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Epidemiologie
Soziale Lage, Armut, soziale Ungleichheit


USA: Deutliche Zunahme der Lebenserwartungslücke zwischen gering- und vielverdienenden Frauen und Männern (23.2.16)
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Eine gute und eine schlechte Nachricht zur Sterblichkeit von Diabetikern (13.1.10)
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Ungleiche Gesundheitschancen zwischen Arm und Reich verschärfen sich mit zunehmenden Lebensalter

Artikel 0678 Die Schere zwischen den oberen und unteren gesellschaftlichen Schichten betrifft Vermögensverhältnisse und Konsumchancen, das Bildungniveau und Teilhabechancen am gesellschaftlichen Leben, nicht zuletzt aber auch den Gesundheitszustand und die Lebenserwartung. So viel ist bekannt und in einer Vielzahl internationaler Studien eindeutig belegt. Bislang war allerdings nicht eindeutig klar: Verringert sich diese sozial bedingte Ungleichheit mit zunehmenden Lebensalter, beispielsweise dadurch, dass mit dem Eintritt ins Rentenalter und dem Ausscheiden aus der Erwerbstätigkeit sich Gesundheitsrisiken und Stressfaktoren für alle reduzieren, ungeachtet ihrer Zugehörigkeit zur Ober- oder Unterschicht?

Eine neue Analyse hat jetzt jedoch gezeigt: Das Gegenteil ist der Fall. Die Schere zwischen den oberen und unteren Sozialschichten im Hinblick auf die körperliche und seelische Gesundheit vergrößert sich mit zunehmendem Lebensalter. Die jetzt von Forschern des "International Institute for Society and Health", am University College London, in der Zeitschrift "British Medical Journal (BMJ)" veröffentlichte Studie hat über einen Zeitraum von 20 Jahren (im Rahmen der sog. "Whitehall II Studie") den Gesundheitszustand von über 10.000 Beschäftigten im Öffentlichen Dienst in Großbritannien verfolgt. Überprüft wurde zwischen 1985 und 2002 im Rahmen mehrfacher Befragungen (bis zu sieben Erhebungen in diesem Zeitraum), wie sich der Gesundheitszustand in Abhängigkeit von der jeweiligen Schichtzugehörigkeit veränderte.

Als Untersuchungsinstrument wurde dabei der international vielfach erprobte und bewährte Fragebogen "SF-36" eingesetzt, ein Messinstrument zur Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität von Patienten. Der SF-36 erfasst acht verschiedene Dimensionen, die sich in die Bereiche "körperliche Gesundheit" und "psychische Gesundheit" unterteilen lassen. Skalen sind: Körperliche Funktionsfähigkeit, Körperliche Rollenfunktion, Körperliche Schmerzen, Allgemeine Gesundheitswahrnehmung, Vitalität, Soziale Funktionsfähigkeit, Emotionale Rollenfunktion und Psychisches Wohlbefinden.

Als Hauptergebnis zeigte sich: Zu jedem Zeitpunkt des Alters findet man einen besseren Gesundheitszustand bei Angehörigen höherer Schichten. Dies ist allerdings auch aus anderen Studien bekannt. Neu war jedoch die Erkenntnis: Mit zunehmendem Lebensalter zeigt sich eine zunehmend größere Distanz zwischen den sozio-ökonomischen Schichten. So weist beispielsweise ein 70jähriger Angehöriger der Oberschicht dieselben gesundheitlichen Merkmale auf wie ein um acht Jahre jüngerer 62jähriger Kollege aus der Unterschicht. Im mittleren Lebensalter beträgt diese Differenz nur etwa 4.5 Jahre, das heißt: Ein 45jähriger Erwerbstätiger mit hoher beruflicher Stellung zeigt ähnliche gesundheitliche Merkmale auf wie ein un- oder angelernter Angestellter im Alter von 40.5 Jahren.

Die Wissenschaftler haben in ihrer Studie zwar nur Angestellte, Beschäftigte mit nicht-körperlicher Arbeit untersucht. Sie kommentierten ihre Ergebnisse jedoch so, dass sie fest überzeugt seien, dass ihr Befund auch bei Arbeitern und körperlichen Tätigkeiten Bestand hat und womöglich sogar noch größere Differenzen zutage treten könnten. Darüber hinaus würden ihre Befunde frühere Forschungsergebnisse widerlegen, die über eine Angleichung der gesundheitlichen Verfassung von Angehörigen höherer und niedrigerer beruflicher Stellung berichtet haben.

Die Studie ist im Volltext hier nachzulesen: Social inequalities in self reported health in early old age: follow-up of prospective cohort study (BMJ, doi:10.1136/bmj.39167.439792.55, published 27 April 2007)
Ein Abstract ist hier
Hier findet man weitere Informationen zur Whitehall II Study

Gerd Marstedt, 28.4.2007