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Pro und Contra zur Politik der Legalisierung von Cannabis in den USA - Vorbild für Deutschland!?

Artikel 2379 Während die meisten Politiker in Deutschland die empirischen Entscheidungen über den legalen Gebrauch von Cannabis fast vollkommen den Gerichten überlassen (zuletzt das Urteil des Verwaltungsgerichts Köln über den unter vielen Einschränkungen legalen Anbau von Cannabis in Wohnungen von schwer kranken Personen, Überblick nicht Urteilstext), ist die Debatte in den USA wesentlich mehr durch politische Grundsatzdebatten, die Gesetzgebung in zahlreichen Bundesstaaten, durch weniger letztlich hemmenden Einschränkungen und durch Diskurse in prominenten Medien getragen. Dies verdient u.a. deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil die USA über viele Jahrzehnte mit dem für sie fundamentalistischen Furor den "war on drug" geführt haben und das Vorbild für die Drogenpolitik in vielen anderen Ländern war.

Im Moment leben 4% der US-Bevölkerung in Bundesstaaten, die den Gebrauch von Cannabis für medizinische Zwecke aber auch zum Zwecke der Erholung und der Verbesserung der Lebensqualität für 21-Jährige und Ältere legalisiert haben.
33% der Einwohner leben in Bundesstaaten, die den Gebrauch für medizinische Zwecke legalisierten und zusätzlich eine Reihe von Entkriminalisierungsregelungen beschlossen.
4% der Bevölkerung leben mit Bundesstaats-Gesetzen, die den Handel und Gebrauch systematisch entkriminalisieren.
35% können Cannabis für medizinische Zwecke und Cannabis mit geringem Wirkstoffgehalt legal erwerben und verwenden
Der Rest, also 24% der US-Bevölkerung, leben noch unter vollkommenen prohibitiven Cannabis-Gesetzen.
Das so genannte "legal patchwork" sieht anders betrachtet so aus: 37 US-Bundessstaaten plus der District of Columbia haben die Marijuana-Gesetze in irgendeiner Weise liberalisiert.

Im Rahmen der Einführung in eine Meinungsserie der "New York Times" forderten nun die Herausgeber der "New York Times" am 26. Juli 2014 unter der Überschrift "Repeal Prohibition, Again" unmissverständlich: "The federal government should repeal the ban on marijuana", und nehmen ausdrücklich auf die Zeit der Alkohol-Prohibition in den Jahren 1920-33 Bezug. Auch hier allerdings mit der Begrenzung auf 21-Jährige und Ältere.

Diese Einführung und zwei weitere, ebenfalls am 26. Juli veröffentlichten Artikel enthalten in leicht leserlicher Form eine Reihe von epidemiologischen und sozialpolitischen Argumenten für eine Legalisierung. Mit Beiträgen zu den Themenaspekten "Criminal Justice", "History", "Health", "Track Records" und "Regulation" wird die Serie in der Zeit vom 29. Juli bis zum 5. August 2014 fortgesetzt.

Der "Editorial Board"-Beitrag Repeal Prohibition, Again, der Beitrag Let States Decide on Marijuana von David Firestone und der Beitrag The Public Lightens Up About Weed von Juliet Lapidos sind kostenlos erhältlich. Dies dürfte für die weiteren Artikel der Serie auch gelten bzw. kann durch den Besuch der NYT-Website bis Anfang August einfach verifiziert werden.

Dass mit den engagiert vorgetragenen Argumenten der NYT-AutorInnen die weitere Legalisierung keineswegs schnell erfolgt und die bisherige nicht unumstritten ist, zeigt sich u.a. in mehreren ebenfalls 2014 erschienenen Beiträgen in der renommierten Medizinzeitschrift "New England Journal of Medicine (NEJM)". Diese befassen sich vor allem mit der Bewertung des durch Cannabis möglichen gesundheitlichen Schadens. Cannabis sei, so die NYT, "weitaus weniger gefährlich als Alkohol". Sie stützen sich zum Teil auch auf Erkenntnisse aus einem US-Bundesstaat mit Legalisierung.

So warnte ein kurzer Leserbeitrag in der Januarausgabe des NEJM vor der Verbreitung von Cannabisprodukten ("Black Mamba" "K2" oder "Spice") mit einem synthetischen Cannabinoid, das bis zuz 1.000-fach stärker sein kann als natürliche Wirkstoffe. So müssten zunehmend Patienten wegen der schweren gesundheitlichen Schädigungen durch diese Produkte behandelt werden.
Der Beitrag An Outbreak of Exposure to a Novel Synthetic Cannabinoid ist in am 23. Januar 2014 in NEJM (2014; 370: 389-390) erschienen und komplett kostenlos lesbar.

Ein am 5. Juni 2014 in derselben Zeitschrift erschienener Aufsatz von AutorInnen, die am "National Institute on Drug Abuse" der USA arbeiten, beschäftigt sich ausführlich mit der Evidenz positiver und unerwünschter Wirkungen des Konsums von Cannabis oder Marijuana. Als Bereiche von eher unerwünschten Cannabis-Effekte betrachten die AutorInnen die "brain development", die "possible role as gateway drug", "mental illness", "effect on school performance and lifetime achievement", "risk of motor-vehicle accidents" (Zunahme in dem erwähnten Bundesstaat) und "risk of cancer and other effects on health". Gesundheitlich positive Effekte sehen sie dagegen z.B. bei chronischen Schmerzen, Glaukoma, AIDS-Begleiterkrankungen, Entzündungen, multipler Sklerose und Epilepsie.

In ihren Schlussfolgerungen überwiegt eine Skepsis gegenüber der Legalisierung des Cannabiskonsums bzw. die Warnung vor bereits jetzt erkennbar überwiegenden unerwünschten Wirkungen: "As policy shifts toward legalization of marijuana, it is reasonable and probably prudent to hypothesize that its use will increase and that, by extension, so will the number of persons for whom there will be negative health consequences."

Der Aufsatz Adverse Health Effects of Marijuana Use von Nora D. Volkow et al. ist in NEJM (2014, 370: 2219-2227) erschienen. Leider ist nur ein kurzer Preview-Text kostenlos erhältlich.

Bernard Braun, 29.7.14