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eHealth / IT: Versichertenkarte, Patientenakte


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Nur "cash cow" oder doch nützlich für Patienten? Die EU-Kommission und das "Lied vom großen Nutzen" von E-Health!

Artikel 1930 Wer Beispiele dafür sucht, dass das Gesundheitswesen auch oder gar primär ein gewichtiger Wirtschaftszweig ist und auch so funktioniert, findet dafür seit einiger Zeit fast jeden Tag millionenschwere Belege in den Massenmedien. Die "cash cows" heißen Telemedizin, Telemonitoring, IT im Krankenhaus und in Arztpraxen oder gleich E-Health und versprechen zumindest für die Anbieter entsprechender technischer Infrastruktur und Dienstleistungen traumhaft hohe und wachsende Umsätze:

• So titelt etwa das Wirtschaftsblatt "Handelsblatt" am 13.4. 2011: "Telekom will im Gesundheitsmarkt Millionen verdienen. Einen dreistelligen Millionenumsatz erwartet die Telekom vom Geschäft mit der Gesundheit. Andere europäische Telekomkonzerne verdienen ebenfalls immer mehr mit digitalen Angeboten für Ärzte und Patienten." Dies soll u.a. mittels digitaler Krankenakten im Ipad, Blutdruckmessung via Handy oder durch die mobile Herzschrittmacher-Überwachung gesichert werden.
• Die EU-Kommission geht davon aus und verbreitet dies auch entsprechend euphorisch, dass der so genannte E-Health-Markt in Europa in den nächsten drei Jahren jeweils um rund elf Prozent wächst, von derzeit rund 25 auf dann knapp 38 Milliarden Euro.
• Begleitet werden diese paradiesisch anmutenden Prognosen dadurch, dass alle wirtschaftlich und politisch Interessierten versuchen ihre Interessen gegenüber der Versicherten- und Nutzeröffentlichkeit als so kostensparend und qualitätssichernd darzustellen, dass eigentlich niemand dagegen sein kann. So wimmelt es in dem bereits zitierten "Handelsblatt"-Artikel von technischen Lösungen, die es auch demnächst zu kaufen gibt - allerdings noch nicht als GKV-Leistung: "Bereits seit 2007 testet die Telekom in der T-City Friedrichshafen Zukunftsprojekte, auch für den Gesundheitsbereich. Die Ärzte des Brustzentrums beispielsweise treffen sich zur wöchentlichen Besprechung der Patientenbehandlungen online auf der so genannten Tumorkonferenz. Mit Patienten testet die Telekom die Mobile Visite - das Arztgespräch via Fernseher, Set-Top-Box und Breitbandanschluss. Diabetiker beispielsweise können mittlerweile ihre Blutzuckerwerte via Smartphone an den Hausarzt schicken. Die nötige Ausrüstung vom Teststreifen bis zum Messaufsatz verkauft die Deutsche Telekom demnächst in ihren T-Punkten."
• Mögliche argumentative oder monetäre Widerstände oder gar Zweifel am Nutzen für Nutzer oder Verbraucher werden systematisch zu entkräften versucht. Ein Telekom-Manager beschwört etwa, dass "die Bereitschaft der Menschen für ihre Gesundheit selbst zu zahlen, steigt". Die EU-Kommission hat am 13. April 2011 im Rahmen ihres "2012-2020 eHealth Action Plan" den bisher relativ gut verborgenen Versuch gestartet, europaweit in einer systematisch verzerrten und nicht repräsentativen Personengruppe (allein schon die gewählte Form der Online-Befragung sperrt die meisten Angehörige der älteren Bevölkerung aus, also diejenigen Personen, die aber am meisten Leistungen des Gesundheitswesens benötigen) Daten zu erheben, die "der Bevölkerung" suggerieren sollen, die Mehrheit stünde loyal hinter der Verbreitung von E-Health, sehe uneingeschränkt ihren Nutzen, und nur die "Fortschrittsbremser" in den Krankenkassen gönnten ihren Versicherten diese Nutzen nicht. Die Absicht und das Ziel der Befragung umreißt sie in einer ausführlichen Darstellung ihrer "Public Consultation on the eHealth Action Plan (eHAP) 2012-2020" so: "The European Commission is seeking citizens' and other interested parties' views on how the EU can help to deliver widespread benefits to the quality and efficiency of healthcare by applying information and communication technologies (ICT) (so-called 'eHealth')." Der operative Ablauf der Befragung und ihre Bedeutung, sehen für die EU-E-Health-Protagonisten so aus: "The online public consultation runs until 25 May. The answers will feed into the preparation of the eHealth Action Plan 2012-2020 that the Commission is due to present before the end of 2011."
• Wer ein Beispiel für eine extreme parteiliche, tendenziöse, manipulative und definitiv nicht ergebnisoffene Befragung sucht, findet es mit dieser Befragung. Was hier mit nicht wenig Steuergeldern erhoben werden soll, welches die erwünschten Antworten sind und dass etwaige kritische Einwände gegen E-Health unerwünscht sind, wird mit nicht mehr zu überbietender amtlichen Autorität so verkündet: "Neelie Kroes, European Commission Vice President for the Digital Agenda, said: "At a time when individuals and governments need to watch every euro, eHealth can help to improve the efficiency of healthcare systems and boost the economy as well as empowering patients. I welcome everybody's views on how eHealth can best be used for the benefit of all." The Commission is inviting all interested parties, including healthcare professionals and patients, to give their feedback on the main benefits of eHealth, the main barriers preventing large-scale deployment, and the actions the European Commission should take to overcome them. In addition, stakeholders can provide their views on the best ways to improve interoperability, on how the Commission should address legal issues related to eHealth and on the best ways to support innovation."

Wie sich dies in dem offiziellen Fragebogen niederschlägt und wie unentrinnbar das Pro-E-Health-Ergebnis ist, kann und sollte jeder Interessierte online (Vorsicht: der Fragebogen wird automatisch nach 90 Minuten automatisch geschlossen) oder in Ruhe in der 26 Seiten umfassenden PDF-Version der "Public Consultation on the eHealth Action Plan (eHAP) 2012-2020" nachlesen.

Bevor aber die EU-Kommission ihren "top-down"-Aktionsplan bis zum Jahr 2020 damit legitimiert, dass sie berichtet, 84,7% "der europäischen Bevölkerung" stimmten dem enormen Nutzen aller E-Health-Tools uneingeschränkt zu, sollten die Teile der Öffentlichkeit, die angeblich nur Nutzen von der E-Health-Verbreitung haben sollen, sich beginnen einzumischen. Dabei geht es nicht darum maschinenstürmerisch die nachweisbar nützlichen Möglichkeiten von Informationstechnologie oder E-Health im Gesundheitswesen zu ignorieren. Dort wo es aber keine Nutzennachweise gibt oder gar unerwünschte Wirkungen möglich sind oder überwiegen (z.B. weniger personale Kontakte zwischen bestimmten Patientengruppen und Leistungserbringern) und bei den rein propagandistischen Versprechungen der Kostenersparnisse etc. sollte "bottom up" oder wenigstens im EU-Parlament eine offene strikt nutzerorientrierte Debatte stattfinden.

Ansatzpunkte für eine solche Einmischung und Belege für den eher ernüchternd fragwürdigen oder wackligen Nutzen finden sich selbst am Ende vieler Berichte mit durchaus E-Health-positivem Tenor. Während der "Handelsblatt"-Artikel zu Beginn bereits Milliarden in die Kassen der Telekommunikationsunternehmen fallen hört, wirkt die realistische Bilanz für die Krankenversicherten am Ende des Artikels deutlich magerer und ungewisser: "Und selbst wenn die Telekom-Konzerne davon ausgehen, dass ihre telemedizinischen Lösungen dazu beitragen, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen abzumildern, ist eine Frage noch nicht geklärt: Wie groß der Effizienzgewinn der vernetzten Gesundheits-Lösungen tatsächlich ist."

Beachtet werden sollten auch die im Forum-Gesundheitspolitik bereits vorgestellten kritischen Studien zum generell zweifelhaften oder nur für relativ kleine Bevölkerungs- bzw. Patientengruppen nachweisbaren Nutzen bestimmter E-Health-Instrumente aus den USA und Deutschland.
Beachtet werden sollten auch die Ergebnisse der ersten systematischen Reviews zum Thema E-Health und IT mit ihren zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen (vgl. dazu einen in Kürze erscheinenden entsprechenden Überblick im Forum-Gesundheitspolitik).

Bernard Braun, 15.4.11