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Patienten
Einflussnahme der Pharma-Industrie


Transparenz über Lobbyismus und Interessenkonflikte im Gesundheitswesen: Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück! (11.6.16)
Neue Krebsmedikamente 5: Fortgeschrittener Krebs - keine Chemotherapie ist auch eine Option (25.11.15)
Neue Krebsmedikamente 3: "Durchbruch" in der Therapie weckt falsche Hoffnungen (6.11.15)
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Resultate und Schlussfolgerungen von herstellergesponsorten Medikamenten- und Gerätestudien vielfach signifikant verzerrt (11.1.13)
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Ghost Writing - auch in den führenden Medizinjournalen noch immer weit verbreitet (12.9.09)
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"Medikament sucht Krankheit": Die Bedeutung von Krankheitserfindung, Medikalisierung oder "disease mongering" im Gesundheitswesen. (8.6.2008)
Lockerung des Werbeverbots für verschreibungspflichtige Medikamente - Ablehnung aus Deutschland (5.6.2008)
Ist die bipolare Depression überdiagnostiziert? Trägt die Industrie dazu bei? (19.5.2008)
Kein Nutzennachweis aber Milliardenumsätze: Direktwerbung macht's möglich (14.5.2008)
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Einflussnahme der Industrie mindern - Forderungen einer Arbeitsgruppe der medizinischen Fakultäten in den USA (1.5.2008)
Dichtung und Wahrheit in der Werbung für Psychopharmaka (24.4.2008)
Ghost writing für Vioxx - Merck forscht und schreibt, Wissenschaftler geben ihren Namen (19.4.2008)
350.000 Dollar jährliche Arzneimittelkosten pro Patient - Empfehlen Pharmahersteller eine zu hohe Medikamenten-Dosis? (19.3.2008)
GlaxoSmithKline entgeht Anklage wegen Gesetzeslücke (14.3.2008)
Pro und Kontra Direktwerbung für verschreibungspflichtige Medikamente: die Industrie beherrscht die Berichterstattung in den amerikanischen Nachrichtenmedien (10.3.2008)
ARD-Magazin: Preissteigerungen um 240 Prozent bei Krebsmedikamenten - mit Scheininnovationen (10.3.2008)
Pflegekräfte - leichte Beute für die Pharmazeutische Industrie? (28.2.2008)
Novartis erhält Höchststrafe für Einladung von Ärzten in den Spreewald (21.2.2008)
Pharma-Industrie: Werbung und Marketing hat Vorrang vor Forschung und Entwicklung (10.1.2008)
Pharmaindustrie und 3. Welt: Vernachlässigung ihrer Krankheiten und Kranken sowie ihre Entdeckung als lukrativer Markt (26.11.2007)
Bluthochdruck-Medikamente: Von der Pharma-Industrie gesponserte Studien kommen zu günstigeren Schlussfolgerungen (18.11.2007)
Effekte des Pharma-Sponsoring auf die Ergebnisse klinischer Studien: Nebenwirkungen von Medikamenten werden unterbewertet (25.10.2007)
"Ghost Management" der Pharmaindustrie: Stammen viele wiss. Veröffentlichungen aus der Feder von Marketingfirmen? (4.10.2007)
Beispiel Schizophrenie: Wie Pharmaunternehmen im Internet Krankheiten definieren (27.9.2007)
Big Pharma's Data Collectors versus Maine, Vermont and New Hampshire - Wie viel dürfen Pharmafirmen über Ärzte wissen? (1.9.2007)
Werbebudgets der US-Pharmaunternehmen haben sich in 10 Jahren verdreifacht - Kontrolle funktioniert nicht (17.8.2007)
Bericht der "Los Angeles Times" dokumentiert die Tricks und Erfolge der Pharma-Industrie im Gesundheitswesen (9.8.2007)
Der lange Arm der Pharma-Industrie in der Arztpraxis: Marketing für hochpreisige Medikamente (28.2.2007)
Arzneimittelstudien bei Brustkrebs: Von der Pharmaindustrie finanzierte Studien kommen zu einer besseren Medikamenten-Bewertung (27.2.2007)
Jede vierte Selbsthilfegruppe wird von Pharmaunternehmen gesponsert (8.2.2007)
Pharmareferenten: Die meisten Ärzte würden ihr Fehlen vermissen (27.1.2007)
Der "Medicare Drug War" 2004 in den USA: Ein Lehrstück über die Einflussnahme der Pharmaindustrie auf die Arzneimittelgesetzgebung (21.12.2006)
Desinformation über Arzneimittel: eher Regel als Ausnahme (13.12.2006)
Pharma-Industrie will Patienten mit Direktwerbung stärker beeinflussen (10.12.2006)
Das Geschäft mit der Krankheit (28.11.2006)
Pharmaindustrie unterwandert Selbsthilfegruppen (30.10.2006)
Einflussnahme der Pharma-Industrie auf Medikamentenverschreibungen (6.2.2006)
Pharma-Werbung beeinflusst ärztliche Medikamenten-Verschreibung (11.12.2005)
Wie innovativ und "gesund" ist die Pharmaindustrie? Bluff und Wirklichkeit (28.11.2005)
Internationale Studienlage eindeutig: Irreführung durch Pharmaindustrie eher Regel als Ausnahme (24.11.2005)

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Überdiagnose und Übertherapie durch Interessenkonflikte in Leitliniengruppen

Artikel 2322 Definitionen von Krankheiten und die Kriterien, nach denen sie diagnostiziert werden, beruhen zumeist auf der Übereinkunft der Spezialisten des jeweiligen Fachgebiets. Was auf den ersten Blick vernünftig erscheint, hat sich in der Wirklichkeit als problematisch erwiesen, weil Experten stets auch akademische Eigeninteressen verfolgen und sich um eine möglichst große Bedeutung und Beachtung ihres Gebietes sorgen. Weiterhin sind Experten gerade wegen ihrer Definitionsmacht von größtem Interesse für die Hersteller der Arzneimittel, die im jeweiligen Bereich angewendet werden. Schon fast unbezahlbar werden die Experten für die pharmazeutischen Unternehmen, wenn sie Leitlinien-Gruppen angehören, die sich mit der (Neu-)Festsetzung von Definitionen und diagnostischen Kriterien befassen. Hier kann ein Federstrich zu einer Vergrößerung der Zahl der Betroffenen und zu Millionen zusätzlich medikamentös behandlungsbedürftiger Patienten führen.

Eine Gruppe australischer und amerikanischer Wissenschaftler hat jetzt für den Zeitraum 2000 bis April 2013 für die USA untersucht,
• ob in Leitlinien zu den häufigsten und pharmazeutisch am teuersten zu behandelnden Krankheiten die Krankheitsdefinitionen verändert wurden
• wie groß der Anteil der Wissenschaftler war, die finanzielle Beziehungen zu pharmazeutischen Unternehmen unterhielten
• ob die entsprechenden Firmen Arzneimittel für den Geltungsbereich der jeweiligen Leitlinie anboten.

Die Forscher fanden 16 Leitlinien zu 14 Krankheiten. Für die Ausweitung der Definition bzw. Kriterien bildeten sie 3 Kategorien:
• Prä-Krankheit, wie z.B. Prä-Hypertonie
• Absenkung der diagnostischen Schwelle bzw. niedrigerer Grenzwert
• frühere Diagnosestellung oder andersartige diagnostische Methode.

Bei 2 Krankheiten - HIV und Arthrose - stellten die Autoren keine Veränderungen fest. Eine Ausweitung stellten sie in 10 Leitlinien zu 9 Krankheiten fest (ADHD, Alzheimer, Depression, Cholesterin, Refluxösophagitis, Bluthochdruck, Multiple Sklerose, Herzinfarkt, rheumatoide Arthritis), eine Einengung für die Anämie bei chronischer Niereninsuffizienz und Veränderungen mit unklaren Folgen in 5 Leitlinien zu 4 Krankheiten (Asthma, bipolare Störung, COPD, Diabetes Typ 2).

Als Begründung für die Ausweitung gaben die Leitlinien-Gruppen u.a. die Minderung künftiger Risiken (Cholesterin, Bluthochdruck) oder neue Untersuchungsmethoden und früheren Behandlungsbeginn (Alzheimer) an.

Die Ausweitung einer Krankheitsdefinition kann erwünschte Folgen haben, wie Minderung der Sterblichkeit oder Verbesserung der Lebensqualität aber auch unerwünschte Folgen, wie Überdiagnose, Überbehandlung, Medikalisierung und die Etikettierung beschwerdefreier Menschen als krank. 6 der insgesamt 15 Leitlinien-Gruppen sprachen die unerwünschten Folgen an, zumeist jedoch in sehr knapper und allgemeiner Form, wie z.B. "ethische und praktische Implikationen einer Diagnose des M. Alzheimer in einer präklinischen Phase müssen untersucht werden".

Als finanzielle Verbindung definierten die Autoren Honorare für Vorträge und Beratung, Reisekostenerstattung, Forschungsförderung, Aktienbesitz, Lizenzgebühren und Angestelltenverhältnis. In 13 der 15 Leitlinien-Gruppen fanden sich derartige Verbindungen. Die Diabetes-Gruppe machte die eher nicht glaubwürdige Angabe, niemand habe einen relevanten Interessenkonflikt, die Cholesterin-Gruppe äußerte sich erst gar nicht dazu. Bei den insgesamt 262 Leitlinien-Gruppenmitgliedern bestanden insgesamt 2081 Verbindungen zur Industrie.
Finanzielle Beziehungen zur Industrie hatten u.a.
• 12 der 15 Vorsitzenden der Leitlinien-Gruppen
• 5 von 9 Mitgliedern der ADHD-Gruppe
• 26 von 46 Mitgliedern der Alzheimer-Gruppe
• 23 der 24 Mitglieder einer der beiden Asthma-Gruppen
• 9 der 11 Mitglieder Hypertonie-Gruppe

Im nächsten Schritt prüften die Autoren, wie zielgenau die Industrie ihre Beziehungen zu Mitgliedern von Leitlinien-Gruppen knüpfte.

Bluthochdruck: Die pharmazeutischen Unternehmen Bristol-Myers Squibb, Merck und Novartis bieten die zum damaligen Zeitpunkt (2004) noch Patent-geschützten und daher hochpreisigen Substanzen Irbesartan, Losartan und Amlodipin an. Jeder der 3 Firmen unterhielt finanzielle Beziehungen zu 8 der 11 Mitglieder der Bluthochdruckgruppe. Diese Gruppe prägte den Begriff "Prä-Hypertonie".

COPD: Astra Zeneca, Boehringer-Ingelheim und GlaxoSmithKline bieten zu dieser Krankheit Arzneimittel an. Jede dieser 3 Firmen unterhielt Beziehungen zu 11 der 12 Mitglieder, incl. des Vorsitzenden.

In den Jahren 2009 (wir berichteten) und 2011 (Link) veröffentlichte das amerikanische Institute of Medicine Empfehlungen zur Beschränkung des Einflusses von interessenkonfliktbeladenen Mitgliedern auf die Inhalte der Leitlinien. Die Autoren stellten fest, dass diese Empfehlungen kaum befolgt werden.

Zusammenfassend sind finanzielle Verbindungen von Leitlinien-Gruppenmitgliedern zu Firmen, die Medikamente zur Behandlung der jeweiligen Krankheiten anbieten, eher die Regel als die Ausnahme. Diese Studie belegt, dass die Industrie Beziehungen zu den Experten pflegt, die über die Ausweitung der Krankheitsdefinitionen und damit über die Größe des Absatzmarktes für Medikamente entscheiden. Damit werden der Überdiagnose - eine Diagnose mit negativer Nutzen-Schaden-Bilanz - und der Übertherapie der Weg gebahnt.


Moynihan RN, Cooke GPE, Doust JA, Bero L, Hill S, Glasziou PP: Expanding Disease Definitions in Guidelines and Expert Panel Ties to Industry: A Cross-sectional Study of Common Conditions in the United States. PLoS Med 2013; 10: e1001500. Download Volltext

Report zu Interessenkonflikte in der medizinischen Forschung, Ausbildung und Praxis:
Lo B, Field MJ. Conflict of Interest in Medical Research, Education, and Practice. Washington D.C., 2009. Website

Report zu klinischen Leitlinien
Institute of Medicine (IOM). Clinical Practice Guidelines We Can Trust, 2011 Website


s.a. Kategorie Einflussnahme der Pharma-Industrie Link

David Klemperer, 19.12.13