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US-Unterrichtsprogramme für sexuelle Enthaltsamkeit: 1 Milliarde Dollar zum Fenster hinaus geworfen

Artikel 0655 Fast eine Milliarde Dollar haben US-Bundesregierung und Bundesstaaten seit 1998 für Unterrichtsprogramme aufgewendet, mit denen Schüler zu sexueller Enthaltsamkeit vor der Ehe erzogen werden sollen. Jedes Jahr fließen staatliche Gelder in Höhe von 87.5 Millionen Dollar (umgerechnet etwa 65 Millionen Euro) in diese ganz besondere Sexualerziehung. Wie es scheint, haben die Moralpredigten jedoch so gut wie nichts bewirkt: Ein jetzt vorgelegter Evaluationsbericht hat gezeigt, dass das Sexualverhalten von Schülern und Schülerinnen, die an solchen Unterrichtsprogrammen teilnahmen, und ebenso auch ihre Kenntnisse zu Sexualität, Schwangerschaft oder Infektionsrisiken sich absolut nicht unterscheiden von Vergleichsgruppen, die nicht an den Programmen teilnahmen.

Seit 1998 gibt es an weiterführenden Schulen vieler US-Bundesstaaten Programme zur Sexualerziehung, die teilweise schon für 10-11jährige, teilweise erst für 13jährige und ältere angeboten werden. Die Kurse werden zum Teil nach der Schule, zum Teil aber auch während der regulären Unterrichtszeiten angeboten. Auch die Unterrichtsinhalte der 11 verschiedenen Programme sind nicht völlig deckungsgleich. Vermittelt werden überwiegend jedoch Kenntnisse zu Sexualität und Schwangerschaft, sexuell übertragbaren Krankheiten, Ehe und Partnerschaft. In einem Punkt sind sich jedoch alle Programme gleich: Sie sollen die grundlegende Verhaltensnorm vermitteln, dass Sex vor der Ehe moralisch verwerflich und für die Persönlichkeitsentwicklung schädlich ist.

So heißt es in den Grundsätzen, die bei der staatlichen Verabschiedung der Gesetze zum Unterricht formuliert wurden: "Erziehung zur Enthaltsamkeit zielt darauf,
• den sozialen, psychologischen und gesundheitlichen Nutzen zu lehren, der aus sexueller Enthaltsamkeit gewonnen werden kann
• zu vermitteln, dass allein durch sexuelle Enthaltsamkeit frühe Schwangerschaften, sexuelle Krankeiten und andere Gesundheitsrisiken vermieden werden können,
• zu lehren, dass Sex außerhalb und vor der Ehe körperliche und seelische Beeinträchtigungen hervorruft."

Die in Schulklassen gepredigte Prüderie hat jedoch offensichtlich keinerlei Wirkung gezeigt. In dem jetzt veröffentlichten Evaluationsbericht der regierungsunabhängigen Forschungseinrichtung "Mathematica" wurden über 2.000 Jugendliche befragt, von denen etwas mehr als die Hälfte an einem der Enthaltsamkeitskurse teilgenommen hatten, die übrigen Teilnehmer bildeten eine Kontrollgruppe ohne Teilnahme an solcher Sexualerziehung. Die Ergebnisse waren überaus ernüchternd. Es zeigte sich:
• Mit oder ohne Enthaltsamkeits-Erziehung waren die Daten zur sexuellen Aktivität dieselben: Jeweils 49% waren bislang völlig enthaltsam, 56% in den letzten 12 Monaten
• Keinerlei Unterschiede zeigten sich für Verhütungspraktiken : In den letzten 12 Monaten hatten in beiden Gruppen jeweils 23% immer ein Kondom benutzt, 17% manchmal, 5% nie, 56% waren enthaltsam.
• Bis hinter dem Komma stimmte auch das Alter für den ersten Sex in beiden Gruppen überein, es betrug 14.9 Jahre.
• Identisch waren auch die Kenntnisse über sexuell übertragbare Krankheiten.
• Nur minimale Differenzen zeigten Sich, was die Kenntnisse über einige Krankheiten anbetrifft, die durch Kondombenutzung vermeidbar sind.

Die Enthaltsamkeits-Erziehung war schon vor der Veröffentlichung der Studie mehrfach von vielen Pädagogen, aber auch Politikern kritisiert worden. Die jetzt veröffentlichten Befunde scheinen allerdings nicht zu bewirken, dass man ihren Fortbestand in Frage stellt. Ganz im Gegenteil diskutieren die Autoren der Studie, ob es in Anbetracht der Befragungsergebnisse und der festgestellten Wirkungslosigkeit des Unterrichts nicht darüber nachdenken müsse, die Programme schon in früheren Schuljahren zu beginnen und darüber hinaus auch noch im späteren Alter etwa an Universitäten anzubieten.

Hier ist eine Pressemitteilung von "Mathematica" mit den wichtigsten Befunden
Hier ist der komplette Bericht: Impacts of Four Title V, Section 510 Abstinence Education Programs - Final Report (PDF, 164 Seiten)

Gerd Marstedt, 15.4.2007