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Chemotherapie am Lebensende: Krebspatienten erfahren über ihre Krankheit mehr von Mitpatienten als von ihrem Arzt

Artikel 0477 Warum wird bei einer Vielzahl von aussichtslos an Krebs erkrankten Patienten noch in den letzten Wochen vor dem Tod so oft eine Chemotherapie durchgeführt, eine Therapie also, die das Leben um eine sehr kurze Zeitspanne (vielleicht) verlängert, dies jedoch zum Preis einer massiv schlechteren Lebensqualität? Bestehen Patienten so stark darauf, weil es ihre letzte Hoffnung ist oder drängen Ärzte dies Patienten eher auf, ohne sie hinreichend aufzuklären über die auf sie zukommenden erheblichen Beeinträchtigungen? Diesen Fragen ist ein Forschungsteam am "Massey Cancer Center of Virginia" in Richmond USA jetzt anhand einer Auswertung schon veröffentlichter Studien nachgegangen.

Sie fanden über 50 Artikel, die über einen Zeitraum von 20 Jahren weltweit veröffentlicht waren. Ein vorläufiges erstes Fazit der Wissenschaftler heißt: "Der Mangel an Entscheidungshilfen für Patienten und fundierte Informationen über Vor- und Nachteile, über Chancen und Nebenwirkungen der Therapie trägt mit dazu bei, dass Patienten noch sehr kurz vor ihrem absehbaren Lebensende sich für überaus aggressive Therapien entscheiden." Sie betonen jedoch auch, dass in Anbetracht des Forschungsstandes nicht vorhersehbar ist, ob Patienten sich gänzlich anders entscheiden würden, wenn solche Patienteninformation vorlägen.

Eine Studie ihrer Auswertung hat gezeigt, das bis zu 34% der Krebskranken noch in den letzten zwei Wochen ihres Lebens chemotherapeutisch behandelt werden. Patient ist jedoch nicht Patient. Man fand auch heraus, dass einige Patienten sogar für eine Lebensverlängerung von nur einer Woche die Qualen der Therapie auf sich nehmen würden, während andere selbst bei einer in Aussicht gestellten Lebensverlängerung um zwei Jahre dazu um keinen Preis bereit wären. Insofern lässt sich die Ursache der zuletzt vermehrt eingesetzten Therapie auch bei aussichtslosen Krebserkrankungen nicht einseitig Ärzten oder Patienten zuweisen, es ist die derzeit unbefriedigende Arzt-Patient-Kommunikation und der Mangel an anderweitiger Patienteninformation.

Eines der überraschendsten Ergebnisse der Literaturstudie war nach Auffassung der Forscher, dass Patienten über den Fortgang ihrer Krankheit und ihre weitere Lebenserwartung sehr viel mehr von anderen Patienten im Warteraum der Klinik erfahren als von ihrem Onkologen. Dies fand eine Studie heraus, in der 35 an Lungenkrebs erkrankte Patienten gefragt wurden, woher sie am meisten über ihre Erkrankung erfahren haben. Es besteht ein massives Kommunikationsdefizit, stellt Dr. Matsuyama, einer der Autoren der Studie fest: "Ärzte haben eine verständliche Scheu, über den absehbaren Tod eines Patienten mit diesem zu sprechen und Patienten möchten dies nicht immer hören." So fanden zwei andere Studien unabhängig voneinander heraus, dass etwa ein Drittel von Lungenkrebspatienten annahm, dass die Chemotherapie zur "Heilung" des Krebses durchgeführt würde.

Ärzte überschätzen darüber hinaus die weitere Lebensdauer der von ihnen behandelten Krebspatienten ganz massiv, und zwar im Schnitt um etwa das Fünffache, auch dies geht aus einer Untersuchung hervor, während gleichzeitig nur etwa ein Drittel der Ärzte den Patienten eine zeitliche Prognose stellt, selbst, wenn diese darum bitten. Es scheint jedoch so zu sein, das die große Mehrzahl der Krebspatienten tatsächlich in dieser Hinsicht ein offenes Wort hören möchten: In einer Untersuchung mit 126 Patienten gaben über 90% an, sie möchten eine realistische Einschätzung von ihrem Arzt bekommen.

Solche Entscheidungshilfen und ehrliche Patienteninformationen haben einen deutlichen Einfluss auf die Therapieentscheidung. So zeigte sich, dass bei zwei Gruppen mit vergleichbarem Krankheitsbild und Krankheitsfortschritt in der einen Gruppe mit einer individuellen Prognose und Information über schädliche Nebenwirkungen der Therapie sich nur knapp 60% für eine Chemotherapie entschieden, während es in der zweiten Gruppe ohne solche Information fast 90% waren. "Allerdings," so betont Dr. Matsuyama , müssen Ärzte sich die Mühe machen herauszufinden, wie viel Information und welche Information Patienten tatsächlich wünschen.

Eine andere Wissenschaftlerin, Craig C. Earle, MD, MSc, Associate Professor of Medicine at Harvard Medical School, rät Onkologen: "Patienten können mit Unsicherheit durchaus umgehen. Machen Sie eine grobe Schätzung der Lebenserwartung, dies ist für Patienten überaus wichtig, um ihre Lebensplanung in Einklang mit eigenen Wünschen und Vorlieben zu bringen. Eine zu vage oder zu optimistische Prognose kann Patienten davon abhalten, ihr Lebensende realistisch zu planen. So mancher würde, wenn er die Wahrheit wüsste, wahrscheinlich eher einen letzten lustbetonten und persönlich bedeutungsvollen 'Trip' machen als sich für die Qual einer Chemotherapie entscheiden."

Zum Artikel der Forschergruppe "Matsuyama R, Reddy S, Smith TJ.: Why do patients choose chemotherapy near the end of life? A review of the perspective of those facing death from cancer."
• gibt es kostenlos leider nur ein Abstract in PubMed.
• In einem Aufsatz in der Zeitschrift oncology-times (www.oncology-times.com, No. 17, Sept. 10, 2006) sind allerdings alle Ergebnisse sehr ausführlich beschrieben: Charlene Laino: Near-Death Patients Often Accept Chemotherapy for Small Gains

Gerd Marstedt, 12.1.2007