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Patienten
Arzt-Patient-Kommunikation


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Beispiel Statine: Ärzte ignorieren und verschweigen oft Beschwerden von Patienten über Arzneimittel-Nebenwirkungen (29.8.2007)
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Beispiel Statine: Ärzte ignorieren und verschweigen oft Beschwerden von Patienten über Arzneimittel-Nebenwirkungen

Artikel 0882 Die im August 2007 in der US-Fachzeitschrift "Drug Safety" veröffentlichten Ergebnisse einer von Beatrice Golomb et al. von der Universität von Kalifornien in San Diego durchgeführten Studie mit 650 knapp über 60 Jahre alten und in den USA lebenden Patienten unterstreichen oder belegen diese zugespitzten Formulierungen so nachdrücklich, dass es unmöglich ist, von Defiziten "weniger schwarzer Schafe" oder von Informationsschwächen oder Desinteresse bei exotischen Medikamenten zu sprechen.
Dies fängt damit an, dass es in der Studie um mögliche Nebenwirkungen von Statinen geht, also hochpotenten und weltweit häufig verordneten Arzneimitteln über deren Wirkungen und Nebenwirkungen praktisch in jedem wissenschaftlichen oder auch standespolitischen Journal sowie in der guten Tagespresse ausführlich berichtet wurde und wird.
Ein erklärtes Ziel der Studie war es im übrigen, zu prüfen, ob Wahrnehmungen von Patienten über so genannte "adverse drug reactions (ADR)" nicht ergänzend zu Herstellerinformationen und Hinweisen anderer Institutionen und Expertenkreise zur Risikoberichterstattung herangezogen werden können. Dafür wäre aber die Weitergabe durch Ärzte die zentrale logistische Voraussetzung.

Die meisten der Studienteilnehmer nahmen Statine ein und 78 % der 650 PatientInnen beschwerten sich bei ihrem Arzt über Muskelschmerzen, Gedächtnisverluste, Taubheit in Händen und Füßen oder andere mögliche ADRs der Statine bzw. sprachen ihren Arzt darauf an und baten um (Er-)Klärung. Zu diesen Nebenwirkungen und der Kommunikation und Interaktion mit ihrem Arzt, befragten die kalifonischen ForscherInnen die Patienten dann nochmals ausführlich.

Dabei kamen zwei bemerkenswerte Charakteristika des Umgangs von Ärzten mit Patientenmitteilungen über Nebenwirkungen an die Öffentlichkeit:

• Bei nahezu allen Nebenwirkungskomplexen waren die Patienten und nicht die Ärzte initiativ zu klären, ob ihre Symptome etwas mit den verordneten Statinen zu tun haben könnten. 98 % der Gespräche über Wahrnehmungsproblemen wurden von Patienten und 2 % von Ärzten initiiert, 96 % zu 4 % sah das Verhältnis bei neuropathischen Problemen aus und 86 % zu 14 % bei Muskelproblemen.
• Die meisten der Patienten berichteten ferner, dass ihre Ärzte fast durchweg einen Zusammenhang oder die Möglichkeit eines Zusammenhangs der Probleme mit dem Arzneimittel ignorierten oder ins Reich der Phantasie verwiesen bzw. sie stattdessen dem Alter der Patienten anlasteten. Dies traf sogar auf Symptome zu, die in der gesamten Literatur als hochgradig mit der Einnahme von Statinen assoziiert gelten oder wo andere Umstände einen Zusammenhang individuell hochevident machte. Erstaunt fasste der Leiter der Studie dieses Geschehen so zusammen: "Person after person spontaneously (told) us that their doctors told them that symptoms like muscle pain couldn't have come from the drug. We were surprised at how prevalent that experience was."

Da die Forscher keinen Grund sehen, dass sich die Patient-Arzt-Interaktion über ADRs in den USA bei anderen Medikamenten und anderen Symptomen besser gestaltet, halten sie konsequent die Ärzte als Lieferant für eine korrekte Schätzung des Umfangs von ADR für grundsätzlich ungeeignet: Die Studie belege "that doctor reports on side effects [are] a very unreliable means of learning about the true extent of problems." Wer sich auf Arztberichte an die staatlichen Arzneimittelkontrolleinrichtungen (in den USA die "Food and Drug Administration (FDA)") verlasse unterschätze die Probleme erheblich und andere Ärzte und Patienten bekämen einen sichereren Eindruck über das Arzneimittel als er in Wirklichkeit berechtigt ist. Andere Experten wie Jerry Avorn, Professor an der Harvard Medical School, schätzen, dass 90 bis 99 % der ernsten Nebenwirkungen von den Ärzten nicht weiterberichtet werden.

Da sich Patienten prinzipiell als wichtige und verlässliche Informationsquelle für alltägliche Nebenwirkungen erwiesen hätten, müsse nach anderen Methoden und Wegen gesucht werden als dem über die Ärzte, dieses Erfahrungswissen der Sicherheitsbewertung zugänglich zu machen.
Da es keine zwingenden Hinweis darauf gibt, dass deutsche Ärzte prinzipiell anders reagieren oder solange dies nicht sauber geklärt wird, ist zu fürchten, dass dieses Verhalten auch in Deutschland verbreitet ist und zu einer Unterschätzung von Arzneimittelrisiken beiträgt.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie und einiger Berichte in US-Zeitungen liefert der immer wieder generell uneingeschränkt empfehlenswerte tägliche Informationsdienst der "Kaiser Family Foundation".

Das Abstract des Aufsatzes "Physician Response to Patient Reports of Adverse Drug Effects: Implications For Patient-Targeted Adverse Effect Surveillance. Short Communication" von Golomb, Beatrice; McGraw, John; Evans, Marcella und Dimsdale, Joel in "Drug Safety" (30(8):669-675, 2007) erhält man hier kostenfrei.

Bernard Braun, 29.8.2007