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Studie zur Verbreitung von AIDS/HIV bilanziert: Ursächlich ist vor allem die Zahl infizierter Prostituierter

Artikel 0755 Für den Kampf gegen AIDS/HIV erweckten erst vor kurzem einige klinische Studien große Hoffnung: Die männliche Beschneidung, so hieß es in den Veröffentlichungen, könnte die Infektionsquote etwa um die Hälfte senken. (siehe Artikel im Forum Gesundheitspolitik). Eine nun in der Zeitschrift "PLOS Medicine" veröffentliche Analyse könnte jenen Hoffnungen einen massiven Rückschlag versetzen, die mit der männlichen Beschneidung als ebenso einfache wie effiziente Präventionsmaßnahme gegen AIDS verbunden waren.

Im Unterschied zu den klinischen Studien, bei denen Männer in Uganda und Kenia an einer medizinischen Intervention teilnahmen und Ergebnisse in Untersuchungs- und Kontrollgruppen beobachtet wurden, basiert die jetzt vorliegende Untersuchung "nur" auf einer detaillierten Analyse von Daten. Es wurde versucht, die aus verschiedenen Staaten der Welt berichtete "Prävalenz" von AIDS/HIV (also die Quote der Betroffenen) vorherzusagen anhand unterschiedlicher Indikatoren. Diese Quote variiert weltweit ganz massiv: Sie ist am höchsten in afrikanischen Ländern wie Namibia, Botswana oder Südafrika mit um oder sogar über 20%, liegt in Mitteleuropa durchweg unter 1% (Deutschland 0.12%) und ähnlich niedrig auch in den USA (0.3%). Afrika nimmt eine Ausnahmestellung ein, denn andere Entwicklungsländer, etwa in Asien oder Südamerika sind weitaus weniger betroffen, Brasilien hat eine Quote von nur 0.6%, Indien weist 0.9% auf. Durch diese Analyse sollte deutlich werden, welche Faktoren für die epidemische Ausbreitung vor allem in Afrika ursächlich sind und in welchen politischen Feldern daher in erster Linie Anstrengungen unternommen werden sollten.

In die Analyse einbezogen wurden insgesamt 77 Länder auf der ganzen Welt, reiche Nationen wie die USA oder Deutschland, aber auch Entwicklungs- und Schwellenländer. Die Daten zur Verbreitung von AIDS/HIV stammen aus einer Veröffentlichung von UNAIDS und der WHO: 2006 Report on the global AIDS epidemic (UNAIDS - WHO, May 2006). Daten über die Zahl der "Sex-Arbeiterinnen" ("commercial sex workers") wurden übernommen aus einer neueren Veröffentlichung, in der unterschiedlichste Datenquellen von staatlichen und gemeinnützigen Einrichtungen ebenso wie Forschungsinstituten verwendet wurden, um die Zahl der von Prostitution lebenden Menschen zu beziffern: Estimates of the number of female sex workers in different regions of the world (Sexually Transmitted Infections 2006;82(suppl_3):iii18-iii25; doi:10.1136/sti.2006.020081)

Als potentielle Einflussfaktoren wurde eine Reihe von Indikatoren herangezogen, die in schon vorliegenden Untersuchungen und Diskussionen als wichtig erachtet wurden. Dazu zählten:
• Der Frauen-Anteil an der Bevölkerung
• Der Anteil weiblicher Prostituierter an der weiblichen Bevölkerung
• Die Zahl infizierter Prostituierter (pro 100.000 Einwohner)
• Der Anteil der islamisch Gläubigen an der Bevölkerung (als Indikator für die Beschneidungs-Quote)
• Ein ökonomischer Indikator zur Bewertung der Armut bzw. materiellen Lebensbedingungen des Landes (Bruttoinlandsprodukt nach Kaufkraftparität, GDP per Capita-Purchasing Power Parity)
• Die Analphabeten-Quote bei Frauen im Alter von 15-24
• Die Differenz zwischen männlicher und weiblicher Analphabeten-Quote
• Der sog. "Gini-Koeffizient", der das Ausmaß ökonomischer Ungleichheit in einem Land beziffert, also die Schere zwischen Armen und Reichen.

Ergebnisse früherer Analyse wurden in den komplexen statistischen Verfahren (multivariate Regressionen) teilweise bestätigt: So zeigte sich ein recht hoher Zusammenhang zwischen der Ansteckungsquote mit HIV/AIDS und den landesspezifischen Indikatoren für das Ausmaß des Analphabetentums bei Frauen. Der Index für den materiellen Lebensstandard blieb ohne Effekt, die ökonomische Ungleichheit jedoch, die Schere zwischen Armen und Reichen, zeigte jedoch wieder recht nachhaltige Einflüsse. Überraschender Weise fand sich dieser Zusammenhang dann jedoch nicht für den Indikator "Anteil der islamischen Bevölkerung". Da die männliche Beschneidung im Islam obligatorisch ist, die Korrelation zwischen islamischem Bevölkerungsanteil und AIDS jedoch sehr niedrig ausfiel, wurde dies so interpretiert, dass Beschneidung möglicherweise keine strategisch zentrale Bedeutung hat für den Kampf gegen AIDS.

Der stärkste Zusammenhang in der Analyse ergab sich stattdessen für ein anderes Merkmal: Die Zahl der weiblichen Prostituierten eines Landes, die sich bereits selbst mit dem HIV-Virus angesteckt haben. Der Zusammenhang ist nach Ansicht der Forscher recht schlicht und plausibel: Prostituierte haben in jedem Jahr Hunderte von Sexualpartnern, während diese Zahl in der normalen monogam lebenden Bevölkerung unter Umständen nur bei 1 oder 0 liegt.

Die Studienergebnisse basieren nur auf statistischen Querschnitts-Daten, die überdies teilweise auch noch eine recht hohe Unschärfe aufweisen und Dunkelziffern nur abschätzen. Es sind keine Beobachtungsstudien, die etwa über einen größeren Zeitraum verfolgt haben, wie im Gefolge sozialer Veränderungen (z.B. Zunahme oder Abnahme von Prostitution, Armuts- und Reichtums-Entwicklung usw.) auch in unterschiedlichen Ländern die Infektionsquoten für AIDS und HIV nachg oben oder unten driften. Von daher kann es natürlich trotz der Plausibilität der dargestellten Zusammenhänge immer sein, dass sich hinter den herangezogenen Indikatoren noch ganz andere Einflussfaktoren verbergen. Man muss daher kein Prophet sein, um baldige Kritik und Gegeneinwände gegen die Studienbefunde vorherzusagen.

Die Studie ist hier im Volltext nachzulesen (dort auch Link zur PDF-Datei): Size Matters: The Number of Prostitutes and the Global HIV/AIDS Pandemic

Gerd Marstedt, 25.6.2007