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Epidemiologie
Soziale Lage, Armut, soziale Ungleichheit


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Unterschicht-Angehörige sind nicht nur häufiger chronisch erkrankt, sondern haben auch öfter Kopfschmerzen oder Erkältungen

Artikel 1773 Dass die soziale Schichtzugehörigkeit, definiert über Bildungsniveau, Einkommen und beruflichen Status, den Gesundheitszustand und die Betroffenheit von chronischen Erkrankungen nachhaltig beeinflusst, ist seit langem bekannt. Eine Vielzahl empirischer Studien hat dies belegt, über die wir auch in der Rubrik Epidemiologie: Soziale Lage, Armut, soziale Ungleichheit hier im Forum berichtet haben. Aber nicht nur schwer wiegende chronische Erkrankungen oder Behinderungen, sondern auch Bagatell-Krankheiten wie Erkältungen oder Kopfschmerzen findet man sehr viel häufiger bei Bürgerinnen/Bürgern mit niedrigem Bildungsniveau oder niedrigem Einkommen.

Dieses überraschende Ergebnis fand man jetzt in einer US-amerikanischen Studie, bei der rund 355 Tausend Erwachsene im Jahr 2008 in Telefon-Interviews nach ihrem Gesundheitszustand, Gesundheitsverhalten und vielen anderen, insbesondere sozialstatistischen und beruflichen Aspekten befragt wurden. In drei Fragen dieser Umfrage "Gallup-Healthways" wurde erfasst, ob der Betroffene am gestrigen Tag a) eine Erkältung oder Grippe hatte, b) gestern längere Zeit Kopfschmerzen, c) gestern längere Zeit Schmerzen, ganz gleich welcher Art hatte. Überprüft wurde dann, ob sich für die Häufigkeit dieser Beschwerden Unterschiede zeigten in Abhängigkeit vom Bildungsniveau oder Einkommen.

Tatsächlich zeigte sich dann ein sehr deutlicher Einfluss beider Faktoren der Schichtzugehörigkeit:

• Aufgeteilt wurde die Stichprobe in sechs Gruppen mit unterschiedlich hohem Bildungsniveau, von Abschluss weniger als High School (also kein Gesamtschul-Abschluss) bis Universitäts-Abschluss. Schmerzen irgendwelcher Art hatten dann am gestrigen Tag 36 Prozent in der untersten Bildungsgruppe, aber nur halb so viele (18%) derjenigen mit dem höchsten Bildungsniveau. Ähnlich große Differenzen ergaben sich auch für das Auftreten von Kopfschmerzen (18%, 9%) und für eine Grippe oder Erkältung (10%, 6%).

• Acht Gruppen bildeten die Forscher für das monatliche Einkommen der Interviewteilnehmer, die unterste Gruppe lag unter 1000 Dollar, die oberste Gruppe über 10.000 Dollar. Auch hier fanden sich sehr große Unterschiede für die Betroffenheit von Gesundheitsbeschwerden am gestrigen Tag. Die Vergleiche ergaben für die unterste und oberste Einkommensgruppe: Schmerzen 47% : 15%, Kopfschmerzen 21% : 7%, Erkältung oder Grippe 11% : 6%.

• In einer so genannten multivariaten Analyse überprüften die Wissenschaftler dann, ob diese Zusammenhänge möglicherweise verursacht sind durch andere Faktoren, die sich hinter der Schichtzugehörigkeit bzw. Bildung und Einkommen verbergen ("Confounder"). Als solche Hintergrundfaktoren wurden unter anderem herangezogen: Alter, Geschlecht, fester Partner/in, Sport und körperliche Bewegung, Rauchen, Vorerkrankungen. Hier zeigte sich dann, dass der Einfluss der Schichtzugehörigkeit quantitativ ein wenig zurückging, aber immer noch sehr deutlich (und statistisch signifikant) erkennbar blieb.

In der gesundheitspolitischen Diskussion über jene Mechanismen, die dem Zusammenhang von Schichtzugehörigkeit und Gesundheit zu Grunde liegen, überwiegen zwei Erklärungen. Zum einen wird auf die schichtspezifische Inanspruchnahme des medizinischen Versorgungssystems hingewiesen (z.B.: Unterschicht-Angehörige nehmen weniger an Früherkennung teil), zum anderen auf das Gesundheitsverhalten (Rauchen ist in Unterschichten stärker verbreitet). Beide Erklärungen, so die Wissenschaftler in einer Bilanz ihrer Befunde greifen jedoch für die in ihrer Studie überprüften Bagatell-Erkrankungen überhaupt nicht.

Sehr viel einleuchtender, so ihre These, ist der Effekt von unterschiedlichen Arbeits- und Lebensbedingungen: Erkältungen und grippale Infekte könnten bei Unterschicht-Angehörigen stärker verbreitet sein, weil sie sich öfter in großen Menschenmengen aufhalten (Wohnbedingungen, Weg zur Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln). Kopfschmerzen könnten öfter auftreten, weil sie im Alltag oder bei der Arbeit stärkerem Lärm ausgesetzt sind, ihre Arbeitsbelastungen mehr Stress verursachen etc.

Von der Studie ist leider nur ein kurzer Abriss verfügbar (erste 150 Wörter): Arthur A. Stone et al: The Socioeconomic Gradient in Daily Colds and Influenza, Headaches, and Pain (Arch Intern Med. 2010;170(6):570-572)

Eine Zusammenfassung findet man auch hier: Medical News Today: Income And Education Are Likely To Affect Everyday Health

Gerd Marstedt, 1.4.10