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Nicht nur Patienten, auch Journalisten und Ärzte sind Analphabeten, was Gesundheitsstatistiken anbetrifft

Artikel 1358 Relatives und absolutes Risiko, Überlebensraten und Lebenserwartung, Sensitivität und Spezifität diagnostischer Tests - nicht nur für Patienten, auch für Medizinjournalisten und sogar für Ärzte sind diese Begriffe oftmals böhmische Dörfer. Woran sich dies im Einzelnen zeigt, warum dies so ist und welche negativen Effekte dieses "statistische Analphabetentum" mit sich bringt, diese Fragen diskutiert eine Forschungsgruppe aus Berlin und Dartmouth in einem jetzt in der Zeitschrift "Psychological Science in the Public Interest" veröffentlichten, ebenso ausführlichen wie lesenswerten 44seitigen Aufsatz, auf den kürzlich auch die Frankfurter Rundschau in dem Artikel Wie lüge ich mit Statistik noch einmal hinwies.

Der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani erklärte im Jahre 2007 im Rahmen einer Werbekampagne: "Ich hatte Prostatakrebs, jetzt vor 5 oder 6 Jahren. Meine Überlebenschance - und Gott sei Dank wurde ich geheilt - betrug in den USA 82 Prozent. Meine Chance zu überleben in England? Wäre nur 44 Prozent gewesen in einem sozialistischen Gesundheitssystem." Mit dieser in der Washington Post verbreiteten Anekdote und dem Kommentar "Eine tolle Feststellung, dass die Überlebenschance bei Prostatakrebs in den USA fast doppelt so groß ist wie in England. Leider falsch." beginnt der Aufsatz von Gerd Gigerenzer , Wolfgang Gaissmaier, Elke Kurz-Milcke, Lisa M. Schwartz und Steven Woloshin. Und es wird auch sogleich erklärt, warum Giuliani den Irrtümern einer gesundheitspolitisch konservativen Werbekampagne (für das US-Gesundheitssystem, gegen das verstaatlichte System in England) aufsaß. Die Erklärung ist einfach: Tatsächlich basieren beide Zahlen auf 5-Jahres-Überlebensraten nach der Diagnose von Prostatakrebs, aktuell liegen die Zahlen bei 98% (USA) und 74% (England). Diese Zahlen sagen jedoch nichts über die Qualität der medizinischen Versorgung aus und nichts über die Lebenserwartung. Denn in den USA wird (auch aufgrund der weit verbreiteten PSA-Tests) bei vielen Patienten Prostatakrebs bereits in einem sehr frühen Stadium und bei jüngeren Patienten festgestellt.

Die Autoren bringen dazu das Beispiel: "Stellen wir uns eine Gruppe von Patienten vor, bei denen allesamt im Alter von 67 Jahren Prostatakrebs festgestellt wurde. Alle starben dann 3 Jahre später mit 70. Die 5-Jahres-Überlebensrate beträgt also 0 Prozent. Stellen wir uns weiterhin vor, bei derselben Gruppe sei aufgrund von gehäuft verwendeten PSA-Tests und nachfolgenden Biopsien aufgrund von Krebsverdacht schon im Alter von 60 der Krebs festgestellt worden. Alle sterben dann mit 70 und somit beträgt die 5-Jahres-Überlebensrate 100 Prozent. Das heißt: Der statistische Wert der Überlebensrate steigt ganz massiv, obwohl nicht ein einziges Leben gerettet oder verlängert wurde, nur weil die Diagnose auf einen früheren Zeitpunkt gelegt wurde."

Anhand eines zweiten Beispiels machen die Autoren deutlich, dass eine in wissenschaftlichen medizinischen Artikeln leider weit verbreitete Unsitte, nur relative Risiken mitzuteilen und absolute Risiken zu verschweigen, erhebliche Negativeffekte bewirken kann. Im Oktober 1995 gab eine Aufsichtsbehörde im United Kingdom eine Warnung an Ärzte heraus, derzufolge ein bestimmte, neue Generation oraler Verhütungsmittel ein deutlich erhöhtes Risiko von lebensbedrohlichen Blutgerinnseln mit sich bringen würde. Dieses Risiko sei im Vergleich zu herkömmlichen Pillen doppelt so hoch, um 100 Prozent gesteigert. Die Warnung wurde auch den Medien zugespielt und veröffentlicht, was bei einer großen Zahl von Frauen bewirkte, dass sie die Pille absetzten. Eine Vielzahl ungewollter Schwangerschaften war die Folge und im Folgejahr wurden im UK rund 13.000 Schwangerschaftsabbrüche mehr als in den Vorjahren gezählt. Das Problematische hieran: Die Mitteilung des doppelt so hohen Risikos war korrekt, aber dieses relative Risiko war nur die halbe Wahrheit. Hätte man auch das absolute Risiko mitgeteilt, wären die Folgen wohl weniger dramatisch ausgefallen. Dieses absolute Risiko betrug nämlich bei der neuen Pille 2:7.000, bei den Pillen der alten Generation 1:7.000. Tatsächlich also eine Steigerung um 100 Prozent, tatsächlich jedoch ein verschwindend geringes Risiko von 0,014 Prozent bzw. 0,028 Prozent.

Gerd Gigerenzer und Kollegen berichten aber nicht nur in sehr unterhaltsamer Weise über die Folgen solcher Irrtümer und Fehleinschätzungen (was man auch als amüsanten Nachhilfeunterricht in medizinischer Statistik in Anspruch nehmen kann), sondern über vieles weitere mehr: Studien über mathematische und statistische Defizite bei Ärzten und Journalisten, Mängel bei der Information von Patienten über Unzulänglichkeiten und Fehler diagnostischer Tests, negative Folgen für eine partnerschaftliche Entscheidungsfindung (Shared Decision Making), Ansätze für Veränderungsmöglichkeiten.

• Hier ist ein Abstract des Artikels: Gerd Gigerenzer u.a.: Helping Doctors and Patients Make Sense of Health Statistics (Psychological Science in the Public Interest, Volume 8 Issue 2, Pages 53 - 96, Published Online: 8 Oct 2008)
• Der volle Text ist kostenlos auch auf der Website der APS (Association for Psychological Science) abrufbar: PDF: Gerd Gigerenzer u.a.: Helping Doctors and Patients Make Sense of Health Statistics

Gerd Marstedt, 12.10.2008