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Gesundheitssystem
Finanzierung und Kosten, Lohnnebenkosten


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Systematisches und Empirisches über die direkten und indirekten Krankheitskosten im deutschen Gesundheitssystem.

Artikel 1706 Nach den Heften zur Gesundheitsberichterstattung Nr. 45 (Ausgaben und Finanzierung des Gesundheitswesens) und Nr. 46 (Beschäftigte im Gesundheitswesen) hat jetzt das Robert-Koch-Institut (RKI) das Heft 48 zum Thema "Krankheitskosten" veröffentlicht.

Auf den rund 30 Seiten des Heftes geht es u.a. um die folgenden Fakten und Themen:

• Im Jahr 2006 entstanden der deutschen Volkswirtschaft durch Krankheiten direkte Kosten in Höhe von insgesamt rund 236 Milliarden Euro. Dabei handelt es sich vor allem um die Kosten der im Rahmen der ambulanten und (teil-)stationären Versorgung erbrachten diagnostischen, therapeutischen, rehabilitativen oder pflegerischen Leistungen. Hierzu zählen auch der damit in Verbindung stehende Verbrauch von Arznei- und Hilfsmitteln und die Inanspruchnahme von Zahnersatzleistungen.
• Einige der im GBE-Heft ausführlich belegten und erörterten Fragen lauten: Welche Krankheit verursacht bei wem und in welcher Einrichtung des Gesundheitswesens welche Kosten? Wieso überschreiten die Krankheitskosten der Frauen die der Männer um fast 36 Milliarden Euro? Auf welche Krankheiten sind bei älteren Menschen die höchsten Kosten zurückzuführen und auf welche bei Kindern und Jugendlichen?
• Ein bedeutender Anteil der Krankheitskosten im Seniorenalter entsteht in ambulanten oder (teil)stationären Pflegeeinrichtungen Die Ergebnisse zeigen bei Frauen in Pflegeeinrichtungen bedeutend höhere Pro-Kopf-Kosten als bei Männern. Diese Unterschiede können als indirekte Folge der Feminisierung des Alters gedeutet werden: Frauen weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit auf, den Ehe- oder Lebenspartner zu überleben und damit im Alter selbst auf (professionelle) Pflege angewiesen zu sein.
• Deutlich unterschiedliche Krankheitskosten-Effekte gab es auch 2006 zwischen den Altersgruppen: "Auf die unter 15- Jährigen - die 14,0 % der Gesamtbevölkerung stellten - entfielen lediglich 6,1 % der Krankheitskosten. Der Bevölkerungsanteil übertraf damit den Krankheitskostenanteil in diesem Alter um das 2,3-fache. Nahezu umgekehrt war es bei den älteren Menschen: Die im Vergleich hohen Krankheitskosten der über 64-Jährigen (47,1 %) konzentrierten sich auf eine verhältnismäßig kleine Bevölkerungsgruppe (19,5 %). Hier überschritt der Kostenanteil den Bevölkerungsanteil um das 2,4-fache. Der Kostenanteil der über 64-Jährigen lag damit knapp über dem vergleichbaren Kostenanteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren (46,8 %). Die Krankheitskosten verteilten sich im erwerbsfähigen Alter allerdings auf deutlich mehr "Kopfe": Der Anteil dieser Altersgruppe an der Bevölkerung betrug 66,5 %.
• Bei allen Kostenunterschieden der Krankenbehandlung nach soziodemographischen Merkmalen ist aber stets die grundsätzliche Ungleichverteilung der Erkrankungshäufigkeit, Behandlungsbedürftigkeit und damit letztlich auch der Krankheitskosten in der Bevölkerung zu beachten. So entstehen rund 80% aller Ausgaben und damit auch der Kosten durch die Behandlung von 20% der Versicherten einer gesetzlichen Krankenkasse. Dies muss man insbesondere bei den ebenfalls im Heft ausgerechneten Pro-Kopf-Krankheitskosten von 2.870 Euro pro Einwohner oder von 1.260 Euro pro Kopf der bis 15-Jährigen, den 2.930 Euro pro Kopf der 45-64-Jährigen oder gar den 14.370 Euro pro Kopf der Hochbetagten mit mehr als 85 Jahren berücksichtigen.
• Die höchsten Kosten entstanden durch Krankheiten des Kreislaufsystems mit insgesamt 35,2 Milliarden Euro. An zweiter Stelle mit 32,7 Milliarden Euro stehen die Kosten für Krankheiten des Verdauungssystems, zu denen als eine der besonders ausgabenintensiven Einzelkrankheiten die Zahnkaries gehört. Den dritten Rang bei den Kosten für Krankheitsgruppen nehmen psychische und Verhaltensstörungen mit 26,7 Milliarden Euro ein. Darunter waren die Kosten für Demenzkranke mit 3,7 % die relativ größten. Fast gleichhoch wie die Kosten der Behandlung psychischer Erkrankungen waren die Ausgaben für Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems.
• Neben den direkten Kosten gehen zusätzliche Verluste für die deutsche Volkswirtschaft einher, die aus Arbeitsunfähigkeit, Invalidität und vorzeitigem Tod der erwerbstätigen Bevölkerung resultieren. Sie werden in Form von verlorenen Erwerbstätigkeitsjahren berechnet. Dieser Arbeitsausfall summiert sich auf einen zusätzlichen Ressourcenverlust von rund vier Millionen verlorenen Erwerbstätigkeitsjahren. Nähme man die kostenmäßigen Wirkungen der allerdings schlecht quantifizierbaren oder monetarisierbaren Einschränkungen durch Schmerz oder des Verlustes an Lebensqualität hinzu, wären die individuellen und kollektiven Verluste noch wesentlich höher.

Die Ergebnisse der Krankheitskostenrechnung können in Verbindung mit weiteren epidemiologischen Daten zur Überprüfung und Steuerung der Ressourcenverteilung im Gesundheitswesen verwendet werden. Sie liefern Hinweise auf mögliche Einsparpotenziale für die Entwicklung gesundheitspolitischer Instrumente, dienen als Entscheidungshilfe bei der Vergabe von Forschungsmitteln, unterstützen die Gesundheitsberichterstattung sowie die Evaluation von Gesundheitszielen und können als Ausgangsbasis für die Berechnung künftiger Kostenentwicklungen - insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels - genutzt werden.

Strenggenommen handelt es sich bei Krankheitskosten und damit auch der Krankheitskostenrechnung um nichts, was mit der in der normalen Marktökonomie verglichen werden könnte: "Kosten bezeichnen in der Regel den mit Marktpreisen bewerteten Einsatz von Produktionsfaktoren bei der Herstellung von Waren und Dienstleistungen. Bei den Preisen im Gesundheitswesen handelt es sich jedoch nur selten um wirkliche Marktpreise, sondern überwiegend um Verhandlungs- oder administrativ festgelegte Preise. Ausgangspunkt der Krankheitskostenrechnung im Rahmen der GBE ist deshalb ein ausgabenorientierter Kostenbegriff, bei dem nur der Verbrauch solcher Waren und Dienstleistungen mit Kosten verbunden ist, denen Ausgaben gegenüberstehen. Dadurch können die mit der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen verbundenen "Kosten" unmittelbar der Gesundheitsausgabenrechnung bzw. den dieser Rechnung zu Grunde liegenden Datenquellen entnommen werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Ausgaben für Investitionen wegen der schwierigen Zuordnungsproblematik nicht einzelnen Krankheiten zugeordnet werden. Die insgesamt in der Krankheitskostenrechnung nachgewiesen "Kosten" sind deshalb niedriger als die in der Gesundheitsausgabenrechnung nachgewiesenen Gesamtgesundheitsausgaben. Alle nicht ausgabenwirksamen Leistungen, beispielsweise private Arztfahrten oder die unentgeltliche Pflege von Angehörigen, werden in der Krankheitskostenrechnung nicht berücksichtigt."

Schließlich eignet sich die Krankheitskostenrechnung auch nicht wie zum Beispiel Kosten-Nutzen-Analysen oder Kosten-Effektivitäts-Analysen für Vergleiche unterschiedlicher Maßnahmen.

Das GBE-Heft 48 "Krankheitskosten" von Manuela Nöthen und Karin Böhm kann kostenlos heruntergeladen werden oder schriftlich kostenlos bestellt werden (Robert Koch-Institut, GBE, General-Pape-Straße 62, 12101 Berlin, E-Mail: gbe@rki.de, Fax: 030-18754-3513).

Bernard Braun, 11.1.10