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Leben in der "sozialen Hängematte": Kosten-Nutzen-Abwägung für Freizeit oder Mangel an guten Arbeitsplätzen und Gesundheit?

Artikel 2249 Manchen Oekonomen oder Arbeitsmarktpolitikern ist keine Spekulation über nutzenmaximierende Individuen zu dünn oder zu dumm, um nicht zum "blaming of the victims" und zur Entlastung von Arbeitgebern und anderen Akteuren genutzt zu werden. Dies galt z.B. auch für die meist älteren Langzeitarbeitslosen, die sich von 1986 bis 2007 mit Hilfe des so genannten "erleichterten Leistungsbezugs" ab dem 58. Lebensjahr vom Arbeitsmarkt "zurückziehen" konnten und damit als produktive Arbeitskräfte und Einzahler höherer Beschäftigten-Beiträge in die Sozialversicherungskassen ausfielen. Sie hatten nach dem Paragraphen 428 SGB III das Recht, bis zur normalen Altersrente Arbeitslosenunterstützung beziehen zu können, ohne nach Arbeit suchen zu müssen.

Vertreter der mikroökonomischen Angebotstheorie sahen die Entscheidung der Mehrheit dieser Gruppe von Arbeitslosen für die Inanspruchnahme der 58er-Regelung als das Ergebnis einer rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung zu Gunsten von erträglich finanzierter Freizeit. Den NutzerInnen dieser Regelung wurde im Umkehrschluss pauschal mangelnde Arbeitswilligkeit unterstellt.

Oftmals bewegt sich die Pro- und Contra-Debatte über derartige Annahmen im theoretisch-spekulativen oder moralischen Bereich ohne die Annahmen gründlich zu untersuchen. Dies liegt u.a. daran, dass "normale" Arbeitslose im Prinzip dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen müssen und daher auf Fragen zum Ausstieg aus dem Erwerbsleben sozial erwünschte bzw. opportune Antworten geben. Die Autorin der hier vorgestellten Studie weist zu Recht auf die methodisch vorteilhaftere Forschungssituation bei der von ihr untersuchten Gruppe von Arbeitslosen hin: "Die Untersuchung des Arbeitsmarktverhaltens dieser Gruppe ... verringert dabei ein methodisches Problem: Da arbeitslose Bezieher von Transferleistungen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen müssen, dürften Fragen nach deren Erwerbsneigung, Konzessionsbereitschaft und Suchaktivitäten vielfach zu sozial erwünschten Antworten führen. Solche Verzerrungen sind hingegen bei denjenigen Leistungsbeziehern, denen der Gesetzgeber explizit das Recht eingeräumt hat, sich vom Arbeitsmarkt abzuwenden, in geringerem Maße zu erwarten."

Die Ergebnisse der jetzt veröffentlichten Interview-Befragung von mehr als 1.100 Beziehern des Arbeitslosengelds II und potenziellen NutzerInnen der 58er-Regelung in den Jahren 2005/06 zeigt dann auch, dass die Gründe für derartige Entscheidungen recht wenig mit der von Angebotsökonomen und entsprechend orientierten Politikern für wesentlich gehaltenen Nutzenmaximierung zu tun haben.

So war mangelnde Arbeitswilligkeit nur selten der Grund für den Wechsel in den Vorruhestand:

• Lediglich 13% der westdeutschen und 9% der ostdeutschen Nutzer des erleichterten Leistungsbezugs gaben an, sie wollten nicht mehr arbeiten.
• 25% der west- und 28% der ostdeutschen Befragten, wollten grundsätzlich arbeiten, strebten dabei aber mehr Autonomie an als ihnen z.B. die Jobcenter zubilligen wollten, und lehnten auch unzumutbare Arbeit ab.
• 23% der west-und 36% der ostdeutschen Befragten nannten fehlende Stellen- und Förderangebote als entscheidenden Grund für ihre Entscheidung.
• Und schließlich hinderten gesundheitliche Einschränkungen 39% der Befragten in Westdeutschland und 27% der Ostdeutschen erwerbstätig sein zu können.

Die Empfehlung für künftig vergleichbare Situationen und Entscheidung lautet daher auch: "Für die wirksame Aktivierung und Integration älterer Langzeiterwerbsloser dürfte es daher weniger auf ein strikteres 'Fordern' als vielmehr auf ein besseres 'Fördern' und geeignete Beschäftigungsmöglichkeiten ankommen."

Die Debatte um die Hintergründe für den hohen, noch wachsenden und wahrscheinlich sozialpolitisch folgenreichen (z.B. Altersarmut insbesondere von früher teilzeitbeschäftigten Frauen) Anteil von Teilzeitbeschäftigten, zeigt freilich, dass mit einer einzigen Untersuchung der Dominanz angebotsorientierter Erklärungen in der Sozialpolitik nicht beizukommen ist. Auch hier behauptet z.B. das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft ungebremst und zum Teil wider besseres Wissen, die Mehrheit der Frauen wolle dies doch.

Zu dem Aufsatz Aeltere Arbeitslose am Scheideweg zwischen Erwerbsleben und Ruhestand Gründe für ihren Rückzug vom Arbeitsmarkt. von Christina Wübbeke - Anfang 2013 erschienen im Journal for Labour Market Research (Vol. 46, No. 1, S. 61-82) gibt es kostenlos ein Abstract.

Eine etwas längere Zusammenfassung der Ergebnisse gibt es kostenlos in Böcklerimpuls 19/2012).

Bernard Braun, 5.4.13