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Gesundheitsversorgung: Analysen, Vergleiche


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Die Organspende-Quoten in Europa sind durch unterschiedliche gesetzliche Regelungen nur sehr begrenzt erklärbar

Artikel 1467 Für die Zahl der Organspenden in Europa zeigten sich im Jahr 2007 erhebliche Differenzen. Die Quote gespendeter und transplantierter Organe pro 1 Million Einwohner lag in Griechenland und Polen mit 5,8 bzw. 9,2 sehr niedrig. Spanien rangierte mit einer Quote von 34,3 ganz oben, Deutsche lagen mit einem Wert von 16 im Mittelfeld (International Figures On Organ Donation And Transplantation - 2007). Diese unterschiedlichen Werte sind nicht ausreichend erklärbar aus einer national unterschiedlichen Spendebereitschaft und ebenso wenig aus unterschiedlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Bereits vor kurzem hatte ein kurzer Artikel im British Medical Journal darauf hingedeutet, dass es für die Zahl der Organspender und -spenden in einem Land wohl wichtigere Einflussfaktoren gibt als die gesetzlichen Regelungen (Zustimmungslösung oder Widerspruchlösung oder auch Zwischenformen). (vgl.: Warum es in Deutschland nur halb so viele Organspenden wie in Spanien gibt).

Eine jetzt im British Medical Journal veröffentlichte Meta-Analyse verschiedener Studien hat diese Schlussfolgerung nun noch einmal bestätigen können. Basis waren fünf Studien, in denen die Zahl der Organspenden vor und nach der Einführung der Widerspruchsregelung verglichen wurden (Bei der Widerspruchsregelung wird das Einverständnis zur Spende als gegeben angenommen und Bürger/innen, die nicht einverstanden sind, müssen dies explizit erklären.) Ferner wurden 8 Studien einbezogen, die einen internationalen Länder-Vergleich angestellt haben und 13 Studien, die Meinungen und Einstellungen zu den Regelungen erfast haben.

Wesentliche Befunde dieser Auswertung waren dann:
• Fünf Studien, die in drei Ländern durchgeführt worden sind und Auswirkungen der neu eingeführten Widerspruchslösung prüften, haben für alle drei Länder Steigerungsraten der Organspenden gezeigt: Die Quote stieg zum Beispiel in Österreich innerhalb weniger Jahre von 3,6 auf 10,1 (pro 1 Million Einwohner), in Belgien von 19 auf 41.

• Allerdings, so merken die Autoren an, wurde nicht in allen Studien sauber überprüft, welche anderen Rahmenbedingungen sich im Beobachtungszeitraum auch noch veränderten, im Versorgungssystem, im Hinblick auf die Öffentliche Meinung usw. So konnte in der österreichischen Studie gezeigt werden, dass die Einführung von Transplantations-Koordinatoren in Kliniken noch weitaus deutlichere Steigerungsraten mit sich brachte als die Änderung der gesetzlichen Bedingungen zuvor. Die zuvor beobachtete Steigerung von 3,6 auf 10,1 ging durch diese Reform im Versorgungssystem noch einmal hoch auf 27,2.

• Schätzungen hinsichtlich der Größe des Effekts variierten, die meisten kamen auf einen Wert von 20-30% mehr Organspenden, die in einem Land durch Einführung einer Widerspruchslösung erzielt werden könnten - dies entspräche in absoluten Zahlen etwa 3-6 zusätzlichen Spenden pro 1 Million Einwohner.

• Mehrere Studien kamen zu dem Schluss, dass die Widerspruchsregelung zwar effektiv ist, dass aber andere Bedingungen unter Umständen noch größeren Einfluss haben. Hierbei genannt werden: Die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle, die Zahl der Transplantations-Kliniken und -einrichtungen, der Reichtum eines Landes (Bruttosozialprodukt), die relativen Ausgaben für die Gesundheitsversorgung, religiöse Gläubigkeit (Katholizismus), Mortalität durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

• Zusammengefasst wurden schließlich auch Studien aus dem United Kingdom, die seit Mitte der Siebziger Jahre die Meinung der Bevölkerung zur Widerspruchslösung ("presumed consent") erfragt haben. Hier zeigt sich im Zeitverlauf eine deutliche Steigerung der Zustimmung, die anfänglich nur um 30% betrug, in den letzten Jahren jedoch doppelt so hoch ausfiel. Allerdings scheint in Ländern außerhalb des UK diese positive Bewertung eher eine Ausnahme zu sein.

Studie im Volltext (kostenlos): Amber Rithalia u.a.: Impact of presumed consent for organ donation on donation rates: a systematic review (BMJ 2009;338:a3162, Published 14 January 2009, doi:10.1136/bmj.a3162)

Gerd Marstedt, 21.1.09