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Übergewicht ist nicht allein individuell verschuldet, sondern auch Effekt ungesunder Lebensräume

Artikel 0999 Seit einiger Zeit taucht das Thema Übergewicht und Adipositas gehäuft in den Schlagzeilen auf, meist aufgrund neuester Zahlen zur Verbreitung von Fettleibigkeit oder alarmierender Hochrechnungen über damit einhergehende Erkrankungen und medizinische Kosten. Die bislang wohl umfassendste Expertise zu diesem Thema ist nun in Großbritannien veröffentlicht worden, eine von 250 Wissenschaftlern erarbeitete und vom gemeinnützigen "Foresight Institut" finanzierte Expertise "Tackling Obesities" ("Übergewicht stoppen"). In ihrem 164seitigen Bericht fassen die Wissenschaftler den aktuellen Forschungsstand zur Verbreitung von Übergewicht zusammen und schlagen erfolgversprechende Interventionen vor.

Das Besondere der Expertise ist jedoch: Während viele frühere Studien nicht müde wurden, den ungesunden individuellen Lebensstil (zu wenig Bewegung, falsche Ernährung usw.) als maßgebliche Ursache der neuen Volkskrankheit zu brandmarken, werden im Foresight-Report erstmals auch in dieser ausführlichen und expliziten Form die gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründe als Verursachungs-Bedingungen genannt. Der ungesunde moderne Lebensstil wird auch in der Studie detailliert beschrieben, er erscheint dort jedoch nicht als individuell verschuldete Verhaltensorientierung, sondern resultiert (fast zwangsläufig) aus "übergewichtsträchtigen" Lebensräumen ("obesogenic environments"), die durch politische Entscheidungen in der Verkehrs-, Wohnungs- oder Umweltpolitik so gestaltet wurden

So werden in dem Bericht explizit folgende Rahmenbedingungen genannt, die für ein mangelhaftes "Energiegleichgewicht" (Kalorienaufnahme und -verbrauch) bei Bürgerinnen und Bürgern maßgeblich sind:
• mangelnde Bewegung am Arbeitsplatz und zu Hause
• Freizeitaktivitäten, die zunehmend zu Hause und im Sitzen ausgeübt werden
• eingeschränkte Bedeutung des Sportunterrichts an Schulen
• Hilfsmittel (Fahrstühle, Rolltreppen, automatische Türen usw.) an Öffentlichen Plätzen, Gebäuden oder Einkaufszentren, die den natürlichen Bewegungsimpuls still legen
• schlecht gestaltete und notdürftig instand gehaltene Außeneinrichtungen (Parks, Sport- und Spielplätze usw.), die kaum zu einem Besuch und einer Nutzung einladen
• ein öffentliches Bewusstsein, das den Aufenthalt im Freien zunehmend als risikoträchtig definiert
• gesellschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen und Normen, die Kinder zunehmend davon abhalten, sich im Freien zu bewegen (Unfallrisiken im Verkehr, Übergriffe durch fremde Personen, Verletzungsgefahren)
• Städtische Bauplanungen, die dem motorisierten Verkehr Priorität geben und die Bewegungsmöglichkeiten für Fußgänger und Radfahrer einengen
• allenthalben verfügbare Einkaufs- und Verzehrmöglichkeiten für Fast Food und Convenience Food, im Vergleich dazu sehr viel ungünstigere Angebote für gesunde Nahrungsmittel mit der Folge von "Nahrungsmittel-Wüsten".

Der Foresight-Report zeigt anhand veröffentlichter Studien auf, welche Bedeutung diese Faktoren für den ungesunden Lebensstil des Durchschnittsbürgers haben. Und er spricht sehr drastische Warnungen aus: Falls nicht sofort umfassende und einschneidende Maßnahmen in allen Politikbereichen in die Wege geleitet werden, wird sich Großbritannien im Jahr 2050 einer dramatischen Epidemie ausgeliefert sehen. 60% der Männer, 50% der Frauen und 26% der Kinder und Jugendlichen werden übergewichtig sein, die Verbreitung von Diabetes wird um 70% zunehmen, Schlaganfälle um 30%, Herzerkrankungen um 20%.

Diskutiert werden im Berichtsteil "Qualitative Modelling of Policy Options" auch erfolgversprechende Maßnahmen, um diesem Horror-Szenario zu entgehen. Darunter finden sich steuerpolitische Instrumente (erhöhte Steuern für bestimmte Nahrungsmittel), städtebauliche Überlegungen, aber auch pädagogische und bildungspolitische Ansätze sowie notwendige Forschungsaktivitäten.

Der Gesamtbericht (164 Seiten, 15 MB), eine Zusammenfassung der Ergebnisse und auch einzelne Berichtsteile sind von dieser Seite aus herunterzuladen: Foresight - Tackling Obesities: Future Choices

Gerd Marstedt, 5.11.2007