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MDS Bericht deckt immer noch große Missstände in der Pflege auf - US-Studien zeigen bessere Pflege-Alternativen

Artikel 0898 Der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) hat jetzt seinen zweiten Bericht zur "Qualität in der ambulanten und stationären Pflege" vorgelegt. Zwar wird betont, dass sich die Qualität der Pflege seit der Veröffentlichung des ersten Berichts im Jahr 2003 verbessert hat. Zugleich werden jedoch immer noch erhebliche Mängel festgestellt: Unzureichende Versorgung mit Essen und Trinken, mangelhafte Vorbeugung gegen Dekubitus, zu häufige Verabreichung von Psychopharmaka.

Problematisch erscheint dem MDS auch, dass teure Heime nicht unbedingt besser abschneiden als kostengünstige. Auch würden Zertifikate und Gütesiegel der Einrichtungen nichts über die Ergebnisqualität aussagen. Im Durchschnitt seien zertifizierte Heime "kaum messbar besser als nicht-zertifizierte", erklärte Jürgen Brüggemann vom MDS. Einrichtungen mit Zertifikat liefern zwar bei der Dokumentation ihrer Leistungen bessere Ergebnisse ab. Hinsichtlich der Versorgungsqualität schneiden sie teilweise aber sogar schlechter ab.

Der MDS gibt alle drei Jahre einen umfassenden Bericht zur Situation und zur Entwicklung der Pflegequalität bei häuslicher Pflege und in Pflegeheimen ab. Der jetzt vorgestellte Bericht bezieht sich auf die Jahre 2004 bis 2006. Dafür wurden Daten aus 3.736 Qualitätsprüfungen in ambulanten Pflegediensten und aus 4.215 Qualitätsprüfungen in stationären Pflegeeinrichtungen ausgewertet, wobei rund 15.000 ambulant und knapp 25.000 stationär Pflegebedürftige einbezogen waren. Sie wurden zu ihrer Versorgungssituation befragt und ihr Pflegezustand bewertet. Außerdem wurden in den Einrichtungen Pflegekonzepte, Abläufe und die fachliche Arbeit der Pflegekräfte überprüft.

Im Vergleich zum ersten Bericht aus dem Jahr 2004 sind bei wichtigen Versorgungskriterien Verbesserungen eingetreten. Fanden die MDK-Gutachter im Jahre 2003 noch bei rund 37 Prozent der von ambulanten Pflegediensten betreuten Pflegebedürftigen und bei 41 Prozent der Pflegeheimbewohnern Defizite bei der Ernährungs- und Flüssigkeitsversorgung, reduzierten sich diese Werte auf knapp 30 Prozent im ambulanten Bereich und ca. 34 Prozent im stationären. In vielen Fällen wurde etwa der Gewichtsverlauf des Pflegebedürftigen nicht ausreichend kontrolliert oder der individuelle Kalorienbedarf nicht berücksichtigt. Unzureichend war die Ernährung und die Flüssigkeitsversorgung bei etwa 30 Prozent im ambulanten und 34 Prozent im stationären Bereich.

Bei den pflegerischen Maßnahmen zur Vorbeugung von Druckgeschwüren (Dekubiti), bei der Inkontinenzversorgung und bei der Betreuung von Menschen mit Demenz stellt sich die Situation ähnlich dar. Bei zehn Prozent der untersuchten Heimbewohner (2003: 17%) stellten die MDK-Gutachter gesundheitliche Schädigungen und damit einen akut unzureichenden Pflegezustand fest, etwa im Hinblick auf den Haut- und Mundzustand und die Versorgung mit Sonden, Kathetern und Inkontinenzprodukten.

Hier ist der 2. Bericht des MDS nach § 118 Abs. 4 SGB XI - Qualität in der ambulanten und stationären Pflege

Währenddessen gibt es aus den USA Forschungsberichte über Modellvorhaben im Bereich der ambulanten und stationären Pflege, die aufzeigen, dass neue Organisations- und Versorgungsmodelle - bei annähernd gleichen oder sogar geringeren Kosten - zu einer erheblichen Verbesserung des Gesundheitszustands und der Lebensqualität Pflegebedürftiger führen können.

So wurde jetzt in der Zeitschrift "The Milbank Quarterly" eine Evaluation des "PACE"-Projekts veröffentlicht, einem Managed-Care-Programm, das vom betreuten Wohnen über ambulante Pflege bis hin zur stationäre Pflege vielfältige soziale und medizinische Versorgungsleistungen anbietet. Zielsetzungen von PACE-Projekten ist es, Senioren so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung leben zu lassen und ihnen dazu einen flexiblen und immer wieder neu zusammengestellten Mix an Betreuung und medizinischer Versorgung anzubieten. Dazu zählen alle medizinischen und pflegerischen Leistungen, aber auch Beschäftigungstherapie, Freizeitgestaltung, Sozialarbeit, Ernährungsberatung und anderes mehr. Beteiligt sind an den PACE-Projekten hauptamtliche Mitarbeiter (Ärzte, Pfleger, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten usw.), aber auch ehrenamtliche Helfer, Verwandte und Freunde der Pflegebedürftigen.

In der jetzt veröffentlichten Studie, an der über 3.000 Pflegebedürftige beteiligt waren, wurde jetzt überprüft, welche Elemente des Managed-Care-Programms sich als erfolgreich erwiesen haben und welche nicht. Als Kriterium dafür wurden Selbsteinstufungen des Gesundheitszustands, aber auch Indikatoren zur körperlichen und psychischen Fitness sowie die Mortalitätsrate herangezogen. Einen positiven Einflussfaktoren für Gesundheit und Fitness fand man vor allem dann,
• wenn der medizinische Projektleiter aus der Geriatrie kommt,
• wenn ein Projektteam interdisziplinär besetzt war und möglichst viele Berufe umfasste,
• wenn einem Team auch zusätzlich zu Professionellen möglichst viele ehrenamtliche Mitarbeiter und Freunde bzw. Verwandte angehörten.

Hier findet man ein kostenloses Abstract der Studie: Dana B. Mukamel u.a.: Program Characteristics and Enrollees' Outcomes in the Program of All-Inclusive Care for the Elderly (PACE) (The Milbank Quarterly, Volume 85 Issue 3 Page 499-531, September 2007)

Ein weiteres Modellprojekt in den USA sind sogenannte "Green House"-Seniorenheime, in denen versucht wird, in kleineren Häusern mit etwa 10 Pflegebedürftigen durch die Art der Einrichtung und Betreuung eine Atmosphäre zu schaffen, die die Bedürfnisse der Senioren im Hinblick auf private Sphären, Gemütlichkeit und Lebensqualität berücksichtigt. Dazu gehören Einzelzimmer und dazu gehörige Bäder, Gemeinschaftsräume, Haustiere, Zimmerpflanzen und Gärten. Auch die Betreuung und medizinische Versorgung erinnert eher an ein betreutes Wohnen als an ein kommerzielles Pflegeheim. Die Kosten für diese Pflege sind allerdings nicht höher als in anderen Einrichtungen. Dafür ist die Lebensqualität der Betreuten sehr viel höher, wie jetzt eine Studie festgestellt hat.

Im Rahmen eines zweijährigen Modellvorhabens wurden im Vergleich mit anderen Pflegeinrichtungen zahlreiche subjektive Aspekte der empfundenen Lebensqualität, des Wohlbefindens, der physischen und psychischen Fitness ihrer Bewohner und auch objektive Bewertungen der Versorgungsqualität erfasst. Dabei zeigte sich, dass im Vergleich zu den Bewohnern traditioneller Pflegeheime die Green-House-Senioren in nahezu allen Bereichen (Gesundheitszustand, Wohlbefinden und Lebensqualität, Fitness) bessere Werte zeigten.

Hier ist ein Abstract der Studie: Rosalie A. Kane u.a.: Resident Outcomes in Small-House Nursing Homes: A Longitudinal Evaluation of the Initial Green House Program (Journal of the American Geriatrics Society, Volume 55 Issue 6 Page 832-839, June 2007)

Gerd Marstedt, 3.9.2007