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Patienten
Versorgungsforschung: Andere Erkrankungen


Wirkungen von "choosing wisely"-Empfehlungen geringer als erwartet (24.4.17)
Alt, älter, dement???? Neues zur altersspezifischen Inzidenz von Demenz (26.2.16)
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Kognitive Verhaltenstherapie hilft gegen Rückenschmerzen - aber jeder neunte hat Vorurteile und meidet Psychotherapie

Artikel 1744 Rückenschmerzen sind eine unliebsame, aber fast universelle Erfahrung von Männern wie Frauen. Fast jeder erfährt dieses Symptom mindestens einmal im Leben. Zu einem beliebigen Zeitpunkt geben etwa 30-40% der erwachsenen Bevölkerung an, unter Rückenschmerzen zu leiden. Etwa 70 % haben die Schmerzen mindestens einmal im Jahr und etwa 80 % klagen mindestens einmal im Leben über Rückenschmerzen. Etwa 90 % aller chronischen Rückenschmerzen sind unspezifisch, bei ärztlichen Untersuchungen finden sich keine Hinweise, um die Beschwerden der Patienten hinreichend erklären.

Zwar sind die Prognosen meist positiv, denn bei einem Großteil der Patienten verschwinden die Schmerzen innerhalb von 1-2 Wochen. Andererseits sind Rückenschmerzen oft "rezidivierend", das heißt, der Patient erleidet einen Rückfall, die Schmerzen kehren wieder zurück. Die Palette unterschiedlicher therapeutischer Maßnahmen, von Akupunktur und schmerzlindernden Arzneimitteln bis hin zu autogenem Training und Pysiotherapie, wurde in einer jetzt in der Zeitschrift "Lancet" veröffentlichten Studie um eine weitere Option bereichert: Kognitive Verhaltenstherapie.

Basis der Studie waren etwa 600 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, die man in insgesamt 56 Allgemeinarztpraxen zur Mitarbeit gewonnen hatte. Nach dem Zufallsprinzip wurden zwei Drittel von ihnen der Interventionsgruppe, die übrigen der Kontrollgruppe zugeordnet. Alle Teilnehmer bekamen eine etwa 15minütige anfängliche Unterweisung über Krankheitsursachen und wurden insbesondere auch darüber belehrt, dass die in der Bevölkerung verbreitete Meinung, bei Rückenschmerzen seien körperliche Schonung und Bettruhe günstig, vollkommen falsch sei und zu einer Beschwerdeverschlimmerung führt. Alle Teilnehmer bekamen überdies eine Broschüre zu Rückenschmerzen ausgehändigt, "The Back Book", erstellt vom Royal College of General Practitioners.

In der Kontrollgruppe geschah weiter nichts. In der Interventionsgruppe wurde (in kleineren Gruppen von 8 Personen) das sog. "Back Skills Training (BeST) Programm umgesetzt. Dieses bestand aus einer ein- bis fünfstündigen individuellen Beratung und Diagnose, danach dann aus sechs Gruppensitzungen zu anderthalb Stunden. Dort versuchte man, negative Kognitionen (Wahrnehmungen und Bewertungen) gegenüber Rückenschmerzen bewusst zu machen und auch abzubauen, unter anderem durch Aktivitätsplanungen und Entspannungstechniken.

Zu Beginn der Intervention und später nach 3, 6 und 12 Monaten sollten die Teilnehmer Fragebögen ausfüllen, in denen insbesondere Qualität und Intensität ihrer Schmerzen erfasst wurden. Nach 12 Monaten zeigte sich dann, dass die Teilnehmer an der Interventionsgruppe (N=399) im Vergleich zur Kontrollgruppe (N=199) deutlich höhere Linderungen ihrer Beschwerden aufwiesen. Auch in einer Befragung der Teilnehmer zeigte sich dies: 31% der Kontrollgruppe aber fast doppelt so viele (59%) in der Interventionsgruppe berichteten über eine Genesung. Vergleichbar große Unterschiede ergaben sich auch für die Zufriedenheit mit der Behandlung und mehrere andere Testergebnisse (Vermeidungsverhalten, Selbstwirksamkeitserwartung, körperliche Beschwerden).

Auch in ökonomischer Hinsicht erkennen die Wissenschaftler Vorteil der Verhaltenstherapie: Im Vergleich zu Akupunktur oder auch Physiotherapie sei ihr Vorgehen erheblich kostengünstiger. Ein Problem allerdings wird von den Autoren auch genannt: Vorbehalte von Patienten gegenüber Psychotherapie führten dazu, dass 50 der ursprünglich ins Auge gefassten 468 Interventions-Teilnehmer (11%) sich den Gruppensitzungen komplett verweigerten.

Hier ist ein kostenloses Abstract: Sarah E Lamb et al: Group cognitive behavioural treatment for low-back pain in primary care: a randomised controlled trial and cost-effectiveness analysis (The Lancet, Early Online Publication, 26 February 2010, doi:10.1016/S0140-6736(09)62164-4)

Gerd Marstedt, 28.2.10