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Epidemiologie
Ältere, Altersaspekte


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Soziale Aktivitäten im Alter wirken sich auch körperlich positiv aus

Artikel 1647 Mit steigendem Lebensalter lassen in zunehmendem Maße Gedächtnisleistungen und andere kognitive Funktionen nach, ebenso sinkt aber auch die körperliche und muskuläre Leistungsfähigkeit. Dass man diese natürlichen Folgen von Alterungsprozessen durch Jogging und Gymnastik, Radfahren oder andere Formen von Sport und körperlicher Bewegung zwar nicht völlig aufhalten, aber doch nachhaltig verzögern kann, haben schon mehrere wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt. Neu ist indes das Ergebnis einer jetzt veröffentlichten US-amerikanischen Studie. Dort zeigte sich, dass bei älteren Studienteilnehmern die körperliche Fitness umso weniger nachlässt, je intensiver deren soziale Aktivitäten, also ihre Besuche bei Freunden und Verwandten, ihre Mitarbeit in Vereinen usw., ausfallen.

An der jetzt in der renommierten Zeitschrift "Archives of Internal Medicine" veröffentlichten Studie nahmen 906 Männer und Frauen im Alter von 54-100 Jahren (Durchschnittsalter 80 Jahre) teil. Zuvor waren Ältere, bei denen man eine schwer wiegende Alterserkrankung wie Demenz, Parkinson oder Schlaganfall festgestellt hatte, von der Teilnahme ausgeschlossen worden. Im Jahr 1997 wurde bei diesen Teilnehmern im Rahmen einer Fragebogen-Erhebung unter anderem das Ausmaß sozialer Aktivitäten erfasst und ebenso die körperliche Fitness und auch weitere mögliche Einflussfaktoren wie zum Beispiel Bildungsniveau, Rauchen, Body-Mass-Index. Über einen Zeitraum von durchschnittlich etwa 5 Jahren wurde dann erfasst, wie sich die körperliche Fitness der Seniorinnen und Senioren verändert.

Der Umfang sozialer Aktivitäten wurde zu Beginn der Studie mit einem Fragebogen erhoben. Dort war auf einer fünfstufigen Skala anzukreuzen (von "einmal im Jahr oder weniger" bis "täglich oder fast täglich"), wie häufig man bestimmten Tätigkeiten nachgeht. Sechs solcher Aktivitäten waren vorgegeben: In Restaurants gehen oder Sportveranstaltungen besuchen, Tagesausflüge oder mehrtägige Reisen machen, unbezahlte soziale und gemeinnützige Arbeiten verrichten, Besuche bei Freunden oder Verwandten, Mitarbeit in Vereinen oder Teilnahme an Freizeitgruppen, Besuch von Gottesdiensten oder anderen religiösen Veranstaltungen.

Die körperliche Funktionstüchtigkeit und Fitness wurde mit unterschiedlichen Übungen und zum Teil auch Apparaturen gemessen: Die Muskelkraft im Unterarm, die Dehnbarkeit und Flexibilität verschiedener Muskeln und Gelenke, die Zeit, um eine kurze Strecke zu gehen und sich um 360 Grad zu drehen und anderes mehr. Neben diesen beiden zentralen Dimensionen (soziale Aktivitäten und körperliche Fitness) wurde eine große Zahl weiterer Aspekte geprüft, die als potentielle Einflussfaktoren gelten können: Anzeichen von Depressivität, Umfang geistig-intellektueller Aktivitäten wie Zeitung lesen oder Rätsel raten, Art und Ausmaß der körperlichen Aktivitäten in der Freizeit, gesundheitliche Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Rauchen.

Als Ergebnis der statistischen Analysen zeigte sich dann zunächst, dass die körperliche Fitness von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst war: Umfang von Sport und Bewegung in der Freizeit, Behinderungen, Depressivität, körperliche Erkrankungen und eben auch Ausmaß der sozialen Aktivitäten. Betrachtet man die hierfür verwendeten Indikatoren näher, so wird deutlich, dass viele der hier angesprochenen sozialen Handlungen es mit sich bringen, dass man bestimmte Wegstrecken auch zu Fuß bewältigen muss. Von daher könnte das Ergebnis recht banal sein: Wer sich körperlich viel bewegt, sei es beim Besuch von Verwandten, sei es zur Teilnahme an einer Freizeitveranstaltung, behält in der Regel auch eine körperlich bessere Verfassung. Tatsächlich konnten die Wissenschaftler in einer "multivariaten" Analyse (die den Einfluss vieler verschiedener Faktoren gleichzeitig prüft) jedoch zeigen, dass auch ganz unabhängig vom Umfang körperlicher Bewegung in der Freizeit das Sozialverhalten einen wesentlichen Einfluss hat.

Im Einzelnen zeigte sich:
• Für jeden Punkt, den ein Teilnehmer auf der Skala für soziale Aktivitäten weniger aufweist, ergibt sich ein Absinken seiner körperlich-motorischen Leistungen um 33 Prozent.
• Ein solcher Unterschied von nur 1 Punkt, was die sozialen Aktivitäten anbetrifft, hat etwa dieselbe Bedeutung wie wenn der Betreffende 5 Jahre älter wäre und entsprechend schlechtere körperliche Leistungen aufweisen würde.
• Dies wiederum entspricht einem um 40% erhöhten Sterblichkeitsrisiko und einem um 65% erhöhten Risiko für eine Behinderung.
• In einer Detailanalyse zeigte sich, dass drei der erfassten sechs Aktivitäten besonders einflussreich sind für die Aufrechterhaltung oder Verschlechterung der körperlichen Fitness: Durchführung unbezahlter sozialer und gemeinnütziger Arbeiten, Besuche bei Freunden oder Verwandten, Besuch von Gottesdiensten oder anderen religiösen Veranstaltungen.

Die Forscher können in der Zusammenfassung ihrer Befunde keine eindeutig schlüssige Antwort geben, wie ihre Ergebnisse in medizinischer Hinsicht erklärt werden können. Auch weisen sie darauf hin, dass der Kausalzusammenhang unter Umständen auch in anderer Richtung interpretiert werden kann, nämlich derart, dass Senioren mit guter körperlicher Verfassung auch eher willens und in der Lage sind, sozialen und geselligen Aktivitäten außerhalb ihrer Wohnung nachzugehen. Allerdings machen sie auch noch einmal deutlich, dass die in der Verlaufsstudie gefundenen Einflüsse des Sozialverhaltens auch dann noch Bestand haben, wenn man den Umfang von Sport und Bewegung in der Freizeit mitberücksichtigt.

Kostenloses Abstract: Aron S. Buchman et al: Association Between Late-Life Social Activity and Motor Decline in Older Adults (Arch Intern Med. 2009;169(12):1139-1146)

Gerd Marstedt, 23.9.09