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Ärzte haben ein höheres Prestige als Politiker. Haben auch Krankheiten ein unterschiedliches "Prestige" ?

Artikel 0930 Ärzte und Krankenschwestern stehen auf der vom Institut für Demoskopie Allensbach regelmäßig erhobenen Berufsprestige-Skala seit vielen Jahren ganz oben, am unteren Ende finden sich Politiker und Gewerkschaftsführer. Auch innerhalb der ärztlichen Fachdisziplinen gibt es eine solche Hierarchie, innerhalb derer das Prestige von Chirurgen weit höher eingeschätzt wird als etwa das von Haus- und Allgemeinärzten. Diese Befunde sind hinreichend bekannt. Aber gibt es auch eine Prestige-Rangskala von Krankheiten? Werden einige Erkrankungen von Ärzten oder Medizinstudenten (unbewusst und emotional) eher verächtlich betrachtet, andere hingegen mit Achtung und Respekt? Dieser Frage ist jetzt ein norwegisches Forschungsteam nachgegangen und hat dazu insgesamt etwa 1300 Assistenzärzte, niedergelassene Ärzte und Medizinstudenten kurz vor dem Examen befragt.

Die wissenschaftliche Fragestellung ist keineswegs nur "originell", sondern hat durchaus praktische Bedeutung: Falls es eine solch unterschiedliche Einschätzung und emotionale Bewertung verschiedener Erkrankungen gibt, könnte es durchaus sein, dass dies auch nachhaltigen Einfluss hat auf Forschungsaktivitäten und die Vergabe finanzieller Mittel, auf Privilegien bei der personellen oder apparativen Ausstattung von Klinikabteilungen, auf die Wahl der Fachdisziplin bei angehenden Medizinern und anderes mehr.

Die jetzt in der Zeitschrift "Social Science & Medicine" veröffentlichte Studie hat zunächst noch einmal bestätigt, dass die medizinischen Fachdisziplinen ein sehr unterschiedliches Ansehen genießen. Weit oben rangieren Neurochirurgie und Thorax-Chirurgie, Kardiologie, Anästhesie, Pädiatrie und allgemeine Chirurgie. Ganz am unteren Ende der Skala finden sich dann Allgemeinärzte und Psychiater, Physiotherapeuten, Hautärzte und geriatrisch tätige Mediziner.

Aber auch für die zentrale Fragestellung der Studie "Haben verschiedene Krankheiten ein unterschiedliches Prestige in der Medizin?" fanden die Wissenschaftler, dass eine solche Rangskala tatsächlich existiert. Die dazu in der Studie für die Ärzte und Medizinstudenten gestellte Aufgabe war: "Bitte ordnen Sie die im Folgenden genannten 38 Krankheiten so an, dass jene Krankheit, die bei medizinischen Berufen das höchste Prestige hat, auf Platz 1 steht und jene, die das niedrigste Prestige genießt, ganz unten auf Platz 38 steht." Als Ergebnis zeigte sich dann: Ganz oben auf der Prestigeskala stehen Krankheiten wie Herzinfarkt und Angina Pectoris, Leukämie, Gehirntumor und Hodenkrebs. Ganz unten finden sich Schizophrenie und depressive Neurose, Angstneurose, Leberzirrhose und Fibromyalgie.

Die Autoren interpretieren die Ergebnisse derart, dass unterschiedliche Kriterien (unbewusst) wirksam sind und das Prestige einer Krankheit bestimmen: Krankheiten, die ein einzelnes Organ betreffen, sind höherwertiger als solche, die körperlich sehr unspezifisch sind. Organerkrankungen in oberen Körperregionen (Gehirn, Herz) sind höher angesehen als solche in unteren Körperpartien. Plötzlich eintretende Erkrankungen werden höher geachtet als solche, die sich langsam entwickeln. Und auch Krankheiten, die meist tödlich enden, haben ein höheres Ansehen.

Wenn man die gesamte Rangskala der 38 vorgegebenen Erkrankungen betrachtet, kann man über einige Interpretationen streiten. So passt etwa die hohe Platzierung des Hodenkrebs (Platz 5) nicht zur Interpretation, dass Erkrankungen höher gelegener Organe mehr Ansehen haben. Was jedoch außerordentlich verblüfft und absolut eindeutig aus der Skala hervorgeht, ist die Geringschätzung psychischer Erkrankungen. Zusammen mit der Leberzirrhose (die ja auch interpretiert werden kann als Folge einer psychischen Suchterkrankung) rangieren alle diese Krankheiten der Seele am unteren Ende der Rangordnung. Mediziner, so scheint es, unterscheiden sich hier in der Stigmatisierung seelischer Krankheiten nicht vom Durchschnittsbürger. Nach wie vor wird "Irren" oder "Bekloppten" nur wenig Respekt und Achtung entgegen gebracht - auch nicht von der medizinischen Profession.

Leider ist die Operationalisierung der zentralen Aufgabe für die Teilnehmer der Studie u.E. ein wenig vordergründig: Der Begriff "Prestige" taucht ohne jede Erläuterung auf, es wird auch später nicht nach Assoziationen oder Definitionen gefragt. So bleibt offen, ob nicht verschiedene Befragte mit dem "Prestige einer Krankheit" jeweils sehr unterschiedliche Aspekte assoziieren, so dass auch die gesundheitspolitischen Implikationen nicht eindeutig ausfallen.

Ein Abstract der Studie ist hier nachzulesen: Dag Album and Steinar Westin: Do diseases have a prestige hierarchy? A survey among physicians and medical students (Social Science & Medicine, Article in Press, doi:10.1016/j.socscimed.2007.07.003)

Gerd Marstedt, 25.9.2007