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"Wirtschaftliche Notlage" der Ärzteschaft? Fakt ist: Die Einkommensunterschiede der Ärzte sind immens

Artikel 0434 In den Streiks und Protestaktionen der Ärzte in den vergangenen Monaten und ebenso in der für 2007 geplanten Kampagne "Geiz macht krank" der kassenärztlichen Bundesvereinigung wurde die Gesundheitsreform zwar primär mit Schlagworten wie "Bürokratisierung", "Staatsmedizin" oder "Versorgungslücken" kritisiert, am Rande wurde jedoch ab und an auch eine finanzielle Notlage der Ärzteschaft suggieriert. So heißt es auf der Website der KBV-Kampagne: "Bleibt die chronische Unterfinanzierung in der ambulanten Versorgung bestehen, droht eine Pleitewelle bei den Praxen - und dies vor allem in ohnehin wirtschaftlich strukturschwachen Gebieten. Schon heute wandern viele Mediziner ins Ausland ab." Oder: "In der Konsequenz behandeln viele Ärzte oft Patienten, ohne dafür ein Honorar zu erhalten. Immerhin 30 Prozent der ärztlichen Leistungen werden so unentgeltlich erbracht". Ist es um die wirtschaftliche Lage der niedergelassenen Ärzte tatsächlich so schlecht bestellt?

Neuere Zahlen liefert eine jetzt von der Stiftung Gesundheit veröffentlichten Umfrage Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2006 - Eine Studie der Stiftung Gesundheit durchgeführt von der Gesellschaft für Gesundheitsmarktanalyse. Aus der Gesamtheit der niedergelassenen Ärzte (außer Zahnärzte) sämtlicher Fachgruppen in Deutschland wurde dazu eine repräsentative Stichprobe von 15.000 gezogen, geschichtet nach Merkmalen wie Geschlecht, Facharzt/Hausarzt, Dauer der Niederlassung. Das Bruttojahreseinkommen der niedergelassenen Ärzte beträgt danach im Durchschnitt 117.500 Euro, variiert jedoch überaus stark (S.14):
• 11% der Ärzte haben ein Bruttoeinkommen von unter 25.000 €
• bei 12% beträgt es 25.000 - 50.000 €
• bei 18% 50-75.000 €
• bei 14% 75-100.000 €
• bei 15% 100-125.000 €
• bei 30% der Ärzte beträgt es über 125.000 €
In dieser letzten Gruppe finden sich immerhin noch 5% mit einem Einkommen von 250-500.000 und 2% mit einem Einkommen von über 500.000 €.

Von diesem Bruttoeinkommen müssen Ärzte noch abziehen: Steuern, Beiträge zur Krankenversicherung und Altervorsorge sowie eventuell abzuzahlende Kredite für die Praxisausstattung. Nimmt man hier einmal jene Beispielrechnung, die ein niedergelassener Allgemeinmediziner unlängst beim BAO veröffentlichte ("Was ein niedergelassener Arzt tatsächlich im Jahr verdient"), dann machen Renten- und Krankenversicherung sowie Kredittilgung rund 25.000 Euro im Jahr aus, hinzu kommen noch Steuerabzüge. Ärzte im unteren Einkommensbereich mit unter 50.000 Euro sind danach finanziell tatsächlich nicht besonders gut gestellt. Andererseits wird auch deutlich, dass das obere Einkommensdrittel mit über 125.000 Euro brutto nach Abzug von Steuern und den genannten Aufwendungen knapp 60.000 Euro netto für sich behält, also etwa 5.000 Euro netto im Monat. Zwar zeigen die Daten der Umfrage auch (vgl. S.16), dass die Verdienstdifferenzen (in sehr begrenztem Maße) durch unterschiedlich lange Arbeitszeiten zustande kommen. Insgesamt bleibt jedoch der Eindruck zurück, dass Ärzte mit finanziellen Problemen bei ihren Verbänden bislang wohl zu selten das Problem höchst ungleicher Einkommensverteilungen auf die Tagesordnung gebracht haben.

Die Daten der Umfrage zeigen im Übrigen eine recht hohe Übereinstimmung mit jenen Zahlen, die das Bundesministerium für Gesundheit Anfang 2006 veröffentlicht hatte: BMG: Zahlen und Fakten zur Situation der Ärzteschaft, auch als Download verfügbar beim AOK-Bv. In diesem Papier wurde aufgezeigt:
• Das Einkommen der Ärzte liegt deutlich über dem Durchschnittseinkommen von Arbeitnehmern und auch über dem Einkommen anderer Akademiker.
• Die Einkommen der Ärzte haben in den letzten Jahren zugenommen; sie konnten dabei mit der Inflation Schritt halten.
• Zahlen der OECD belegen, dass sich die Einkommen der deutschen Ärzte im internationalen Vergleich keineswegs am unteren Ende, sondern im Mittelfeld bewegen.
• Nach Abzug der Praxiskosten ergibt sich im Westen über alle Fachgebiete ein Überschuss je Arzt in Höhe von 84.976 Euro, im Osten in Höhe von 78.268 Euro. Dem Bruttoeinkommen müssen noch die Einnahmen aus der Behandlung von Privatpatienten hinzu gerechnet werden. Im Westen machen diese je nach Fachgebiet zwischen 16 und 33 Prozent aus.

Wie das Wirtschaftsmagazin Capital (Ausgabe 18/2006, EVT 17. August) berichtete, hat sich der Umsatz der Kassenärzte nach den neuesten, noch unveröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamtes von 1998 bis 2003 um 8,1 Prozent und dessen Reinertrag sogar um 11,9 Prozent erhöht: Capital: Reinertrag der Praxisärzte erneut gestiegen. Fazit der Zeitschrift: "Damit ist die wirtschaftliche Lage der Kassenärzte besser, als ihre Lobby diese darstellt. Das zeigen auch andere Statistiken aus dem Gesundheitsbereich. Seit 1991 zahlen die gesetzlichen Krankenkassen den Medizinern hunderte Millionen Euro mehr als im jeweiligen Vorjahr. 2005 waren es beispielsweise 258 Millionen mehr als 2004. Dabei zehrt die steigende Zahl der Kassenärzte das Plus nicht auf, was selbst das Zentralinstitut der Kassenärzte errechnete."

Gerd Marstedt, 31.12.2006