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"Unzufriedene Manager im goldenen Gefängnis": Deutsche Allgemein-Ärzte im internationalen Vergleich

Artikel 0980 Wie unterschiedlich niedergelassene Allgemeinärzte in Frankreich, Spanien, Italien, dem United Kingdom und Deutschland einige wichtige Umstände ihrer beruflichen Tätigkeit sehen, zeigt sich in einer im Auftrag der französischen Ärztezeitschrift "Le Generaliste" im September 2007 durchgeführten Befragung von 399 Ärzten (darunter 79 deutsche, 81 französische, 80 spanische, 80 italienische und 79 britische) aus diesen Ländern.
Auch wenn es sich sicherlich nicht um eine hieb- und stichfest repräsentative Studie handelt, sind zumindest die in der Sondernummer der Zeitschrift "Les Généralistes en europe" (12. Oktober 2007, No. 2424) ausführlich dargestellten Unterschiede zwischen den nationalen Ärzteschaften diskutierenswert.

Die sich in der Befragung in mancher Hinsicht überraschend ergebenden und differenzierenden Hauptcharakteristika der Ärzte finden sich bereits plakativ auf der Titelseite der Zeitschrift: Le plus individualiste (Frankreich), le plus mécontent (unzufrieden) (Spanien), le plus disponible (Italien), le plus heureux (Großbritannien) und - na, was wohl - le plus manager (Deutschland).

Die Unterschiede innerhalb Europas Allgemeinärzten beginnen bereits bei einigen Fragen der Organisation ihrer Arbeit:

• Die befragten französischen (47%), italienischen (50%) und deutschen (47%) Allgemeinärzte arbeiten noch rund zur Hälfte in Einzelpraxen, während dies nur noch 8% ihrer spanischen und 3% ihrer britischen KollegInnen tun.
• Mit paramedizinischen Berufsgruppen arbeiten die deutschen Ärzte am wenigsten, nämlich zu 4%, zusammen. In Frankreich tun dies 24%, in Italien 35%, in Spanien 40% und gar 63% in Großbritannien.
• Während 85% der spanischen, 70% der britischen, 40% der italienischen, und 36% der französischen Allgemeinärzte bereit sind, Aufgaben an andere professionellen Helfer in ihrer Praxis zu delegieren, waren dies 53% der deutschen Befragten.

Weitere klare internationalen Unterschiede, welche die eingangs zitierten Labels begründen, finden sich auch bei anderen Positionen und Selbstbildnissen der befragten Ärzte:

• In Spanien ist der Anteil der Allgemeinärzte, für die Prävention sehr wichtig ist, mit 70% am höchsten, in Frankreich mit 14% am geringsten. Die deutschen Ärzte sehen dies knapp zur Hälfte (48%) so.
• Mit ihrer gegenwärtigen Honorierung sind die meisten deutschen Ärzte (89%) unzufrieden, eine Bewertung, die sie mit lediglich 43% der britischen GPs teilen.
• Der Anteil der Ärzte, die sagen, der zeitliche Vorlauf einen spontanen Arzt-Termin zu erhalten, betrage im Durchschnitt nur wenige Stunden, ist mit 35% in Italien am höchsten und der Anteil der sagt, dies daure in der Regel einen bis drei Tage mit 43% in Großbritannien am höchsten. Von den deutschen Ärzten sagen 10%, es daure nur einige Stunden und 67% meinen, das schaffe man im Laufe des Tages.
• Während 94% der britischen Ärzte sagen, dass bis maximal 10% ihrer Patienten nicht aus der Praxisumgebung stammten, sahen dies in Deutschland nur 53% der Allgemeinärzte so und 10% von ihnen, damit der höchste Anteil in allen Ländern, gaben an, dass mehr als 25% ihrer PatientInnen nicht aus der unmittelbaren Umgebung stammten.
• Das Titelblatt-Etikett "Manager" erhielten schließlich die deutschen Ärzte dadurch, dass sich 38% von ihnen selbst am stärksten als Chef eines Unternehmens ansahen, was lediglich 5% der spanischen oder 22% der britischen Allgemeinärzte taten. In allen anderen Ländern stuften sich jeweils die relativ meisten Ärzte als unabhängigen Experten ein: F=41%, I=39%, E=40%, UK=54%, D=30%.
• Am unzufriedensten mit der Zukunft der Medizin sind die spanischen Ärzte (90%). Am geringsten, 79%, ist diese Gruppe in Frankreich. In Deutschland waren es 84% der Befragten.

Zusätzlich zu weiteren Daten aus dieser Befragung finden sich in der Ärztezeitschrift auch noch Kurzdarstellungen der Lage der Hausärzte in den untersuchten Ländern. Den Beitrag über die deutschen Berufskollegen betiteln die französischen Autoren für ihre wohl überwiegende französische Ärzteleserschaft interessanterweise mit: "La prison dorée de vos cousins germains".
Nach dem jüngsten Verhandlungsergebnis der Kassenärztlichen Bundesvereinigung mit den Spitzenverbände der GKV, den weiteren Honorarberechnungen ab 2009 ein jährliches Eck-Einkommen aus kassenärztlicher Tätigkeit von 105.000 statt bisher 95.000 Euro, also 10% mehr zugrundezulegen, sieht also wohl aus französischer Sicht das "Gefängnis noch goldiger" aus.

Einen kostenfreien Zugang zu der Zeitschrift "Le Generaliste" und dem französischsprachigen Beitrag "Généralistes: Qui fait quoi en Europe?" vom 12. Oktober 2007 (43 Seiten; Nr. 2424) von Paul Bretagne, Elizabeth Bonte, Armand Chauvel und Stéphanie Salti erhält man erst nach einer etwas aufwändigeren individuellen Anmeldung und dann unter der Rubrik "Le Généraliste en PDF über die man am besten die gesamte Nummer der Zeitschrift herunterlädt.

Bernard Braun, 25.10.2007