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"Spanien" lag in "Indien" oder was wäre, wenn heute wirklich eine neue "spanische Grippe" a la 1918/20 ausbräche?

Artikel 1688 Trotz monatelanger Prophezeiungen der "pandemischen Herausforderung" durch die Schweinegrippe, dem dazu instrumentalisierten Menetekel von bis zu 100 Millionen an der "spanischen Grippe" von 1918/19 verstorbenen Menschen und trotz der prophezeiten "zweiten" Welle oder der im Winter auf der nördlichen Halbkugel drohenden Supermutation des Virus: Die Anzahl der weltweit infizierten oder besser gesagt der durch Tests bestätigten und gemeldeten Fälle von Schweinegrippe stagniert oder geht zurück - auf niedrigerem Niveau als eine "normale" Wintergrippe. Ähnlich sieht es bei der Anzahl der Toten aus. Außerdem handelt es sich bei den Infizierten wie vor allem den Gestorbenen fast immer um Menschen mit mehr oder weniger schweren Zusatzerkrankungen oder Risikofaktoren. Entsprechend zurückhaltend lassen sich in Deutschland selbst Angehörige von wahrscheinlichen Risikogruppen oder auch Angehörige der Gesundheitsberufe nur zu 5% oder 15% mit dem für viele Hundert Millionen Euro für 60% der Bevölkerung eingekauften Impfstoff impfen. Das Impfrisiko erscheint höher als das Erkrankungs- oder gar Sterberisiko der Schweinegrippe.

Bevor sich die Risiko-Debatte neuen Risiken oder Pseudorisiken zuwendet, Luft für die "dritte" Welle der Schweinegrippe holt, oder gar jemand entdeckt, dass es eigentlich keinen natürlichen Grund gibt, dass die Anzahl der Grippetoten nicht auch deutlich über der der "spanischen Grippe liegen könnte, sollten die soliden Analysen der quantitativen Risiken und qualitativer Profile früherer und heutiger Grippe-Pandemien doch noch einmal gründlicher betrachtet werden. Dafür lohnt ein Blick auf die Ergebnisse einer bereits 2006 nach der Beinahe-Vogelgrippe-Pandemie des Jahres 2005 in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichten genauen Analyse der Höhe und vor allem sozialen Verteilung der tatsächlichen Risiken der "spanischen Grippe".

Die wesentlichen Erkenntnisse aus den dafür differenziert analysierten Datenquellen "Berkeley Human Mortality Database" und der "Mitchell's International Historical Statistics Series" für die Jahre 1915 bis 1923 lauten:

• Obwohl damals wie heute vor allem und am meisten in sozial besser gestellten Ländern über die Pandemie diskutiert und nach Gegenmaßnahmen gesucht wird, starben die meisten Menschen in armen Ländern mit kargen Ressourcen im Bereich der normalen gesundheitlichen Versorgung. Die zusätzliche Mortalität oder Übersterblichkeit ("excess mortality") in den rund drei Dutzend Ländern und Regionen für die Daten vorlagen unterschied sich maximal um das Dreißigfache. Bei einer durchschnittlichen Rate der durch die "spanische Grippe" bedingten zusätzlichen Sterblichkeit von 1,06%, lag Dänemark bei 0,2% und Indien bei 4,4%. Die damals auch schon verslumte Megastadt Bombay erreichte mit 6,18% einen Spitzenplatz. Deutschland hatte trotz seiner durch den ersten Weltkrieg physisch und psychisch geschwächten Militär- und Zivilbevölkerung mit 0,76% einen unterdurchschnittlichen Wert. Auch wenn die Bezeichnung "spanische Grippe" das Gegenteil suggeriert: Bezogen auf ihr Sterberisikopotenzial war die 1918/20-Grippewelle eher eine "indische".
• Der wesentliche Faktor, der die regional unterschiedliche Mortalität erklärte, war das Pro-Kopfeinkommen.
• Rechnet man nun die damaligen Verteilungen auf die Weltbevölkerung des Jahres 2004 hoch, würden bei völlig identischem Niveau und Verlauf wie 1918-20 schätzungsweise weltweit 62 Millionen Menschen zusätzlich an der "Pandemie-Grippe" sterben. 96% dieser Sterbefälle fänden auch oder gerade heute in der so genannten Dritten Welt statt. • Konzentrierte sich diese Mortalität in einem einzelnen Jahr, erhöhte sich die weltweite Mortalität um 114%.

Selbst oder gerade wenn man also das Risiko einer "1918-20-II"-Pandemie ernst nimmt, wird das gegenwärtige extreme Missverhältnis zwischen epidemiologischer Betroffenheit, Katastrophenkommunikation und meist pharmakologischen Interventionskaskaden in der Ersten und Dritten Welt noch offenkundiger.

Dies ist umso verwunderlicher und vor allem kurzfristig gedacht als in denselben Ländern der Dritten Welt, die fast immer ein vielfach höheres Risiko bei gleichzeitig vielfach schlechteren Chancen der Versorgung haben, auch die meisten der großen pandemischen Erkrankungswellen (z.B. die Lungeninfektion SARS, die letzte Vogelgrippewelle und wahrscheinlich auch die aktuelle Schweinegrippewelle) gestartet sind und wegen der dortigen sozialen, hygienischen und gesundheitlichen Bedingungen auch künftig starten werden. Auch wenn die trotz "mildem Verlauf" der Schweinegrippe hartnäckig alarmistische Risikokommunikation die Risiken für die Bevölkerung Mitteleuropas und Nordamerikas überschätzt, darf dies nicht dazu führen die potenzielle Gefährlichkeit der Virusgrippe insbesondere für die Bevölkerung der Dritten Welt und die dortigen Entstehungsbedingungen für mögliche weitere Erkrankungswellen entweder gar nicht wahrzunehmen oder zu unterschätzen.

Die Wissenschaftler weisen aber vorsorglich auf die wegen der heutigen sozialen Rahmenbedingungen insgesamt wahrscheinlich wesentlich geringere Sterbelast einer ansonsten mit 1918-20 vergleichbaren Grippe-Pandemie hin. Dies liegt ihres Erachtens u.a. an einem besseren Symptommanagement oder dem zumindest in Ländern der Ersten Welt besseren bzw. finanzierbaren Zugang zu potenten Antibiotika oder auch speziellen Grippemitteln wie Tamiflu und Relenza (wie eine Reihe von Veröffentlichungen im aktuellen "British Medical Journal" aber belegt, fehlt immer noch- und dies dank von Informationsblockaden des Tamiflu-Herstellers Roche - ein wirklich unabhängiger wissenschaftlicher Nachweis der Wirkung des Neuroaminidasehemmers gegen Komplikationen der Virusgrippe - das forum-gesundheitspolitik wird darüber noch ausführlicher berichten) gegen die gefährlichen infektiösen Folgeerkrankungen der Grippe (z.B. Lungenentzündungen).

Zu dem Aufsatz "Estimation of potential global pandemic influenca mortality on the basis of vital registry data from the 1918-20 pandemic: a quantitative analysis" von C. Murray et al. (The Lancet, Vol. 368. 23. Dezember/30. 2006: 2211-2218) gibt es ohne die einfache, kostenlose und hinsichtlich unerwünschter Spams folgenlose Anmeldung als Leser nur ein Abstract kostenlos. Wer sich anmeldet, bekommt problemlos einen kostenlosen Zugriff auf den kompletten 8-seitigen Text.

Bernard Braun, 14.12.09