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US-Studie zum legalisierten Verkauf von Organen: Ärmere wären sehr viel eher bereit, eine Niere zu spenden

Artikel 1777 Während hierzulande der Vorstoß des Ordinarius für Volkswirtschaftslehre und Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth, Peter Oberender, zur Legalisierung bezahlter Organspenden nur kritische Debatten und zumeist ablehnende Stellungnahmen nicht nur kirchlicher Würdenträger auslöste (vgl. Legalisierter Organverkauf als neuer Weg der Armutsbekämpfung?), ist eine US-amerikanische Forschungsgruppe aus Philadelphia schon deutlich weiter. Sie überprüfte in einer Befragung, welche Faktoren die Bereitschaft zu einer Organspende (Niere) beeinflussen können.

Drei Informationen wurden in der Studie systematisch variiert und unterschiedlich ausgestaltet: Die in Aussicht gestellte finanzielle Belohnung, die Mitteilung über die mit der Organspende verbundenen Risiken und der Hinweis, ob Empfänger der Niere ein Verwandter oder ein unbekannter Empfänger auf einer Warteliste ist. Überprüft wurde außerdem, ob die Einkommenssituation der Befragungsteilnehmer eine Rolle spielt. In der Auswertung zeigte sich, dass alle drei Faktoren eine große Rolle spielen für die Bereitschaft, eine Niere zu spenden. Darüber hinaus wurde aber auch deutlich, dass Befragte mit sehr niedrigem Einkommen unter allen Bedingungen die größte Bereitschaft zur Organspende artikulieren.

Basis der Befragung waren Interviews mit zufällig in Bussen und Bahnen angetroffenen Berufspendlern im Großraum Philadelphia. Von 550 angesprochenen Pendlern erklärten sich 415 zum Interview bereit. Da nicht alle in gesundheitlicher Hinsicht für eine Organspende in Frage kamen - wie die Befragung später zeigte - wurden schließlich Daten von 342 Männern und Frauen im Alter von durchschnittlich 33 Jahren ausgewertet. In den Befragungen wurden eine Reihe sozio-ökonomischer und gesundheitlicher Aspekte erfragt und darüber hinaus sehr unterschiedliche Informationen vorgegeben, um zu klären, welche dieser Informationen die Bereitschaft zu einer Nierenspende wie stark beeinflusst. Variiert wurde:
• die in Aussicht gestellte Höhe der finanziellen Prämie: keine Prämie, 10.000 Dollar, 100.000 Dollar
• die Information über die Höhe gesundheitlicher Risiken (späteres Nierenversagen mit der Folge dauerhafter Dialysen oder einer Transplantation): 0,1%, 1%, 10%
• der Hinweis, ob die gespendete Niere einem Familienmitglied zugute kommt oder einem Unbekannten auf einer Warteliste.

In einer multivariaten Analyse, in der diese drei Variablen, aber auch noch eine Reihe weiterer Faktoren überprüft wurden, zeigten sich dann folgende Ergebnisse.
• Die Nähe zum Empfänger hatte den allerstärksten Einfluss, die Wahrscheinlichkeit einer Spende war neun Mal so hoch, wenn der Empfänger ein Familienmitglied war.
• Sehr bedeutsam war auch der Effekt des Gesundheitsrisikos.
• Nicht ganz so stark, aber immer noch statistisch signifikant waren Einflüsse der Prämienhöhe.
• Das Alter der Befragten spielte keine Rolle, wohl aber das Geschlecht: Bei Frauen lag die Wahrscheinlichkeit zu einer Spendenbereitschaft 1,5mal so hoch wie bei Männern.
• Eine überaus große Rolle spielte schließlich auch die finanzielle Situation der Befragten (vgl. Grafik). Bei niedrigem Einkommen lag diese Bereitschaft unter allen Bedingungen deutlich höher als bei Wohlhabenden.



Speziell dieses Ergebnis wird nun jedoch von den Forschern heruntergespielt, wenn sie in der Diskussion ihrer Befunde hervorheben, dass ärmere Befragungsteilnehmer durch eine Steigerung finanzieller Anreize nicht stärker motiviert werden als dies bei wohlhabenderen Teilnehmern der Fall ist. ("Providing payments did not preferentially motivate poorer persons to sell a kidney, suggesting that payment does not represent an unjust inducement—one that would put substantially more pressure on poorer persons than on wealthier persons." S. 363)

Tatsächlich sind weniger gut verdienende Befragungsteilnehmer (siehe Grafik) unter allen Bedingungen eher bereit zur Organspende, was jedoch auch heißt: Bei einer sehr hohen Prämie sind knapp die Hälfte der Befragten aus dieser Gruppe mit niedrigem Einkommen potentielle Spender, aber weniger als ein Drittel der Gruppe mit hohem Einkommen. Und was wäre wohl das Ergebnis gewesen, wenn die Stichprobe nicht aus einer Stichprobe pendelnder Berufstätiger mit relativ gesichertem Einkommen bestanden hätte, sondern auch noch die Ärmsten in der US-Bevölkerung, Arbeits- und Obdachlose, einbezogen hätte?

Prof. Eckhard Nagel (Mitglied des Deutschen Ethikrates und Leiter des Transplantationszentrums des Klinikums Augsburg) hat in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur festgestellt: "Also ich finde den Weg von Peter Oberender, so wie er ihn vorschlägt, mit dem regulierten Markt völlig absurd, und glaube auch, dass es ein Zeichen für eine Verödung unseres Geistes ist, wenn man glaubt, man müsse alles mit der Ökonomie regeln." Und dem ist wenig hinzuzufügen.

Hier ist ein Abstract der Studie: Scott D. Halpern et al: Regulated Payments for Living Kidney Donation: An Empirical Assessment of the Ethical Concerns (Ann Intern Med. 2010;152:358-365)

In einem Essay im SPIEGEL Online "Wenn Menschen sich selbst ausschlachten" argumentieren auch der Bio-Ethiker Christian Illies und der Medizinprofessor Franz Weber entschieden gegen einen freien Organhandel.

Gerd Marstedt, 9.4.10