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Wie sicher sind Operationssäle in deutschen Krankenhäusern? Erschreckendes aus Chirurgen- und Pflegekräftesicht.

Artikel 0410 Die Erkenntnis, dass es auch in Gesundheitseinrichtungen erhebliche Erkrankungs- und Sterberisiken für Patienten und Beschäftigte gibt, verbreitet sich weltweit und gesichert durch entsprechende Studien seit einigen Jahren. Pionierarbeit hat dabei die vom US-"Institute of Medicine (IOM)" veröffentlichte kostenlos im Internet lesbare oder kostenpflichtig zu bestellende Studie "To Err is Human. Building a Safer Health System" geleistet, auf die sich mittlerweile in den USA eine Menge von Folgeuntersuchungen und Qualitätssicherungsprogrammen beziehen. Ein aufrüttelndes Ergebnis dieser Studie war die geschätzte Zahl von jährlich durch unbeabsichtigte medizinische Fehler in Gesundheitseinrichtungen getöteten 44.000 bis 98.000 Menschen. Sofern dabei medizinische Geräte eine Rolle spielten, beruhte dies in 60 % der Fälle auf "Missverständnissen zwischen Mensch und Maschine" (DÄB 47/2006:A3187).

Auch wenn es in Deutschland noch keinen vergleichbaren Report gibt, zitiert die hier vorgestellte Studie von Matern et al. "Arbeitsbedingungen und Sicherheit am Arbeitsplatz OP" (Deutsches Ärzteblatt - DÄB - Heft 47/2006: A3187-A3192) "allein für die Intensivstationen in Deutschland...Kosten zur Behandlung der Komplikationen, die durch Bedienungsfehler verursacht werden, auf etwa 396 Millionen Euro jährlich".

Was hinter dem derart kostspieligen und leidvollen Geschehen steckt, versuchten die Autoren mit einer Befragung von 425 Chirurgen und 190 OP-Pflegekräfte über deren Arbeitsbedingungen transparenter zu machen. Auch wenn die Studie nicht repräsentativ für alle Chirurgen und OPs ist, vermittelt sie eine Menge mit Sicherheit verallgemeinerbare Einblicke in das Gefährdungspotenzial im OP.

Dessen Einzelheiten sehen beispielsweise so aus:

• Die speziellen Räume für Ein- und Ausleitung der narkotisierten Patienten werden insbesondere im Bereich der Ausleitung relativ selten genutzt oder sind aus Sicht der Anästhesisten auch teilweise ungeeignet.
• Das Klima in den OPs ist trotz Klimaanlagen "für die Tätigkeiten nicht ideal".
• "Lagerungshilfen...sind häufig nicht in ausreichendem Maße vorhanden."
• "Etwa 70 % der Chirurgen und Pflegekräfte haben Schwierigkeiten mit den OP-Leuchten...40,5 % der Chirurgen und 47,2 % der Pflegekräfte sehen potenzielle Gefährdungen für das OP-Team, für ihre eigene Person oder für den Patienten durch OP-Leuchten und haben solche Situationen bereits mehrfach erlebt."
• "In über 80 % der OPs verlaufen die Versorgungsleitungen der Geräte als Stolperfallen."
• "Nur 31,1 % der Chirurgen haben keine Probleme mit Retraktoren (Instrumente zum Offenhalten von Wunden)."
• 97 % der Chirurgen und OP-Pflegekräfte sehen die Notwendigkeit , den OP ergonomisch zu optimieren."
• Obwohl viele Befragten glauben, eine ergonomisch optimale Hand-Augen-Koordination über Monitore zu haben, machen das tatsächlich nur zwei Drittel richtig. Auf Wissens- oder Schulungsmängel deutet auch die Erkenntnis hin, dass es OP-Akteure gibt, die glauben falsch zu handeln, aber in Wirklichkeit völlig korrekt arbeiten.

Alles in allem belegt die Befragung, "dass ergonomische Defizite besonders im Operationssaal wegen fehlender Systemintegration und uneinheitlicher Bedienkonzepte wesentliche Quellen für kostspielige Irrtümer, Fehler und Komplikationsmöglichkeiten darstellen" und dies von vielen Mitarbeitern so gesehen wird.
Das Erschreckende an vielen der genannten Probleme ist, dass sie häufig trivial sind, an anderen Orten schon lange erkannt wurden und dauerhaft beseitigt und verhindert wurden und diese Beseitigung auch oft nicht aufwändig ist.

Hier können Sie die PDF-Datei des Aufsatzes im Deutschen Ärzteblatt herunterladen.

Bernard Braun, 19.12.2006