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Soziale Sicherung wieder im Kommen

Artikel 0984 Deutschland liegt voll im weltweiten Trend. Nicht nur hierzulande steigt zumindest in weiten Teilen der Bevölkerung die Einsicht, dass Sozialeinschnitte und Dumpinglöhne keineswegs zur Genesung von Volkswirtschaften und zu allgemeinem Reichtum führen. So wie die Agenda 2010 gerät weltweit die ideologisch geprägte Verengung von Entwicklung auf Wirtschaftswachstum um jeden Preis unter Druck. Lange bevor Schröder, Hartz und Co. den Deutschen den Gürtel enger schnallten, hatten Weltbank, Internationaler Währungsfonds und andere Entwicklungsorganisationen den armen Ländern des Südens so genannte Strukturanpassungsprogramme aufgezwungen und spürbare Einschnitte im ohnehin meist kläglichen sozialen Sicherungsnetz verordnet.

Im Fahrwasser des marktradikalen Ökonomen Milton Friedman, der den Markt als geeignetsten Regulator für wirtschaftliche wie für soziale Zusammenhänge betrachtete und dem alles Öffentliche, Staatliche zuwider war, gingen die ordoliberalen ReformerInnen allerorten an den Rückbau des Staates und der sozialen Sicherungssysteme. Mittlerweile können sich aber selbst die borniertesten ÖkonomInnen, die sich in der Regel ja nicht durch Erkenntnisse anderer Wissenschaften in ihrem Glauben beirren lassen, nicht mehr über die verheerenden Folgen der "Strukturanpassung" hinwegsehen. Die Tatsache, dass sich soziale Ungleichheit und das Abhängen ganzer Bevölkerungsgruppen letztlich sogar negativ auf die Wirtschaftsentwicklung auswirkt, hat mittlerweile auch jenen ÖkonomInnen zu denken gegeben, die ansonsten unbeirrbar an ihrem Glauben an den Markt festhalten.

Vor diesem Hintergrund findet in der internationalen Entwicklungspolitik ein Umdenken statt: Bloßes Wachstum alleine verbessert nicht die Lage der Bevölkerungsmehrheit, der ersehnte trickle-down-Effekt findet nicht in erkennbarem Ausmaße statt, die Einkommensschere wächst und die gesellschaftliche Ungleichheit nimmt zu. Nach jahrelangem Abbau findet eine Rückbesinnung auf die sozialen Sicherungssysteme statt, die das Ausmaß der Verelendung verringern und zumindest in gewissem Rahmen zur gesellschaftlichen Umverteilung beitragen können.

Mitte September veranstaltete die Deutsche Gesellschaft der Vereinten Nationen (DGVN) gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Berlin eine zweitägige Fachtagung "Soziale Sicherungssysteme in Entwicklungs- und Schwellenländern: Utopie oder Strategie zur Armutsbekämpfung und Friedenssicherung?" Auf der Tagesordnung standen vor allem Kranken- und Rentenversicherungssysteme, aber auch Ansätze zur Arbeitslosenversicherung in verschiedenen Entwicklungs- und Schwellenländern sowie die Bedeutung des Themas soziale Sicherung in der Entwicklungszusammenarbeit. Hier finden Sie das Programm der Konferenz: Soziale Sicherungssysteme in Entwicklungs- und Schwellenländern - Utopie oder Strategie zur Armutsbekämpfung und Friedenssicherung?, die am 18. und 19. September 2007 im Berliner GTZ-stattfand.

Nun hat die DGVN eine umfangreiche Dokumentation der zweitägigen Konferenz zur Verfügung gestellt und auf ihrer Homepage etliche interessante und für die entwicklungs- und sozialpolitische Debatte relevante Beiträge zugänglich gemacht: Dokumentation der zweitägigen Konferenz

Jens Holst, 26.10.2007