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Versorgungsforschung: Diabetes, Bluthochdruck


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74 % der Kinder mit gemessenem hohem Blutdruck bleiben trotz mehrerer Arztbesuche ohne Diagnose

Artikel 0870 Eines der seit langem bekannten Probleme der Behandlung von Kindern und Jugendlichen (aber auch von älteren Menschen oder Frauen) z. B. mit Arzneimitteln ist das weitgehende Fehlen von gesicherten Erkennnissen der Wirkung dieser Mittel bei Angehörigen dieser Gruppen. Arzneimittel werden meist für mittelaltrige Männer entwickelt und auch bezüglich der Dosierung erprobt und meist nicht an den genannten Bevölkerungsgruppen. Die pragmatische Vorgehensweise, Kinder als halbe Erwachsene zu betrachten und ihnen halbe Dosen zu verabreichen, hat unerwünschte Wirkungen.

Eine nun in den USA durchgeführte Studie zeigt aber auch für den Bereich der Diagnostik verbreiteter kindlicher oder jugendlicher Krankheitszustände oder ihrer Vorstufen Probleme und Mängel.

In einer Kohortenstudie mit 14.187 Kindern und Heranwachsenden im Alter von 3 bis 18 Jahren, die zwischen Juni 1999 und September 2006 mindestens dreimal zu einer Gesundheitsunsuchung bei einem Arzt in einer großen akademischen und städtischen Gesundheitseinrichtung im Nordosten Ohios waren, wurde mit den elektronischen Behandlungsunterlagen untersucht, ob die Ärzte auf der Basis von mehreren Blutdruckmessungen einen erhöhten Blutdruck oder eine Vorstufe von Bluthochdruck ("prehypertension") diagnostizierten oder nicht. Bluthochdruck ist insbesondere bei übergewichtigen oder adipösen Kindern keine Seltenheit mehr.

Die Forscher ermittelten mit den genannten Messdaten die Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die nach Leitlinien und Behandlungsempfehlungen mindestens dreimal einen Blutdruckwert hatten, der zu einer Diagnose Bluthochdruck oder Pre-Hochdruck hätte führen müssen. Da das Alter, die Größe und das Geschlecht der Kinder Faktoren sind, die über die Normalität oder Anormalität des Blutdrucks mitbestimmen, wurden die Daten alters- und größenadjustiert.

Die Ergebnisse sind deutlich:

• 507 untersuchte Kinder und Jugendliche, das sind 3,6 % der Kohorte, hatten Bluthochdruck. Bei 131 oder 26 % dieser Gruppe fand sich eine entsprechende Diagnose oder zumindest ein Hinweis auf erhöhten Blutdruck in den Behandlungsunterlagen.
• 485 Personen aus der Kohorte (3,4 %) hatten Werte, die eine Vorstufe von Bluthochdruck bedeuteten. 55 oder 11 % hatten eine angemessene Diagnose.
• In beiden Fällen nahm die Häufigkeit einer ausdrücklichen Diagnose mit dem Alter, der Größe, dem Vorhandensein von Übergewicht und der Ausprägung beider Blutdruckwerte zu, blieb aber immer deutlich unter dem Optimum.

Solange nicht davon ausgegangen werden kann, dass es sich hierbei um Effekte von Fehldokumentationen handelt (wobei dies dann ebenfalls ein erhebliches Problem darstellen würde), handelt es sich offensichtlich um ein weiteres spezifisches Qualifikations- und Qualitätsdefizit der Ärzteschaft in den USA und wahrscheinlich auch in Deutschland. Die Verfasser des Aufsatzes formulieren dies sehr zurückhaltend, wenn sie den Allgemein- und Hausärzten angesichts der objektiven Variabilität des Blutdrucks in diesem Lebensabschnitt zugutehalten, sie "typically cannot remember normal blood pressures for the wide range of children."

Exemplarisch nachgefragt: Dies kann so sein und wäre ja geradezu menschlich. Nur warum dürfen dann dieselben Ärzte in einem großen medizinischen Zentrum in den USA und anderswo ohne weiteres so genannte "well-child care" anbieten und dafür Honorare berechnen?

Ein kostenfreies Abstract des Aufsatzes "Underdiagnosis of Hypertension in Children and Adolescents" von Matthew L. Hansen; Paul W. Gunn und David C. Kaelber aus der aktuellen Ausgabe des "Journal of the American Medical Association (JAMA)" vom 22. August 2007 (JAMA. 2007;298:874-879) mit weiteren Informationen finden Sie hier.

Bernard Braun, 22.8.2007