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Patienten
Versorgungsforschung: Übergreifende Studien


Bewegung und Gesundheit: Es ist selten zu wenig und zu kurz, um positive gesundheitliche Wirkungen zu erzielen (20.3.19)
Kosten der Medikalisierung nichtmedizinischer Probleme - Eine defensive Schätzung für die USA und nicht nur für sie. (21.2.19)
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Wie häufig ist die Überversorgung mit nutzlosen oder schädlichen Leistungen und wie viel kostet das? Antworten aus WA und VA (USA) (4.2.18)
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Grenzen des Zugangs zur gesundheitlichen Versorgung von objektiv Bedürftigen im "sozialen Europas" größer als erwartet. (16.11.17)
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Kosten der Medikalisierung nichtmedizinischer Probleme - Eine defensive Schätzung für die USA und nicht nur für sie.

Artikel 2646 Die Pathologisierung und Medikalisierung von nichtmedizinischen Problemen zu medizinisch oder pharmakologisch behandlungsbedürftigen Erkrankungen oder Störungen - auch als "disease mongering" bezeichnet - ist ein weltweit nicht seltenes Phänomen.

Um welche Probleme es sich handelt und wie hoch die Kosten dieser eigentlich nicht notwendigen medizinischen Versorgung sind, berechneten us-amerikanische Soziologen für die USA im Jahr 2005. Da diese Art von Medikalisierung mit Sicherheit nicht ab- sondern eher noch zugenommen hat, sind die berechneten Zahlen auch 2019 noch von Relevanz.

In Übereinstimmung mit zahlreichen dazu durchgeführten Studien bezogen die Autoren neun Arten von Störungen ("disorders") und Erkrankungen ("medical conditions") in ihre Analysen ein, die ihres Erachtens Resultat erfolgreicher Medikalisierung sind. Dazu gehören verschiedene Formen von Angst-, Schlaf- und Verhaltensstörungen, normale Traurigkeit, Teile einer normalen Schwangerschaft, Körperbildprobleme, Potenzstörungen, Teile der Probleme in der Menopause, bestrimmte Probleme mit dem Körpergewicht und mit Störungen aufgrund des Konsums von legalen oder illegalen Stoffen.

Die direkten Kosten für die medizinische Behandlung dieser Gruppe von medikalisierten Zuständen betrugen in den USA im Jahr 2005 77,1 Milliarden US-Dollar. Dies entsprach einem Anteil von 3,9% an den gesamten Gesundheitsausgaben. Am meisten wurde mit 18,3 Mrd. $ und 12,4 Mrd. $ für medizinisch nicht notwendige Behandlungen von normal Schwangeren und kosmetische plastische Chirurgie ausgegeben. Zur möglichen Meinung, dass 77,1 Mrd. $ nicht besonders viel wären, weisen die Autoren darauf hin, dass im selben Jahr für die Behandlung von Herzerkrankungen "nur" 56,7 Mrd. $ und für die Krebsbehandlung 39,9 Mrd. $ ausgegeben wurden.

Abschließend weisen die Autoren darauf hin, dass es auch noch indirekte Kosten der Medikalisierung geben dürfte, welche die volkswirtschaftliche Bedeutung von Medikalisierung noch ein Stück vergrößern dürfte. Außerdem habe Medikalisierung auch noch gesellschaftliche Wirkungen, indem sie eine Grundlage der objektiv falschen Behauptung darstellt, die gesundheitliche Situation der Bevölkerung in Ländern wie den USA oder Deutschlands verschlechtere sich ständig und/oder epidemisch.
Würde man die Berechnungen aktualisieren und auch noch z.B. die vielfältige Medikalisierung des Alterns (z.B. das meiste was die Basis von Anti-Ageing darstellt) aber auch des Erwachsenwerdens (z.B. Teile der Auslöser von kieferorthopädischen Behandlung für Kinder und Jugendliche) einbeziehen, könnten die Kosten von Medikalisierung wahrscheinlich zu einem zweistelligen Anteil an sämtlichen Gesundheitsausgaben anwachsen.

Und wie sieht es in Deutschland aus: Es gibt keine vergleichbaren Studien, die darauf hindeuten, dass sowohl das Phänomen der Medikalisierung als auch die daraus resultierenden Kosten und gesellschaftlichen Effekte in Deutschland nicht existieren oder wesentlich geringer wären - im Gegenteil.

Der Aufsatz Estimating the costs of medicalization von Peter Conrad, Thomas Mackie und Ateev Mehrotra ist in der Zeitschrift "Social Science & Medicine" (Volume 70, Issue 12, June 2010, Pages 1943-1947) erschienen. Ein Abstract und eine Videozusammenfassung der Ergebnisse durch Peter Conrad sind kostenlos erhältlich.

Bernard Braun, 21.2.19