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"Controlled crying" und "camping out": Hilfen bei durch Baby-Schlafstörungen verursachten Depressionen von Müttern sinnvoll!?

Artikel 1346 Wer jemals mit Kleinkindern - in der Nachbarschaft oder eigenen - zu tun hatte, die schlecht schliefen und dies mit dem für diese Altersgruppe anthropologisch überlebensnotwendig markerschütterndem "Geschrei" kundtaten, kann sich vorstellen, dass dies auch unerwünschte physische und psychische Wirkungen auf viele Mütter und einige Väter sowie Ehen haben kann.
Dazu zählen vor allem postnatale Depressionen von jungen Müttern, die zu zwei Dritteln signifikant durch Schlafprobleme der Kinder mitverursacht werden.

Die Intensität des Leidens von Müttern wird noch dadurch verschärft, dass es für den Umgang mit den kindlichen Schlafproblemen eine Fülle, zum Teil antagonistische erfahrungsbasierte Ratschläge mit nicht selten extrem unterschiedlichen Folgerisiken für Kind und Mutter gibt. Beim Ratschlag, das Kind einfach ein paar Mal "durchschreien" zu lassen, gibt es nicht nur akustische Schwierigkeiten, sondern auch Befürchtungen über psychische Spätfolgen beim Kind und als mögliche Folge dauerhafte Schuldgefühle bei den Eltern. Aber auch bei solchen Alternativen wie der "Tröstung" im Erwachsenenbett gibt es mehr oder minder evidente Befürchtungen über unerwünschte Folgen.

Unsicherheiten hinsichtlich ihrer Wirkung gibt es schließlich auch bezogen auf mittlerweile entwickelte so genannte "infant sleep intervention"-Programme. Mit gezielten schriftlichen und mündlichen Informationen, Verhaltenstrainings und interaktiven Befragungen (z. B. zwei strukturierte zweieinhalbstündigen Trainingssitzungen mit einem Kinderarzt und -psychologen sowie Verhaltenstrainings zu "controlled crying" [langsame Verlängerung der Zeitabstände des elterlichen Sichkümmerns um ihr schreiendes Kind] und "camping out" [langsame Reduktion der elterlichen Präsenz beim Einschlafen der Kinder]) sollen die Schlafstörungen der Kleinkinder verringert oder sogar komplett zum Verschwinden gebracht werden und damit auch eine wichtige Ursache für Depressionen von jungen Müttern. Auch hier stellt sich aber zu Recht die Frage nach kurzfristig aber vor allem auch langfristig erwünschten und unerwünschten Wirkungen bei Müttern wie Kindern.

Die gerade veröffentlichten Ergebnisse einer australischen Studie, "Long-term Mother and Child Mental Health Effects of a Population-Based Infant Sleep Intervention: Cluster-Randomized, Controlled Trial" von Hiscock H., Bayer JK, Hampton A, Ukoumunne OC und Wake M (Pediatrics. 2008 Sep;122(3):e621-7), begründen nun aber die Hoffnung auf ausschließlich erwünschte Wirkungen derartiger Programme.

Die ForscherInnen führten dazu eine clusterrandomisierte Studie in Kinderzentren von 6 Bezirken der Stadt Melbourne durch, an der 328 Mütter (per Zufall aus einer Population von insgesamt 732 Müttern ausgewählt) teilnahmen, deren Kinder auch noch 7 Monate nach der Geburt mit Schlafproblemen hatten.
Die Nichtinterventionsgruppe umfasste 154 Kinder, die die gewöhnliche "Behandlung" für solche Situationen erhielten, also meistens "gute Ratschläge". Die Eltern von 174 Kinder erhielten aber im Alter von 8 bis 10 Monaten ihrer Kinder von den Kinderkrankenschwestern ("well-child nurses") und weiteren Fachkräften der Einrichtungen durch ein kurzes Programm in dem es um praktische Möglichkeiten, Risiken und Chancen der Modifikation des Eltern- und Kindesverhaltens ging.

Im Alter von 2 Jahren wurden dann die Häufigkeit von postnatalen Depressionen der Mütter, ihr Erziehungsstil, die mentale Gesundheit der Kinder und ihr Schlafverhalten mit einer Reihe von Standardinstrumenten und -skalen (Edinburgh Postnatal Depression Scale, Parent Behavior Checklist, Child Behavior Checklist) gemessen.

Die wesentlichen Ergebnisse im Einzelnen:

• Die Mütter in der Interventionsgruppe waren deutlich seltener depressiv als Mütter in der Kontrollgruppe: 15,4% gegen 26,4%.
• Weder der Erziehungsstil noch die mentale Gesundheit der zweijährigen Kinder unterschieden sich zwischen den Gruppen merkbar.
• In der Interventionsgruppe hatten 27,3 % nach Angabe ihrer Mütter weiter Schlafprobleme. Dieser Anteil betrug in der Kontrollgruppe aber noch 32,6%. Der geringe Abstand enthält isoliert betrachtet immerhin die zum Teil "tröstliche" Botschaft, dass kleinkindliche Schlafstörungen in den meisten Fällen auch von alleine und in relativ kurzer Zeit verschwinden.

Die ForscherInnen fassten den Erfolg ihrer Intervention so zusammen: "This intervention demonstrated the capacity of a functioning primary care system to deliver effective, universally offered secondary prevention."

Die komplette Fassung des Aufsatzes "Long-term Mother and Child Mental Health Effects of a Population-Based Infant Sleep Intervention: Cluster-Randomized, Controlled Trial" von Hiscock H., Bayer JK, Hampton A, Ukoumunne OC und Wake M kann kostenlos bei der Zeitschrift "Pediatrics" heruntergeladen werden. Ein Abstract ist ebenfalls erhältlich.

Bernard Braun, 14.9.2008