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Epidemiologie
Gesundheitsverhalten (Rauchen, Ernährung, Sport usw.)


Weniger fettes Essen=weniger Herzinfarkttote!? Beispiel für von Beginn an fehlende Evidenz für zu einfache Gesundheitsempfehlungen (4.7.16)
"Die Studie zum Sonntag" - Frauen, die mehr als 1x pro Woche in einen Gottesdienst gehen, leben länger und gesünder (22.5.16)
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Ein gesunder Lebensstil ist zur Prävention von Diabetes effektiver als Medikamente (21.2.10)
Persönliche Konzepte von Gesundheit und gesunder Ernährung sind in der Mittelschicht andere als in der Unterschicht (13.1.10)
Körperliche Fitness in der Adoleszenz zeigt starke Zusammenhänge zu beruflichem Erfolg und Sozialstatus im Erwachsenenalter (3.12.09)
"Rauchende Colts" - Warum zerstörte "British American Tobacco" 1992 in den USA, Kanada und Australien 60 firmeneigene Dokumente? (2.12.09)
Sind RaucherInnen unterm Strich doch volkswirtschaftlich nützlich? Klärendes aus Österreich (24.11.09)
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Antioxidative Nahrungsergänzungsmittel fast sämtlich nicht zur Prävention von Darmkrebs tauglich oder sogar potenziell gefährlich (1.11.08)
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Gesundheitswissenschaftliches zum Fest der Liebe: Wangenkuss birgt geringeres Gripperisiko als Händeschütteln (21.12.2007)
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Gesundheitliche Aufklärung: Wenig ist angekommen, zumindest bei australischen Jugendlichen (15.10.2007)
Kurze Schlafdauer verdoppelt das Sterblichkeitsrisiko - aber auch zu viel Schlaf ist problematisch (27.9.2007)
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"Soft Drinks": Nicht nur Dickmacher, sondern auch Mitverursacher von Diabetes (14.7.2007)
Armut und Alkohol in Russland: Fast jeder zweite Todesfall durch das Trinken hochprozentiger Parfüme, Reinigungsmittel (20.6.2007)
Wissenschaftler sind sich einig: Alkohol und Tabak sind schädlicher als Cannabis (23.3.2007)
Alkoholkonsum in Europa: Deutsche sind im Vergleich zu EU-Nachbarn eher moderate Trinker (16.3.2007)
Studienberichte über "gesunde Drinks": Finanzierungen durch die Industrie fördern positive Resultate (11.2.2007)
Alkoholbedingte Todesfälle stehen in Finnland bei den Todesursachen auf Platz 1 (31.1.2007)
Neues Themenheft zur Gesundheitsberichterstattung: "Körperliche Aktivität" (28.8.2005)

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Armut und Alkohol in Russland: Fast jeder zweite Todesfall durch das Trinken hochprozentiger Parfüme, Reinigungsmittel

Artikel 0746 Dass Russen ihren Wodka etwa in der Menge zu sich nehmen wie Franzosen ihren Rotwein, war ebenso bekannt wie die Tatsache, dass in der Statistik der Todesursachen durch übermäßigen Alkoholkonsum Russland recht weit vorne rangiert. Die realen und überaus beklagenswerten Ausmaße des armutsbedingten Alkoholismus in einer typischen russischen Industriestadt hat jetzt jedoch eine in der renommierten Zeitschrift "The Lancet" veröffentlichte Studie deutlich gemacht. Die Wissenschaftler aus London, Rostock und Izhevsk fanden nicht nur heraus, dass dort fast die Hälfte (43%) der Todesfälle bei 25-54jährigen durch Alkoholabusus bedingt war. Noch erschreckender war der Befund: Bei einer Vielzahl der in die Analyse einbezogenen Fälle wurde deutlich, dass die verstorbenen Personen nicht Wodka, Bier oder Wein, sondern hochprozentige alkoholhaltige Flüssigkeiten konsumiert hatten: medizinische Tinkturen, Reigungsmittel oder auch Parfüme. Im Unterschied zu Wodka mit "nur" etwa 43% Alkoholgehalt enthalten diese sehr viel billigeren Produkte etwa 60-97% reinen Alkohol.

Die Statistik zeigt für Russland eine erschreckend niedrige Lebenserwartung auf. Sie beträgt nur 59 Jahre für Männer und 72 Jahre für Frauen - das sind etwa 20-25 Jahre weniger als in Deutschland. Verschiedene internationale Studien zum Alkoholkonsum haben gezeigt, dass Russland mit etwa 13-15 Liter reinem Alkohol pro Kopf und Jahr (bei über 15jährigen) sehr weit vorne rangiert. Und die Sterblichkeitsquote der Russen und Russinnen im Alter von 25-65 Jahren ist etwa dreimal so hoch wie in Mitteleuropa. Ob es zwischen diesen Zahlen Zusammenhänge gibt, wollte das Forschungsteam etwas genauer prüfen.

In der Industriestadt Ischewsk im Ural untersuchten sie im Zeitraum von 2003 bis 2005 insgesamt etwa 3.500 Männer, von denen die Hälfte in dieser Zeit verstarb. Von besonderem Interesse waren die Trinkgewohnheiten der Befragten: Wann und wie oft wurde wieviel Wodka, Bier oder anderes Hochprozentige konsumiert? Aber auch andere Aspekte wurden von den insgesamt 34 speziell geschulten Interviewern erfragt: Ob man raucht, Alter, Familienstand und Bildungsniveau waren von Interesse. Bei diesen persönlichen Interviews wurden dann ebenso überraschende wie erschreckende Details deutlich: Ein erheblicher Teil der später als "Problemtrinker" eingestuften Teilnehmer offenbarte, dass sie häufiger aus finanziellen Gründen nicht zum Wodka, sondern zu hochprozentigen anderen Flüssigkeiten griffen, die eigentlich nicht als Getränk verkauft werden: Eau de Cologne und Parfüm, medizinische Tinkturen, Reinigungsmittel für den Haushalt.

Als nach Abschluss der Befragungen später dann bei den etwa 1.800 Todesfällen von Interviewteilnehmern ein Zusammenhang zum Alkohol hergestellt wurde zeigte sich:
• Ein sechsfach erhöhtes Sterberisiko zeigte sich für sogenannte "Problemtrinker" (mit sehr häufigem Konsum großer Alkoholmengen) und ebenso für Personen, die häufiger hochprozentige, aber billige Flüssigkeiten zu sich genommen hatten, die nicht als Getränk verkauft wurden.
• Sogar ein neunfach erhöhtes Risiko zeigte sich für Trinker, die immer auf Billigalkohol zurück griffen und solchen, die dies nie taten.
• 43 Prozent, also fast die Hälfte aller Todesfälle bei Männern im arbeitsfähigen Alter in einer typischen russischen Industriestadt könnten nach Ansicht der Forscher auf problematischen Alkoholkonsum zurückzuführen sein, das ist weitaus mehr als eine frühere Studie (mit einer Schätzung von 27%) gezeigt hat.

Ein Abstract der Studie ist hier nachzulesen: Alcohol consumption and public health in Russia (Lancet, Volume 369, Issue 9578, 16 June 2007-22 June 2007, Pages 1975-1976)

Leider gehen die Wissenschaftler auf die sozialen Hintergründe des Problemtrinkens und insbesondere auch des Konsums von Billig-Alkohol in Haushaltsprodukten so gut wie gar nicht ein. Eine andere Veröffentlichung aus den Reihe des Forscherteams macht allerdings deutlich, wie stark der Zusammenhang von Armut (gemessen am Bildungsniveau, beruflicher Stellung, Erwerbstätigkeit oder Einkommen) und dem Konsum von Alkohol - und insbesondere auch tödlichem Billigalkohol - ist. Dort zeigt sich etwa: Männer der untersten Bildungsschicht trinken im Vergleich zu solchen aus höheren Bildungsniveaus etwa 8mal so oft "Surrogat-Alkohol" (Parfüm, Reigungsmittel usw.), haben etwa 5mal so oft einen "zapoi" (Rückzug aus dem normalen Leben) und etwa 4mal so oft einen schweren Alkoholkater.

Diese Studie ist hier kostenlos im Volltext verfügbar: Prevalence and socio-economic distribution of hazardous patterns of alcohol drinking: study of alcohol consumption in men aged 25-54 years in Izhevsk, Russia (Addiction, Volume 102 Issue 4 Page 544-553, April 2007)

Gerd Marstedt, 20.6.2007