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"Schlägst Du mich, schlag ich meine Frau" - Wie in Palästina politische Gewalt mit häuslicher Gewalt gegen Frauen verbunden ist

Artikel 1718 Die Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats weist auf die Gewalt gegen Frauen und Mädchen als Folge kollektiver Gewalt durch Kriege, staatliche Repression, Folter und gewalttätige politische Konflikte hin. Die ebenfalls verabschiedeten humanitären Leitlinien zur Prävention dieser Folgegewalt gegenüber meist völlig unbeteiligten Personen konzentrieren sich auf die Verhinderung von physischer, psychischer und sexueller Gewalt gegen Personen außerhalb des Familienkreises der gewalttätig werdenden Personen.

Die Aufforderung an alle am Konflikt beteiligten Parteien, Frauen und Mädchen vor Gewalt zu schützen und internationales Recht zu achten, kannte bisher nicht die Gewalt gegen weibliche Familienangehörige oder ignorierte sie. Dass diese existiert, belegte eine Reihe von meist kleineren und methodisch eingeschränkten Studien in verschiedenen Ländern mit mehr oder weniger heftigen Gewaltereignissen und -erfahrungen.

In einer jetzt u.a. in den von Israel besetzten, besiedelten oder militärisch angegriffenen Gebieten (vor allem West Bank und Gazastreifen) mit mehrheitlich palästinensischer Bevölkerung durchgeführten umfangreichen Studie wurden die bisherigen Ergebnisse methodisch abgesichert und inhaltlich bestätigt und weiter differenziert.

Das Ergebnis lautet zusammengefasst: Verheiratete Frauen, deren Ehemänner in den palästinensischen Gebieten direkter politischer Gewalt bzw. massiver sozialer und ökonomischer Verunsicherung ausgesetzt waren, haben ein mehr als zweifach höheres Risiko, Gewalt durch den Partner zu erleben, als Frauen, deren Männer davon verschont blieben. Dies ist eine der Schlussfolgerungen eines aktuellen Artikels der "Konflikt-Spezialausgabe" des britischen Medizin-Journals "Lancet".

Für diesen Aufsatz analysierten Cari Jo Clark vom "Program in Health Disparities Research" an der University of Minnesota und Muhammad M. Haj-Yahia von der "Hebrew University of Jerusalem" zusammen mit weiteren Kollegen Querschnittsdaten, die das palästinensische Büro für statistische Erhebungen (PCBS) zwischen Dezember 2005 und Januar 2006 gesammelt hat. Insgesamt wurden 4.156 Haushalte per Zufallsverfahren ausgewählt, in denen insgesamt 3.815 Frauen im Alter von 15 bis 64 Jahren lebten, die jemals verheiratet waren. Die Analyse beschränkte sich auf die aktuell verheirateten 3.510 Frauen. Die Beteiligung war mit 92% so hoch, dass die Ergebnisse als repräsentativ gelten können. Die Frauen erhielten die Kurzversion eines Fragebogens, mit dessen Instrumenten, den "Conflict Tactics Scales (CTS)" und dem "Exposure to Political Violence Inventory (EPVI)", das Ausmaß der individuellen und familiären Erfahrungen mit Besatzungstruppen oder Siedlern, die die persönliche Sicherheit bedrohen gemessen werden sollte. Das Erleben politischer Gewalt wurde als direktes Ausgesetztsein des Ehemanns z.B. gegenüber israelischen Soldaten charakterisiert, seiner indirekten Betroffenheit durch die Erfahrungen von Diskriminierungen seiner Familie (z.B. die Erschwernis des Zusammenhalts der meist großen Familien durch die Wallanlagen) sowie der wirtschaftlichen Auswirkungen der Gewalterfahrung auf den Haushalt.

Die Exposition gegenüber Gewalt durch israelische Streitkräfte oder Siedler machen folgende ebenfalls erhobenen Daten plastisch: 8% der Ehemänner waren in irgendeiner Weise Gewalt ausgesetzt, 20% der Familien waren Gewalt ausgesetzt, die von der Zerstörung des Hauses (8%) über die Inhaftierung von Familienangehörigen in 4% der Familien bis zum Arrest von weniger als einem Prozent reichte und schließlich verschlechterte sich die ökonomische Situation von 43% der Haushalte und der Ehemann von 22% der befragten Frauen verlor seinen Arbeitsplatz.

Politische Gewalt war in multivariaten Analysen signifikant mit höheren Raten häuslicher Gewalt durch den Ehepartner verbunden:
• Frauen, deren Ehemänner direkt politische Gewalt erfahren hatten, hatten ein zwischen 89% und 123% erhöhtes Risiko, körperliche oder sexuelle Gewalt zu erleben, als Frauen, deren Ehemänner bislang noch nicht direkt betroffen waren.
• Frauen, deren Ehemänner indirekt angegriffen wurden, hatten ein um 61% und 97% höheres Risiko, körperliche und sexuelle Gewalt zu erleiden, verglichen mit den Frauen, deren Ehemänner nicht indirekt betroffen waren.
• Ökonomische Nachteile oder Gewalt führte nur im Gazastreifen zu einer statistisch signifikant deutlich höheren Betroffenheit der Ehefrauen von Gewalt. Zur Erinnerung: Der Gazastreifen ist mit 360 Quadratkilometern etwas kleiner als das deutsche Bundesland Bremen, besteht überwiegend aus Sand und Dünen und wird von rund 1,5 Millionen Menschen bewohnt, die sich in wenigen Siedlungen und Lagern zusammenballen.

Die Autoren diskutieren eine Reihe von Faktoren, die der Verknüpfung zwischen politischer Gewalt und häuslicher Gewalt durch den Ehepartner zugrunde liegen könnten. Sie stellen fest: Besatzungspolitik und Erfahrungen mit den Besatzungstruppen haben fortwährende Demütigungen der Männer zur Folge und machen es ihnen unmöglich, ihre Familien zu schützen und zu versorgen, was potenziell zu Frustrationen und Gewalt gegen schwächere Menschen führt, nämlich Frauen und Kinder. Aus Sicht einer Ressourcen-Theorie könnte die Gewalt ausgeführt werden, um die sozial etablierte Machtposition der Männer in der Familie wieder geltend zu machen." Die Forscher fügen hinzu: "Die Besatzungspolitik, darunter die Sperranlagen, die in verschiedenen Teilen der West-Bank errichtet werden, beeinträchtigen die familiäre Verbundenheit, indem sie den Frauen den regelmäßigen Kontakt zu ihren Familien entziehen, die anderenfalls eingreifen würden, um häusliche Gewalt durch den Ehepartner zu vermeiden."

Die Autoren folgern daraus: "Notwendig ist die Erforschung der potenziellen Wege, die von der politischen Gewalt zur häuslichen Gewalt führen, wobei eine Reihe von Erklärungen und deren Wechselwirkungen in Betracht gezogen werden müssen, da jede einzelne Erklärung nicht ausreicht, die Verknüpfung zu begründen. Unsere Ergebnisse weisen außerdem auf die Wichtigkeit der Beurteilung verschiedener Arten der Gewalterlebnisse hin, wenn der potenzielle Bedarf psychosozialer Interventionen berücksichtigt werden soll, da das Erleben vieler traumatischer Ereignisse mit vermehrten psychischen und körperlichen Gesundheitsproblemen verknüpft ist."

Durch die Durchdringung auch privater Verhältnisse mit Gewalt verlieren die betreffenden Personen auch noch letzte Ressourcen zur Bewältigung psychosozialer Krisen und wichtige Voraussetzungen für eine Art langfristige Rest-Lebensqualität.

Wenn man bedenkt, dass zur Zeit weltweit in mindestens 15 bis 20 Ländern mit mehreren Zigmillionen Einwohnern völkerrechtlich erklärte Kriege oder so genannte assymmetrische Auseinandersetzungen mit allen Formen der Gewalt stattfinden, wird die Bedeutung der hier untersuchten Zusammenhänge für eine friedlichere und humanere Zukunft in diesen Ländern besonders deutlich. Der beschriebene Zusammenhang kann allerdings in den meisten Fällen nur durch politische Lösungen durchbrochen werden. Mit den Ergebnissen aus Palästina liegt ein weiterer Grund vor, sich um politische Lösungen zu kümmern.

Der siebenseitige Aufsatz "Association between exposure to political violence and intimate-partner violence in the occupied Palestinian territory: a cross-sectional study" von Cari Jo Clark, Susan A Everson-Rose, Shakira Franco Suglia, Rula Btoush, Alvaro Alonso, Muhammad M Haj-Yahia ist in der Ausgabe "Lancet"-Ausgabe vom 23. Januar 2010 erschienen (2010. Vol. 375: 310-316) erschienen und nach einer problem- und garantiert nicht von unerwünschten Mails gefolgten Registrierung komplett kostenfrei erhältlich.

Bernard Braun, 25.1.10