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Versorgungsforschung: Psychische Erkrankungen


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Medikalisierung der emotionalen Höhen und Tiefen - Neu ab 2013 im "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder" (DSM)

Artikel 1776 Seien Sie nicht zu eruptiv und richtig über etwas ärgerlich, nicht allzu verträumt und träge oder horten sie bloß nicht alte Zeitungsausschnitte und Zeitschriften. Sie könnten sonst ab 2013 von Psychiatern, die sich an der dann frisch erschienenen Ausgabe des von der renommierten und mächtigen "American Psychiatric Association (APA)" herausgegebenen und weltweit verbreiteten und genutzten DSM mit den Krankheitsetiketten "intermittent explosive disorder", "cognitive tempo disorder" oder "hoarding disorder" versehen und für behandlungsbedürftig gehalten werden. Und dazu gibt es dann auch sofort oder in naher Zukunft eine meist medikamentöse Therapie antidepressiver, antipsychotischer oder sedierender Art. Deren unerwünschten Wirkungen, nicht selten eine Erhöhung des Selbstmordrisikos, sind dann häufig das einzige wirkliche gesundheitliche Problem.

Dies alles wird noch umfassender eintreffen, wenn die Absicht der Entwickler der fünften Ausgabe des DSM (DSM-V) umgesetzt wird, dort analog zu den physiologischen Risikofaktoren oder Surrogatparametern wie hohem Blutdruck oder Blutzucker, auch für den psychischen oder Verhaltensbereich so genannte "risk syndromes" aufzunehmen. Diese könnten als Frühwarnzeichen für künftige ernste Probleme der mentalen Gesundheit interpretiert und als Startzeichen für eine frühe Behandlung genutzt werden.

Wie einflussreich die APA und ihr Handbuch ist, deutet sie mit der Feststellung "representing 38,000 physician leaders in mental health" selbstbewusst an.

Wer sich die "Küche" genauer ansehen will, aus der möglicherweise 2013 die genannten "psychiatric disorders" oder "mental illnesses" den Weg in die Praxen und die nächsten Krankenkassenberichte über die weiter wachsende Inzidenz und Prävalenz psychischer Erkrankungen finden, kann dies auf einer speziellen Website der APA für die Weiterentwicklung des DSM zum DSM-V tun.

Dort werden unter der Überschrift "Proposed Draft Revisions to DSM Disorders and Criteria" Bezeichnungen und Kriterien für die möglicherweise in der nächsten DSM-Ausgabe enthaltenen "disorders" vorgestellt, die von so genannten "DSM-5 Work Groups" erarbeitet wurden. Hier finden sich dann die bereits zitierten aber auch ernsthaftere psychische Störungen wie "Schizophrenia and Other Psychotic Disorders" oder "Substance-Related Disorders" aufgelistet.

Und als ob die Etikettierung einer menschlichen Lebensäußerung als Krankheit nicht erst als solche wissenschaftlich belegt werden müsste, hängt das weitere Schicksal der ausdrücklich als noch "not final" bezeichneten Krankheitenliste zunächst davon ab, ob und welche Kommentare es zu ihr gibt: "These are initial drafts of the recommendations that have been made to date by the DSM-5 Work Groups. Viewers will be able to submit comments until April 20, 2010. After that time, this site will be available for viewing only."

Ein Kritiker dieser Art der Medikalisierung von normalem Leben und dieses Verfahrens, der Psychiatrieexeperte Christopher Lane, bezeichnet deren wissenschaftliche Untermauerung als "very shaky to non-existent".

Einerseits ist die offene Vorbereitung auf und Verständigung über die nächsten Medikalisierungs-, Pathologisierungs- oder Psychiatrisierungsschübe zu begrüßen - auch wenn es sich dabei um die typisch klandestine Internetoffenheit handelt. Wenn jene LeserInnen, die sich darüber aufregen, noch vor dem 20. April 2010 heftige Beiträge auf der Website platzieren wollen, seien sie hiermit gewarnt: daraus kann schnell eine "explosive disorder" werden!!

Trotzdem sollten die künftigen Gelegenheiten, und dazu gehört dann spätestens die Veröffentlichung des DSM-V im Jahr 2013, der Dokumentation psychischer Erkrankungen genutzt werden, gründlicher und hartnäckiger nach der wissenschaftlichen Evidenz der immer längeren und verzweigteren Symptom- und Syndromkataloge zu fragen und tatsächliche von angeblichen behandlungsbedürftigen Erkrankungen zu trennen.

Die Vorschlags-Liste der potenziell nächsten psychischen Erkrankungen samt der jeweiligen per Link erreichbaren Begründungen ist interaktiv noch bis zum 20.4.2010 zugänglich, danach nur noch als Katalog.

Bernard Braun, 8.4.10