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Interventionen zur Prävention von Stürzen bei Älteren: Was ist effektiv und was völlig unwirksam?

Artikel 1652 Mit zunehmendem Lebensalter steigt bei Älteren das Risiko von Stürzen, wobei unterschiedlichste Gründe dafür maßgeblich sein können: Gleichgewichtsstörungen, nachlassende Sehkraft oder auch Demenz. Zwar sind die Folgen solcher Stürze nicht immer medizinisch gravierend - in weniger als 10 Prozent der Fälle sind Knochenbrüche die Folge. Gleichwohl bleiben solche Erfahrungen bei den Betroffenen nicht wirkungslos und führen u.U. dazu, dass bestimmte Alltagsgewohnheiten fallen gelassen und das Niveau körperlicher Bewegung eingeschränkt wird. Eine Cochrane-Studie hat nun die Ergebnisse von 111 methodisch hochwertigen Studien zusammenfasst. Untersucht wurden dort unterschiedlichste Präventionsmaßnahmen, angefangen von der Einnahme von Vitamin D-Tabletten über Gestaltungsmaßnahmen in der Wohnung bis hin zu Anti-Rutsch-Hilfen für Schuhe. Die Studie gibt detailliert Auskunft, welche Maßnahmen sich als wirksam erwiesen haben und welche nicht.

Jährlich muss etwa ein Drittel der über 65jährigen, die noch in der Gemeinde und nicht in einem Alten- oder Pflegeheim wohnen, einen Sturz erleben. In der Regel verlaufen solche Stürze glimpflich und hinterlassen meist nur Prellungen, Hautabschürfungen und ähnliche, eher leichte Verletzungen. In psychologischer Hinsicht können die Folgen jedoch schwerwiegender sein, weil Betroffene an Selbstvertrauen verlieren, was ihre Körperfunktionen anbetrifft. Nicht selten werden dann solche sozialen Aktivitäten eingeschränkt oder ganz fallen gelassen, die körperliche Bewegung voraussetzen: Besuche bei Freunden und Verwandten, Spaziergänge oder der Besuch von Kultur- oder Sportveranstaltungen, Teilnahme an Vereinsaktivitäten. Dies wiederum kann eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität für die Betroffenen zur Folge haben, so dass jetzt ein international zusammengesetztes Wissenschaftler-Team untersucht hat, ob es nicht wirksame Präventionsmöglichkeiten gibt.

In ihrer Bilanz des aktuellen Forschungsstands berücksichtigten die Wissenschaftler nur methodisch besonders abgesicherte Studien, sogenannte "randomisierte Kontrollstudien". In diesen "RCTs" gibt es neben einer Gruppe mit der jeweiligen Intervention immer auch eine Kontrollgruppe ohne solche Maßnahmen und die Zuweisung zur Interventions- oder Kontrollgruppe erfolgt nicht nach Teilnehmerwünschen oder Interessen der Forscher, sondern nach dem Zufallsprinzip. Für das Thema "Prävention von Stürzen bei Älteren" fanden die Wissenschaftler insgesamt 111 solcher Studien mit insgesamt über 55.000 Teilnehmern. Zur Bewertung des Erfolgs einer Maßnahme wurden vorwiegend zwei Indikatoren herangezogen: Die prozentuale Anzahl der Betroffenen mit Stürzen und die prozentuale Häufigkeit der Stürze, jeweils im Vorher-Nachher-Vergleich.

Tatsächlich, so zeigte sich in der Bilanz der schon veröffentlichten Studien, gibt es eine Reihe effektiver Präventionsmöglichkeiten:

• Sport- und Bewegungsübungen wurden in 43 Studien erprobt. Sie waren dann erfolgreich, wenn sie nicht einseitig ausgerichtet waren, sondern zumindest zwei der folgenden Trainingselemente in den Mittelpunkt stellten: Kraft, körperliches Gleichgewicht, Ausdauer, Beweglichkeit. Solche Interventionen reduzierten das Sturzrisiko von 100 Prozent (vorher) auf etwa 80 Prozent (nach der Intervention).
• Als noch erfolgreicher erwies sich die Einübung und regelmäßige Durchführung von Tai-Chi-Übungen einerseits und zuhause durchgeführte Bewegungsübungen mit einem Konzept, das mehrere Trainingselemente umfasst, andererseits (Risikosenkung auf jeweils etwa 60-65%).
• In 13 Studien mit über 23.000 Teilnehmern wurde untersucht, ob die Einnahme von Vitamin D (allein oder zusammen mit Kalzium-Präparaten) einen positiven Effekt zur Vermeidung von Stürzen hat. Tatsächlich ließ sich dies nicht nachweisen. Es ist jedoch möglich, dass Person mit niedrigem Vitamin-D-Status davon profitieren.
• Studien, in denen die Menge der verordneten Psychopharmaka-Arzneien (u.a. Schlaftabletten, angstsenkende Mittel) graduell zurücksetzt wurde, zeigten einen partiellen Erfolg. Zwar blieb der Anteil von Studienteilnehmern gleich groß, die überhaupt von einem Sturz (oder mehreren) berichteten. Gesenkt werden konnte jedoch die Zahl der jeweils erlebten Stürze.
• Einen noch eindeutigeren Erfolg konnte eine Intervention verzeichnen, in der niedergelassene Ärzte eine Fortbildungs-Veranstaltung zur Medikamentenverschreibung bei Älteren besuchten.
• Gestaltungsmaßnahmen in der Wohnung und häuslichen Umgebung von Älteren waren nur teilweise erfolgreich, und zwar vor allem dann, wenn es sich um ältere Studienteilnehmer mit stark eingeschränkter Sehkraft oder anderweitig schwer behinderten Senioren handelte.
• Überaus positiv bewerten die Wissenschaftler den Einsatz von Anti-Rutsch-Hilfsmitteln für Schuhe (umschnallbare Spikes oder Schneeketten) im Winter, wenn Glatteis herrscht. Das Sturzrisiko durch Einsatz solcher Hilfsmittel wurde in den hier einschlägigen Studien auf 40 Prozent gesenkt.

Eine sehr große Zahl von Studien untersuchte multifaktorielle Präventionsprogramme, Interventionen also, die eine größere Zahl der oben genannten Maßnahmen durchführten und sie teilweise auch noch ergänzten durch andere Komponenten (Schulungs- und Informationskurse, körperliche Untersuchungen zur Diagnose spezieller Risiken, Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln etc.) Die Ergebnisse hierzu sind widersprüchlich. Der Effekt der einzelnen Interventionsmaßnahmen bleibt unklar, so dass die Wissenschaftler empfehlen, weitere Studien zunächst mit einzelnen Maßnahmen durchzuführen.

Zu der sehr umfangreichen Studie (263 Seiten), in der Details zu allen Studien und Präventionsmaßnahmen dargestellt werden, gibt es kostenlos leider nur ein Abstract:
Gillespie LD et al: Interventions for preventing falls in older people living in the community (Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 2. Art. No.: CD007146. DOI: 10.1002/14651858.CD007146.pub2)

Gerd Marstedt, 15.10.09