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"Wall Street Journal" vs. "American Medical Association": Wie viel verdienen US-Ärzte an der Behandlung von Medicare-Versicherten?

Artikel 1903 Die stramm marktwirtschaftlich orientierte Tageszeitung "The Wall Street Journal" hatte im Verlaufe des Jahres 2010 verschiedene Artikel veröffentlicht, die auf der Basis von offen zugänglichen Daten der staatlichen steuerfinanzierten Rentner-Krankenversicherung "Medicare" zahlreiche Unwirtschaftlichkeiten, Betrugspraktiken und ausschließlich einkommensmaximierende Honorarpraktiken von Ärzten belegen konnten.

Eine grundsätzliche Schlussfolgerung lautete, künftig routinemäßig und personenbezogen die Medicare-Einkünfte aller Ärzte veröffentlichen zu wollen.
Bereits 1979 hatte das Gesundheitsministerium der USA eine Liste der Ärzte veröffentlicht, die mehr als 100.000 US-Dollar für die Behandlung von Medicare-Versicherten erhielten. Als es auch die Einnahmen der anderen Ärzte veröffentlichen wollte, wehrten sich Ärzte und ihre Verbände vor einem Gericht im Bundesstaat Florida erfolgreich gegen diese Absicht. Dieses wertete das Recht auf den Schutz der Privatsphäre und der Einkommen höher als das Recht der Steuer- oder Beitragszahler zu erfahren, was mit ihrem Geld passiere.

Nachdem zwischenzeitlich Mitglieder des Obersten Bundesgerichts der USA betonten, dieses Recht auf Privatsphäre hätte keineswegs einen unverrückbaren verfassungsrechtlichen Rang, reichte der Verlag der Zeitung vor dem U.S. District Court for the Middle District of Florida Anfang 2011 eine Klage ein, die Veröffentlichung aller Ärzteeinkünfte aus Medicare für rechtlich zulässig zu erklären.

Während sich staatliche Stellen bis zu einer Entscheidung des Gerichts zurückhalten wollen, sind erneut die Ärzteverbände massiv gegen jede weitere Transparenz. Ärzte würden jetzt schon genug durch die Medicare-Verwaltung und 23 weitere Qualitätssicherungs-Institutionen kontrolliert. Die Daten seien nicht sonderlich aussagekräftig, unvollständig und könnten zu Fehlschlüssen führen. Keine Antwort geben die Vertreter der "American Medical Association (AMA)" aber auf die simple Klagebegründung der Zeitungsvertreter: "The Medicare system is funded by taxpayers, and yet taxpayers are blocked from seeing how their money is spent."

Ob und wie der Versuch ausgeht, die ansonsten ja immer auf mehr Markt und Wettbewerb und deren Beitrag zu mehr Transparenz, Wirtschaftlichkeit und Qualität pochenden Ärzte zu mehr Einkommenstransparenz zu motivieren oder zu zwingen, verdient weiter beobachtet zu werden.

Wer jemals in Diskussionen über die Einkünfte von niedergelassenen Ärzten in Deutschland erlebt hat, wie sämtliche amtlichen oder selbst von Ärztevereinigungen genannten Beträge von allen anwesenden Ärzten ins Reich der Phantasie oder des Sozialneids verwiesen wurden, kann die USA nur um die praktische Konsequenz ihrer führenden Wirtschafts-Tageszeitung beneiden. Unabhängig davon, dass die Rechtslage in Deutschland es nicht so einfach erlaubt, stellt sich aber zumindest die Frage warum die aufwändig und letztlich mit Versichertengeldern erhobenenen Finanzdaten nicht als eine Quelle für mehr Transparenz diskutiert und vielleicht demnächst auch genutzt werden!?

Den Artikel, der sich mit der Klageerhebung befasst, "Journal Files Suit to Open Medicare Database" im Wall Street Journal vom 26. Januar 2011 kann man kostenlos herunterladen. Dort befinden sich auch Links zu den einzelnen Artikeln, die belegen können, dass und wie wichtig mehr Transparenz über die Finanzierung von Ärzten u.a. aus den Medicare-Kassen ist.

Bernard Braun, 31.1.11