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Wo Gesundheit suggeriert wird, muss welche drin sein: Werbung für "bekömmlichen" Wein endgültig auch in Deutschland unzulässig

Artikel 2225 Mit einem am 14. Februar 2013 veröffentlichten Urteil schloss sich das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig einer zuvor vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) nach europäischem Recht gefällten Entscheidung an, und erklärte die Weinwerbung mit dem Prädikat "bekömmlich" auch in Deutschland verbindlich für unzulässig.

Damit unterlag endgültig eine Winzergenossenschaft aus Rheinland-Pfalz, die ihre Weine unter der Bezeichnung "Edition Mild bekömmlich" mit dem Zusatz "sanfte Säure" vermarktet hatte. Auf dem Etikett hieß es: "Zum milden Genuss wird er durch Anwendung unseres besonderen (..) Schonverfahrens zur biologischen Säurereduzierung."
Sowohl die zuständige Behörde, zwei bundesrepublikanische gerichtliche Instanzen und schließlich der EuGH waren der Ansicht, der normale Verbraucher verstehe unter dem Prädikat "bekömmlich" einen Hinweis auf die besondere Magenverträglichkeit dieser Weine und damit eine gesundheitsbezogene Angabe. Damit verstoße die Werbung gegen die so genannte Health-Claims-Verordnung über die Verwendung nährwert- und gesundheitsbezogener Angaben bei Lebensmitteln (Nr. 1924/2006), die bei alkoholischen Getränken mit einem höheren Alkoholgehalt als 1,2 Volumenprozent generell unzulässig sei.

In der Mitteilung über das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts wird der weitere Rechtsweg bis zum EuGH so zusammengefasst: "Auf die Revision der Klägerin legte das Bundesverwaltungsgericht dem Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) im Jahr 2010 mehrere Fragen zur Auslegung des Begriffs der gesundheitsbezogenen Angabe vor (Pressemitteilung Nr. 82/2010 vom 23. September 2010). Mit Urteil vom 6. September 2012 (Rs. C-544/10) hat der EuGH entschieden, dass eine Bezeichnung wie "bekömmlich" verbunden mit dem Hinweis auf einen reduzierten Gehalt eines Stoffes, der von einer Vielzahl von Verbrauchern als nachteilig angesehen wird, eine gesundheitsbezogene Angabe im Sinne der Verordnung darstellt. Der EuGH hat ferner festgestellt, dass das ausnahmslose Verbot, eine solche Angabe bei der Vermarktung von Wein zu verwenden, mit den durch die Unionsrechtsordnung geschützten Grundrechten der Berufsfreiheit und der unternehmerischen Freiheit vereinbar ist."

Und: "Auf dieser Grundlage hat das Bundesverwaltungsgericht nunmehr die Revision zurückgewiesen (Aktenzeichen 3 C 23.12) und die Entscheidungen der Vorinstanzen bestätigt."

Die Pressemitteilung 9/2013 des Bundesverwaltungsgerichts vom 14. Februar 2013 steht kostenlos zur Verfügung. Und auch das schriftliche Urteil ist komplett kostenlos erhältlich.

Das komplette Urteil des EuGH vom 6. September 2012 kann kostenlos heruntergeladen werden.

Die Health Claims-Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel (ABl. L 404, S. 9) in der zuletzt durch die Verordnung (EU) Nr. 116/2010 der Kommission vom 9. Februar 2010 (ABl. L 37, S. 16) geänderten Fassung hat eigentlich anders als EU-Richtlinien unmittelbare Geltung in allen EU-Mitgliedsländern.

Zur Konkretisierung der Health Claimsverordnung setzte die EU-Kommission am 16. Mai 2012 eine weitere Verordnung, nämlich die Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel als Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos sowie die Entwicklung und die Gesundheit von Kindern in Kraft. Darin finden sich auf 40 Seiten, die aus rund 44.000 eingereichten oder recherchierten durch Experten extrahierten gesundheitsbezogenen Angaben, die in der EU uneingeschränkt oder mit präzisen zusätzlichen Angaben zu Werbezwecken benutzt werden dürfen.

Mit Sicherheit ist zu erwarten, dass auf der Basis dieser Verordnung, unabhängig davon, wie verlässlich und vollständig sie ist, auch künftig Werbeaussagen mit gesundheitsbezogenen Angaben insbesondere von Unternehmen der Gesundheitswirtschaft untersagt werden können.

Bernard Braun, 16.2.13


OLG-Rechtsprechung zum Zweiten: Wer für ein 'gesundheitsförderndes' Produkt wirbt, muss dies wissenschaftlich beweisen können!

Artikel 2209 Nachdem bereits das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt/Main in einem Urteil verlangt hat, dass Produkte für die mit gesundheitlichen Wirkungen geworben wird, diese auch nachweisbar haben müssen (vgl. dazu den ausführlichen Forums-Beitrag) kommt das Oberlandesgericht Koblenz in einem Urteil vom 10. Januar 2013 bezogen auf ein anderes Produkt und seine werbliche Vermarktung praktisch zum selben Ergebnis.

Der Entscheidung des OLG Koblenz lag der Prospekt eines Warenhauses zugrunde in dem es für Fitnesssandalen warb. Die Werbung behauptete, die Sandale "kann helfen, Cellulite vorzubeugen", "kann helfen, die Muskulatur zu kräftigen", "unterstützt eine gute Haltung" und die "runde Sohlenform unterstützt die natürliche Rollbewegung des Fußes". Zudem wurde in einer Abbildung eine erhöhte Muskelaktivität der Beine um bis zu 20% im unteren Bereich, bis zu 13% im mittleren Bereich und bis zu 30% im oberen Bereich behauptet.

Dagegen klagte ein Verein zu dessen Aufgabe die Wahrung der Wettbewerbsregeln im Interesse seiner Mitglieder gehört, mit der Feststellung die werbenden Aussagen seien unrichtig und sollten unterlassen werden. Trotz eines Erfolgs dieser Klage beim Landgericht Mainz ging das Warenhaus dann beim OLG in Berufung. Im ersten Prozess hatte ein Sachverständiger gegutachtet, die in der Werbung aufgeführten Effekte seien wissenschaftlich nicht belegt.

In seinem Urteil untersagte der der 9. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Koblenz (Urteil vom 10. Januar 2013, Az.: 9 U 922/12) entgültig, die Werbung der Beklagten sei irreführend. Die dazu bisher veröffentlichte Pressemitteilung fasst den Tenor des Urteils so zusammen: "Es sei nicht wissenschaftlich erwiesen, dass das Tragen der Sandalen die behaupteten Effekte zeige. Wer mit gesundheitlichen Wirkungen von Produkten werbe, müsse besonders strenge Anforderungen an die Richtigkeit, Eindeutigkeit und Klarheit der Aussagen erfüllen. Wenn aber eine gesundheitsfördernde Wirkung nicht hinreichend wissenschaftlich belegt werden könne, sei die Werbung zur Täuschung der Verbraucherinnen und Verbraucher geeignet und damit irreführend. Aufgrund dieser Irreführung wurde der Beklagten untersagt, mit diesen Aussagen für die Fitnesssandalen zu werben."

Sicherlich ist es nach den beiden Urteilen möglich, den künftigen Verbraucherschutz in Sachen Gesundheit weiteren Land-, Oberlandes- und last not least dem Bundesgerichtshof zu überlassen. Darüber gehen weitere Jahre, wenn nicht sogar ein Jahrzehnt ins Land und in dieser Zeit werden Tausende von Anbieter für Zehntausende weiterer Produkte und Dienstleistungen ohne einen Fetzen von Nutzen- oder Wirksamkeitsnachweis oder sogar trotz nachgewiesener Unwirksamkeit mit "Gesundheits"-Prädikaten werben, damit Milliarden Euro umsetzen und Millionen von Verbrauchern und zum Teil auch PatientInnen täuschen. Die Alternative wären eindeutige gesetzliche Regelungen, deren rechtlich solide Grundlage mit den Urteilsbegründungen der RichterInnen zweier OLGs bereits vorliegt.

Die Pressemitteilung zum Urteil des OLG Koblenz ist kostenlos erhältlich.
Das lesenswerte Urteil ist über die Entscheidungsdatenbank der Justiz Rheinland-Pfalz das o.g. Aktenzeichen und die Suchbegriffe Oberlandesgericht und Sandalen komplett kostenlos zugänglich.

Bernard Braun, 19.1.13


Vitamin D-Einnahme senkt Risiko der kardiovaskulären Morbidität!? Zunächst einmal Fehlanzeige und Warnung vor zu hohen Erwartungen

Artikel 2173 In vielen Beobachtungsstudien waren niedrigere Vitamin D-Werte mit höheren kardiovaskulären Risikofaktoren wie einem hohen Fettsäurespiegel und Bluthochdruck assoziiert. Daraus schlossen zahlreiche Ärzte, zum Teil auch durch einen Report des "Institute of Medicine (IOM)" aus dem Jahr 2010 ermuntert, ihren PatientInnen trotz fehlender randomisierter kontrollierter Studien mit harten Endpunkten zu raten, zusätzlich zu der mit der normalen Nahrung und Lebensweise aufgenommenen Menge des Vitamins noch Ergänzungsmittel zu sich zu nehmen - um das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen zu senken.

Ob die Grundannahme zu den Wirkungen des Vitamin D stimmt, untersuchten jetzt britische ForscherInnen in einer randomisierten kontrollierten Studie mit 305 postmenopausalen Frauen im Alter von durchschnittlich 64 Jahren, von denen keine kardiovaskuläre Erkrankung bekannt war. Die TeilnehmerInnen der Interventionsgruppe bekamen täglich ein Jahr lang entweder 400 oder 1.000 standardisierte Einheiten des Vitamins.

Das Ergebnis der Studie war klar:

• Zu Studienbeginn war der durchschnittliche Level des Vitamins im Körper aller TeilnehmerInnen mit 13,5 ng/mL ähnlich hoch bzw. niedrig.
• Nach einem Jahr hatte sich dieser Level in beiden Interventionsgruppen verdoppelt und war in der Kontrollgruppe unverändert hoch.
• Entgegen den Erwartungen veränderte der deutlich höhere Vitamin D-Wert bei den weiblichen Angehörigen der Vitamin-Gruppen im Vergleich mit den Angehörigen der Placebogruppe nicht signifikant die Werte der kardiovaskulären Risikofaktoren oder -werte.
• Ungeklärt bleibt die Frage, ob Vitamin D nicht auf andere Weise als über die Risikofaktoren auf das Risiko einer kardiovaskulären Erkrankung einwirkt. Aber selbst wenn dies so ist, berechtigt dies nicht, die Einnahme von Vitamin D mit diesem Ziel zu fördern.

Die ForscherInnen empfehlen auf der Basis ihrer Studie, die zusätzliche Auf-/Einnahme von Vitamin D als Mittel zur Veränderung oder Absenkung von kardiovaskuären Risikofaktoren so lange nicht zu empfehlen bzw. zu unterlassen bis weitere entsprechende methodisch geeignete Analysen zeigen, dass diese Vitaminergänzung wirklich die kardiovaskuläre Morbidität absenkt. Ob die Zusammensetzung der Interventionsgruppe aus relativ gesunden Frauen oder andere Faktoren den Mangel an Ein-/Auswirkung auf die spezielle kardiovaskuläre Morbidität erklärt, wird angesprochen, aber nicht abschließend geklärt. Auch solche offenen Fragen rechtfertigen aber nicht die mit festen Erwartungen dieser Effekte verbundene Aufnahme von Vitaminkapseln.

Die in diesem Zusammenhang erwähnte "VITamin D and OmegA-3 TriaL (VITAL)"-Studie beendet noch oder erst in diesem Jahr die Aufnahme von TeilnehmerInnen und wird daher erst in mehreren Jahren die Erkenntnisse über den primär-präventiven Nutzen des Vitamin D gewinnen und verbreiten können.

Von dem Aufsatz "Vitamin D3 supplementation has no effect on conventional cardiovascular risk factors: A parallel-group, double-blind, placebo-controlled RCT" von Wood AD et al. - erschienen im Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism(2012 Oct; 97: 3557) - ist ein Abstract kostenlos erhältlich.

Bernard Braun, 31.10.12


Wer viel sitzt, ist länger tot

Artikel 2156 Seit Langem bestehen nicht alleine der Verdacht, sondern auch vermehrt Hinweise darauf, dass langes Sitzen gesundheitsschädlich ist. So geht beispielsweise die WHO in ihrem Bericht Global health risks: mortality and burden of disease attributable to selected major risks davon aus, dass 6 % der weltweiten Sterbefälle auf Bewegungsmangel zurückzuführen sind. Belastbare empirische Belege für einen Zusammenhang zwischen täglicher Sitzdauer und Gesamtsterblichkeit standen allerdings bisher aus.

Im März 2012 veröffentlichte die Fachzeitschrift Archives of Internal Medicine eine überaus große australische Kohortenstudie aus New South Wales. Dabei verglichen die WissenschaftlerInnen aus Sydney und Acton die im Rahmen einer prospektiven Kohortenstudie erfassten Befragungsergebnisse unter über 45-Jährigen mit Mortalitätsdaten des Geburts-, Todes- und Heiratsregisters Registry of Births, Deaths, and Marriages zwischen dem 1. Februar 2006 und dem 31. Dezember 2010 im entsprechenden Bundesstaat. In die Studie flossen die Angaben von 222.497 Personen ein, die zwischen Studienbeginn und dem 30. November 2008 den Ausgangsfragebogen ausgefüllt hatten.

Mittels proportionaler Hazardmodelle nach Cox ermittelten die UntersucherInnen die Gesamtsterblichkeit in Abhängigkeit von der durchschnittlichen täglichen Sitzdauer und adjustierten die Ergebnisse nach potentiellen Confoundern wie Geschlecht, Bildung, Wohnort (Stadt/Land), körperlicher Betätigung, Body-mass Index, Raucherstatus, subjektivem Gesundheitsempfinden und Behinderung. Während der Gesamtheit von 621.695 Personenjahren bei einer durchschnittlichen Follow-up-Zeit von 2,8 Jahren traten 5.405 registrierte Todesfälle auf. Bei einer täglichen Sitzdauer von vier bis unter acht Stunden war das Gesamtsterblichkeitsrisiko um 2 % (95 % Konfidenzintervall, 0,95-1,09), bei einer Sitzdauer zwischen acht und elf Stunden um 15 % (1,06-1,25) und bei täglicher Sitzdauer über elf Stunden sogar um 40 % (1,27-1,55) gegenüber kurzer täglicher Sitzdauer von weniger als vier Stunden erhöht, und zwar nach Adjustierung nach körperlicher Aktivität und den anderen genannten Confoundern. Die Assoziation zwischen durchschnittlicher täglicher Sitzdauer und Gesamtsterblichkeit war bei gesunden Personen gegenüber StudienteilnehmerInnen mit vorbestehenden kardiovaskulären Erkrankungen oder Diabetes mellitus konsistent gegenüber Geschlecht, Alter, Körperstatur und körperlicher Aktivität.

Aus ihren Untersuchungsergebnissen leiten die AutorInnen eine offenkundige Schlussfolgerung für eine krankheitsreduzierende Gesundheitspolitik ab: Our findings add to the mounting evidence that public health programs should focus not just on increasing population physical activity levels but also on reducing sitting time, especially in individuals who do not meet the physical activity recommendation."

Die Studie Sitting Time and All-Cause Mortality Risk in 222 497 Australian Adults von Hidde van der Ploeg, Tien Chey, Rosemary Korda, Emily Banks und Adrian Bauman steht als Volltext kostenfrei zum Download zur Verfügung.

Jens Holst, 13.9.12


Kein nachgewiesener Nutzen, unzulänglich qualifizierte Anbieter aber bald 100 Milliarden Euro schwer: Beispiel "Medical Wellness"!

Artikel 1575 Wer sich bis zur zwölften Seite eines aktuellen (6/2009) Forschungsberichts aus dem "Institut Arbeit und Technik (IAT)" der Fachhochschule Gelsenkirchen zum Modethema Gesundheitswirtschaft durchgelesen hat, bekommt das zuvor gewohnt üppig und optimistisch gemalte Bild der Erweiterung der alten GKV-Gesundheitswirtschaft um die moderne und bedarfsgerechte Kombination von klassischer Medizin und Wohlfühlangeboten zu "medical wellness" vom Kopf auf die Füße gestellt.

Um den "Kopf" ordentlich zum Brummen zu bringen, verzichtet aber auch dieser "Forschungs"-Bericht auf keine der mittlerweile hundertfach durchgekauten Trendmeldungen und -fortschreibungen, Bedarfsvermutungen und natürlich dem Jonglieren mit einem milliardenschweren "Kuchen", der hier zu verteilen ist.

Die wichtigsten Zutaten heißen:

• "In den letzten Jahren hat die steigende privat finanzierte Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen rund um die Themenfelder Gesundheit und Wohlfühlen einen regelrechten Wellnessboom ausgelöst.
• Zunehmend geht die Tendenz in Richtung der gezielten Prävention und Gesundheitsförderung. Daraus hat sich das Segment Medical Wellness gebildet, welches medizinische Leistungen mit Wohlfühlangeboten vereint.
• Medizinische Wellnessleistungen werden sowohl klassisch von Ärzten und Kliniken wie auch von Nicht-Medizinern wie Hotels und Fitnessstudios angeboten; beide Seiten versuchen mit unterschiedlichen Strategien den Medical Wellness Markt zu erschließen."
• Und was da angeblich erschlossen werden kann wird so quantifiziert: "50 bis 70 Milliarden Euro werden jährlich auf dem Wellness-Markt umgesetzt, die 100 Milliarden Euro-Grenze könnte in wenigen Jahren überschritten sein."

Wie vorrangig es den Propagandisten und Protagonisten der Gesundheitswirtschaft um "Markterschließung" und Vermarktungserfolge geht statt klare gesundheitliche Ziele und Belange zu befriedigen, illustrieren etwa die vielen Ausführungen des ebenfalls am IAT tätigen Gesundheitswirtschaftsexperten Josef Hilbert besonders griffig.

Eines von vielen Beispielen sind seine Ausführungen zur Gründung des "Netzwerk Deutsche Gesundheitsregionen e.V.", d.h. eines Vereins dessen wesentliche Träger und Interessenten die Bundesländer sind, am 14. Februar 2008 in Berlin: Dort hieß es: "Die Gesundheitswirtschaft gehört zu den stark expandierenden Branchen. Bis zum Jahre 2020 können in Deutschland rund eine Million neue Jobs entstehen, so Privatdozent Dr. Josef Hilbert, Vorsitzender des neuen Vereins. Ein wesentlicher Faktor ist hier die demografische Entwicklung in Deutschland. Die Altersstruktur der Bevölkerung verändert sich und verlangt verstärkt nach alters- und indikationsspezifischen Produktangeboten. Integrierte Modelle in der Versorgung und kooperierende interdisziplinäre wissenschaftliche Ansätze stärken den Medizin- und Technologiestandort Deutschland und führen schneller zu Patenten und damit zu unternehmerischen Chancen. ... Der Verein ... bringt regionalspezifische Exzellenzen in einen bundesweiten Kontext. ... Ein weiterer Schwerpunkt ist es, im Ausland auf die Leistungsfähigkeit der deutschen Gesundheitswirtschaft aufmerksam zu machen. Dieses fördert den Export von Gesundheitsprodukten und Dienstleistungen."

Was die aktuelle Ausgabe von "Forschung Aktuell" des IAT von früheren Publikationen unterscheidet ist seine Darstellung von inhaltlichen "Hindernissen".
Dazu rechnet die Verfasserin etwa die folgenden strukturellen Mängel:

Qualifikationsdefizite: "Für die Reifung des Medical Wellness Marktes ist die Branche auf die Verfügbarkeit professioneller Arbeit angewiesen. Eine spezielle Bedeutung kommt somit der Qualifizierung und den Kompetenzen der Beschäftigten zu. Einheitliche Wege der Aus- und Weiterbildung gibt es bislang aber nicht. Vielmehr besteht ein Nebeneinander unterschiedlichster Berufsgruppen mit verschiedenen Qualifikationen; diese Spanne reicht von traditionellen Berufen mit geregelten Ausbildungswegen wie dem Masseur bzw. medizinischen Bademeister bis hin zu Absolventen neuartiger Weiterbildungskurse wie dem IHK-zertifizierten Lehrgang zum Wellnessberater, sowie im Bereich der privaten Weiterbildungsanbieter von Lehrgängen zum Wellnesstrainer oder Wellnesstherapeut. Statt einer zukunftsträchtigen Professionalisierung und Qualitätssicherung finden sich auf dem Weiterbildungsmarkt ungenaue Kurstitel, ungeregelte Berufsbilder und fehlende Standards der Abschlüsse;"
Soziale und Finanzierungsprobleme: "Relevant sein wird, ob es der Gesundheitspolitik in den nächsten Jahren gelingt, Medical Wellness weiten Teilen der Bevölkerung zugänglich zu machen und das Modell der Salutogenese in Deutschland zu etablieren. Aufgrund der Tatsache, dass fast alles, was mit (medizinischer) Wellness zu tun hat, von den Konsumenten privat finanziert wird, profitieren besonders die einkommensstarken Teile der Bevölkerung von gesundheitsfördernden Produkten und Dienstleistungen. Im gleichen Atemzug werden die Angebote, die auch den sozial schwächer gestellten der Gesellschaft offen standen (die Kur), systematisch zurückgefahren."
• Und schließlich im Schlusssatz formuliert die fehlende wissenschaftliche Grundlage bzw. der bislang fehlende Wirksamkeitsnachweis: "Das Thema (Medical) Wellness ist in der deutschen wissenschaftlichen Forschung bislang noch nicht weit verbreitet. "Gerade im Wellnessbereich besteht bislang noch ein Defizit an gesicherten Forschungsergebnissen." (vgl. Barth/Werner 2005: 183) Vorliegende Studien, zumeist zu den Umsatzzahlen der Branche, stammen vorwiegend von Unternehmensberatungen, welche die Gesundheitswirtschaft allgemein wie auch den Bereich Medical Wellness speziell als neues Geschäftsfeld erschließen möchten. Diese Dominanz der Studien aus dem wirtschaftlichen Bereich ist jedoch auch kritisch zu betrachten. Es fehlt bislang an wissenschaftlicher Grundlagenarbeit zum Thema Medical Wellness, zu einer einheitlichen Definition, zur Evaluation der Angebote hinsichtlich Qualität, Kosten und Nutzen sowie zur Überprüfbarkeit der Gesamtidee von Medical Wellness als gesundheitsförderlicher Lebensstil. Zwar kann die finale Wirksamkeit der einzelnen Medical Wellness Angebote nicht genau beurteilt werden, dennoch können wissenschaftliche Evaluationen dazu beitragen, die grundlegende Legitimation für Medical Wellness zu schaffen sowie Rückschlüsse auf Qualifikationsanforderungen, Zugangswege etc. liefern (vgl. Klatt 2007)."

Nach diesen selbstkritischen Hinweisen wäre es noch unverständlicher, wenn in einem Land, dessen erster GKV-Gesundheitsmarkt seit Jahrzehnten mit einer Über- und Fehlversorgung von Leistungen ohne nachgewiesenem gesundheitlichem Nutzen zu kämpfen hat und u.a. deswegen zu wenig Geld für eine Reihe notwendiger und nützlicher Leistungen hat, ein zweiter Markt ohne Widerstand mit Leistungen läuft oder sie zu starten versucht, die keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Nutzen haben und deren Erbringer erhebliche Qualifikationsmängel aufweisen.

Insbesondere die dem Gemeinwohl und auch dem gesundheitlichen Wohl aller ihrer BürgerInnen besonders verpflichteten Vertreter der Bundesländer oder anderer öffentlicher Einrichtungen sollten sich überlegen, ob sie lediglich auf das vage und zumindest in der Vergangenheit noch nicht mal empirisch eintreffende Versprechen von "mehr Jobs" diesen Markt wirklich intensiv fördern wollen.

Den kleinen Forschungsbericht "Medical Wellness - Zukunftsmarkt mit Hindernissen von Sandra Dörpinghaus (Forschung aktuell des IAT 6/2009) erhält man kostenlos auf der Homepage des IAT.
Die 2-seitige Presseerklärung des "Netzwerk Deutsche Gesundheitsregionen e.V." gibt es ebenfalls frei zugänglich.

Bernard Braun, 7.6.09


Jeder sechste Niederländer hat schon medizinische Selbsttests gemacht zur Diagnose von Diabetes oder Cholesterin

Artikel 1540 Wenn es derzeit schon möglich ist, die eigenen 23 Chromosomenpaare gegen eine Gebühr von 1000 Dollar entschlüsseln und auf Erbkrankheiten analysieren zu lassen (vgl. "23andMe" - Eine Google-Firma verkauft an Privatpersonen jetzt Analysen ihrer Erbanlagen), dann kann nicht überraschen, dass auch die Verkaufszahlen für persönlich durchführbare medizinisch-diagnostische Selbsttests deutlich zunehmen. Jeder sechste Niederländer, so hat eine Umfrage jetzt festgestellt, hat bereits Erfahrungen mit solchen Untersuchungen, die ohne Einschaltung eines Arztes Diabetes oder Allergien erkennen sollen, einen zu hohen Cholesterinspiegel oder Infektionen.

Im Rahmen einer Internet-Befragung, an der sich im Herbst 2006 knapp 8.000 niederländische Männer und Frauen im Alter von 12-94 Jahren beteiligten (Durchschnittsalter: 37), wollte ein Forschungsteam der Universität Maastricht der Frage nachgehen, wie stark solche Tests heute verbreitet sind und von welchen Bevölkerungsgruppen sie häufiger genutzt werden. Unterschieden werden verschiedene Formen von Selbsttests, die auch auf dem Fragebogen erläutert sind. Am häufigsten sind solche, die man in der Apotheke kauft oder im Internet bestellt, zuhause durchführt und dort auch das Ergebnis ablesen kann, sowie auch Tests, die man in bestimmten Einrichtungen (in der Apotheke oder Klinik ebenso wie im Supermarkt) durchführt und dort entweder sofort das Resultat erfährt oder per Post zugeschickt bekommt.

Die wichtigsten Ergebnisse der Befragung waren:
• 63% hatten schon von solchen Tests zuvor gehört, 28% schon einmal eine Nutzung in Betracht gezogen, 16% sie schon einmal persönlich genutzt.
• Bei den Nutzern war die durchschnittliche Zahl der schon einmal verwendeten Selbsttests 2,1.
• Die am häufigsten von den Nutzern verwendeten Tests waren: Diabetes (39% der Nutzer), Cholesterin (34%), weiblicher Eisprung (15%), Allergien (12%), Harntrakt-Infektionen (12%), HIV-Infektion (11%), Anämie (11%), Menopause / weibliche Fruchtbarkeit (10%).
• Im Rahmen einer multivariaten Analyse, also unter Einbezug einer Vielzahl gesundheitlicher und soziodemografischer Einflussfaktoren, zeigte sich dann, dass folgende Gruppen bzw. Merkmale besonders häufig in Zusammenhang standen mit der Nutzung medizinischer Selbsttests: Body Mass Index über 30, wenig körperliche Bewegung, eher fettreiche Ernährung, regelmäßige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln und Vitaminen, Sympathie für homöopathische Medizin, Vorliegen einer chronischen Erkrankung, eher schlechte Selbsteinstufung des Gesundheitszustands.
• Im Hinblick auf das Alter, Geschlecht oder Bildungsniveau zeigten sich keine signifikanten Einflüsse.

Damit entsteht der Eindruck einer eher kranken (u.U. auch nur "kränkelnden", also gegenüber Krankheiten und Beschwerden überdurchschnittlich sensiblen) Bevölkerungsgruppe, deren Gesundheitsverhalten eher riskant ist und die daher bemüht ist, durch Selbsttests mehr Gewissheit zu erlangen über weitere Erkrankungsrisiken.

Inwieweit die Verwendung von Selbsttests in gesundheitlicher und therapeutischer Hinsicht eine sinnvolle oder eher problematische Maßnahme ist, lässt sich aus den Daten der Befragung leider nicht exakt ablesen. Bei jedem vierten Befragungsteilnehmer wiesen die Befunde auf eine Erkrankung oder einen Risikofaktor hin, und 75% dieser Gruppe ging dann zum Arzt, 25% unterließen dies. Bei jenen mit negativem Testergebnis gingen lediglich 9% zum Arzt. Um diese Zahlen bewerten zu können, wäre es allerdings nötig, die Fehler-Anfälligkeit der einzelnen Verfahren genauer zu kennen.

Quelle: Gaby Ronda et al: Use of diagnostic self-tests on body materials among Internet users in the Netherlands: prevalence and correlates of use; BMC Public Health 2009, 9:100doi:10.1186/1471-2458-9-100
Vorläufige PDF-Datei mit Volltext der Studie
kurzes Abstract der Studie

Gerd Marstedt, 21.4.09


Hautbräune und "schwarze Schafe": Sonnenstudio jein danke oder ein Lehrstück für die Qualität freiwilliger Zertifizierung.

Artikel 1485 Wessen Winterdepression oder Eitelkeit so stark ist, dass er den Besuch eines Sonnenstudios erwägt, der sollte sich dies nach Kenntnisnahme der jüngsten, aus dem November 2008 stammenden 3. Überprüfung einer Stichprobe von 100 zertifizierten Sonnenstudios durch das "Bundesamt für Strahlenschutz (BfS)" doch lieber ein zweites Mal gründlich überlegen.
Die BfS-Recherche entdeckte nicht nur einige der häufig in solchen Überprüfungen üblichen aber rasch bagatellisierten "schwarze Schafe", sondern eine fast einheitlich "schwarze Studio-Herde". Dies ist umso bemerkenswerter als sich die gesamten 100 Studios werbewirksam mit Zertifikaten einer freiwilligen Überprüfung durch Zertifizierungseinrichtungen schmücken, es sich also im strengen Sinne um eine systematisch positiv verzerrte Stichprobe handelt. Zu erwarten gewesen wäre daher ein besseres Ergebnis als wenn eine wirklich repräsentative Stichprobe aus zertifizierten und nicht zertifizierten Betrieben untersucht worden wäre. Angesichts der fast rein "schwarzen" Ergebnisse ist dies aber schon arithemetisch gar nicht möglich.

Als einen Indikator dafür wie manipulationsanfällig freiwillige Zertifikate sein können, weist das BfS darauf hin, dass bereits im Vorfeld einer letzten EU-weit am 31.7.2008 endenden Frist zur Zertifizierbarkeit von Altgeräten in Sonnenstudios eine völlig ungewöhnliche Welle von über 600 Neu-Zertifizierungen zu beobachten war. Dies allein könnte natürlich auch nur bedeuten, dass gut arbeitende Studios in einer Art lang Versäumtes lediglich unter dem äußeren Druck nachgeholt haben.

Ob dies so ist oder auch nicht zeigen die Ergebnisse der Überprüfung der 100 ausgewählten Studios, die unangemeldet und durch anonyme Besucher erfolgte, die sich als erstmalige Besucher eines Sonnenstudios ausgaben und angaben, es einfach mal ausprobieren zu wollen.

Die von diesen Prüfern zur Prüfung genutzten Kriterien waren zwischen Studioanbietern und BfS vereinbart worden und waren öffentlich bekannt. Die Prüfung offenbarte folgende Qualitäts- und Sicherheitszustände:

• Sowohl die Dokumentation der Kundenberatung, der Dosierungspläne sowie die der unterschriebenen Einverständniserklärungen waren nur in etwa einem Drittel der geprüften Sonnenstudios vorhanden.
• "Bei 82 der 100 geprüften Studios wurde keine bzw. eine sehr mangelhafte Erstberatung, die nicht den Kriterien des BfS entsprach, durchgeführt. Es kamen grob falsche Aussagen wie z. B. "Hauttyp I darf sonnen" vor. Sehr oft wurde kein Dosierungsplan erstellt. Obwohl in zertifizierten Sonnenstudios grundsätzlich untersagt, konnten in etlichen Studios mit Einverständnis der Eltern auch Jugendliche unter 18 sonnen."
• Konnten die Sonnenbänke durch den Kunden durch einfachen Geldmünzeneinwurf gesteuert werden, ist dies eine Nichtbeachtung der Kriterien des BfS. Es wurden zwei Sonnenstudios gefunden, bei denen es sich um reine Selbstbedienungs- Sonnenstudios handelte. Eine Zertifizierung eines solchen Sonnenstudios ist nach den Kriterien des BfS ausgeschlossen. Des Weiteren wurden bei den 100 überprüften Sonnenstudios solche gefunden, die über einen Münzapparat an jeder Kabine oder über eine zentrale Einheit den Kunden die eigenverantwortliche Steuerung der Bänke und der Bestrahlungszeit erlauben. Die war bei 22 der 100 geprüften Sonnenstudios der Fall. Auch dies ist nach den Kriterien des BfS nicht zulässig.
• "Die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter der Sonnenstudios wurde gebeten, die schwächste und die stärkste Sonnenbank zu benennen. ... Es stellte sich heraus, dass die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter oftmals nicht die schwächste oder stärkste Bank kannten. Damit ist eine richtige Dosierung unmöglich."
• Weiterhin wurde überprüft, ob im Wartebereich der Solarien die nach den Zertifizierungskriterien geforderten Informationen den Nutzerinnen und Nutzern frei und in vollem Umfang zugänglich waren. Ohne Beanstandungen blieben hier etwa ein Drittel der überprüften Studios.

Immerhin gab es auch noch ein paar positive Verhältnisse, zu denen u.a. gehörte:

• "Die Zwangsabschaltung nach einer maximalen erythemwirksamen Dosis von 875 J/m2 (3,5 MED) wurde, soweit an den Steuereinheiten nachvollziehbar, eingehalten. Die Notabschaltung an den Geräten war vorhanden. Augenschutzbrillen wurden in jedem geprüften Sonnenstudio angeboten. Hinweistafeln in den Kabinen mit Erst- und Schwellenbestrahlungszeiten sowie allgemeine Hinweise waren bis auf wenige Ausnahmen vorhanden. Zu den genutzten Geräten lagen in den meisten Fällen die Herstellerinformationen vor."
• "Zur Überprüfung des Betriebsablaufs wurde auf Sauberkeit und Hygiene geschaut und ob Desinfektionsmittel entsprechend der DGHM-Liste (Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie e.V.) verwendet werden. Hier wurde bis auf wenige Ausnahmen, bei denen das Desinfektionsmittels nicht eindeutig als in der DGHMListe verzeichnet gefunden wurde, keine gravierenden Mängel festgestellt."

Die Zusammenfassung des BfS ist nach diesen weitverbreiteten Mängeln auch entsprechend "tiefschwarz": "Bis auf 4 Studios (eines in Rheinland-Pfalz, 3 in Hessen), die vollständig die Kriterien des Bundesamtes für Strahlenschutz umsetzen, entsprach keines der als zertifiziert gemeldeten und nun überprüften 100 Sonnenstudios den Kriterien".

Neben den konkreten Mängeln sind die Ergebnisse aber auch geeignet, erhebliche Zweifel an der Validität, Glaubwürdigkeit und damit dem Orientierungswert von freiwillig durchgeführten Zertifizierungen zu nähren und die Forderung nach staatlich vorgeschriebenen Prüfroutinen vor der Ausgabe von Zertifikaten zu stützen.

Der 8 Seiten umfassende "Bericht 3. Solarienüberprüfung durch das BfS im Oktober und November 2008" ist kostenlos erhältlich.

Dies gilt auch für eine Presseerklärung der Anbieterorganisation "IGS! Initiative geprüfte Sonnenstudios", in der die Anbieter mit starken Worten versuchen, die "wirklichen Absichten" des BfS zu enthüllen:"Ihnen passt, ein altes Politiker-Zitat, die ganze Richtung nicht. Ihre Aktion zielt nicht auf Steigerung und Besserung durch kritische Prüfung sondern auf Verhinderung und Entmutigung durch gezielte Diffamierung. Damit dokumentieren Sie zweifelsfrei, dass Ihnen nicht - wie uns "Geprüften Sonnenstudios" - an Qualitätsverbesserung und Sicherheit für den Nutzer gelegen ist, sondern dass Sie mit Ihrer regel- und sittenwidrigen Aktion (gemeint ist wohl die unangemeldete und anonyme Überprüfung) die Solarienbranche als Ganzes treffen und die Glaubwürdigkeit der Qualitätsoffensive untergraben wollten."

Und schließlich gibt es natürlich auch die "Stellungnahme des BfS zu den Vorwürfen der Initiative geprüftes Sonnenstudio (igs!) bezüglich der 3. Solarienüberprüfung durch das BfS Ende 2008" im Internet.

Bernard Braun, 10.2.09


Regelmäßige Einnahme von Vitamin C oder E ist zur Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen nutzlos

Artikel 1408 Eine große Zahl älterer Beobachtungsstudien war zu dem Befund gekommen, dass die regelmäßige Einnahme von Vitamin C und/oder Vitamin E das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduziert. Auf den Websites der Hersteller von Vitamin-Präparaten und Nahrungsergänzungsmitteln wurden diese Studien überaus gerne zitiert, auch wenn die Zeitschrift "arznei-telegramm" bereits im Jahre 2003 den Forschungsstand so charakterisiert hatte, dass Vitamin C und E keinen Schutz gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen bieten. Eine weitere randomisierte Kontrollstudie, also mit zufälliger Zuweisung der Teilnehmer zur Untersuchungs- bzw. Kontrollgruppe, hat die negative Bewertung der Schutzwirkungen von Vitamin C und E noch einmal bestätigt.

Die 10köpfige Forschungsgruppe aus Boston, Massachusetts, hat Daten aus der sogenannten "Physicians Health Study II" ausgewertet. Diese Studie war 1997 in die Wege geleitet worden, speziell um gesundheitliche Effekte von einzelnen Vitaminen (C und E) sowie Multivitaminpräparaten herauszufinden. Teilnehmer an der Studie waren über 14 Tausend männliche Ärzte, die zu Beginn 50 Jahre oder älter waren und leichte Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufwiesen. Acht Jahre lang nahmen die Teilnehmer dann, je nachdem, welcher Gruppe sie zugelost worden waren, Präparate ein: Entweder 300 Milligramm Vitamin E und 500 Milligramm Vitamin C oder aber Placebo-Pillen.

In einem achtjährigen Untersuchungszeitraum (1997-2005) wurden dann 1.245 schwere Herz- oder Gefäßprobleme beobachtet und 509 Männer starben an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Bei der Analyse konnten die Forscher dann jedoch keinen Zusammenhang mit den eingenommenen Vitaminpräparaten feststellen. Auch bei einer speziellen Betrachtung einzelner Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall) ergab sich kein Zusammenhang zu der vorherigen Einnahme von Vitaminen. Jene Männer, die regelmäßig Placebos geschluckt hatten, wiesen dieselben Mortalitätsraten auf wie jene, die täglich Vitamin C und E eingenommen hatten.

Die Studie ist kostenlos im Volltext zu lesen: Howard D. Sesso u.a.: Vitamins E and C in the Prevention of Cardiovascular Disease in Men. The Physicians' Health Study II Randomized Controlled Trial (JAMA. 2008;300(18):2123-2133. Published online November 9, 2008; doi: 10.1001/jama.2008.600)

Bereits 2003 hatte die Zeitschrift "arznei-telegramm" eine negative Bilanz gezogen: "Der Nutzen einer Intervention lässt sich nur mit randomisierten kontrollierten Studien anhand klinischer Endpunkte belegen. In den folgenden Bewertungen berücksichtigen wir daher ausschließlich solche Untersuchungen. [...] In sieben Studien wird der Einfluss vor allem von Vitamin E auf kardiovaskuläre Erkrankungen und Sterblichkeit untersucht. [...] Ein Nutzenbeleg lässt sich aus den Daten nicht ableiten. [...] In vier weiteren Studien bringt Vitamin E allein oder in Kombination mit Vitamin C plus Betakarotin keinen Vorteil. [...] Die Datenlage ist eindeutig: In allen randomisierten Studien mit klinischen Endpunkten bleibt ein klarer Nutzen der Einnahme der Vitamine A, C und E sowie von Betakarotin hinsichtlich der Behandlung oder Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs aus."
Vitamine A, C, E und Betakarotin: Wie nützlich sind Antioxidanzien? arznei-telegramm, 11/2003

Gerd Marstedt, 20.11.08


Die neue Gesundheits-Ideologie - Eine Analyse der Botschaften in der Zeitschrift "Men's Health"

Artikel 0808 "Healthismus" nannte der Wissenschaftler Hagen Kühn in seiner Buchveröffentlichung im Jahr 1993 eine US-amerikanische Ideologie, die seinerzeit in Deutschland noch großes Befremden hervorrief, inzwischen aber über den Teich herübergeschwappt ist und zunehmend auch hier an Bedeutung gewinnt. Angesprochen war eine bei vielen jüngeren und erfolgsorientierten Amerikanern verbreitete Lebensorientierung, die alle Bereiche des täglichen Lebens unter die Maxime "Gesundheit" unterordnete. Ernährung und Trinkgewohnheiten, Sexualität und Partnerschaft, Verhalten in der Freizeit und im Beruf, Umgang mit Stress und Gesundheitsbeschwerden: In allen diesen Bereichen erkennt der Anhänger des Healthismus potentielle Gesundheitsrisiken und weiß, welche Verhaltensweisen gesundheitsschädlich und welche gesundheitsförderlich sind.

Männer-Zeitschriften wie "Men's Health" oder "For Him" sind seither bedeutsame Multiplikatoren der neuen Gesundheits-Ideologie. Eine jetzt in der Zeitschrift "Social Science & Medicine" veröffentlichte Studie hat die Artikel aller Hefte der Zeitschrift "Men's Health" aus den Jahrgängen 2003 und 2004 jetzt einmal einer kritischen Analyse unterzogen und überprüft, welche expliziten und welche eher verborgenen Botschaften über das Thema "Gesundheit" dort verbreitet werden. In der sehr detaillierten Analyse unterschiedlicher Rubriken und Artikel der Zeitschrift werden anhand vieler Textbeispiele und Zitate folgende Tendenzen hervorgehoben:

Medikalisierung des Alltags und Individualisierung von Risiken: Dies beschreibt weitgehend, was in der Literatur auch unter "Healthismus" geführt wird, eine "Aufblähung" des Gesundheitsbegriffs und das Vordringen gesundheitlicher Verhaltensratschläge bis in die kleinsten Poren des Alltags. Als Beispiel hierfür wird etwa ein Artikel zitiert, der präzise beschreibt, dass es für das Alltagsverhalten "Kaffee trinken" bessere und schlechtere Varianten gibt. Gesünder und auch für die geistige Fitness am Arbeitsplatz besser ist es danach, häufiger kleinere Portionen Kaffee (oder Tee) als nur einige Male größere Mengen zu trinken. Oder: Um den Jetlag nach einem Flug möglichst in Grenzen zu halten werden wissenschaftliche Befunde darüber vorgestellt, welche Ernährung an den Tagen vor dem Flug besonders günstig ist. Das Spektrum der hier angeführten Verhaltensratschläge betrifft den Beruf ebenso wie Freizeit, Sex und Partnerschaft.

Die allgegenwärtige Bedrohung durch Gesundheitsrisiken: Als ein Beispiel für diese in vielen Artikeln und Kolumnen verborgene Botschaft wird ein Bericht zitiert, der mit Schlagzeile beginnt "Sie könnten tot umfallen, während Sie dies lesen." Der Artikel berichtet dann über einen fiktiven, kerngesunden Leser von MH, dessen Blutdruck, Cholesterin- und sonstigen Funktionswerte sich gerade eben erst bei einer ärztlichen Untersuchung als völlig in Ordnung erwiesen haben. Nichtsdestotrotz könnte es ihm widerfahren, dass er in Kürze einen Herzinfarkt oder Schlaganfall oder ein anderes Krankheitsschicksal erleidet. Berichtet wird dann über einen neu entdeckten medizinischen Test, der sehr viel präziser als übliche Methoden das Erkrankungsrisiko bestimmt. Die Botschaft ist für den Autor der Studie eindeutig: Die Präsentation stets neu entdeckter Risiken dient einerseits dazu, eine "gesunde Lebensweise" noch stärker als Verhaltensvorschrift zu verankern, zum anderen dazu, jede nur verfügbare (und insbesondere neu auf den Markt gekommene) Methode der Früherkennung zu nutzen.

Die Verantwortung des Individuums für sein eigenes Wohlergehen: Die in diesem Kontext präsentierten Botschaften spiegeln sehr eindeutig die neo-liberalen Tendenzen der Ökonomie wider, verlagert auf die Ebene des individuellen Gesundheitsverhaltens. Vorgestellt werden hier Textpassagen, in denen zunächst deutlich gemacht wird: Stress, Unglücklichsein, Gesundheitsbeschwerden, Depressionen sind nicht naturgegebene und schicksalhafte Zustände, sondern selbst produziert und damit auch veränderbar. Einem ekligen Chef kann man ebenso entrinnen wie einer stets nörgelnden Partnerin oder häufigem Sodbrennen und Kopfschmerzen. Und als Hilfe dazu wird eine Vielzahl von Tipps und Tricks verraten: Mal kräftig auf der Autobahn aufs Gaspedal treten, wenn man sich übermäßig geärgert hat. In einer faden sexuellen Beziehung auch mal einen Seitensprung riskieren - wozu einige Internet-Links gezeigt werden. Und immer wieder: Gesund leben.

Als Fazit der Studie hebt der Wissenschaftler Paul Crawshaw hervor, "dass Zeitschriftentexte wie die aus Men's Health neue individualisierte Konzepte des Gesundheitsverhaltens vertreten und neo-liberale Strategien der Gesundheitsversorgung propagieren, die von gesunden männlichen Bürgern ausgehen, die willens und in der Lage sind, Verantwortung für ihr eigenes Wohlergehen zu übernehmen."

Ein kostenloses Abstract der Studie ist hier nachzulesen: Governing the healthy male citizen: Men, masculinity and popular health in Men's Health magazine (Social Science & Medicine, Artice in Press, Available online 12 July 2007)
(Der weitaus interessantere Volltext mit vielen Literatur-Hinweisen zum gleichen Thema ist leider kostenpflichtig bzw. setzt ein Abo bei Science Direct voraus)

Gerd Marstedt, 17.7.2007


Eine immer populärere Denkformel: Fast Food + Nahrungsergänzungsmittel = gesunde Ernährung

Artikel 0786 Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpillen werden immer beliebter. Eine jetzt von TNS Healthcare, einem Institut für Gesundheitsforschung und Meinungsbefragung, durchgeführte Studie hat gezeigt, dass Besucher von Fitness-Studios überdurchschnittlich oft Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen. Befragt wurden rund 16.000 Personen im Alter von 14 bis 90 Jahren nach ihren sportlichen Aktivitäten und der Einnahme von Vitaminen und ähnlichen Produkten. Dabei gaben 15% der Frauen und 14% der Männer an, in den vergangenen drei Monaten ein Fitness-Studio besucht zu haben. In dieser Gruppe nehmen etwa 50% Vitamine ein, 38% Mineralstoffe und Spurenelemente. Dieser Anteil ist rund zehn Prozentpunkte höher als bei den Nicht-Besuchern (28%). Besonders auffällige Unterschiede gibt es bei den Präparaten, die zur Leistungssteigerung und zum Muskelaufbau genutzt werden. Während diese Produkte in der Bevölkerung von ein bis drei Prozent in den letzten drei Monaten konsumiert wurden, ist der Anteil unter den Fitness-Studio Besuchern deutlich höher. vgl. die Pressemitteilung von TNS Healthcare: "Besucher von Fitness-Studios nehmen ein 10- bis 15-faches an Nahrungsergänzungsmitteln ein"

Bereits 2006 hatte eine andere Umfrage gezeigt: "Jeder dritte Deutsche greift zu Nahrungsergänzungen in Form von Pillen, Kapseln oder Pulvern - so das Ergebnis einer Forsa-Studie. Besonders bei jungen, sportlichen und gestressten Menschen mit ausgeprägtem Gesundheitsbewusstsein und höherem Bildungsstand liegen die Erzeugnisse im Trend. Für die Industrie hat sich damit ein großer Markt eröffnet, der auf mindestens 1 Mrd. Euro Jahresumsatz allein mit Vitamin- und Mineralstoffpräparaten in Deutschland geschätzt wird." vgl. Das Geschäft mit den gesunden Kapseln - Der Markt der Nahrungsergänzungsmittel

Das Geschäft mit den in Drogerien, Apotheken und Supermärkten verkauften Pillen und Pülverchen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Rund 1,4 Milliarden Euro gaben deutsche Verbraucher von Oktober 2005 bis September 2006 für Nahrungsergänzungsmittel und verwandte Produkte aus. Dies berichtete Ralf Voigt, Marketing Manager beim Marktforschungsinstitut IMS-Health GmbH auf der 7. Euroforum Jahrestagung Nahrungsergänzungsmittel in Frankfurt. Am häufigsten gefragt waren Mittel zur Hustenlinderung, ergänzende Mineralstoffe, Multivitaminpräparate und Vitamin-C-Pillen. vgl. Nahrungsergänzungsmittel: Tops und Flops

Der gesundheitliche Nutzen der Nahrungsergänzungsmittel und Vitamintabletten ist überaus fraglich. So stellte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung fest, dass bei Nahrungsergänzungsmitteln auf der Basis von Gemüse- und Obstextrakten in der Regel der wissenschaftliche Nachweis der behaupteten gesundheitlichen Wirkungen fehlt. Häufig werden Befunde über gesundheitliche Positiveffekte durch den Verzehr von Obst und Gemüse schlicht übertragen auf synthetische Produkte. Der Nachweis einer gesundheitlich relevanten Wirkung muss jedoch für das einzelne Nahrungsergänzungspräparat erbracht werden, weil ansonsten der Verbraucher irregeführt und getäuscht wird. (DGE-Stellungnahme zu "Gemüse- und Obstprodukten" als Nahrungsergänzungsmittel)

Gerd Marstedt, 8.7.2007


Schönheitsoperationen erreichen in den USA neuen Rekordstand: 11.5 Millionen Behandlungen für 12 Milliarden Dollar

Artikel 0688 Die Zahl der Schönheitsoperationen und kosmetisch-medizinischen Behandlungen hat im Jahr 2006 in den USA einen neuen Rekordstand erreicht. Wie der neue Bericht der "American Society for Aesthetic Plastic Surgery (ASAPS)" aufzeigt, durften Ärzte 11,5 Millionen mal zum Skalpell oder zur Spritze greifen, um hauptsächlich amerikanischen Frauen zu helfen, ihren Busen zu vergrößern oder zu verkleinern, störende Gesichtsfalten oder Haare zu entfernen. Seit dem Jahr 1997 hat sich die Zahl der chirurgischen und sonstigen (zum Beispiel mit Injektionen) durchgeführten kosmetischen Eingriffe damit um 446 Prozent erhöht. 92% der Behandlungen wurden von Frauen nachgefragt. Die Kosten für die Schönheitsnachhilfe beliefen sich 2006 auf insgesamt 12.2 Milliarden Dollar, umgerechnet knapp 9 Milliarden Euro.

Auf Platz 1 der Rangliste am häufigsten durchgeführter Eingriffe stehen jetzt die sog. Botox-Injektionen, die im Zeitraum 1997-2006 eine Steigerungsrate von 4.783 Prozent aufweisen, heute also 50mal soft oft nachgefragt werden wie vor 10 Jahren. 2006 stand diese Injektion zur Faltenkorrektur 3.2 Millionen Mal auf dem Behandlungsplan. Die Injektion des Nervengifts blockiert nach 2-3 Anwendungen die Signalübertragung von der Nerven- zur Muskelzelle, dadurch kann die Haut nicht mehr in Falten gelegt werden, das Gesicht wirkt glatter und jünger. Allerdings: Nach etwa einem halben Jahr muss erneut gespritzt werden, denn der Körper baut das Gift mit den Handelsnamen "Botox" oder "Dysport" auch wieder ab. Gleichwohl gibt es Risiken in Form allergischer Reaktionen oder Störungen der Muskelaktivität, typisch ist das Herabhängen des Augenlids.

Auf Platz 2 findet sich eine ähnliche Prozedur, Injektion mit Hyaluronsäure, die 1.6 Millionen mal durchgeführt wurden. Auch diese "Hautverjüngungsspritze" verspricht zumindest für begrenzte Zeit "ein schönes, glattes Gesicht ohne Falten". Auf Platz 3 findet sich die Entfernung störender Behaarung mit Lasertechnik, die 1.5 Millionen Mal Anwendung fand. Bei den chirurgischen Eingriffen liegen 2006 Fettabsaugungen und Brustvergrößerungen etwa gleichauf vorne.

Im Jahresbericht der ASAPS findet sich auch eine Preisliste für die einzelnen medizinischen Interventionen. Danach ist die Botox-Injektion mit durchschnittlich etwa 417 $ recht preiswert, jedenfalls im Vergleich zur Brustvergrößerung (mit Silikonkissen) die 3.800 $ kostet, zum Facelifting (6.500 $) oder zur Brustverkleinerung bei Frauen (5.400 $).

Der Gesamtbericht ist hier als Download verfügbar: The American Society for Aesthetic Plastic Surgery: Cosmetic Surgery National Data Bank - Statistics 2006 (PDF, 20 Seiten)
Hier ist eine Pressemitteilung mit den wichtigsten Daten: News Release: 11.5 Million Cosmetic Procedures In 2006

Gerd Marstedt, 1.5.2007


Übersichtsstudie zeigt: Keine einzige Diät hilft auch langfristig zur Gewichtsabnahme

Artikel 0652 Erst im März 2007 hatte eine in der renommierten Zeitschrift "JAMA" veröffentlichte Studie gezeigt, dass die sogenannte "Atkins"-Diät anscheinend überaus erfolgreich ist, um überflüssige Pfunde zu verlieren. Nun hält eine Veröffentlichung dagegen, die die Ergebnisse von 31 Langzeit-Untersuchungen noch einmal neu zusammengefasst hat. Berücksichtigt wurden dabei nur Diät-Studien, die zumindest zwei Jahre lang den Erfolg des Abspeckens kontrolliert hatten. Ergebnis: Betrachtet nicht kurzfristige Effekte, sondern langfristige Wirkungen über einen Zeitraum von 2-5 Jahren, dann ist keine einzige wissenschaftliche untersuchte Diät in der Lage, eine dauerhafte Gewichtsabnahme zu erzielen.

Vier verschiedene Diäten waren in einer Studie von Forschern der kalifornischen Stanford-Universität getestet worden. Dabei zeigte sich, dass die sogenannte Atkins-Diät, die eine Einnahme von Proteinen empfiehlt und zur Meidung von Kohlehydraten rät, bessere Ergebnisse als andere Methoden erzielt. Jedenfalls zeigte sich nach einem Zeitraum von zwölf Monaten bei den 311 übergewichtigen Teilnehmerinnen im Alter von 20 bis 50 Jahren, dass diese mit Abstand am meisten abgenommen hatten, nämlich im Durchschnitt 4,7 kg. Im Vergleich dazu war der Gewichtsverlust mit den übrigen Diät-Formen deutlich geringer. Mit der Zone-Diät (ungesättigte Fettsäuren, komplexe Kohlenhydrate), der Ornish-Diät (wenig Fett) oder der LEARN-Diät (fettarm und kohlenhydratreich) verloren die Teilnehmer nur etwa 1,6 - 2,6 kg. Deutlich wurden aus der Veröffentlichung der Studie aber bereits zwei methodische Schwachstellen: Zum einen befolgte sehr viele Frauen während des einjährigen Versuchs die vorgeschriebene Diät nicht mehr und stiegen aus. Zum anderen wurde der Effekt nicht objektiv geprüft, sondern nur anhand der telefonisch übermittelten Angaben der Teilnehmerinnen.
Ein Abstract der Studie ist hier nachzulesen: Comparison of the Atkins, Zone, Ornish, and LEARN Diets for Change in Weight and Related Risk Factors Among Overweight Premenopausal Women (JAMA. 2007;297:969-977)

Eine jetzt in der April-Ausgabe der Zeitschrift "American Psychologist", dem Fachblatt der American Psychological Association, veröffentlichte Studie hat nun gezeigt: Auch die Atkins-Diät ist, ebenso wie eine Vielzahl anderer bekannter Methoden zur Gewichtsabnahme langfristig wirkungslos. In der Übersichtsarbeit wurden insgesamt 31 schon veröffentlichte Studien ausgewertet. Berücksichtigt wurden dabei nur methodisch fundierte Studien, die auch einen längeren Beobachtungszeitraum von zwei bis fünf Jahren aufwiesen. "Zu Beginn einer Diät. in den ersten sechs Monaten, kann man durchaus 5-10% des Körpergewichtes verlieren", erklärte Traci Mann, Hauptautorin der Studie in einer Pressemitteilung der University of California, Los Angeles. "Danach zeigt sich jedoch nur noch bei einer kleinen Gruppe von Diät-Teilnehmern, dass sie dieses Gewicht halten können. Die große Mehrheit jedoch nimmt nach diesem Zeitraum wieder zu. Ein erheblicher Teil, je nach Studie ein Drittel bis zwei Drittel, nimmt sogar so stark zu, dass das Körpergewicht höher ist als vor Beginn der Diät."

Dass in Zeitschriften immer wieder über wissenschaftlich belegte Erfolge von Diäten berichtet wird, liegt nach Meinung der Forscher sehr stark an methodischen Defiziten dieser Studien. Drei Mängel heben sie besonders hervor: Erstens gehen viele Studien von den Aussagen der Teilnehmer aus und nicht von objektiven Gewichtsmessungen. Bei solchen Aussagen besteht jedoch die Tendenz, das eigene Verhalten auch als erfolgreich zu bewerten und nicht zu sagen: "Die Diät hat nichts gebracht." Zum zweiten berücksichtigen viele Studien bei den Endergebnissen jene Teilnehmer nicht, die vorzeitig die Diät abgebrochen haben. Bei vielen von den Wissenschaftlern näher analysierten Studien lag die Teilnehmerquote am Schluss weit unter 50%. Bei Abbrechern ist jedoch zu vermuten, dass sie ganz überwiegend wieder an Gewicht zugenommen und deshalb aufgehört haben, was die Ergebnisse natürlich massiv verfälscht. Und zum dritten schließlich laufen viele Studien nur über einen sehr kurzen Beobachtungszeitraum, in dem tatsächlich Gewichtsverluste zu beobachten sind. Dieser Erfolg hält jedoch nicht mehrere Jahre an.

Häufige Gewichtsverluste durch Diäten und anschließende Gewichtszunahmen, so die Forscher, sind nicht nur auf lange Sicht betrachtet unnütz, sondern sogar gesundheitsriskant. Es gibt Hinweise, dass solche ständigen Änderungen des Körpergewichts auch ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Diabetes und veränderte Immunfunktionen mit sich bringen. Anstelle von Diäten empfehlen die Wissenschaftler daher, die tägliche Kalorienmenge ein wenig einzuschränken und regelmäßig Sport zu treiben oder anderweitig körperlich in Bewegung zu bleiben.

Der Aufsatz erscheint in der April-Ausgabe der Zeitschrift American Psychologist
Eine Pressemitteilung der University of California (Los Angeles) mit den wichtigsten Ergebnissen ist hier zu finden. Dieting Does Not Work, Researchers Report

Gerd Marstedt, 6.4.2007


Hohe Gesundheitsrisiken bei Schlankheitsmitteln aus dem Internet

Artikel 0647 Schlankheitsmittel, die über das Internet bezogen werden, sind nach einer Untersuchung der Stiftung Warentest überwiegend gesundheitsgefährlich. 13 der 16 getesteten Mittel bekamen von der Verbraucherorganisation schlechte Noten, da sie riskante Stoffe enthalten, die zu Schlaflosigkeit, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck oder Abhängigkeit führen können. Überdies war die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe meist falsch oder gar nicht mitgeteilt, bei einigen Mitteln war die Information nur in asiatischen oder kyrillischen Schriftzeichen angegeben, so dass Nutzer gar nicht mitbekommen, welchen Gesundheitsrisiken sie sich aussetzen.

Die Stiftung Warentest untersuchte 16 Schlankheitsmittel aus dem Internet. Ergebnis: 13 Mittel enthalten riskante Inhaltsstoffe, die die Gesundheit stark gefährden. Dazu zählen etwa Appetitzügler wie Sibutramin und das früher als Potenzmittel eingesetzte Yohimbin. Einige der Mittel enthielten auch Ephedrin. Dieser Stoff hat eine aufputschende Wirkung und kann süchtig machen. Daher ist er in Deutschland verschreibungspflichtig.

Im Rahmen der Untersuchung führte Stiftung Warentest auch eine Online-Umfrage durch. Insgesamt beteiligten sich 5828 Besucher von Stiftung Warentest online. 3.031 davon konnten ausgewertet werden. Der überwiegende Teil der Befragten waren Frauen, nur ein Viertel Männer. Von den 3.000 Teilnehmern hatten 14 Prozent bereits Mittel mit gefährlichen oder riskanten Inhaltsstoffen wie die im Test ausprobiert. Viele berichteten von erheblichen Nebenwirkungen. Mehr als jeder Zweite der Befragten gab an, schon einmal die im Test berücksichtigten oder ähnliche Mittel benutzt zu haben. Ganz oben auf der Liste stehen dabei Fatburner, gefolgt von Appetitzüglern, Quell- und Entwässerungsmitteln sowie Abführmitteln. Rund 23 Prozent der Befragten spielten ernsthaft mit dem Gedanken, entsprechende Mittel einzunehmen. Die meisten Nutzer holen sich ihre Schlankheitsmittel in Apotheken und Drogerien, doch auch Mittel aus dem Internet gewinnen zunehmend an Bedeutung. Rund 14 Prozent der Befragten gaben an, bereits Schlankheitspillen- und Pülverchen aus dem Internet eingenommen zu haben.

Darunter waren auch Mittel aus dem aktuellen Test: Hoodia, Ephedra Supercaps und Stacker 2. Bei beiden ist die Gesundheitsgefährdung hoch. Nutzer können nach Einnahme der Mittel unter Schlaflosigkeit leiden, Herzrasen und innere Unruhe bekommen. In Deutschland sind diese Mittel nicht zugelassen. Aber auch das zeigte der Test: Keine der bestellten Proben wurde vom Zoll zurückgehalten.

Auch Teilnehmer der Umfrage machten Erfahrungen mit unerwünschten Nebenwirkungen. Das war bei fast einem Viertel der Befragten, die Schlankheitsmittel einnahmen, der Fall. Herzrasen, Unruhe, Schweißausbrüche, Niedergeschlagenheit, aber auch Zittern und Kreislaufprobleme gehörten hier zu den Nebenwirkungen. Viele Nutzer fühlten sich durch diese Wirkungen so sehr beeinträchtigt, dass sie die Mittel absetzten. Fatal: Die Hälfte der Mittelnutzer gab an, von den Nebenwirkungen nichts gewusst zu haben. Etwa ein Drittel nahm die Nebenwirkungen aber in Kauf: Diese Nutzer wussten von möglichen Beschwerden, nahmen die Mittel aber trotzdem ein.

Während der Einnahme von Schlankheitsmitteln verloren nur etwa ein Drittel der Mittelnutzer zwischen einem und fünf Kilogramm an Gewicht, andere zwischen sechs und zehn Kilogramm. Doch bei einem weiteren Drittel der Nutzer zeigten die eingenommenen Schlankheitsmittel keinerlei Wirkung. Die Gewichtsreduktion war hier gleich Null. Und drei Prozent nahmen sogar zu. Von Dauer war die erhoffte Wirkung der Schlankheitsmittel nicht. Fast die Hälfte der Personen, die überhaupt mit Hilfe von Pillen und Pülverchen abnahm, legte kurze Zeit nach Absetzen der Mittel wieder zu. Fazit der Stiftung: Ohne eine dauerhafte Umstellung der Lebensgewohnheiten, mehr Sport und einer gesünderen Ernährung können die Pfunde nur kurzfristig purzeln. Wunder sollte sich also niemand von Schlankheitspillen erwarten. Sie bergen zudem oft erhebliche Nebenwirkungen, die die Gesundheit nachhaltig schädigen können.

Schlankheitsmittel - Krank statt schlank
Testkompass: Die getesteten Schlankheitsmittel im Überblick

Gerd Marstedt, 29.3.2007


Cochrane-Studie stellt fest: Vitaminpillen bergen tödliche Gesundheitsrisiken

Artikel 0604 Der Markt für Vitaminpräparate und Nahrungsergänzungsmittel boomt: Jeder dritte Deutsche greift nach einer Forsa-Studie zu Pillen, Kapseln oder Pülverchen. Schätzungen gehen von 1 Milliarde Euro Jahresumsatz in Deutschland allein durch Vitamin- und Mineralstoffpräparate aus. Die mit der Einnahme dieser Mittel verbundene Hoffnung auf Fitness, Gesundheit und Schutz vor Krankheiten ist jedoch überaus trügerisch. Manche Vitaminpillen, so fand jetzt eine große Studie heraus, könnten sogar die Sterblichkeit erhöhen.

Dänische Wissenschaftler, unter ihnen Goran Bjelakovic von der Universitätsklinik Kopenhagen, hatten aus einer Vielzahl schon veröffentlichter Studien solche herausgesucht, die aufgrund ihrer methodischen Grundlage besondert fundiert erschienen. Die Forscher arbeiten auch für die renommierte "Cochrane Collaboration", ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten, deren Ziel es ist, systematische und "evidenz-basierte", also methodisch abgesicherte Übersichtsarbeiten (Reviews) zur Bewertung von medizinischen Therapien zu erstellen. Zu den Kriterien, um die Studien nach ihrer methodischen Stärke zu bewerten, gehörten der Einbezug von Kontrollgruppen mit Placebo (Scheinmedikament), zufällige Zuweisung von Studienteilnehmern zu Kontroll- oder Untersuchungsgruppen, Verblindung (also fehlende Kenntnis der Forscher, wer welcher Gruppe zugeordnet war), Ergebnisbeobachtung auch über einen längereren Zeitraum. Übrig blieben insgesamt 47 Studien mit über 180.000 Teilnehmern, in denen der gesundheitliche Effekt von Präparaten mit sog. anti-oxidativen Vitaminen untersucht wurde: Vitamin A, C und E, Betakarotin und das Spurenelement Selen.

Bei einer differenzierten Analyse dieser methodisch besonders gut fundierten Studien mit niedrigen Verzerrungstendenzen zeigte sich dann, dass für die Einnahme einiger Vitaminpräparate ein im Vergleich zu Kontrollgruppen erhöhtes Sterblichkeitsrisiko gefunden worden war. Dieses erhöhte Risiko betrug für Betakarotin 7%, für Vitamin A 16% und für Vitamin E 4%. Für Selen und Vitamin C konnte kein solch fataler Zusammenhang festgestellt werden. Die gefundenen Risiken sind relative Größen, für den einzelnen Menschen eher gering. Ein um 4% höheres Sterblichkeitsrisiko kann beispielsweise bedeuten, dass bei Studien-Teilnehmern in der Untersuchungsgruppe (mit Vitamin-Einnahme) 104 Personen sterben, in der Kontrollgruppe (ohne Vitamine) hingegen nur 100 Personen. Auch die in jetzt der Zeitschrift JAMA veröffentlichten Daten über die absoluten Risiken in den einzelnen Studien zeigen teilweise recht gering erscheinende Unterschiede in den Sterbequoten. So lag in der Studie mit der größten Teilnehmerzahl die Sterberate in der "Vitamingruppe" bei 636 Personen von 19.937 Teilnehmern, in der Kontrollgruppe ein wenig darunter, nämlich 615 von 19.937.

Tatsächlich, so räumen auch die Autoren ein, ist das Risiko für den einzelnen Menschen eher gering. Berücksichtigt man jedoch, dass in Nordamerika und in Europa schätzungsweise 80-160 Millionen Menschen regelmäßig Vitaminpräparate einnehmen, so muss man die schädliche Wirkung doch anders einstufen. Bereits im Jahre 2004 hatte die Wissenschaftlergruppe untersucht, ob die Einnahme künstlicher Vitamine geeignet ist, das Risiko einer Erkrankung an Magen- und Darmkrebs zu senken. Nach Sichtung von 14 schon veröffentlichten Studien mit über 170.000 Teilnehmern konnten sie diese schützende Wirkung nicht feststellen, sondern es fanden sich im Gegenteil schon damals Hinweise, dass eine erhöhte Zufuhr bestimmter Vitamine das Sterberisiko erhöht: Antioxidant supplements for preventing gastrointestinal cancers.

Natürlich stieß die Veröffentlichung auf heftigen Widerspruch von Herstellerfirmen. Eine Repräsentantin des englischen "Health Supplements Information Service" bezeichnete die Studie gegenüber der BBC als "wertlos" und argumentierte, dass in einigen Studien auch kranke Patienten einbezogen waren und meinte weiter: "Vitamine, Mineralstoffe und Nahrungsergänzungsmittel haben nicht nur einen erwiesenermaßen positiven Einfluss auf die Gesundheit, sie sind auch unverzichtbar, um gesund zu bleiben und um die Ernährungsdefizite auszugleichen, die viele Menschen haben." (BBC: Vitamins 'could shorten lifespan') Tatsächlich wäre es methodisch noch fundierter, auch den Gesundheitszustand von Studienteilnehmern zu kontrollieren. Aber wenn in einigen Studien Teilnehmer mit schlechtem Gesundheitszustand höhere Sterbequoten aufweisen, so lässt sich daraus wohl kaum die Gegenfolgerung ableiten, dass Vitaminpräparate der Gesundheit überaus nützlich sind. Überdies zeigen Befragungen, dass gerade Personen, die unter starkem Stress stehen, deren Gesundheitszustand tendenziell also schon angegriffen ist, gehäuft zu Vitaminpillen greifen. (vgl. Innovations Report: Das Geschäft mit den gesunden Kapseln - Der Markt der Nahrungsergänzungsmittel)

Das Abstract der Studie über erhöhte Sterberisiken durch Einnahme von Vitaminpräparaten ist hier nachzulesen: Mortality in Randomized Trials of Antioxidant Supplements for Primary and Secondary Prevention Systematic Review and Meta-analysis (JAMA. 2007;297:842-857)

Gerd Marstedt, 1.3.2007


Schönheitsoperationen: Der psychologische Nutzen ist überaus fraglich

Artikel 0431 Die Versprechungen der plastischen und ästhetischen Chirurgie sind immens, zielen nicht nur auf eine attraktivere Figur und mehr Sex-Appeal, sondern heben auch nachhaltige psychologische Effekte hervor: Ein besseres Selbstwertgefühl, mehr Lebenszufriedenheit und Selbstbewußtsein. Ob mit Schönheitsoperationen jedoch tatsächlich auch nachhaltige Positiveffekte für die Psyche der Patienten erreicht werden, wird jetzt durch eine Übersichtsarbeit in der Zeitschrift New Scientist mehr als in Frage gestellt. Der Artikel wertet eine Reihe wissenschaftlicher Studien zu den kurz- und langfristen psychologischen Effekten ästhetischer Chirgugie bei Patienten in den USA aus (Rachel Nowak: Cosmetic surgery special: When looks can kill).

Im Jahre 2005 wurden in den USA 291.000 Frauen Brust-Implantate eingesetzt und 324.000 Fettabsaugungen durchgeführt. Nimmt man alle Eingriffe zusammen, so belief sich die Zahl kosmetisch-chirurgischer Eingriffe auf etwa 10,2 Millionen. In Deutschland werden jährlich mindestens 300.000 kosmetische Operationen durchgeführt. Genaue Zahlen kennt niemand, denn die Eingriffe werden nicht von den Kassen bezahlt und daher nicht zentral registriert. Klar ist jedoch: Kosmetische Operationen nehmen zu. Von 1992 bis 2000 stieg der Anteil von Brustvergrößerungen bei den Operationen um 476% und Fettabsaugungen nahmen um 386% zu. (Quelle: WDR Gesundheit - Ästhetische Chirurgie)

Wissenschaftliche Studien über die körperlichen und seelischen Effekte solcher Eingriffe waren bislang rar und ihr Fazit widersprüchlich. David Sarwer von der University of Pennsylvania School of Medicine in Philadelphia fand nun heraus, dass etwa jeder fünfte Patient, der sich einer kosmetischen chirurgischen Operation unterzogen hatte, auch Medikamente gegen psychische Erkrankungen einnahm, häufig ein Antidepressivum. Fünf weitere Studien aus den USA und Kanada, darunter auch sehr große mit 13.000 bzw. 24.000 Frauen, die Brustimplantate bekommen hatten, fanden nun ein noch überraschenderes Ergebnis: Die Selbstmordquote dieser Frauen lag zwei- bis dreimal höher als im Bevölkerungsdurchschnitt.

Die Erklärung der Wissenschaftler für diesen überraschenden Befund ist recht naheliegend: Mit hoher Wahrscheinlichkeit leiden Frauen, die sich einer Schönheitsoperation an ihren Brüsten unterziehen, sehr viel häufiger an psychischen Erkrankungen, die von den Ärzten (und Schönheitschirurgen) allerdings nicht erkannt oder unterschätzt werden. Dies gilt beispielsweise für das Krankheitsbild der körperlichen Dismorphie (vereinfacht: eine extrem negative Wahrnehmung des eigenen Körpers). Zwar ist diese Krankheit nicht sehr stark verbreitet (etwa 1-3% in der Bevölkerung), man fand jedoch, dass drei von vier Betroffenen sich nach chirurgischen Behandlungen umgesehen oder schon durchgeführt haben. Unter dem Strich wird aus der Übersichtsarbeit damit deutlich, dass viele Patienten mit seelischen Problemen schnelle Hilfe im Rahmen medizinisch-körperlicher Interventionen suchen und viele Ärzte diesem Wunsch allzuschnell nachgeben.

Der Übersichtsartikel (auf englisch, NewScientist.com) ist hier frei abrufbar: Rachel Nowak: Cosmetic surgery special: When looks can kill

Gerd Marstedt, 29.12.2006


Doping ist auch bei Freizeitsportlern in Fitnesstudios keine Seltenheit

Artikel 0422 Freizeit- und Breitensport in Vereinen und kommerziellen Einrichtungen ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet, die positiven gesundheitlichen Auswirkungen sind belegt. Aber auch in diesen Bereichen des Sports gibt es Doping bzw. Arzneimittelmissbrauch. Aus den wenigen verfügbaren europäischen Studien zum Doping außerhalb des Leistungssports ist bekannt, dass ein, wenn auch geringer Teil der Fitnessstudiokundinnen und -kunden Dopingsubstanzen missbraucht. Ein neues Themenheft des Robert-Koch-Instituts informiert jetzt mit vielfältigen Forschungsbefunden über das Thema "Doping beim Freizeit- und Breitensport".

Speziell unter Bodybuildern finden sich vermehrt Nutzer verbotener Substanzen (insbesondere Anabolika). Männer geben häufiger als Frauen an, Dopingmittel eingenommen zu haben. 22% der Männer und 8% der in insgesamt 58 Fitness-Studios befragten Sportler gaben den Missbrauch von Arzneimitteln zur Leistungssteigerung und zum Aufbau von "Muskelmasse" zu. In einer anderen Befragung lagen die Quoten etwas niedriger. Allerdings könnten die tatsächlichen Werte erheblich höher liegen, da die Beteiligungsquote in den Befragungen sehr niedrig war und man vermuten kann, dass Sportler, die Doping-Substanzen einnehmen, eher die Teilnahme an der Befragung verweigerten.

Das gesundheitsgefährdende Potenzial der eingenommenen Wirkstoffe ist erheblich, zahlreiche Nebenwirkungen bis hin zu einer erhöhten Sterblichkeit werden beobachtet. Neben persönlichen Motiven, wie einem übersteigerten Körperbewusstsein, sind auch gesellschaftliche Faktoren von Bedeutung, wenn nach den Ursachen des Substanzmissbrauchs im Freizeitsport gefragt wird. Der oft sorglose Einsatz von Wirkstoffen, um vermeintliche oder nur vorübergehend bestehende körperliche oder geistige Beeinträchtigungen zu kompensieren, ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Auch hierüber informiert das neue GBE-Heft zur Gesundheitsberichterstattung.

GBE Themenheft 34: Doping beim Freizeit- und Breitensport

Gerd Marstedt, 27.12.2006


Für jedes sechste Mädchen ist eine Schönheitsoperation zumindest denkbar

Artikel 0420 Die Hälfte der 14-17jährigen Mädchen in Deutschland findet sich zumindest ansatz- oder zeitweise "zu dick" (50%), dieser Anteil ist doppelt so hoch wie bei Jungen (26%). Das gängige, extrem schlanke mitteleuropäische Schönheitsideal beeinflusst Mädchen offenbar sehr viel stärker als männliche Jugendliche. Eine Reihe von Mädchen würden sogar eine Operation in Betracht ziehen, um ihren Körper zu verschönern. Der Aussage "Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich eine Schönheitsoperation machen lassen" stimmen immerhin 7 Prozent "vollständig" und 10 Prozent "ziemlich" zu. Zwar ist umgekehrt die Ablehnungsquote für plastische Chirurgie überaus hoch (Mädchen 50%, Jungen 72%). Gleichwohl erscheint es auch der Direktorin der BZgA, Frau Dr. Elisabeth Pott, problematisch, dass immerhin jedem sechsten Mädchen ein medizinischer Eingriff aus rein ästhetischen Gründen zumindest denkbar erscheint: "Hier muss verstärkt Aufklärungsarbeit geleistet werden, wir bieten deshalb Jugendlichen zum Thema Körper und Schönheitsideale Informationen in unserem Internetauftritt loveline an.

Das Befragungsergebnis stammt aus einer repräsentativen EMNID-Studie im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), deren erste Auswertungsergebnisse nun vorliegen. 2500 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren wurden im Rahmen der Studie "Jugendsexualität 2005" erstmals zu ihrem subjektiven Körperempfinden und ihrem Körperbewusstsein befragt. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass die Beschäftigung mit dem eigenen Körper für beide Geschlechter sehr wichtig ist: Drei von vier Mädchen und mehr als die Hälfte der Jungen "stylen" sich gern, nur für 6 Prozent der Mädchen und 16 Prozent der Jungen hat dies kaum oder gar keine Bedeutung.

"Die Atmosphäre im Elternhaus hat einen wichtigen Einfluss auf das Körperbewusstsein Jugendlicher und eine positive Einstellung zum eigenen Körper", betont die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. "Mädchen und Jungen, die sich von ihren Eltern angenommen fühlen und zu Hause eine gute Vertrauensbasis haben, entwickeln ein besseres Verhältnis zu ihrem Körper. So zeigen die Studienergebnisse, dass die Hälfte der Mädchen und 65 Prozent der Jungen mit einem guten Vertrauensverhältnis zu ihren Eltern sich in ihrem Körper wohl fühlen. Demgegenüber trifft das bei einer geringerem Vertrauensbasis nur noch für 37 Prozent der Mädchen und 55 Prozent der Jungen zu."

Die Ergebnisse der Befragung sind veröffentlicht und zum Download verfügbar im Themenheft "Körper" der Reihe "FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung" der BZgA. Das Heft enthält darüber hinaus Berichte zu den Themen Verbreitung von Tattoos, Piercings und anderen Eingriffen zur Körpergestaltung, Analysen der Medienwirkungsforschung zu umstrittenen TV-Formaten wie "Germany´s next Supermodel", Beitrag zum Körperbewusstsein von Mädchen und Jungen, Jugendkulturen und Körpersprache, Psychogene Ess-Störungen, Einfluss von Hormonen auf den weiblichen Körper und aktueller wissenschaftlicher Forschungsstand zum Einsatz von Hormonersatztherapien.

Gerd Marstedt, 27.12.2006


Gesundheit als Lifestyle: Marktanalysen und Hintergrunddaten des FOCUS

Artikel 0091 Nach dem theoretischen Modell des russischen Professors für Wirtschaft, Nikolai Kondratieff, kommt es alle 30 bis 50 Jahre zu einer Basisinnovation, die dann einen neuen sog. Kondratieff-Zyklus einleitet. Nach Dampfmaschine und Baumwolle und zuletzt Informationstechnik und Computer wird als nächster Zyklus der Schwerpunkt "individuelle und kollektive Gesundheit" prognostiziert. Schon jetzt verzeichnet die Gesundheitswirtschaft mächtige Wachstumsraten. Damit ist weniger der große Markt der Selbstmedikation angesprochen, als vielmehr jene Produkt-Palette, die im Gefolge der Präventions-Bemühungen unserer Gesellschaft für den Bürger Hilfe sein sollen für eine gesundsheitsbewußte Lebensweise: Fitness-Studios und Heimtrainer, Wellness-Hotels und Saunas, Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel, cholesterinfreie Nahrungsmittel und Energie-Drinks.

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, wenn der "Gesundheitsmarkt" ausführlichen Analysen unterzogen wird. Das Magazin FOCUS bietet zwei relativ ausführliche Studien, die nicht nur für Produzenten im Gesundheitsmarkt von Interesse sind, sondern anhand vieler statistischer Daten und Umfrage-Ergebnisse verdeutlichen, in welchem Maße in unserer Gesellschaft Gesundheit, Fitness und Wellness boomen. Beide Studien: "Der Markt für Fitness und Wellness" (56 Seiten) und "Der Markt der Gesundheit" (43 Seiten) sind bei FOCUS online als PDF-Dateien kostenlos herunterzuladen, vorher muss man sich lediglich registrieren.

PDF-Dateien von FOCUS Media Line: Der Markt für Fitness und Wellness, Der Markt der Gesundheit

Gerd Marstedt, 12.8.2005