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Patienten
Versorgungsforschung: Übergreifende Studien


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"Evidence based self care"? - Unbequeme und ernüchternde Wahrheiten zu Wirksamkeit und Nutzen

Artikel 0471 Der 34. Health-Technology-Assessment (HTA)-Report des "Centre for Reviews and Dissemination" an der Universität York von Nerys Woolacott et al. zum Thema "Systematic Review of the Clinical Effectiveness of Self Care Support Networks in Health and Social Care" aus dem September 2006 fördert ein paar ernüchternde und unbequeme Wahrheiten zu Tage. Bei den notwendigen und richtigen Fragen nach der wissenschaftlichen Evidenz bzw. dem nachgewiesenen gesundheitlichen Nutzen der medizinischen und anderen professionellen Angebote wird allzu leicht und fast automatisch angenommen, "alternative" oder Selbsthilfe-Aktivitäten und Unterstützungssysteme seien nicht nur humaner und sozialer, sondern auch per se nützlich und wirksam. Die dort aktiven Patienten sind auch häufig mit ihrer Selbsthilfegruppe zufrieden und fühlen sich gesünder. Trotzdem müssen sich auch diese Unterstützungsformen und -netzwerke auf den Prüfstand für "evidence based self care" stellen lassen.

Der vorliegende über 300 Seiten umfassende Reviewband wertet die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien über Unterstützungsnetzwerke und Gruppen aus, die sich mit begrenztem Einsatz von Gesundheits-Professionals nicht nur mit Gesundheitserziehung oder Training, sondern auch mit praktischen Hilfen und Ratschlägen befassen. Selbsthilfegruppen von Abhängigen oder reine Internet-Gruppen wurden nicht berücksichtigt. Der Review beschränkte sich außerdem auf prospektive Längsschnittstudien mit wenigstens 10 Teilnehmern pro Gruppe und einem Minimum von drei Monaten Nachlaufzeit nach der Teilnahme an einem "self care"-Programm.

Nach Anwendung aller genannten und einiger weiterer Kriterien blieben von den anfangs 48.000 Hinweisen auf möglicherweise themenrelevante Studien mit Schwerpunkt in den angelsächsischen Ländern 46 Studien übrig, von denen 23 in den USA und lediglich eine in Großbritannien durchgeführt wurden. Die Mehrheit der Studien (29 von 46) beinhalteten Interventionen und Programme, die von Gruppenmitgliedern, also Betroffenen, geleitet wurden. Professionals spielten lediglich eine nebensächliche Rolle. Wechselseitige Hilfe war daher auch am verbreitetsten. 32 der 46 Studien erfolgten im übrigen in Selbsthilfe-Unterstützungsnetzwerken, die von den Forschern in Gang gebracht worden waren.

Die Wirksamkeitsergebnisse sehen alles in allem so aus:

• Abnehmprogramme, die von Gruppenmitgliedern geleitet werden, führen zu einem statistisch signifikanten, aber klinisch bescheidenen Gewichtsverlust, haben also eine gewisse wissenschaftliche Evidenz. Für Unterschiede an Wirksamkeit zwischen von Laien oder Experten geleiteten Programmen gibt es keine klare Evidenz.
• Selbsthilfeunterstützung für Hilfeleistende oder Verwandte von Kranken hat nur bei Personen einen klaren Nutzen ("could clearly demonstrate beneficial effects"), die sich um schizophrene und demente Menschen oder Patienten kümmern.
• Bei Menschen mit anderen Erkrankunge wie z.B. Diabetes, Arthritis, Bulimie oder Depression gibt es einige ("some") Evidenz für nützliche Wirkungen.
• Für die Wirkung von Interventionen zur Veränderung des Lebenswandels, der Psoriasis und zur Erholung nach einem schweren Herzereignis liefern einige Studien eine eher schwache Evidenz ("some weak evidence").
• Ganz allgemein mangelt es an Evidenz ("lack of evidence") für einen nützlichen Effekt der Selbsthilfeunterstützung für Patienten mit schweren chronischen Schmerzen, Epilepsie, Verletzungen und Problemen mit der geistigen Gesundheit.
• Vielen Aussagen mangelt es letztlich an Aussagefähigkeit, weil die ihnen zugrundeliegenden Studien methodische und inhaltliche Mängel haben, die das Vertrauen in ihre Qualität unterminieren.

Entsprechend fallen die "conclusions" der ReviewerInnen aus: "Overall the evidence for a beneficial effect of self care support networks as a generic intervention is very weak. The more reliable findings from comparisons with control in the better quality studies suggest that some self care support networks in certain settings can be beneficial. However, as these studies comprised a trial of Weight Watchers, three trials of carers in Hong Kong and one of a TB Club in Ethopia, the generalisability of the findings to the UK healthcare environment can at best be limited".
Derartige Probleme der Verallgemeinerbarkeit gibt es sicherlich auch für Deutschland.

Hier finden Sie den 311 Seiten langen und sehr materialreichen HTA-Bericht "Systematic Review of the Clinical Effectiveness of Self Care Support Networks in Health and Social Care" im PDF-Format.

Bernard Braun, 11.1.2007