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Patienten
Versorgungsforschung: Andere Erkrankungen


Wirkungen von "choosing wisely"-Empfehlungen geringer als erwartet (24.4.17)
Alt, älter, dement???? Neues zur altersspezifischen Inzidenz von Demenz (26.2.16)
Ist die Ergebnisqualität teurer high-end-Leistungen besser oder "hilft viel, viel"? Das Beispiel der Hörgeräteversorgungsreform (30.3.15)
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Der Kunde ist König: Kinderärzte verschreiben öfter Antibiotika, wenn sie vermuten, dass die Eltern dies von ihnen erwarten

Artikel 1662 Dass viele Ärzte in unangemessener Weise Antibiotika verschreiben, obwohl dies therapeutisch wirkungslos und längerfristig sogar gesundheitsriskant ist, wurde schon vielfach belegt und ist auch im Forum Gesundheitspolitik öfter beschrieben worden (vgl. u.a.: Meta-Analyse stellt erneut Überversorgung mit Antibiotika fest). Über zugrunde liegende Ursachen und damit indirekt auch über Veränderungsmöglichkeiten ist weitaus weniger gesichert. Eine italienische Studie hat jetzt bei Kinderärzten nach Motiven gesucht und wurde fündig. Ärzte orientieren sich danach auch an den (vermuteten) Elternwünschen. Wenn sie annahmen, dass Eltern von ihnen ein Rezept für ein Medikament wünschten und nicht nur weitere diagnostische Maßnahmen oder Erklärungen für eine abwartende Haltung, dann verschrieben Sie auch sehr viel häufiger ein Antibiotikum.

Die in der italienischen Emilia-Romagna rund um Bologna durchgeführte Studie umfasste zwei Teilerhebungen, über die die Wissenschaftler jetzt in der Zeitschrift "BMC Pediatrics" berichteten. In der ersten Phase wurden mit einem Fragebogen Meinungen und Kenntnisse von rund 750 Kinderärzten erhoben, die im ambulanten wie stationären Sektor tätig sind. Der Rücklauf war dabei mit rund 84 Prozent überdurchschnittlich hoch. Gefragt wurde unter anderem, welche Faktoren nach Meinung der Ärzte am stärksten eine Verschreibung von Antibiotika beeinflussen und welches Vorgehen sie selbst bei Mittelohrentzündungen wählen. Weiterhin wurden ihnen Ergebnisse von drei (hypothetischen) Diagnosen bei Kindern vorgegeben und gefragt, welches therapeutische oder diagnostische Vorgehen zu wählen ist, wenn man den neueren Forschungsstand berücksichtigt.

Hier zeigte sich dann: Von den Ärzten am häufigsten als Grund für die Antibiotika-Verschreibung genannt (von 56%) wurde "diagnostische Unsicherheit", im Vergleich dazu wurde der Grund "Erwartungen der Eltern" eher selten genannt (von 20%). Obwohl "diagnostische Unsicherheit" als Begründung überwog, zeigte sich gleichzeitig, dass nur eine Minderheit der Ärzte (21-36%, je nach Symptomatik) diagnostische Antigentests einsetzt, um dies zu überwinden. Auch die in vielen Fällen sinnvolle Vorgehensweise "abwartende Beobachtung" wurde von weniger als der Hälfte der Ärzte eingesetzt.

In einer zweiten Phase der Studie wurden über 4.000 Arztbesuche von Eltern mit erkrankten Kindern näher untersucht. Hier zeigte sich, dass in 38 Prozent der Fälle ein Antibiotikum verschrieben worden war. Hierzu wurden dann Ärzte befragt, unter anderem auch danach, ob sie bei den Eltern eine Erwartung gespürt hätten, dass dem Kind ein Medikament oder Antibiotikum verschrieben wird. Das wichtigste Ergebnis dieses Teilprojekts war dann: Neben einigen medizinischen Faktoren (insbesondere Ottorhoe, Ohrausfluss) war der wichtigste Einflussfaktor für eine Antibiotikum-Verschreibung die von Ärzten vermutete Erwartung der Eltern.

Auf Seiten der Eltern fanden die Wissenschaftler in der ersten Phase der zwei Gründe, die eine hohe Verschreibung von Antibiotika mit verursachen: Ein überaus defizitäres Wissen über die Wirkungsweise von Antibiotika, über die Grenzen ihrer Wirksamkeit und Risiken ihres zu häufigen Einsatzes, ferner eine große Überbesorgtheit von Eltern, die auch schon bei einfachen Erkältungen ärztliche Hilfe suchen.

Die Studie ist kostenlos im Volltext verfügbar: Maria Luisa Moro et al: Why do paediatricians prescribe antibiotics? Results of an Italian regional project (BMC Pediatrics 2009, 9:69, doi:10.1186/1471-2431-9-69, Published: 6 November 2009)

Gerd Marstedt, 9.11.09