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Überschätzung der "Krankheitslasten": Das Beispiel "offenes Bein"

Artikel 0170 Es gibt Wochen, in denen man leicht vier oder fünf Zeitungsberichte finden kann, nach denen Millionen Menschen an einer Krankheit leiden und behandelt werden oder werden müssten. Der gesundheitspolitisch folgenreiche Schluss, die Bevölkerung würde immer mehr und schwerer krank (fachwissenschaftlich als "Medikalisierungsthese" diskutiert), drängt sich dann dem Durchschnittsleser schnell auf. Dies gilt ebenso für Befürchtungen, diese Morbiditätslast könne bald nicht mehr mit den begrenzten Mitteln der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bewältigt werden und Rationierung notwendiger Behandlungen wären unvermeidlich.

Ohne dass damit solche Entwicklungen voll gegenstandslos werden, zeigen die Ergebnisse einer gerade veröffentlichten Studie, dass die "Last" mancher Krankheit durchaus um ein Vielfaches übertrieben wird oder überschätzt sein kann. Es handelt sich dabei um das so genannte "offene Bein" (Ulcus cruris venosum - UCV), an dem nach einem von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)verbreiteten Versorgungs-Mustervertrag "Chronische Wunde" ca. 1,2 Millionen Menschen in Deutschland leiden sollen.

In einer eigenen, methodisch anspruchsvollen und repräsentativen Studie in allgemeinärztlichen Praxen untersuchten die an der Universität Düsseldorf arbeitenden Allgemeinmediziner Stefan Wilm (der außerdem noch niedergelassener Allgemeinmediziner ist) und Josta Meidl, ob diese Angabe zur Prävalenz (Anzahl der bereits Erkrankten) realistisch ist.
Das bereits im August 2005 im Vorfeld der Jahrestagung der Fachgesellschaft für Gefäßkunde in dem Newsletter "MedReport" veröffentlichte Ergebnis ist beeindruckend: Es gibt gegenwärtig nur ca. 50.000 Menschen mit einem offenen Bein, also etwa 1/24tel der von der KBV angenommenen und verbreiteten Anzahl. In dem Artikel erfährt man außerdem, dass auch die Inzidenz, also das Neuauftreten dieser Krankheit, wesentlich niedriger liegt als bisher angenommen wurde. In den letzten 20 Jahren ist ferner die Zahl der Personen mit offenen Beinen zurückgegangen.

Auf einen trivialen aber folgenträchtigen Grund solcher Differenzen weist Wilm in einem Beitrag in der Ärzte Zeitung vom 25.10. 2005 zu seinem Forschungsprojekt selber hin: "Die vorherigen Studien haben sich nicht auf die Bevölkerung bezogen". Bisherige Studien hätten mit Daten aus Spezialambulanzen gearbeitet, die zwangsläufig ein überhöhtes Bild lieferten.
Wilm ist im selben Zeitungsbeitrag davon überzeugt, daß auch bei anderen Erkrankungen die Zahlen über die Verbreitung zu hoch angesetzt sind: "Wenn man die Zahlen für alle chronischen Erkrankungen zusammenzählt, kommt man zu dem Schluß, daß 124 Prozent der Deutschen chronisch krank sind".

Hier finden Sie die PDF-Datei des Berichts (Seite 5): "Offenes Bein" viel seltener als befürchtet

Bernard Braun, 6.11.2005