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Krebs ist durch emotionale Stärke nicht besiegbar, sagt eine Studie. Doch Wissenschaftler kritisieren dieses Fazit

Artikel 0977 Bei der Diagnose einer Krebserkrankung herrscht unter Ärzten wie Patienten weitgehend die Meinung, dass der Ausgang der Erkrankung und der Erfolg einer Therapie auch mitbeeinflusst werden durch die Willensstärke oder den Überlebenswillen eines Patienten. Dass diese Ansicht nicht mit wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen im Einklang steht, behaupten jetzt Autoren einer Studie, die in der Zeitschrift "Cancer" veröffentlicht wurde. Zwar könne emotionale Stärke, angestoßen beispielsweise durch die Inanspruchnahme psychotherapeutischer Hilfe oder Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, ein positiveres Lebensgefühl und eine bessere Lebensqualität während der Erkrankung vermitteln, nicht aber die Lebenserwartung verlängern.

Die Wissenschaftler hatten im Rahmen einer 5-Jahres-Studie Daten von Patienten näher analysiert, die an Hautkrebs im Kopf- und Hals-Bereich erkrankt waren und an zwei unterschiedlichen Therapie-Studien teilnahmen. Zu Beginn der Verlaufsstudie wurden so Daten von knapp 1.100 Patienten erfasst, im Zeitverlauf verstarben dann bis zum Ende der Studie insgesamt 646 Teilnehmer. Die Teilnehmer hatten auch einen Fragebogen ("The Functional Assessment of Cancer Therapy (FACT) Scale") ausgefüllt, in dem 53 Fragen gestellt wurden: Zur empfundenen Lebensqualität, zum körperlichen und seelischen Wohlbefinden, zu Behinderungen und Funktionseinschränkungen durch die Krankheit. 5 Einzelfragen daraus wurden von den Wissenschaftlern verwendet, um die emotionale Stärke der Patienten gegenüber der Krebserkrankung näher zu beschreiben, dort wurden Fragen gestellt, die auf einer Skala von 1-4 (trifft überhaupt nicht zu bis trifft voll und ganz zu) zu beantworten waren: Ich fühle mich traurig. Ich verliere nicht die Hoffnung beim Kampf gegen meine Krankheit. Ich fühle mich nervös. Der Gedanke ans Sterben beunruhigt mich. Ich mache mir Sorgen, dass mein Zustand sich verschlimmert. Die Antworten hierauf wurden dann zugesammengefasst zu einem Gesamtwert "emotionales Wohlbefinden".

Bei einer einfachen ersten Analyse zeigte sich dann, dass die Sterberate nach dem 5jährigen Untersuchungszeitraum keine Unterschiede zeigte für Patienten mit einem niedrigem oder hohem Wert auf dieser Skala. Dies bestätigte sich auch, wenn die Wissenschaftler nur Teilgruppen betrachteten, etwa differenziert nach Geschlecht oder Besonderheiten des Krebsstadiums. Bei einer multivariaten Analyse, also der gleichzeitigen Berücksichtigung sehr vieler unterschiedlicher Einflussgrößen, zeigte sich dann andererseits, dass andere Faktoren einen recht deutlichen Effekt für die Sterberate hatten. Dies traf etwa zu für das Lebensalter, die Einstufung der Bösartigkeit der gefundenen Tumorzellen (T1-T4), die Bewertung des Lymphknotenbefalls oder auch das Rauchen, für die sich höhere Sterbequoten in der Größenordnung von 1,3 bis 1,9 ergaben.

In der Bilanz ihrer Ergebnisse erheben die Wissenschaftler Kritik an früheren Studien, die mit sehr kleinen Gruppen und Patienten mit unterschiedlichen Krebsarten gearbeitet hatten und das gegenteilige Ergebnis herausgefunden hatten. Ihre Studie, die sich auf eine Krensart beschränkt und über 600 Todesfälle analysiert habe, sei damit sehr viel aussagekräftiger. Allerdings machen sie auch eine Einschränkung, nämlich dass ihr Befund möglicherweise für andere Tumorerkrankungen nicht so gelten können, etwa bei Brust- oder Prostatakrebs, wo endokrine (mit den Drüsen zusammenhangende) Vorgänge eine größere Rolle spielen.

In den meisten Medienberichten wurden die Ergebnisse der Studie aus der vom Forschungsteam verbreiteten Pressemitteilung kommentar- und kritiklos übernommen und in griffige Schlagzeilen überführt wie "Willenstärke kann den Krebs nicht besiegen" oder "Emotionale Stärke hat bei Krebs keine Chance". Aber es gab auch einige kritische Stimmen, die etwa in einem Artikel in der "Washington Post" zu Worte kamen: Madeline Vann: Emotional State Doesn't Affect Cancer Survival. Dort wurde von Wissenschaftlern etwa bemängelt, dass die emotionale Grundhaltung der Patienten gegenüber ihrer Erkrankung mit einem äußerst dürftigen Instrument (lediglich 5 Fragen) erfasst wurde, dass dies auch nur zu einem einzigen Zeitpunkt geschah, obwohl gerade die Stimmung von Krebserkrankten massiv schwankt, und ebenso, dass eher Befindlichkeiten, also Ängste und Stimmungen, erfasst werden als die grundsätzliche Haltung des Patienten, sein Überlebenswillen und die Bereitschaft anzukämpfen. Problematisiert wird dort auch die Stichprobenziehung, die aufgrund der besonderen Krebserkrankung nur geringe Differenzen in der Lebenserwartung aufweist.

Die an der Studie beteiligten Forscher betonen zwar in ihrer Pressemitteilung "Penn Researchers Find Emotional Well-being Has No Influence on Cancer Survival", es könne für Krebs-Patienten einige emotionale und soziale Vorteile bringen, psychotherapeutische Hilfe oder Unterstützung in Selbsthilfegruppen in Anspruch zu nehmen. Man solle sich aber nicht der Illusion hingeben, dies würde die Lebenserwartung verlängern. In der Verallgemeinerung ihrer Studienergebnisse ist diese Aussage allerdings auch als Vorherrschaftsanspruch naturwissenschaftlich orientierterer Onkologen zu bewerten, die in Anbetracht neuerer Befunde zur Placebo-Forschung mit einigen Fragezeichen zu versehen ist.

Problematisch erscheint in der Tat, dass eine Studie, die sich zentral mit der Frage nach dem Einfluss psychischer Faktoren auf eine Erkrankung beschäftigt, eben diese Einflussdimension dermaßen dürftig erfasst: Mit lediglich 5 Fragen, erhoben zu nur einem Zeitpunkt. Warum, so fragt man sich, wurden nicht zeitliche Veränderungen erhoben, warum blieb völlig außen vor, ob psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen wurde, ob psychosoziale Unterstützung aus dem familiären Umfeld oder aus Selbsthilfegruppen kam?

Ein kostenloses Abstract der Studie ist hier zu finden: James C. Coyne u.a.: Emotional well-being does not predict survival in head and neck cancer patients. A radiation therapy oncology group study (Cancer, Published Online: 22 Oct 2007, doi: 10.1002/cncr.23080)

Eine Kieler Langzeitstudie hatte unlängst den Effekt einer "psycho-onkologischen" Unterstützung aufgezeigt. 271 Patienten, bei denen man Anfang der 90er Jahre Tumore in Magen, Leber, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse oder Darm diagnostizierte, wurden (nach dem Zufallsprinzip) entweder einer Kontrollgruppe mit Standard-Betreuung zugeordnet oder einer Interventionsgruppe, die auch eine umfassende psychotherapeutische Unterstützung erhielt. Zehn Jahre später zeigte sich dann, dass aus der Interventionsgruppe doppelt so viele Patienten überlebt hatten. Abstract der Studie: Thomas Küchler u.a.: Impact of Psychotherapeutic Support for Patients With Gastrointestinal Cancer Undergoing Surgery: 10-Year Survival Results of a Randomized Trial (Journal of Clinical Oncology, Vol 25, No 19 (July 1), 2007: pp. 2702-2708) Eine andere Studie bei 122 Brustkrebs-Patienten hatte andererseits herausgefunden, dass eine zusätzliche, wöchentlich für anderthalb Stunden durchgeführte Gruppentherapie nur bei einer Teilgruppe zu einer längeren Lebenserwartung führt: David Spiegel u.a.: Effects of supportive-expressive group therapy on survival of patients with metastatic breast cancer (Cancer. 2007 Sep 1;110(5):1130-8).

Unter dem Strich bleibt daher in jedem Fall festzuhalten, dass das generalisierte Fazit "Emotionale Stärke und Psychotherapie haben bei Krebserkrankungen keinerlei Einfluss auf das Überleben" so nicht zu halten ist und es weiterer Forschung bedarf, um die speziellen Voraussetzungen (Krebsart, Besonderheiten der Patienten wie auch der Therapie) der hier wirksamen und unwirksamen Einflüsse näher zu bestimmen.

Gerd Marstedt, 24.10.2007