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Epidemiologie
Übergewicht, Adipositas


Wie das ernste Problem der Übergewichtigkeit und Fettleibigkeit zur Epidemie prognostiziert wird. Das Beispiel einer OECD-Studie (19.5.17)
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Wie das ernste Problem der Übergewichtigkeit und Fettleibigkeit zur Epidemie prognostiziert wird. Das Beispiel einer OECD-Studie

Artikel 2566 Das Niveau und die weitere Entwicklung der Häufigkeit von Übergewicht oder gar Fettleibigkeit gehören sicherlich zu den wichtigsten gesundheitspolitischen Herausforderungen. Ob es dazu der alarmistischen Etikettierung als Epidemie oder Pandemie bedarf, kann aus zweierlei Gründen in Frage gestellt werden: Erstens verhindert oder lähmt der damit häufig erzeugte Eindruck der Unausweichlichkeit und die schlichte Problemmasse viele Gegeninitiativen, fördert Fatalismus. Und zweitens verschwinden in dem Epidemie-Diskurs eine Reihe von Erkenntnissen, die viele Grundannahmen differenzieren und auch zu empirisch anderen und weniger dramatischen Ergebnissen kommen. Dies gilt z.B. für eine Reihe von international vergleichenden Längsschnittuntersuchungen, welche keine Hinweise auf eine globale explosionsartige Zunahme von Inzidenz und Prävalenz der Fettleibigkeit gefunden haben, sondern ein sehr differenziertes Bild zeichneten.

Wie trotzdem aktuell auch angesehene Institutionen am gegenteiligen Eindruck mitstricken und mit Sicherheit auch auf die öffentliche Diskussion einwirken und sich dabei selber an entscheidenden Punkten mit präsentierten Daten widersprechen, lässt sich exemplarisch am "Obesity Update 2017" der OECD ablesen.

Eine der zentralen Aussagen lautet: "Obesity rates are projected to increase further by 2030, and Korea and Switzerland are the countries where obesity rates are projected to increase at a faster pace."

In zwei Übersichten über die Entwicklung der "overweight (including obesity) rates" von Erwachsenen im Alter von 15 bis 74 Jahren zwischen den Jahren 1972 (USA als einziges OECD-Mitgliedsland mit Daten) bis 2015/16 (Daten von 10 Mitgliedsländern) und zu den "projected rates of obesity" für die 10 Länder bis zum Jahr 2030 liefert die OECD folgende Einblicke in die empirische Situation:

• Als erstes zeigt sich für die Jahre 2015/16 eine regional extrem unterschiedliche Übergewichtsrate, die von rund 30% in Korea bis zu rund 70% in Mexiko reicht. Dazwischen liegen im niedrigeren Bereich z.B. die Schweiz und Italien und im höheren Bereich Ungarn und die USA. Zumindest in bestimmten Ländern rechtfertigen die Zahlen (noch) nicht die Charakterisierung als Epidemie. Ferner weisen diese Unterschiede auch darauf hin, dass Fettleibigkeit in "modernen" Staaten offensichtlich nicht generell oder auf einem gleich hohen Niveau unausweichlich und unvermeidbar ist.
• Hinzu kommt, dass in den meisten der 10 Ländern die Rate in den Jahren ab 2000 nicht mehr nennenswert oder gar epidemisch-explosionsartig zunimmt, ja sogar z.B. in Spanien leicht sinkt oder sich in England oder Italien auf und abbewegt. Trotzdem stellt die OECD unterschiedslos fest, die "obesity epidemic has spread further in the past five years".
• Trotzdem wird sich die künftige Rate von Fettleibigkeit laut OECD in allen 10 Ländern von den Ausgangsjahren 2015/16 an bis 2030 plötzlich voll-kontinuierlich und fast linear auf ein deutlich höheres Niveau entwickeln, das dann die Kennzeichnung als Epidemie rechtfertigt. Die Fettleibigkeitsrate in den USA soll im Jahr 2030 rund fünfmal so hoch sein wie in Korea. Da die von der OECD für die letzten Jahre präsentierten Zahlen nicht zwangsläufig für einen weiteren kräftigen Anstieg sprechen und auch die OECD über Faktoren berichtet, die möglicherweise die Dynamik abbremsen, bleibt unklar worauf ihre Prognose beruht.
• Was an der scheinbar linearen Weiterentwicklung u.a. Zweifel weckt, ist der folgende Hinweis in der OECD-Analyse: "People with a lower level of education or socio-economic status are more likely to be overweight or obese, and the gap is generally larger in women. Women are obese more often than men - however, in the OECD countries for which data are available, obesity has been generally growing fastest in men." Dass Fettleibigkeit in den USA in den letzten Jahren anders als in allen anderen OECD-Mitgliedsländern am schnellsten in der Gruppe der hochgebildeten Personen zugenommen hat, unterstreicht nur zusätzlich die Fragwürdigkeit linearer Prognosen. Der mögliche hemmende Effekt der aus vielen nichtgesundheitlichen Gründen zu erwartenden Verbesserung des künftigen Bildungsniveaus in weiten Teilen der Bevölkerung relativiert oder konterkariert die Darstellung bzw. Prognose, die Fettleibigkeitsrate würde ab sofort linear zunehmen, erheblich. Letzteres ist auch deshalb gewagt und unverständlich, weil die OECD selber auf die Existenz eines Bündels ("comprehensive policy packages") gesundheitspolitischer Maßnahmen hinweist, die eventuell den Trend zur Epidemie abschwächen, wenn nicht sogar verhindern oder umkehren könnten.

Trotz allem ist zu befürchten, dass das Wachstumsszenario der OECD in der öffentlichen Wahrnehmung hängenbleibt und die weitere öffentliche Diskussion mitbestimmen wird.

Der 12-seitige Text Obesity Update 2017der OECD ist kostenlos erhältlich.

Bernard Braun, 19.5.17