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Altenheimpflege: Steigende Probleme, lückenhafte medizinische Versorgung und hoher Anteil von Freiheitseinschränkungen.

Artikel 1228 Ende 2005 lebten in Deutschland rund 750.000 Menschen in vollstationären Altenheimen. Dies bedeutet seit 1994 (in diesem Jahr wurde die MuG II-Studie durchgeführt) einen Anstieg um 52%. Die Zahl der häuslich betreuten Pflegebedürftigen hat sich im gleichen Zeitraum um 18% von etwa 1,2 Mio. auf etwas über 1,4 Mio. Personen in einem im Vergleich etwas geringerem Ausmaß erhöht.
Angesichts der demografischen Entwicklung und unter der Annahme, dass es auch künftig keine alternativen Versorgungsmöglichkeiten geben wird, dürfte sich die Anzahl dieser Personen mit erheblichem Pflegebedarf noch deutlich erhöhen.

Damit wird auch eine differenziertere Kenntnis der konkreten individuellen Versorgungsbedarfe und der weiteren Umstände der Altenheimversorgung wichtiger als bisher.

Die im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend u.a. von TNS Infratest durchgeführte und im November 2007 der Öffentlichkeit vorgestellte Studie "Möglichkeiten und Grenzen selbständiger Lebensführung in stationären Einrichtungen (MuG IV)" legt für die weitere Diskussion und Versorgungsplanung einen wichtigen Grundstein.

Sie basiert u.a. auf Ergebnissen einer Befragung von insgesamt 4.229 Bewohnern aus 609 Alteneinrichtungen in Deutschland, einer fallstudiengestützten Vertiefungsstudie und einer Analyse von Pflegedokumentationen.

Zu den wichtigsten Ergebnissen zählen:

• 85% der BewohnerInnen sind pflegebedürftig und beziehen Leistungen der Pflegeversicherung. Dieser Anteil betrug 1994 erst 63%.
• Etwa 69 % der Bewohner leiden an einem Demenzsyndrom. Ihre sehr unterschiedlichen Bedarfslagen werden allerdings in der Breite nach wie vor nicht hinreichend identifiziert und entsprechend berücksichtigt. Rund ein Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner wird von den Pflegekräften als zeitlich und/oder räumlich unzureichend orientiert charakterisiert für die die Notwendigkeit für eine dauernde Überwachung besteht. Im Jahr 1994 wurde dies erst für 14% der Bewohnerinnen und Möglichkeiten und Bewohner berichtet. Eine gesetzliche Betreuung wird für 54% angegeben. Im Jahr 1994 traf dies auf 30% zu.
• Etwas mehr als ein Fünftel (22 %) der Heimbewohner verstirbt innerhalb der ersten sechs Monate und insgesamt etwa ein Drittel (31 %) innerhalb des ersten Jahres nach dem Einzug in das Heim. Ebenfalls ein Fünftel (22 %) lebt allerdings auch fünf Jahre oder sogar noch länger im Heim. Im Vergleich zu 1994 ist die Verweildauer rückläufig (im Durchschnitt 41 Monate zu früher 56 Monaten).
• Gestiegen ist der Anteil der Einzelzimmer. Im Vergleich zu 54 % im Jahr 1994 bewohnen inzwischen mit 64 % immerhin zwei von drei Bewohnern ein Einbettzimmer.
• Angesichts der fachlich unbestrittenen hohen Bedeutung einer möglichst selbständigen Lebensführung dieses Personenkreises ist die Sorge der Autoren der Studie über den nach wie vor hohen Anteil von pflegebedürftigen Bewohnern, die - zumindest zeitweise - unter Zuhilfenahme von Hilfsmitteln fixiert werden nachvollziehbar und berechtigt. Dieser hohe Anteil spricht dafür, dass die pflegerische Versorgung die neuen, auf Prävention und Rehabilitation oder Selbstbestimmung und Selbständigkeit ausgerichteten Standards bisher noch unvollkommen umgesetzt hat.
In der Zusammenfassung der Studie heißt es dazu wörtlich: "Der nach wie vor hohe Anteil von pflegebedürftigen Bewohnerinnen und Bewohnern, die zumindest zeitweise unter Zuhilfenahme von Hilfsmitteln fixiert werden (33% durch Bettgitter, 5% körpernah durch Vorsatztische und ähnliches bzw. 34% insgesamt bezogen auf die letzten 4 Wochen), spricht allerdings dafür, dass die pflegerische Versorgung eher konventionell und weniger im Sinne neuer, auf Prävention und Rehabilitation oder Selbstbestimmung und Selbständigkeit ausgerichteter Standards vollzogen wird. Hierbei lässt sich für den Bereich der Betreuung von Demenzkranken zeigen, das die Wahrscheinlichkeit der Anwendung bewegungs- und freiheitseinschränkender Maßnahmen (Bettseitenteil, Stecktisch, Fixiergurt) durch den Einsatz von gerontopsychiatrischen Fachkräften spürbar gesenkt werden kann (Ergebnisse der Vertiefungsstudie)."
• Damit verknüpft, wenn nicht sogar maßgeblich verantwortlich ist die Personalsituation bzw. die Qualifikationsstruktur des vorhandenen Personals: Der Personalbestand hat sich zwischen 1994 und 2005 nur auf den ersten Blick erhöht. Berücksichtigt man z. B. den gestiegenen Pflegebedarf, kommt man zu dem Schluss der Studie, "dass der Personalbestand im letzten Jahrzehnt relativ betrachtet eher konstant auf dem damaligen Niveau verharrt haben dürfte." Zwar hat sich die Qualifikationsstruktur in den letzten Jahren ein wenig verbessert, was aber nicht weiterhin Mängel in zahlreichen Einrichtungen ausschließt. Im Vergleich zu 47 % im Jahr 1994 gehören inzwischen 54 % der Pflegekräfte zur Gruppe der examinierten Fachkräfte. Die im Heimgesetz festgelegte Fachkraftquote wird aber von nicht mehr als 73 % der Einrichtungen erreicht.
• Für verbesserungsbedürftig halten die AutorInnen außerdem noch die Organisation der medizinischen Versorgung. Dazu die Zusammenfassung der Ergebnisse: "Die medizinische Versorgung wird im Bedarfsfall durch niedergelassene Ärzte erbracht. Nicht mehr als 18% der Einrichtungen haben hierzu allerdings feste Vereinbarungen getroffen (1994: 38%). Gewährleistet ist die Versorgung mit medizinischen Hilfsmitteln. Heilmittel und Funktionstherapien werden ebenfalls verordnet. An der Spitze steht die Krankengymnastik oder Bewegungstherapie, die 41% der Bewohnerinnen und Bewohner (1994: 35%) in den letzten 12 Monaten erhalten haben. Rückläufig ist hingegen, trotz eines unverminderten Bedarfs, der Anteil der Bewohnerinnen und Bewohner mit Ergotherapie (21% in den letzten 12 Monaten im Vergleich zu 38% in 1994) sowie die Versorgung mit Massagen, medizinischen Bädern oder Elektrotherapie (9% in den letzten 12 Monaten im Vergleich zu 15% im Jahr 1994)."
• Zunächst uneingeschränkt positiv erscheint der Anteil der von informellen HelferInnen aus Angehörigen und Bekannten getragenen alltäglichen sozialen Betreuung in den Altenheimen: "So gut wie jede/r zweite Bewohner/in (47%) wird im Wochenverlauf von Verwandten besucht. Darüber hinaus erhalten 12% im Wochenverlauf und weitere 13% monatlich Besuche von Freunden oder Bekannten. Es überrascht von daher nicht, dass vor allem die alltägliche soziale Betreuung in Altenheimen von Verwandten und Bekannten sowie von freiwilligen Helfern als externen Akteuren maßgeblich mitgetragen wird. Die persönliche Einbindung wirkt dabei nicht nur als soziale Betreuung sondern ist auch mit der Erbringung von konkreten Versorgungsleistungen verbunden. 9% erhalten täglich und weitere 27% ab und an in der Woche Hilfe- oder Pflegeleistungen von eigenen Verwandten. 2% erhalten täglich Hilfen von eigenen Freunden und Bekannten und 9% ab und an in der Woche. Hinzu kommen selber engagierte Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, von denen 10% täglich und weitere 8% ab und an in der Woche Hilfeleistungen erhalten. Von freiwilligen Helfern erhalten 2% täglich und weitere 14% ab und an in der Woche Versorgungsleistungen."
Auch wenn die Zahlen gegen das Vorurteil spricht, ältere pflegebedürftige Menschen würden ins Altenheim abgeschoben, könnte ein Teil des Engagement natürlich auf von den Angehörigen massiv wahrgenommenen eklatanten Versorgungslücken beruhen, die sie zu stopfen versuchen. Dafür spricht etwas, dass es nur in 46% der untersuchten Einrichtungen ein explizites Konzept zur Angehörigenarbeit gibt.

Kostenfrei erhältlich sind
• eine 16-seitige Zusammenfassung und
• der 350 Seiten umfassende Integrierte Abschlussbericht "Möglichkeiten und Grenzen selbständiger Lebensführung in stationären Einrichtungen (MuG IV) - Demenz, Angehörige und Freiwillige, Versorgungssituation sowie Beispielen für "Good Practice".

Bernard Braun, 7.5.2008