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Patienten
Versorgungsforschung: Andere Erkrankungen


Wirkungen von "choosing wisely"-Empfehlungen geringer als erwartet (24.4.17)
Alt, älter, dement???? Neues zur altersspezifischen Inzidenz von Demenz (26.2.16)
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Deutsche Studie kritisiert: Ärzte verordnen bei Rückenschmerzen viel zu oft passive Therapieformen

Artikel 1609 Medizinische Leitlinien zur Therapie von Rückenschmerzen empfehlen eine Aktivierung des Patienten und raten dazu, passive Behandlungsmethoden und insbesondere die Verordnung von Bettruhe zu vermeiden. In der ärztlichen Praxis herrschen jedoch nach wie vor diese veralteten Therapieempfehlungen vor. "Noch viel zu häufig werden Bettruhe, Spritzen, Wärme- oder Kälteanwendungen als sog. passive Therapiemaßnahmen verordnet", so fassen Heidelberger Wissenschaftler Ergebnisse einer Patientenbefragung zusammen und empfehlen mehr Aufklärung für Patienten und Fortbildungen für Ärzte.

Chronische Rückenschmerzen sind eine überaus häufige Erkrankung. Sie verursachen in Deutschland knapp 4% aller medizinischen Versorgungskosten, machen 15% aller Arbeitsunfähigkeitstage aus und 18% aller Ursachen für Frühverrentungen. Von Rückenschmerzen sind bei Erhebungen zu einem bestimmten Stichtag jeweils 30-40% der erwachsenen Bevölkerung betroffen, innerhalb eines Jahres machen 70% diese Krankheitserfahrung. Entgegen der in den letzten Jahrzehnten üblichen passiven Therapie mit Bettruhe und Schonung haben sich die Therapieempfehlungen auch in medizinischen Leitlinien in den letzten Jahren radikal gewandelt.

Forscher an der Universitätsklinik Heidelberg haben nun die aktuelle Praxis der Therapie analysiert. Dazu wurden deutschlandweit jeweils 10 Fragebögen an 225 orthopädische Praxen versandt mit der Bitte, diese solchen Patienten auszuhändigen, die an unspezifischen Rückenschmerzen leiden. Ein zweiter Fragebogen wurde dann Patienten, die sich an der ersten Erhebung beteiligt hatten, sechs Monate später zugeschickt. In die spätere Datenanalyse einbeziehen konnten die Wissenschaftler dann Daten von 630 Rückenschmerzpatienten. Dabei zeigten sich folgende Befunde:

• Neben Physiotherapie (47% der Fälle) wurden vor allem Spritzen (44%) und Medikamente (33%) verordnet, sowie Wärme- oder Kältetherapien und Massagen (jew. 27%). Aber auch Ruhe/Bettruhe und Krankschreibungen waren noch sehr häufig (9%, 16%)
• Je höher der Chronifizierungsgrad, desto mehr Therapien nahmen die Patienten parallel in Anspruch, allerdings auch desto mehr passive.
• Die subjektiv wirksamste Therapie bei fast 80% der befragten Patienten war Ruhe/Bettruhe. Auch Physiotherapie und Spritzen waren aus Sicht der Patienten mit 70% bzw. 63% subjektiv überaus erfolgreich.
• Dass dieser subjektive Eindruck einer Schmerzlinderung durch passive Therapien eine Selbsttäuschung ist, zeigte die Wiederholungs-Befragung nach 6 Monaten. Bei 66 Prozent der Patienten, deren Schmerzen anfangs noch nicht chronisch gewesen waren, verschlechterte sich die Lage. Bei über der Hälfte der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen änderte sich nichts an ihren Beschwerden, bei knapp 13 Prozent verschlechterten sie sich sogar. Nur ein Drittel profitierte von der Behandlung.

In ihrem Fazit fordern die Wissenschaftler mehr Information und Aufklärung - für Patienten wie Ärzte gleichermaßen: "Die Untersuchungen dieser Studie zeigen, dass in Deutschland passive Therapieelemente immer noch einen bedeutenden Anteil bei der Behandlung des chronischen Rückenschmerzes ausmachen. Dies steht konträr zu den aktuellen nationalen und internationalen Therapieempfehlungen. Trotz hoher Patientenzufriedenheit und subjektiv positiver Therapieeffekte war der objektiv gemessene Therapieerfolg relativ gering: Etwa die Hälfte der Patienten hat ihr Chronifizierungsstadium nicht verbessern können, Verschlechterungen und Verbesserungen haben sich über alle Stadien hinweg die Waage gehalten. Als Konsequenz bedarf es einer umfassenden öffentlichen Aufklärung der Bevölkerung zum Thema chronische Rückenschmerzen und einer Fortbildungsoffensive für Allgemeinmediziner, Fachärzte und Therapeuten sowie einem Mehrangebot an interdisziplinär arbeitenden Therapieeinrichtungen."

Hier ist ein Abstract: E.-K. Renker, J. Schlüter, E. Neubauer, M. Schiltenwolf: Therapie bei Patienten mit Rückenschmerzen. Verordnungsverhalten - subjektive Zufriedenheit - Effekte (Schmerz 2009, 23:284-291, DOI: 10.1007/s00482-009-0785-6)

Gerd Marstedt, 15.7.09