnahmen.

Die Ergebnisse des Kopf-zu-Kopf-Doppelblind-Vergleichs sahen so aus:

• Von den 137 Frauen erkrankten in der Studienzeit 39 erneut an einem Harnwegsinfekt und zwar 25 in der Preiselbeer- und 14 in der Antibiotika-Gruppe. Der 60%-Unterschied zu Gunsten des Antibiotikums war aber statistisch nicht signifikant.
• Die Zeit bis zur ersten erneuten Infektion unterschied sich zwischen den Gruppen wenig (85,5 Tage in der Preiselbeergruppe zu 91 Tagen in der Antibiotikumgruppe).
• 9 % der Teilnehmer an der Preiselbeer-Gruppe brachen die Intervention ab und 16 % in der Antibiotika-Gruppe.
• Bei unmittelbaren adversen Effekten gab es keinen Unterschied zwischen den Gruppen.

Die schottischen Wissenschaftler bewerten die vorhandenen Vorteile der Behandlung mit dem Antibiotikum als "a very limited advantage" und schlagen daher Frauen mit einem derartigem Erkrankungsbild vor, die begrenzten Vorteile gegen den höheren Preis und vor allem das höhere Risiko genereller adverser Effekte des Antibiotikums (Mitwirkung an der Bildung resistenter bakterieller Erreger und die Gefahr einer Superinfektion) zusammen mit ihrem Arzt abzuwägen.

Auch wenn die statistische Power dieser Studie formal-quantitativ für belastbare Ergebnisse ausreicht, liegt die Anzahl der StudienteilnehmerInnen nur knapp über der notwendigen Mindestanzahl. Einige Ergebnisse und Schlussfolgerungen könnten also auch etwas mit dieser methodischen Schwäche zu tun haben. So ist z.B. eine statistische Signifikanz in kleinen Gruppen nur schwer zu erreichen.

Der 7-Seiten-Aufsatz "Cranberry or trimethoprim for the prevention of recurrent urinary tract infections? A randomized controlled trial in older women" ist komplett und kostenlos erhältlich. Dies gilt natürlich auch für das Abstract des Aufsatzes.

Bernard Braun, 26.2.09


Metaanalysen zur Wirkung von Akupunktur und Scheinakupunktur zeigen widersprüchliche Befunde

Artikel 1476 Drei jetzt veröffentlichte neue Metaanalysen, die sich mit der Wirksamkeit von Akupunktur im Vergleich zur Scheinakupunktur und zum Vorgehen in Kontrollgruppen (keine Maßnahmen oder medikamentöse Routine-Therapie) beschäftigt haben, zeigen widersprüchliche Befunde. Die beiden unter Leitung von Klaus Linde (Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München) entstandenen Veröffentlichungen in der Cochrane Library kommen zur Feststellung, dass Akupunktur eine überaus effektive Wirkung hat im Vergleich zu Kontrollgruppen und dass Scheinakupunktur nicht ganz so effektiv ist, aber immer noch signifikant besser abschneidet als Kontrollgruppen. Diese Ergebnisse wurden in ähnlicher Weise festgestellt für die Therapie von Spannungskopfschmerz und die Prophylaxe von Migräne.

In einer anderen, jetzt im British Medical Journal veröffentlichten Metaanalyse, in der Akupunktur-Studien mit sehr unterschiedlicher Indikation einbezogenen wurden, kommen die Wissenschaftler vom Nordic Cochrane Centre in Kopenhagen hingegen zu dem Schluss, die Wirksamkeit von Akupunktur sei eher gering und klinisch irrelevant. Ob die schmerzreduzierende Wirkung auch unabhängig von den jeweiligen psychologischen Einflüssen und Placebo-Effekten auftritt, sei ungewiss.

Akupunktur zur Therapie von Spannungs-Kopfschmerz: In die Metaanalyse einbezogen wurden 11 Studien mit 2.317 Teilnehmern. Zwei große Studien verglichen die Wirkung von Akupunktur mit der von traditioneller, medikamentöser Therapie. Beide kommen zu signifikanten Vorteilen der Akupunktur auch über einen Zeitraum von drei Monaten, was die Reduzierung von Kopfschmerz-Tagen und -Intensität anbetrifft. Sechs Studien vergleichen Akupunktur und Scheinakupunktur und stellen nur minimale Differenzen zwischen beiden fest.
• Abstract: Klaus Linde u.a.: Acupuncture for tension-type headache (Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 1. Art. No.: CD007587. DOI: 10.1002/14651858.CD007587)

Akupunktur zur Migräne-Prophylaxe: Einbezogen wurden 22 Studien mit 4.419 Teilnehmern. Sechs Studien, darunter zwei mit großer Teilnehmerzahl, zeigen dass über einen Zeitraum von 3-4 Monaten Akupunktur-Patienten seltener über Kopfschmerzen klagen im Vergleich zu Kontrollgruppen. In 14 Studien wurde der Effekt echter Akupunktur (mit Nadelpunkten gemäß der TCM) mit der von Scheinakupunktur (falsche Nadelpunkte oder mit einem speziellen Stift, bei dem die Nadel nicht in die Haut eintritt) verglichen - mit dem Ergebnis: Es gibt keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Wirksamkeit. In vier Studien ist der Effekt besser als bei einer herkömmlichen Arzneimitteltherapie.
• Abstract: Klaus Linde u.a.: Acupuncture for migraine prophylaxis (Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 1. Art. No.: CD001218. DOI: 10.1002/14651858.CD001218.pub2)

Akupunktur bei sehr unterschiedlichen Indikationen: Die Metaanalyse bezieht 13 Studien mit 3.025 Patienten ein, bei denen sehr unterschiedliche Beschwerden vorliegen: Gelenkentzündungen, Spannungskopschmerz, Migräne, Rückenschmerzen im Lendenbereich, Fibromyalgie, Narbenbeschwerden, postoperative Schmerzen, Schmerzen bei einer Darmspiegung. In einer Sekundäranalyse und bei einem Vergleich der Daten zeigen sich geringfügige Effekte der Akupunktur zur Schmerzbesserung, die Vorteile gegenüber der Scheinakupunktur seien jedoch sehr gering. Verwendet man als Maßstab eine 100er Skala (bei der 100 eine maximale Schmerzreduktion bedeutet), so haben die Unterschiede zwischen Akupunktur und Scheinakupunktur nur den Wert 4. Erst ab einem Wert von 10 ist jedoch von einer schmerzlindernden Wirkung auszugehen. Größer fiel die Differenz aus zwischen Scheinakupunktur und Kontrollgruppen, wobei sich jedoch eine große Streuung zeigte. In einigen Studien betrug die Differenz 24, in anderen nur 5.
• Volltext der Studie: Matias Vested Madsen u.a.: Acupuncture treatment for pain: systematic review of randomised clinical trials with acupuncture, placebo acupuncture, and no acupuncture groups (BMJ 2009;338:a3115, published 27 January 2009, doi:10.1136/bmj.a3115)

Gerd Marstedt, 2.2.09


Reizdarmsyndrom: Flohsamen, Korkholzbaumblätter oder gar Pfefferminzöl als wirksame Mittel?!

Artikel 1449 Die Prävalenz von Reizdarmsyndromen liegt in Bevölkerungsstudien zwischen 5 und 20 % und ist als oft chronifizierte und anfallweise wiederkehrende Störung des Verdauungssystems nicht nur unangenehm, sondern auch schmerzhaft und schwer zu behandeln.

Zur Behandlung des Reizdarmsyndroms empfehlen die hier meist therapeutisch tätigen Allgemeinmediziner initial die vermehrte Aufnahme von Ballaststoffen, von denen Wirkungen auf die Verdauungszeiten erwartet werden. Sollten die Beschwerden anhalten, gab es bis vor kurzem eine Reihe von meist teuren Arzneimittel, die aber aus Sicherheitsgründen vom Markt zurückgezogen wurden. Daher gab und gibt es einen starken Druck, andere sichere und wirksame Behandlungsalternativen zu finden.

Diese wurden zum Teil bereits seit längerem in drei unterschiedlichen Gruppen von Stoffen gesehen und auch therapeutisch eingesetzt. Wie so oft geschah dies aber ohne hinreichende wissenschaftliche Evidenz über ihre Wirksamkeit bzw. beruhten entsprechende Annahmen und Vermutungen auf älteren, methodisch schwachen Untersuchungen.

Ein systematischer Review bzw. eine Metananalyse von randomisierten kontrollierten Studien, in denen die Wirksamkeit einer bestimmten Pflanzenfaser (12 RCTs), krampfstillender Medikamente (22 RCTs) und von Pfefferminzöl (4 RCTs) gegen jeweilige Placebos oder zum Teil auch gegen keine Behandlung untersucht wurde, liefert jetzt eine Reihe überraschender Ergebnisse.

Auch wenn Pfefferminzöl bisher weder in den Leitlinien des "National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE)" noch der "British Society of Gastroenterology" als wirksames Mittel gegen Reizdarmsymptome auftaucht, zeigen die gerade im "British Medical Journal (BMJ)" veröffentlichten Ergebnisse einer randomisierten kontrollierten Studie, dass dieses Öl genauso wirksam ist wie Mittel, die bestimmte Pflanzenfasern (hier besonders Ispaghula oder Flohsamen, der die Samenhülle der indischen Ispaghula-Pflanze enthält) oder krampfstillende Medikamente (hier in erster Linie der Wirkstoff Hyoscine, der u.a. aus den Blättern von Korkholzbäumen [Duboisia] gewonnen wird).

Alle diese Stoffe senken das relative Risiko eines anhaltenden Reizdarmsyndroms beträchtlich: Es betrug bei allen Flohsamenpräparaten zusammen 0.87 mit einem 95% Konfidenzintervall zwischen 0.76 und 1.00 (bei Ispaghula 0,78), bei allen krampfstillenden Medikamenten 0.68 (0.57 to 0.81) (das Risiko schwankte je nach Mittel zwischen 0,55 und 0,68) und bei Pfefferminzöl 0.43 (0.32 to 0.59).

Für die Beurteilung der Wirksamkeit ist aber auch die so genannte "number needed to treat", d.h. die Anzahl von Menschen, die man behandeln muss, um einem Menschen helfen zu können, wichtig. Sie ist bei allen hier untersuchten Mitteln relativ niedrig, schwankt aber zwischen 11 bei Flohsamenpräparaten, 5 bei krampfstillenden Arzneimitteln und 2,5 bei Pfefferminzöl.

Egal was die weitere Pharmaforschung noch an neuen und dann auch möglicherweise sichereren Arzneimitteln bescheren wird, sollten, so die AutorInnen der aktuellen Studie, die drei traditionellen und meist verschreibungsfrei erhältlichen Mittel als gesichert wirksam und im Fall des Pfefferminzöls überhaupt in die nationalen Leitlinien zum Reizdarmsyndrom aufgenommen werden.

Auch wenn möglicherweise konkurrierende Interessen in dieser Studie nach Wahrnehmung des Autors dieses Textes keine Rolle gespielt haben, zeigt die Lektüre der Angaben zu den "Competing interests" der Auoren dieses Aufsatzes die weltweit engen wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Pharmaherstellern und einigen -forscherinnen in aller Ausführlichkeit: "NJT (Autoreninitialen - siehe unten) has received consultancy fees from Procter and Gamble, Lexicon Genetics, Astellas Pharma US, Pharma Frontiers, Callisto Pharmaceuticals, AstraZeneca, Addex Pharma, Ferring Pharma, Salix, M GI Pharma, McNeil Consumer,Microbia, Dynogen, Conexus, Novartis, and Metabolic Pharmaceuticals, and has received research support from Novartis, Takeda, GlaxoSmithKline, Dynogen, and Tioga. EMMQ has received consultant's and speaker's bureau fees from Nycomed, Boehringer Ingelheim, Procter and Gamble, Reckitt Benckiser, and Prometheus, and holds equity in Alimentary Health. PM holds a chair at McMaster University partly funded by an unrestricted donation by AstraZeneca, and has received consultant's and speaker's bureau fees from AstraZeneca, AxCan Pharma, Nycomed, and Johnson and Johnson."

Dass die Therapie des Reizdarmsyndroms für die Pharmaindustrie zumindest nicht uninteressant war (!) zeigen spezielle Aufklärungskampagnen, die vor einigen Jahren insbesondere "down under" Furore machten: Wie das pharmakritische "Arznei-Telegramm" bereits 2002 (a-t 7/2002; 33: 71-2) berichtete, gehörte zu Beginn dieses Jahrzehnt das Reizdarmsyndrom zu einem der Anwendungsfelder für das so genannte "disease mongering" (Handeln mit Krankheiten). Konkret wurde damals ein dreijähriges Schulungsprogramm in Australien bekannt, das dieses Syndrom als eine anerkannte Erkrankung etablieren sollte und damit die Markteinführung von wirkidentischen Medikamenten der Firmen GlaxoSmithKline und Novartis systematisch und durch die Beeinflussung von Ärzten, Selbsthilfeorganisationen (insbesondere in den USA) und Patienten fördern sollte. Das Medikament Alosetron wurde aber zur Behandlung von Reizdarmsyndromen bereits 2000 in den USA wegen schwerer Nebenwirkungen vom Markt genommen.

Der komplette 12 Seiten lange Aufsatz "Effect of fibre, antispasmodics, and peppermint oil in the treatment of irritable bowel syndrome: systematic review and meta-analysis." von Alexander C Ford, Nicholas J Talley (NJT), Brennan M R Spiegel, Amy E Foxx-Orenstein, Lawrence Schiller, Eamonn M M Quigley (EMMQ) und Paul Moayyedi (PM) ist im BMJ am 18. November 2008 erschienen und frei erhältlich.

Bernard Braun, 21.12.08


Alternativ-medizinische Methoden: von Patienten häufig genutzt und positiv bewertet

Artikel 1344 Mehr als zwei Drittel der Teilnehmer einer repräsentativen Befragung in einem städtischen Raum nutzen alternativmedizinische Methoden oder sind dazu bereit sie zu nutzen. Dies ergab eine repräsentative Befragung von 1001 Lübecker Bürgern durch das Institut für Sozialmedizin der Universität Lübeck aus dem Jahr 2004, die am 11.9.2008 online für die Zeitschrift "Das Gesundheitswesen" veröffentlicht wurde.

42,2% der Befragten haben in den letzten 12 Monaten komplementär-alternative Verfahren (CAM) angewandt, davon 61% nur eine CAM-Methode, 12,3% jedoch 3 bis 5 Methoden. 57,8% hatten keinerlei eigene Erfahrungen mit CAM, davon 69,9% weil sie noch keinen Anlass zur Erprobung hatten, 9,9% weil sie nicht daran glauben. 54,7% der Nicht-Nutzer sind grundsätzlich bereit, CAM auszuprobieren, 17,2% schließen dies aus.

Knapp 80% aller Befragten gaben Gesundheitsprobleme innerhalb der letzten 12 Monate an - 83,5%, der CAM-Nutzer und 76,7% der Nicht-Nutzer. Genannt wurden vor allem chronischer Schmerz, Kreislaufprobleme und Erkältungskrankheiten. Diese stehen auch bei der CAM-Behandlung im Vordergrund, seltenere Anlässe sind psychologische Probleme, eingeschränktes Wohlbefinden, Allergien, Hautkrankheiten und akute Magen-Darm-Beschwerden.

Personen im mittleren Lebensalter und mit besserer Bildung sowie Frauen sind in der Gruppe der Nutzer häufiger vertreten als in der Gruppe der Nicht-Nutzer .

Die meist genutzten Methoden waren Akupunktur (34,5%), Homöopathie (27,3%), Phytotherapie (9,7%) und Yoga (8,6%). Weniger häufig wurden u.a. Bachblütentherapie, Traditionelle Chinesische Medizin und Bioresonanz genannt.

Als Motivation gaben die Nutzer an:
• so wenige Medikamente wie möglich nehmen (31,7%),
• Empfehlung ihres Arztes (26,7%)
• Versuch vor konventioneller Behandlung (13,5%)
• enttäuschende Ergebnisse bei konventioneller Behandlung (11,8%)
• der Arzt versteht das Problem nicht (0,7%)
• der Arzt hat sich nicht genug Zeit genommen (0,7%)

Die häufigsten Informationsquellen waren
• Familie und Freunde (42%)
• Facharzt (24,8%) bzw. Allgemeinarzt (18,4%)
• Medien, z.B. Radio, Fernsehen (10,1%)
• Heilpraktiker (7,3%)

31% führten die Behandlung alleine durch, im Übrigen lag die Behandlung bei einem Facharzt (43%), einem Allgemeinarzt (22,2%) oder einem Heilpraktiker (23,4%).

In 89,4% traten keine unerwünschten Wirkungen auf. Bezüglich der Wirksamkeit gaben an: sehr gut 49,7%, ziemlich gut 30,2%, keinen Effekt 16,6%, ziemlich schlecht 1,9%, sehr schlecht 1,6%. 91,7% würden die Methode erneut anwenden.

Den Glauben an die Wirksamkeit einer Methode halten mehr die meisten Befragten (76% für wichtig, ein Teil (20,5%) hält diesen Glauben bei CAM für wichtiger als bei konventioneller Medizin.

Die praktische Erfahrung führte bei 37,4% zu einer positiven Änderung in der Einstellung zu CAM, bei 3,8% zur Verschlechterung.

Insgesamt ist festzuhalten:
• ein erheblicher Teil der Befragten nutzt komplementär-alternativmedizinische Methoden
• einer weiterer Teil ist dazu bereit, wenn ein Anlass besteht
• Unzufriedenheit mit der konventionellen Medizin und mit dem Arzt sind eher selten Auslöser für eine CAM-Behandlung
• Die große Mehrheit gibt gute Behandlungsergebnissen an ohne Auftreten unerwünschter Wirkungen.
• Durch die Erfahrungen mit CAM ändert sich die Einstellung vieler Nutzer zum Positiven.

Kommentierend anzumerken ist hier, dass die Behandlungsindikationen für CAM sich vorwiegend auf Beschwerden beziehen, für die eine gute Wirksamkeit unspezifischer Faktoren bzw. von Plazebo bekannt ist (Schmerzen) bzw. die von alleine verschwinden (Erkältungsinfekte). Von daher sind die positiven Erfahrungen der Nutzer dieser sehr schönen, sorgfältig durchgeführten und aufschlussreichen Studie nicht verwunderlich.

Bücker B, Groenewold M, Schoefer Y, Schäfer T. Inanspruchnahme von Alternativverfahren bei 1 001 deutschen Erwachsenen: Ergebnisse eines bervölkerungsbezogenen Telephonsurveys. Gesundheitswesen 2008;70:e29-e36.

Leider bietet der Thieme-Verlag kein kostenloses Abstract an.

Zum Thema Placebo siehe auch:
Starke Wirkung der "Droge Arzt" auf Beschwerdeminderung nachgewiesen

Teure Placebo-Pillen werden im Experiment weitaus besser bewertet als billige

Evidenzbasierte Informationen zu alternativmedizinischen Methoden:
Stiftung Warentest. Die Andere Medizin. "Alternative Heilmethoden" für Sie bewertet.

David Klemperer, 13.9.2008


Alternative Medizin: Patienten sind zufriedener, obwohl der Therapieerfolg nicht optimal ist

Artikel 1119 Patienten, die bei einem alternativmedizinischen Arzt in Behandlung waren, äußern sich zufriedener über die Behandlung und geben auch öfter an, dass ihre Erwartungen voll erfüllt worden sind - und dies, obwohl ihre Krankheitssymptome und Beschwerden sich weniger stark besserten als bei einer Kontrollgruppe anderer Patienten, die bei einem schulmedizinischen Arzt in Behandlung waren. Diesen bei erster Betrachtung paradoxen Befund stellten jetzt Schweizer Wissenschaftler in einer Studie vor, die in der Zeitschrift "Journal of Evaluation in Clinical Practice" veröffentlicht wurde.

Die Daten der Befragung stammen aus dem in der Schweiz durchgeführten Modellvorhaben zur Alternativ- und Komplementärmedizin "Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK)", bei dem alle Schweizer Bürger knapp 6 Jahre lang kostenfreien Zugang zu Heilmethoden der anthroposophischen Medizin, Homöopathie, Neuraltherapie, Phytotherapie und traditionellen chinesische Medizin hatten (vgl.: Modellversuch zur Alternativmedizin in der Schweiz beendet). Für die Datenanalysen berücksichtigt wurden Patienten, die wegen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung (überwiegend: Bluthochdruck) in Behandlung gewesen waren. Ein Teil dieser Gruppe beantwortete zum Ende der Therapie knapp 25 Fragen, bei denen sie ihre Erfahrungen mit der Behandlung beschrieben. Dabei wurden fünf verschiedene Themen angesprochen, darunter die Arzt-Patient-Kommunikation, die Gründlichkeit der Untersuchung und der Therapieerfolg, die Informations- und Beratungsqualität.

Einbezogen in die Analysen waren dann 482 Patienten, die bei 199 Ärzten in Behandlung gewesen waren. Etwa ein Viertel der Ärzte behandelte ausschließlich nach schulmedizinischen Prinzipien, ein Viertel wendete Methoden der Schul- und Alternativmedizin an, ohne für die Alternativmedizin zusätzliche Qualifikationen erworben zu haben. Etwa die Hälfte wendete beide Methoden an, hatte jedoch eine zusätzliche Ausbildung absolviert, etwa für Homöopathie oder Akupunktur.

In der statistischen Analyse wurde dann verglichen, ob die Patientenerfahrungen Unterschiede aufwiesen, je nachdem, ob die Patienten einen schul- oder alternativmedizinischen Therapeuten in Anspruch genommen hatten. Hierbei wurden verschiedene zusätzliche Bedingungen statistisch mit kontrolliert, wie Alter der Patienten, Geschlecht, Bildungsniveau, weitere Erkrankungen. Als Ergebnis zeigte sich dann:

• Patienten, die von einem Schulmediziner behandelt worden waren, äußerten häufiger (25%), dass die Krankheitssymptome vollständig verschwunden waren (18% bei ausschließlich alternativmedizinischer Behandlung)
• Gleichwohl waren Patienten eines Schulmediziners weniger zufrieden mit der Behandlung (56% vs. 66%)
• und gaben auch seltener an (31% vs. 41%), dass ihre Erwartungen an die Behandlung vollständig erfüllt worden wären.

Dieser vermeintliche Widerspruch erklärt sich nach Annahme der Wissenschaftler daraus, dass Patienten in der Alternativmedizin eine bessere Qualität der Kommunikation und Information erfahren und auch angeben, dass die Zeitdauer des Gesprächs mit dem Arzt länger ist.
• Diese Zeitdauer des Gesprächs wird beim Alternativmediziner mit 22,5 Minuten im Durchschnitt beziffert, bei Schulmediziner hingegen nur mit 16,3 Minuten
• Bei allen Fragen zur Qualität der Arzt-Patient-Kommunikation wird diese bei Patienten in alternativmedizinischer Behandlungen sehr viel besser bewertet, der Grad der Zufriedenheit ist im Durchschnitt anderthalb mal so hoch. Dies betrifft beispielsweise die Aspekte: "Es war genug Zeit während der Konsultation", "Der Arzt zeigte Interesse an meiner persönlichen Situation", "Er machte es mir leicht, meine Probleme zu schildern", "Er hörte mir aufmerksam zu".

Deutlich wird aus den Ergebnissen der Studie einerseits, dass die Qualität der Kommunikation mit dem Arzt ein zentraler, wenn nicht "der" beherrschende Einflussfaktor für die Patientenzufriedenheit ist. Andererseits wird aber auch deutlich, dass Patienten in der medizinischen Versorgung nicht immer und ausschließlich nur eine Kuration von Krankheitssymptomen suchen. Möglicherweise erfüllt das Gespräch mit dem Arzt für eine bestimmte Patientengruppe auch die Funktion einer niederschwelligen Psychotherapie oder zumindest Mitteilung psychosozialer Probleme, eine Funktion, die Alternativmediziner offensichtlich besser erfüllen als schulmedizinisch tätige Ärzte. (vgl. hierzu auch: "Alternative Medizin" - was steckt hinter der boomenden Nachfrage?)

Hier ist ein Abstract der Schweizer Studie: Klazien Matter-Walstra u.a.: Patient-based evaluations of primary care for cardiovascular diseases: a comparison between conventional and complementary medicine (Journal of Evaluation in Clinical Practice 14 (1), 75-82. doi:10.1111/j.1365-2753.2007.00799.x)

Gerd Marstedt, 27.1.2008


Anhänger der alternativen Medizin sind stärker interessiert an Mitbestimmung in der ärztlichen Sprechstunde

Artikel 1048 Stellen Anhänger der Alternativ- und Komplementärmedizin eine besondere Gruppe von Patienten dar, die sich durch bestimmte Wertorientierungen oder Überzeugungen systematisch von anderen unterscheiden oder um ganz "normale" Patienten, die neben der Schulmedizin einfach mal etwas anderes ausprobieren wollen? Eine Meta-Analyse von knapp 100 Veröffentlichungen hat jetzt dazu in der Zeitschrift "Journal of Health Psychology" einige interessante Ergebnisse vorgelegt. Als Forschungsbilanz festgehalten wird unter anderem, dass diese Patienten sehr viel stärker interessiert sind an "Partizipativer Entscheidungsfindung" in der ärztlichen Sprechstunde und dass es sich häufiger um "unkonventionelle", "kulturell kreative" Persönlichkeiten handelt.

Insgesamt 94 Veröffentlichungen hat ein Forschungsteam der Universität von Southampton (England) noch einmal bilanziert. Fragestellung war: Unterscheiden sich Patienten, die alternative Heilmethoden wie Akupunktur oder Homöopathie ausprobieren, von anderen Patienten, die diese außerhalb der Schulmedizin angesiedelten Therapiemethoden nicht kennen? In die Metaanalyse einbezogen wurden Studien aus den Jahren 1995-2005, die unterschiedliche Aspekte überprüft hatten: Kontrollerwartungen und Einstellungen bezüglich Shared Decision Making, Einstellungen und Überzeigungen hinsichtlich einer ganzheitlichen und natürlichen Therapie, subjektive Theorien von Gesundheit und Krankheit, allgemeine Lebensphilosophien.

Als Ergebnis der Forschungsbilanz zeigte sich:
• Häufig wird in der Literatur die Hypothese auggestellt, dass Nutzer der Alternativmedizin eine stärkere Kontrollerwartung haben, also der Überzeugung sind, selbst einen sehr großen Einfluss zu haben auf ihren Gesundheitszustand oder auch die Regeneration bei einer Erkrankung. Ob dies so zutrifft, ist unklar. In 10 von 13 empirischen Studien fand sich hierzu keine Bestätigung, nur in drei Studien gab es hierzu Belege.

• Recht eindeutig sind andererseits Befunde im Hinblick auf Mitbestimmungswünsche. Hier finden sich in 10 von 13 Studien Hinweise, dass Anhänger der Alternativmedizin auch ein sehr nachhaltiges Interesse an Partizipativer Entscheidungsfindung in der ärztlichen Sprechstunde haben. Ebenso findet sich hier häufiger eine aktive Bewältigungsstrategie im Umgang mit Erkrankungen, durch ein bewusstes Ausleben von Gefühlen und eine intensive Informationssuche (anstelle von Verdrängungs- oder Bagatellisierungsstrategien).

• Allerdings fanden die Wissenschaftler auch, dass die Verhältnisse doch noch ein wenig komplizierter sind. Nutzer der Komplementärmedizin sind häufig chronisch erkrankt, und auch aufgrund dieser Erkrankung muss man ihr Interesse deuten, vom Arzt stärker informiert und in Entscheidungen einbezogen zu werden.

• Im Hinblick auf subjektive Krankheitstheorien ist der Forschungsstand noch recht unbefriedigend, da viele Studien bei Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen (wie Krebs) durchgeführt wurden und unklar ist, ob die Befunde auch auf andere Gruppen übertragbar sind. Einige Studien deuten indes an, dass Nutzer der Komplementärmedizin stärker an soziale und psychische Faktoren bei der Krankheitsentstehung glauben.

• Ob auch die Erwartung an eine "ganzheitliche" Medizin, die biologische, psychische und soziale Faktoren gleichrangig berücksichtigt, zentrales Unterscheidungsmerkmal ist, lässt sich nicht abschließend beantworten. 5 Studien fanden hierzu empirische Belege, in 4 Studien war dies nicht der Fall.

• In einigen Studien fanden sich darüber hinaus Hinweise, dass Nutzer der Komplementärmedizin häufiger als "unkonventionelle" und "kulturell kreative" Persönlichkeiten gekennzeichnet werden können. Unter ihnen finden sich mehr Anhänger des Feminismus und der Öko-Bewegung, mehr Anhänger auch spiritueller und esoterischer Überzeugungen.

Ein Defizit bisheriger Forschungsstudien - und in dessen Gefolge auch der Meta-Analyse - ist zweifellos, dass die Gruppe der "Anhänger" oder "Nutzer" von Alternativmedizin nicht klar definiert ist. Hier findet man sowohl Patienten, die von den Vorteilen dieser Therapien fest überzeugt sind, wie zufällige oder Gelegenheits-Nutzer, die bei ihrem schulmedizinisch orientierten Arzt als Ergänzung auch mal eine von der Krankenkasse bezahlte Akupunktur verschrieben bekommen. Ebenso wird die Art und Intensität der Nutzung kaum differenziert. Aber es ist sicher ein Unterschied, ob ein Patient dauerhaft zu seinem anthropologisch oder homöopathisch orientierten Arzt geht, oder ob er bei einer akuten Erkrankung auch mal Naturheilmittel oder Bachblüten ausprobiert.

Hier ist ein kostenloses Abstract der Studie mit sehr vielen Literaturquellen: Felicity L. Bishop u.a.: A Systematic Review of Beliefs Involved in the Use of Complementary and Alternative Medicine (Journal of Health Psychology, Vol. 12, No. 6, 851-867, 2007)

Gerd Marstedt, 9.12.2007


Heilungserfolge sind komplexer und verblüffender als angenommen - Das Beispiel der Akupunktur bei Rückenschmerzen

Artikel 0931 "Kreuzschmerzen" sind eine der derzeit häufigsten und auch am schwierigsten zu behandelnden akuten aber auch chronischen Erkrankungen. Kein Wunder, dass es gerade hier immer wieder Versuche gibt, das klassische und oft wenig wirksame Therapierepertoire der Orthopädie und Pharmakologie durch vorgeblich wirksamere und nebenwirkungsärmere Alternativen zu ersetzen oder zu begleiten.

Dazu gehört aus der traditionellen chinesischen Medizin die Akupunktur, die mit einer enormen Gewissheit und Sicherheit von der Existenz eines Systems von therapeutisch spezifischen Punkten ausgeht, die es z. B. durch Nadeln so zu stimulieren gilt, dass z. B. Kreuzschmerzen verschwinden. Da es also nicht egal zu sein scheint, wo und wie akupunktiert wird, durchläuft eine rasch zunehmende Anzahl ganz "normaler" westlich-somatisch orientierter Ärzte Weiterbildungskurse, nach deren Besuch sie dann die Nachfrage von Patienten befriedigen können. Akupunktur ist also seit einiger Zeit kein exotisches Angebot mehr, sondern integraler Bestandteil westlicher ärztlicher Therapeutik.

Ob zu recht wird immer wieder partiell aber auch umfassend bezweifelt. Ein umfassender Zweifel regt sich bei den auch über die Akupunkturprozedur hinaus der chinesischen Medizin verpflichteten Heilern. Sie bezweifeln, dass das Herausbrechen dieser Technik und ihr Einbau in eine ansonsten naturwissenschaftlich und somatisch orientierte Medizin die Wirksamkeit unbeeinträchtigt sein lässt.

Diese Art von Zweifel wird jetzt auch durch die Ergebnisse einer vergleichenden Studie über die Wirksamkeit von tatsächlicher Akupunktur ("real acupuncture" oder verum) (n=387), traditioneller medizinischer Therapie (bestehend aus Physiotherapie, Bewegungstherapie und medikamentöser Behandlung) (n= 388) und einer Pseudo-Akupunktur ("sham acupuncture") (n=387) gefördert.

In der neuesten Ausgabe der amerikanischen Fachzeitschrift "Archives of Internal Medicine" (2007;167:1892-1898) berichtet eine deutsche Autorengruppe über die Ergebnisse einer gegenüber Patienten und Behandlern verblindeten randomisierten kontrollierten Studie im Rahmen des "German Acupuncture Trial (GERAC)", die derartige Vergleiche zuließ. Dazu wurde eine Gruppe von 1.162 Erwachsenen im Alter von 18 bis 86 Jahren, die mindestens schon 8 Jahre an chronischen Kreuzschmerzen litten und dazu in 340 ambulanten Praxen in Behandlung waren, zufällig auf eine der drei genannten Gruppen verteilt.
• Die Akupunkturbehandlung bestand aus zehn 30-minütigen Sitzungen mit fünf weiteren Sitzungen für die Patienten, die nach den ersten zehn Sitzungen eine Schmerzreduktion erfuhren.
• Die Pseudo- oder Scheinakupunktur bestand aus oberflächlichen Nadeldrücken an Nicht-Akupunkturpunkten.
• Im Rahmen der konventionellen Therapie erhielten Patienten ein umfangreiches Programm von Medikamenten bis zur Ergotherapie.

Nach 6 Monaten war die Erfolgsrate (gemessen mit dem "Von Korff Chronic Pain Grade Scale"-Fragebogen und dem "Hanover Functional Ability Questionnaire") von 48 % bei der wirklichen Akupunktur statistisch signifikant höher als die Erfolgsrate der konventionellen Therapie mit 27 %. Nahezu gleich hoch, nämlich 44 %, war aber die Erfolgsrate der Pseudo-Akupunktur, also der Behandlung bei der die Patienten lediglich annahmen sie würden akupunktiert. Der Unterschied der gemessenen Erfolge von wirklicher und lediglich vorgetäuschter Akupunktur war statistisch insignifikant.

Die Ergebnisse, so die Autoren, "forces us to question the underlying action mechanism of acupuncture and to ask whether the emphasis placed on ... traditional Chinese acupuncture points may be superfluous", d.h. überflüssig. Mit anderen Worten: Muss wirklich an bestimmten Punkten "zugestochen" werden, um die Wirkung zu erzielen?

So empirisch evident diese fundamentale Relativierung der Bedeutung der Akupunkturpunkte ist, sollte nicht vergessen werden, dass beide Akupunktur-Formen eine weit höhere Wirkung als die konventionellen Therapien hatten. Auf welchen Mechanismen dies beruht und welche überragende Bedeutung auch hier wieder eine Art Placebo (wörtlich "ich werde gefallen") hat, sollte angesichts der Flut vieler durch spezifische Heilungsversprechen charakterisierten neuen Behandlungsformen noch viel gründlicher untersucht werden.

Anzumerken bleibt noch, dass die konventionelle "schulmedizinische" Therapie den geringsten Erfolg zeigte. Hier zeigte sich bei nur 27% der Patienten eine Besserung.

Ein Abstract des Aufsatzes "German Acupuncture Trials (GERAC) for Chronic Low Back Pain" von Michael Haake et al. ist hier kostenfrei erhältlich.

Bernard Braun, 25.9.2007


US-Studie zeigt: Nutzer alternativer Heilmethoden haben einen gesünderen Lebensstil

Artikel 0887 Eine Befragung von über 31.000 US-Amerikanern hat jetzt noch einmal Ergebnisse früher Studien bestätigt: Nutzer alternativer Medizin weisen öfter einen gesünderen Lebensstil auf als andere Bürger. Deutlich wurde dies insbesondere daran, dass diese Anhänger der Komplementärmedizin in ihrer Freizeit sehr viel mehr Sport treiben und körperliche Bewegung suchen. Darüber hinaus zeigte sich auch, dass der Gesundheitszustand eine große Rolle spielt. Wer von einer Behinderung betroffen ist, aufgrund von Erkrankungen überdurchschnittlich oft zum Arzt gegangen ist, versucht ebenfalls sehr viel häufiger eine effektive Behandlungsmöglichkeit außerhalb der Schulmedizin zu finden.

Basis der Studie sind Befragungsdaten aus dem im Jahr 2002 in den USA bundesweit durchgeführten "National Health Interview Survey". Einbezogen wurden in die Analysen insgesamt 31.044 Erwachsene. Als unabhängige Variablen wurden einerseits Aspekte des Gesundheitsverhaltens erhoben (Rauchen, Alkoholkonsum, Sport und körperliche Bewegung, Body Mass Index), andererseits auch sozialstatistische Aspekte (Alter, Geschlecht, Bildungsniveau usw) und Daten zum Gesundheitszustand sowie die Inanspruchnahme medizinischer Versorgung.

Als zentrale abhängige Variable wurde berücksichtigt, ob jemand in den letzten 12 Monaten alternative Heilmethoden erprobt hatte. Dazu zählten sehr unterschiedliche Behandlungen, wie unter anderem Akupunktur, Biofeedback, Ayurveda, Chiropraktik, Hypnose, Naturheilmittel und Naturheilverfahren, Yoga, Tai Chi, Quigong und andere Entspannungstechniken.

Als Ergebnis zeigte sich:
• Wie schon in vielen Studien zuvor, wiesen Jüngere (unter 65), Frauen und Befragte mit höherem Bildungsniveau deutlich öfter Erfahrungen mit alternativer Medizin auf. So hatten 52% derjenigen mit einem Bildungsabschluss Master oder Doktor solche Erfahrungen, aber nur 21% mit dem niedrigsten Bildungsniveau. Ähnliche große Differenzen fand man für die Einkommenshöhe.
• Eine große Rolle spielt der Gesundheitszustand. Studienteilnehmer mit Behinderungen, mit einer großen Zahl von Erkrankungen oder Arztbesuchen im vergangenen Jahr hatten etwa doppelt so oft Methoden der Komplementärmedizin ausprobiert.
• Schließlich ist aus das Gesundheitsverhalten von Bedeutung. Mehr Erfahrungen mit alternativer Medizin weisen Personen auf, die in ihrer Freizeit regelmäßig und intensiv Sport betreiben. So liegt die Erfahrungsquote bei intensivem Sport bei 47%, bei gelegentlichem Sport bei 41% und bei keinerlei Sport bei 23%. Ähnliche Zusammenhänge zeigen sich für Personen, die gelegentlich Alkohol trinken, aber keine regelmäßigen Trinker sind. Besonders niedrig ist die Kenntnis der Alternativmedizin andererseits bei lebenslangen Abstinenzlern.

Im Rahmen einer multivariaten Analyse, die den Einfluss sozialstatistischer Variablen zusätzlich zu anderen Einflussfaktoren mitberücksichtigt, wurde ein Teil dieser beobachteten Effekte leicht abgeschwächt. Der zentrale Befund hatte jedoch Bestand: "Those engaging in positive health behaviors and exhibiting fewer health risk factors are more likely to use CAM than those who forgo positive health behaviors or exhibit more health risk factors."

• Hier ist ein Abstract der Studie: Richard L Nahin u.a.: Health behaviors and risk factors in those who use complementary and alternative medicine (BMC Public Health 2007, 7:217 -doi:10.1186/1471-2458-7-217)
• Für die komplette Studie gibt es auf der Website von BMC Public Health eine provisorische PDF

Aus einer repräsentativen deutschen Bevölkerungsumfrage (Gesundheitsmonitor der Bertelsmann-Stiftung) waren unlängst ähnliche Befunde hervorgegangen. Dort hatte sich gezeigt, dass "Anhänger" der Alternativmedizin auch - nach eigener Aussage - etwas stärker auf ihre Gesundheit achten, häufiger an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen und auch öfter regelmäßig Sport betreiben. Diese Studie hatte noch weitere Merkmale der typischen Nutzer von alternativen Heilmethoden identifiziert. Dies sind Patienten, die
• sich im Alltag gesundheitsbewusster verhalten, ein anderes Verhältnis zu ihrem Körper haben, eine "sanftere" Medizin bevorzugen und Selbstheilungskräften eine große Rolle für Therapie und Rekonvaleszenz zuerkennen
• mehr Kommunikation und soziale Unterstützung in der medizinischen Versorgung suchen, zum Teil auch emotionalen Beistand und "Seelsorge", mehr "sprechende Medizin" und im weitreichendsten Fall sogar psychotherapeutische Momente
• das Thema Gesundheit und Krankheit für sich selbst entdeckt haben, sich sehr intensiv um Informationen zu Krankheitsursachen wie Therapie-Möglichkeiten bemühen
• die alleinige Experten-Rolle des Arztes nicht anerkennen, im Behandlungsprozess aktiv mitwirken und auch Entscheidungen selber treffen oder zumindest mittragen möchten.
vgl.: "Alternative Medizin" - was steckt hinter der boomenden Nachfrage?

Gerd Marstedt, 30.8.2007


Der Placebo-Effekt in der Medizin: Studien der Hirnforschung zeigen neurologische Mechanismen der Patientenerwartung

Artikel 0753 Die Diskussion um den Placebo-Effekt in der Medizin ist in der letzten Zeit wieder stärker entbrannt, seit in einer Reihe klinischer Studien zur Wirksamkeit alternativer Heilmethoden (Akupunktur, Homöopathie) so nicht vorhergesehene Ergebnisse ans Tageslicht kamen. So zeigte sich etwa, dass eine nur scheinbar oder nicht nach den Regeln der chinesischen Heilkunst durchgeführte Akupunktur genau so wirksam war wie eine echte, sogenannte "Verum-Akupunktur". Ähnlich wurden auch die medizinischen Erfolge homöopathischer Vorgehensweisen gedeutet: Reine Placebo-Effekte, die nicht auf der Wirkung von Substanzen beruhen, sondern allein oder überwiegend auf der Einbildungskraft und Erwartung des Patienten.

Zwar haben viele namhafte Wissenschaftler schon seit langem hervorgehoben, dass eben diese psychischen Faktoren für jeden Heilungsprozess eine überaus große Rolle spielen und womöglich wichtiger für die Genesung sind als medikamentöse oder technische Einwirkungen der Medizin. Gleichwohl zeigte sich immer wieder eine Kluft zwischen streng naturwissenschaftlich orientierten Medizinern und solchen, die eher psychosomatischen und ganzheitlichen Krankheitstheorien anhingen. Neue Akzente in diesem Streit setzt nun ein Artikel des Medizinjournalisten Jörg Blech ("Die Krankheitserfinder", "Heillose Medizin") der jetzt als SPIEGEL-Titelgeschichte veröffentlich wurde: Die Heilkraft der Einbildung: Akupunktur - Homöopathie - Naturmedizin (SPIEGEL als E-Paper kostenpflichtig)

Blechs Titelgeschichte ist eine journalistisch sehr umfassend recherchierte und (im Unterschied zu vielen wissenschaftlichen Literaturübersichten) flott geschriebene Übersicht über wissenschaftliche Studien, in denen erstaunliche Belege zutage getreten sind über die "Heilkraft der Einbildung" - bei kranken Patienten, aber auch bei Tieren. Der Artikel berichtet über die erstaunliche therapeutische Wirkung von Kochsalzlösungen, wenn Patienten im Glauben belassen werden, es handle sich um hochwirksame Arzneien, oder über erfolgreiche Therapien bei Rückenschmerz- oder Arthrose-Patienten, die im Glauben waren, bei ihnen sei ein komplizierter operativer Eingriff durchgeführt worden, obwohl sie lediglich unter Narkose standen, aber ohne jede Operation. Auch erfährt man einiges über unterschiedliche Wirkungen von Placebo-Pillen ohne jede Wirksubstanz: Gelbe Kapseln regen an, blauen machen müde, große Pillen wirken stärker als kleine.

Aufschlussreicher als diese zusammenfassende Darstellung klinischer Studien mit Placebo-Gruppen sind jedoch zwei andere Argumentationsfäden im SPIEGEL-Artikel. Zum einen stellt Jörg Blech neuere Ergebnisse der Hirnforschung vor, die aufschlussreiche Erkenntnisse bringen über jene neurologischen und physiologischen Mechanismen im menschlichen Gehirn, die durch Erwartungen und Hoffnungen von Patienten bei einer Therapie in Gang gesetzt werden.

Diese neueren Studien der Hirnforschung haben Erstaunliches gezeigt. So zeichneten an der University of Michigan Computertomografen auf, wie sich körpereigene Schmerzmittel (Endorphine) bilden und an bestimmte Rezeptoren im Gehirn binden, weil die Patientin und Teilnehmerin an dem Versuch festen Glaubens ist, ein neuartiges Schmerzmittel injiziert zu bekommen - in Wirklichkeit jedoch fließt nur Kochsalzlösung. Ähnliche Untersuchungen an der Universität Turin haben Aktivitäten von Nervenzellen in bestimmten Hirnregionen bei Parkinson-Patienten festgehalten, denen man ebenfalls nur ein Placebomittel verabreicht hat. Diese und viele andere Studien zeigen erstmals auch für streng Naturwissenschafts-Gläubige, wie Hoffnungen und Erwartungen von Patienten sich in Hirnaktivitäten oder Veränderungen im Immunsystem niederschlagen, und zwar in einer Weise, die eine daraus resultierende Verbesserung im gesundheitlichen Befinden oder in der Wahrnehmung von Schmerz überaus plausibel und mit medizinischen Erkenntnissen vereinbar macht. Zitat: "Zug um Zug entdecken die Forscher: Der Placebo-Effekt ist ein höchst reales Hirngespinst. Er hat eine biologische Entsprechung im Nervensystem und führt zu nachweisbaren Veränderungen im Körper."

Der Artikel verdeutlicht jedoch auch die Ignoranz und Überheblichkeit von Medizinern, die diese Befunde nicht zur Kenntnis nehmen wollen und nach wie vor den erkrankten Menschen als seelenlosen Hi-Tec-Apparat behandeln, bei dem eine Störung durch chemische, physikalische oder chirurgische Maßnahmen behoben werden kann. Deutlich wird dies für Blech etwa an der Geringschätzung von Information und Kommunikation in der ärztlichen Praxis, die jedoch vielfältige Möglichkeiten verhindert, tatsächlich einen für die Therapie wirksamen Placebo-Effekt im Sinne eines festen Glaubens an die Genesung aufzubauen. Möglicherweise resultiert aus dieser Ignoranz der Schulmedizin auch die große Attraktivität der "alternativen Heilmethoden". Zitat aus dem Spiegel-Artikel: "Im Unterschied zu den Schulmedizinern verstehen es die Nadeltherapeuten [Mediziner, die Akupunktur durchführen, FG] offensichtlich viel besser, die Hoffnung ihrer Patienten zu wecken. Der beteiligte Arzt Heinz Endres von der Universität Bochum und seine Kollegen schreiben, dass Akupunktur bedingt durch eine Kombination unspezifischer Faktoren ein Superplacebo darstellt."

Auch gut kontrollierte klinische Studien über die Wirksamkeit bestimmter Therapieformen haben bislang zumeist sehr stark schwarz-weiß gemalt. Eine Interventionsgruppe und eine Kontrollgruppe wurden einander gegenüber gestellt und verglichen, dahinter stand das falsche Denkmodell: Hier wird interveniert, dort geschieht nichts. Völlig unberücksichtigt und unkontrolliert blieben dabei jedoch oftmals die sozialen Rahmenbedingungen des Versuchs und die damit bewirkten, teilweise sehr unterschiedlichen Patientenhoffnungen und -erwartungen, die jedoch den Therapieerfolg maßgeblich mit beeinflussen. Auch die bereits eingangs zitierte Meta-Analyse von Akupunkturstudien bei Knie-Arthrose hat gezeigt, dass die Ergebnisse vermutlich auch abhängig waren von unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Erwartungen der Teilnehmer in den einzelnen Gruppen. Ein PDF der Studie ist hier zu finden: Meta-analysis: Acupuncture for Osteoarthritis of the Knee (Ann Intern Med. 2007;146:868-877)

Ein ähnliches Ergebnis zeigte sich auch für die Bilanz der sog. GERAC-Akupunktur-Studie in Deutschland (vgl. Forum Gesundheitspolitik: GERAC-Akupunkturstudien zeigen: Akupunktur ist der Standardtherapie teilweise überlegen. Auch dort wurde deutlich, dass SHAM- und Verum-Akupunktur insbesondere bei chronischen Kopfschmerzen überaus wirksam und der schulmedizinischen Therapie mit Medikamenten überlegen waren, beide jedoch in ähnlich großem Umfang.

Gerd Marstedt, 24.6.2007


GERAC-Akupunkturstudien zeigen: Akupunktur ist der Standardtherapie teilweise überlegen

Artikel 0506 Im Rahmen eines Modellvorhabens der Krankenkassen wurde mit den "German Acupuncture Trials" (GERAC) die Wirksamkeit von Akupunktur bei mehreren Indikationen systematisch überprüft. Zwei zusammenfassende Berichte über die Ergebnisse wurden jetzt im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht. Danach zeigt sich entweder (Gelenk- und Rückenschmerzen) eine Überlegenheit der Akupunktur gegenüber den üblichen Standardtherapien, was die Beschwerdelinderung anbetrifft oder aber (Migräne, Kopfschmerz) ein zur Standardtherapie gleichwertiger Effekt, der aber deshalb als höherwertig eingeschätzt werden muss, weil die Behandlungsdauer der Akupunktur sehr viel kürzer ist.

GERAC bestand aus einer bundesweit seit 2001 durchgeführten Beobachtungsstudie bei etwa 12.600 niedergelassenen Ärzten, und aus vier "randomisierten" Studien (mit systematisch konstruierten Teilnehmer-Gruppen, die jeweils eine andere Therapie bekamen, nämlich Scheinakupunktur, Akupunktur nach den Leitlinien der Traditionellen Chinesischen Medizin und schulmedizinische Standardtherapie) bei 500 dieser niedergelassenen Ärzte. Die vier für die randomisierten Studien zugelassenen Indikationen waren Spannungskopfschmerz, Migräne, Rückenschmerzen (LWS) und Gonarthrose. Die randomisierten Studien umfassten jeweils etwa 1.000 Teilnehmer. Über die Ergebnisse hatten wir bereits berichtet (Artikel auf dieser Seite: "Akupunktur hilft. Unklar bleibt: Sind es nur Placebo-Effekte?")

Die wichtigsten Ergebnisse der GERAC-Migränestudie waren:
• Migränepatienten weisen auch sechs Monate nach Beginn einer Akupunkturbehandlung eine klinisch relevante Verringerung der Migränetage auf.
• Die medikamentöse Migräne-Prophylaxetherapie (Standardtherapie) ist einer Akupunkturbehandlung nicht überlegen.
• Zwischen Verum- und Shamakupunktur (echter und Schein-Akupunktur) konnte kein Unterschied hinsichtlich der Verringerung der Migränetage festgestellt werden.
Die Autoren der Veröffentlichung heben hervor: "Zu beachten ist, dass die medikamentöse Prophylaxetherapie über den gesamten Beobachtungszeitraum von sechs Monaten verabreicht wurde, die Akupunkturbehandlung aber meistens nur über einen Zeitraum von sechs Wochen."

Für die Studien zum Gonarthroseschmerz zeigt sich: Die in 10-15 Akupunktursitzungen durchgeführten Akupunktur-Therapien reduzieren die Beschwerdesymptomatik stärker als eine nach Leitlinien durchgeführte Standardtherapie.

Kopfzerbrechen bereitet den Wissenschaftlern nach wie vor das Ergebnis, dass auch die Scheinakupunktur zu einer deutlichen Linderung der Schmerzen führt. Während bei der "echten" sog. "Verumakupunktur" gemäß den Leitlinien der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gestochen und die Nadel manuell bis zum Eintreten eines elektrisierenden Gefühls am Akupunkturpunkt stimuliert wird ("De Qi"-Gefühl), führte man bei der "falschen" sog. "Sham"-Akupunktur eine oberflächliche Akupunktur (bis maximal 3 mm) durch, ohne Nadelstimulation und an falschen Punkten. Fazit aus diesen medizinisch bislang unerklärbaren Fakten ist, "dass unbekannte, spezifische Mechanismen vorliegen, die unabhängig von Punktauswahl, Stichtiefe und Nadelstimulation zu einer Besserung des Krankheitsbildes führen."

Die beiden zusammenfassenden Berichte sind hier im Deutschen Ärzteblatt nachzulesen:
Akupunktur bei chronischen Kopfschmerzen (Deutsches Ärzteblatt 104, Ausgabe 3 vom 19.01.2007, Seite A-114)
Akupunktur bei chronischen Knie- und Rückenschmerzen (Deutsches Ärzteblatt 104, Ausgabe 3 vom 19.01.2007, Seite A-123)

Der Gemeinsame Bundesausschuss als Entscheidungsorgan, welche medizinischen Leistungen von den Kassen bezahlt werden und welche nicht, hatte Akupunktur in einem Beschluss vom April 2006 lediglich bei Gelenk- und Rückenschmerzen als Kassenleistung anerkannt. (G-BA: Akupunktur zur Behandlung von Rücken- und Knieschmerzen wird Kassenleistung

Gerd Marstedt, 21.1.2007


Akupunktur: Eine Bilanz der Modellvorhaben in der GKV

Artikel 0234 In zwei Artikeln berichtet das Deutsche Ärzteblatt zusammenfassend über Ergebnisse aus Modellvorhaben zur Akupunktur in der GKV, über die vor kurzem auch umfassende Berichte veröffentlicht wurden, und zwar über Ergebnisse der Modellprojekte der Angestellten-Ersatzkassen und der Techniker Krankenkasse.

Das Ärzteblatt zieht im Leitartikel (Ausgabe 4 vom 27.01.2006, Seite A-185) folgende Bilanz:
• Es zeigt sich nicht nur eine hohe Patientenzufriedenheit, auch klinisch relevante Wirkungen unter kontrollierten Bedingungen konnten nachgewiesen werden.
• Zugleich gibt es allerdings, zumindest bei bestimmten Indikationen, Schwierigkeiten beim Nachweis punktspezifischer Wirkungen im Vergleich zu Schein- oder Minimalakupunktur.
- Auch ohne diesen Nachweis spezifischer Effekte zeigt sich Akupunktur objektiv mindestens so wirksam wie die Standardtherapie.
• "Man kann vermuten, dass das Behandlungssetting der Akupunktur den Bedürfnissen vieler Patienten entgegenkommt und selbstaktivierende, selbstheilende Kräfte stimuliert. Dazu gehören die ausführliche Anamnese, also das Zuhören, die Sammlung sämtlicher Symptome, und somit die Wahrnehmung aller Aspekte der Krankheit und nicht die Reduktion auf eine fachgebietsspezifische Symptomatik."
• Die Wirkung ist vermutlich auch zurückzuführen auf "eine zeitintensive Arzt-Patienten-Interaktion, also das Gegenteil dessen, was manche Patienten im heutigen Medizinbetrieb erfahren".
• Weiterhin zeigen die Akupunkturstudien, dass erfahrene Akupunkteure bessere Ergebnisse erreichen: B-Diplomanden (350 Stunden Ausbildung) haben weniger unerwünschte Wirkungen als A-Diplomanden (140 Stunden).

Hinsichtlich der Forderung, Akupunktur nun ohne jede Einschränkung (bislang war die Teilnahme an einem wissenschaftlich kontrollierten Modellvorhaben Voraussetzung) in den GKV-Leistungskatalog aufzunehmen, kommt der Autor des Leitartikels, Dominik Irnich von der Interdisziplinären Schmerzambulanz des Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität, zu dem Schluss: "Hierbei besteht die Gefahr, dass die Akupunktur auf ein reines Nadelstechen reduziert wird und damit ein Teil der Wirkungen verloren geht. (...) Viele, besonders chronische Patienten brauchen Zeit und Zuwendung vom Arzt und nicht nur ein Rezept. Die Akupunktur als periphere Reiztherapie scheint diesen Aspekt, neben ihrer unbestrittenen physiologischen Wirkung, wirksam in ihr Behandlungssetting zu integrieren. Es müssen die Patienten identifiziert werden, die eine solche Behandlung brauchen."

Hier sind die Aufsätze als PDF-Dateien abrufbar:
Leitartikel: Akupunktur für alle?
Akupunktur bei chronischen Schmerzen: Ergebnisse aus dem Modellvorhaben der Ersatzkassen
Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit der Akupunktur - Ein Modellvorhaben mit der Techniker Krankenkasse

Gerd Marstedt, 1.2.2006


Wirksamkeit der Homöopathie: Nichts als Placebo-Effekte?

Artikel 0221 Beweise für einen spezifischen Effekt homöopathischer Heilmittel sind nach einer jetzt in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichten Sekundäranalyse verschiedener Studien eher schwach. Die Autoren folgern, dass die klinischen Effekte von Homöopathie auf Placebo-Effekte zurückzuführen sind.

Matthias Egger von der Universität Bern und seine Kollegen verglichen 110 placebokontrollierte, randomisierte Studien zur Homöopathie mit 110 konventionellen medizinischen Studien, die bezüglich der Erkrankung und dem Behandlungsziel vergleichbar waren. Die klinischen Bereiche, die in den Studien untersucht wurden, erstreckten sich von Atemwegs-Infektionen über Operationen bis hin zur Anästhesiologie. Die Forscher analysierten Behandlungseffekte sowohl in kleineren, qualitativ weniger hochwertigen als auch in größeren, qualitativ hochwertigen Studien. In beiden Gruppen zeigten die kleineren Studien bessere Behandlungseffekte als die größeren. Wurde die Analyse auf die größeren Studien beschränkt, zeigte sich keine bessere Wirkung homöopatischer Medikamente im Vergleich mit Placebos, obwohl bei konventionellen Medikamenten ein deutlicher Effekt zu verzeichnen war.

Professor Egger erklärt: "Unsere Studie demonstriert deutlich den Zusammenhang und die kumulativen Effekte verschiedener Quellen der Voreingenommenheit. Wir geben zu, dass es unmöglich ist, das Ausbleiben eines Effekts zu beweisen, doch wir konnten zeigen, dass die Wirkungen, die in placebokontrollierten Studien zur Homöopathie gefunden wurden, mit der Placebo-Hypothese vereinbar sind."

Eine Kurzfassung der Ergebnisse ist als Pressemeldung der Zeitschrift "Lancet" verfügbar: Klinische Effekte von Homöopathie sind Placebo-Effekte. Der gesamte Artikel (englisch, PDF-Datei) ist hier abrufbar: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy

Die Ergebnisse der Studie blieben - wie zu erwarten - nicht unwidersprochen. Die Wiener Forscher Michael Frass von der Klinik für Innere Medizin I am AKH-Wien, Ernst Schuster vom BE für medizinische Statistik und Informatik an der Medizinischen Universität und die Pharmazeutin Ilse Muchitsch kritisierten in einer Pressemeldungen insbesondere methodisches Vorgehen und Schlussfolgerungen. "Der Leser sollte im Auge behalten, dass diese Arbeit nicht, wie im Titel suggeriert, Studien der Homöopathie mit Studien der konventionellen Medizin vergleicht, sondern die spezifischen Effekte der beiden Methoden in unabhängigen Analysen. Daher darf ein direkter Vergleich aus dieser Studie nicht gezogen werden", argumentieren die Wiener Forscher. "Hätten sie das nämlich getan, dann wäre kein statistisch nachweisbarer Effekt übrig geblieben". Die Kritik ist in einem Zeitschriften-Aufsatz des "JournalMed" abgedruckt: Homöopathie ist kein Placebo: Lancet-Artikel entbehrt wesentlicher wissenschaftlicher Grundlagen.

Gerd Marstedt, 28.12.2005


Krankenkassen müssen bei Schwerkranken auch alternative Heilmethoden bezahlen

Artikel 0216 Die Gesetzliche Krankenversicherung muss schwer erkrankten Patienten auch alternative Heilmethoden bezahlen, wenn diese eine Hoffnung auf Heilung bieten und die Schulmedizin keine Therapiemöglichkeit mehr sieht. Mit diesem am 16.12.2005 bekannt gegebenen Beschluss gab das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe der Beschwerde eines 18jährigen statt, der an einer seltenen Muskelkrankheit leidet.

"Es ist mit den Grundrechten aus Art. 2 Abs. 1 GG in Verbindung mit dem Sozialstaatsprinzip und aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG nicht vereinbar, einen gesetzlich Krankenversicherten, für dessen lebensbedrohliche oder regelmäßig tödliche Erkrankung eine allgemein anerkannte, medizinischem Standard entsprechende Behandlung nicht zur Verfügung steht, von der Leistung einer von ihm gewählten, ärztlich angewandten Behandlungsmethode auszuschließen, wenn eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf Heilung oder auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf besteht." Dieser Leitsatz geht der Urteilsbegründung des Bundesverfassungsgerichts voraus.

Der 18jährige Kläger leidet an der so genannten Duchenn'schen Muskeldystrophie, einer überaus seltenen und nur bei Männern auftretenden Krankheit, die zunächst zum Verlust des Gehvermögens, später zu weiteren Bewegungseinschränkungen sowie zu Herz- und Atemproblemen führt. Die Schulmedizin kennt keine Therapie, die diese Krankheit heilen oder Beschwerden nachhaltig lindern könnte. Daher wurde der Kläger schon als Kind mit einer Kombination verschiedener alternativer Heilmethoden (u.a. Homöopathie, Bioresonanztherapie) behandelt. Seit Herbst 2000 ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Eine mitbetreuende Ärztin stufte seinen Gesundheitszustand trotz des Verlustes der Gehfähigkeit im Vergleich zu anderen Betroffenen als gut ein.

Die Eltern bezahlten für diese Behandlungen rund 10.000 DM. Die Barmer Ersatzkasse als zuständige Krankenkasse lehnte eine Erstattung jedoch ab, weil der Erfolg der Methode wissenschaftlich nicht belegt sei. Das Bundessozialgericht (BSG) schloss 1997 die Kostenerstattung für alternative Heilmethoden zwar nicht grundsätzlich aus, lehnte dies aber im konkreten Fall ab, weil die Methode auch in alternativmedizinischen Kreisen nicht anerkannt und verbreitet sei. Dieses Urteil, so das Bundesverfassungsgericht sei jedoch "mit der grundgesetzlich garantierten allgemeinen Handlungsfreiheit, dem Sozialstaatsprinzip und dem Grundrecht auf Leben nicht vereinbar". Gerade bei einer schweren und lebensbedrohlichen Krankheit dürften die Versicherten nicht im Stich gelassen werden. Wenn die Schulmedizin diesen Kranken nicht mehr helfen könne, müsse die Krankenkasse ihnen auch alternative Methoden bezahlen, wenn diese "eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf Heilung oder auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf" versprechen.

Hintergründe, Stellungnahmen von Kassenverbänden, Urteilsbegründung zum Urteil des Bundesverfassungsgericht - 1 BvR 347/98 -

Gerd Marstedt, 19.12.2005


Akupunktur hilft. Unklar bleibt: Sind es nur Placebo-Effekte?

Artikel 0182 Akupunktur ist wirksam: Sowohl die Akupunktur nach den Regeln der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) als auch die sogenannte Sham-Akupunktur, bei der an (vermeintlich unwirksamen) Punkten gestochen wird, wirken besser gegen chronische Kreuz- und Knieschmerzen als die konservative Standardtherapie. Das sind die ersten Ergebnisse der weltweit größten Studien zur Wirksamkeit der Akupunktur gerac (German Acupuncture Trials), die in der Abteilung für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie der Ruhr-Universität Bochum koordiniert werden.

Je über 1000 Patienten mit länger als sechs Monate dauernden Kreuz- bzw. Knieschmerzen nahmen an den Studien teil. Sie wurden zufällig einer der drei Gruppen - TCM-Akupunktur, Sham-Akupunktur oder Standardtherapie - zugeordnet und erfuhren nicht, welche Art Akupunktur sie erhielten. Sechs Monate nach Ende der jeweiligen Therapie zeigte sich: Die Akupunktur nach TCM-Regeln erreichte bei 71% der Patienten einen Erfolg (Schmerzlinderung und/oder Funktionsverbesserung), die Sham-Akupunktur war in 68% der Fälle erfolgreich, die Standardtherapie jedoch nur in 58%. Ähnlich sehen die Ergebnisse drei Monate nach dem Behandlungsende für die Teilstudie Kniegelenksverschleiß (Gonarthrose) aus. "Die vergleichbar hohe Wirksamkeit der TCM- und der Sham-Akupunktur wirft weitere Fragen auf, ohne dass der beobachtete Effekt aus den vorhandenen Ergebnissen erklärt werden kann", erklärten die Wissenschaftler. Die Referate der Wissenschaftler zu den Studien sind verfügbar auf der Homepage der gerac - Deutsche Akupunktur Studien.

Dass Akupunktur wirksam ist, aber nicht mehr als ein Placebo (Scheinmedikament), schien wenige Monate zuvor eine andere deutsche Studie widerlegt zu haben. Die Allgemeingültigkeit dieser Befunde ist nun durch die gerac-Studie bei chronischen Kreuz- und Knieschmerzen wieder in Frage gestellt. Im Juli 2005 hatten Wissenschaftler der Berliner Charite (Leitung: Claudia Witt) in einer Presseerklärung festgestellt: Nach acht Wochen hatten Patienten, die unter Kniearthrose leiden, in der (echten) Akupunkturgruppe deutlich weniger Beschwerden als die Teilnehmer der Scheinakupunkturgruppe. Bei der unbehandelten Wartegruppe waren die Beschwerden erheblich höher. Nach sechs Monaten allerdings zeigte sich kein Unterschied mehr und der Effekt der Akupunkturbehandlung war deutlich abgeschwächt. Die Ergebnisse waren auch in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht worden.

Bei Migränepatienten war der schmerzlindernde Nutzen der Akupunktur bereits zuvor festgestellt worden. Das Zentrum für naturheilkundliche Forschung des Klinikums rechts der Isar hatte bei 270 Patienten mit chronischem Kopfschmerz und Migräne festgestellt: Akupunktur verringerte die Migräneattacken um knapp die Hälfte, dabei spielt es jedoch keine Rolle, ob die Akupunkturnadeln gemäß der traditionellen chinesischen Lehre gesetzt wurden oder wenige Zentimeter davon entfernt. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in der Zeitschrift JAMA, frei zugänglich ist ein Abstract. Dieter Melchart, Leiter des Zentrums für naturheilkundliche Forschung im Klinikum rechts der Isar, ist skeptisch, dass Akupunktur nur auf einem Placebo-Effekt beruht: "Die Akupunktur ist mehr als eine Placebopille. Die Nadelreize lösen vermutlich im Gehirn spezifische Vorgänge aus, die unsere Schmerzwahrnehmung drosseln. Hinzu kommt der psychologische Effekt der intensiven Betreuung durch den Therapeuten und die Entspannung, die der Patient während der Behandlung erfährt."

Tatsächlich haben englische Forscher herausgefunden, dass Akupunktur-Nadeln medizinisch nachweisbare Effekte im Gehirn auslösen. Das Team um George Lewith von der University of Southampton hatte berichtet, dass selbst die Behandlung mit Placebo-Nadeln gewisse Schmerzzentren in der Großhirnrinde aktiviert. Die echte Akupunktur erregt darüber hinaus noch ein weiteres Areal, über dessen Aufgaben man noch relativ wenig weiß. Ein Abstract der Studie ist hier: Expectancy and belief modulate the neuronal substrates of pain treated by acupuncture

Gerd Marstedt, 17.11.2005


Modellversuch zur Alternativmedizin in der Schweiz beendet

Artikel 0102 Rund sechs Jahre lang, von 1999 bis Ende Juni 2005, lief in der Schweiz die vermutliche umfassendste und zeitlich längste Studie zu alternativen Heilmethoden oder, wie in der Schweiz genannt: Komplementärmedizin. Mehrere Verfahren der Alternativmedizin (anthroposophische Medizin, Homöopathie, Neuraltherapie, Phytotherapie und traditionelle chinesische Medizin bzw. genauer traditionelle chinesische Arzneitherapie) gehörten zum Grundkatalog der Krankenversicherung und konnten von Schweizer Bürgern ohne Zusatzkosten in Anspruch genommen werden, wenn der Arzt bestimmte Ausbildungsvoraussetzungen erfüllt. Das Modellvorhaben wurde wissenschaftlich begleitet und ist nun abgeschlossen.

Ein erster Endbericht liegt jetzt vor, der allerdings die zentrale Evaluations-Frage nach dem Nutzen der Heilverfahren auch im Vergleich zur Schulmedizin noch ausklammert. Gleichwohl liefert der Bericht zu den Fragen: Wie verbreitet die fünf Verfahren in der Schweiz, welche Ärzte bieten die Verfahren an, welche Patienten nehmen sie in Anspruch nehmen, und wie stellt sich die Kostensituation für diese Verfahren dar, überaus aufschlussreiche Befunde.

So hat die Studie z.B. gezeigt: "Patienten sind eher jünger, weiblich und besser ausgebildet. Diese Patienten sind der Komplementärmedizin gegenüber eher positiv eingestellt und weisen eine eher chronische und schwerer ausgeprägte Form ihrer Erkrankung auf. Apparative diagnostische Untersuchungen werden seltener durchgeführt, bei der Therapiewahl werden häufiger die Wünsche des Patienten berücksichtigt. Die Konsultation ist im Durchschnitt deutlich länger als in der konventionellen Versorgung. Die Zufriedenheit der Patienten mit der Versorgung in den komplementärmedizinischen Praxen ist höher. Nebenwirkungen geben - mit Ausnahme der Phytotherapie - deutlich weniger Patienten an als bei den Ärzten der konventionellen Versorgung." (Abschlussbericht S.6)

Obwohl die Evaluation des Modellversuchs noch nicht abgeschlossen ist, hat der Schweizer Bundesrat Couchepin unlängst die meisten Therapien aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen und löste damit erhebliche Kritik aus.

Der Schlussbericht liegt nun als PDF-Datei vor, ebenso wie verschiedene andere Materialien: Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK)

Gerd Marstedt, 18.8.2005


Alternative Medizin in der Bewertung durch Patienten

Artikel 0020 Weniger als ein Drittel der Bevölkerung ist noch gar nicht mit alternativer Medizin in Berührung gekommen, etwa ein Viertel hat bislang ausschließlich naturheilkundliche Substanzen oder Therapieverfahren erprobt, knapp die Hälfte kennt jedoch auch andere Methoden (wie Homöopathie, Akupunktur usw.). Ein Grund für diese weite Verbreitung liegt wohl darin, dass alternative Heilmethoden heute schon ein selbstverständlicher Bestandteil auch der schulmedizinischen Praxis sind.

Doch wie sieht die Bilanz aus Patientensicht aus? Würde man aufgrund der eigenen Erfahrungen solche Methoden der "Komplementärmedizin" heute auch guten Freunden empfehlen? Was sind positive auch oder negative Besonderheiten dieser Therapieformen, welche Unterschiede zur "Schulmedizin" werden hauptsächlich erkannt und welche Erwartungen haben Patienten? Empirische Ergebnisse zu diesen Fragen, die auf einer Repräsentativumfrage des "Gesundheitsmonitor" bei rund 1.500 deutschen Bürgern/Bürgerinnen basieren, werden im Aufsatz vorgestellt.

Aufsatz als PDF-Datei: Alternative Medizin: Eine Bilanz aus Patientensicht

Gerd Marstedt, 22.7.2005


"Alternative Medizin" - was steckt hinter der boomenden Nachfrage?

Artikel 0012 Die Nachfrage nach "alternativen" medizinischen Heilmethoden wie Akupunktur, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin oder Anthroposophische Medizin hält unvermindert an. Und auch die Zahl der Anbieter (Ärzte, Heilpraktiker) steigt. Doch dieser Boom wird recht unterschiedlich bewertet. Bisweilen erscheint er als Ausdruck einer Krise der Schulmedizin, die weiterreichende, kommunikative Ansprüche autonom gewordener Patienten zur Krankheitsbewältigung nur unzureichend erfüllt, bisweilen wird er (von Ärzteverbänden) als Modeerscheinung abgetan und diese Mündigkeit von Patienten entschieden bestritten.

Doch was steckt dahinter? Finden Patienten in der Schulmedizin zu wenig Information, Kommunikation und "Lebenshilfe"? Ist es die letzte Hoffnung chronisch erkrankter Patienten? Ein neuer Trend zu mehr Esoterik und Mystik auch in der medizinischen Therapie? Der Aufsatz berichtet über viele aufschlussreiche Ergebnisse aus einer Bevölkerungsumfrage des "Gesundheitsmonitor".

Es zeigt sich, dass Kommunikation und Patientenmitwirkung offensichtlich im Versorgungssystem eine zu geringe Rolle spielen, so dass eine zunehmend größere Gruppe von Patienten nach alternativen Heilmethoden Ausschau hält. Dies sind Patienten, die
• sich im Alltag gesundheitsbewusster verhalten, ein anderes Verhältnis zu ihrem Körper haben, eine "sanftere" Medizin bevorzugen und Selbstheilungskräften eine große Rolle für Therapie und Rekonvaleszenz zuerkennen,
• mehr Kommunikation und soziale Unterstützung in der medizinischen Versorgung suchen, zum Teil auch emotionalen Beistand und "Seelsorge", mehr "sprechende Medizin" und im weitreichendsten Fall sogar psychotherapeutische Momente,
• das Thema Gesundheit und Krankheit für sich selbst entdeckt haben, sich sehr intensiv um Informationen zu Krankheitsursachen wie Therapie-Möglichkeiten bemühen,
• die alleinige Experten-Rolle des Arztes nicht anerkennen, im Behandlungsprozess aktiv mitwirken und auch Entscheidungen selber treffen oder zumindest mittragen möchten.

Ein Fazit der Veröffentlichung lautet: "Es sind sehr viel häufiger präventionsorientierte Patienten, solche mit höherem Bildungsniveau, Patienten, die besser informiert sind über Krankheitsursache und Behandlungsmöglichkeiten und die diese Wissensressourcen dann auch in die ärztliche Sprechstunde einbringen möchten. Kommunikation und Patientenmitwirkung spielen jedoch offensichtlich im Versorgungssystem eine zu geringe Rolle, so dass eine zunehmend größere Gruppe von Patienten nach Alternativen Ausschau hält."

PDF-Datei (15 Seiten) Die Popularität alternativer Medizin - Suche nach medizinischen Gurus und Wunderheilern?

Gerd Marstedt, 17.7.2005