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Prävention
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Agression im Kindergartenalter - Eine Studie zeigt: Es geht auch ohne Medikamente

Artikel 0534 Die Neigung, "Problemkinder" mit einem "Zappelphilipp-Syndrom" mit Medikamenten zu behandeln (wie z.B. Ritalin) verbreitet sich zunehmend. Hintergrund dafür ist eine Diagnose, die in den letzten zehn Jahren einen wahren Boom erlebt hat: Das sogenannte "Aufmerksamkeits-Defizit- Hyperaktivitäts-Syndrom" (ADHS). Etwa 10-15 % aller Kinder entwickeln Verhaltensauffälligkeiten, die mit dieser Diagnose versehen werden. In Deutschland sind ca. 400.000 Kinder davon betroffen und innerhalb nur weniger Jahre ist die Anzahl der medikamentös behandelt Kinder weltweit auf ca. 8 Millionen gestiegen, 80 % davon in den USA. Doch es geht auch ohne Medikamente, erklärte jetzt die Psychoanalytikerin Prof. Leuzinger-Bohleber vom Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt anlässlich der Vorstellung von Ergebnissen aus einer Studie mit rund 800 Kindergartenkindern. Aggressives oder störendes Verhalten von Kindern, und damit auch die Gewaltbereitschaft der Jüngsten, lässt sich mit "präventiven" erzieherischen Maßnahmen und ohne Medikamente verändern.

In Deutschland nehmen etwa 150.000 Kinder regelmäßig Medikamente, teilweise ohne vorhergehende sorgfältige medizinische und psychologische Untersuchung. Die langfristigen Auswirkungen dieser medikamentösen Behandlung sind bis heute nicht bekannt. Daher warnen Experten vor möglichen Spätfolgen dieses frühen chemischen Eingriffs in das noch im Entwicklungsstadium befindliche Gehirn. Die Lebensbedingungen des Kindes, seine Beziehungen und Chancen, aktiv zu sein und soziale Kontakte zu knüpfen sowie sich körperlich frei zu bewegen, sind ganz entscheidend für die weitere Entwicklung. Es sind große Unterschiede absehbar, je nachdem, ob Verhaltensproblemen mit Medikamenten oder mit psychosozialen Angeboten begegnet wird.

Zusammen mit dem Hirnforscher Prof. Hüther aus Göttingen führte das Sigmund-Freud-Institut in Kooperation mit dem Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie in Frankfurt eine Präventionsstudie zur Förderung von Kreativität und psychosozialer Integration von Kindern im Kindergartenalter durch. Zwei Jahre lang, von 2004-2006, übten Psychologen und Pädagogen in 14 Kindertagesstätten gewaltvorbeugende Maßnahmen, Eltern wurden beraten und Erzieherinnen erhielten eine Supervision und Fortbildung. Die Kinder durchliefen dabei das Anti-Gewalt-Programm "Faust-Los". Zeitgleich beobachteten die Wissenschaftler an weiteren 14 Kindertagsstätten das Geschehen, dort jedoch lief das gewohnte und althergebrachte Programm.

Das Ergebnis war verblüffend: Die Auswertung der Daten zeigte, dass die Aggressivität in der Projektgruppe deutlich abnimmt, in der Vergleichsgruppe jedoch auf demselben Niveau wie vorher blieb. Als besonders positiv bewerteten die Wissenschaftler, dass das Präventionsprogramm bei den extrem auffälligen Kindern besonders gut angeschlagen hat. 17 Kinder wurden während der Studie einzeltherapeutisch betreut.

Die Ergebnisse haben nach Auffassung der Forscher deutlich gemacht, dass verhaltensauffälligen Kindern in einer Vielzahl von Fällen auch ohne Medikamentenverschreibung weitergeholfen werden kann. Problematisch erscheint den Wissenschaftlern, dass man eine geographische Häufung der Verschreibung von Ritalin, dem gängigsten Medikament bei ADHS, beobachten konnte: 30 Prozent des bundesweiten Verschreibungs-Aufkommens würden von lediglich 66 Kinderärzten verordnet. Pharmazeutische Therapie sei auf Dauer jedoch wenig hilfreich: "Es ist eine große Verführung, Probleme mit Medikamenten zum Verschwinden zu bringen. Jedoch nimmt es den Kindern die Chance, mit ihrem eigenen Schicksal umzugehen. Nötig sind stattdessen ganzheitliche Maßnahmen schon im Vorschulalter", so die Projektleiterin Prof. Leuzinger-Bohleber.

Hier findet man die Projektbeschreibung:
Frankfurter Präventionsstudie in Kindergärten: Eine repräsentative, prospektive Präventions- und Interventionsstudie zur Verhinderung von psychosozialen Anpassungsstörungen (insb. von ADHS) bei Kindergartenkindern

In einem Artikel der Frankfurter Rundschau werden die Studie und ihre Ergebnisse beschrieben: Prävention im Kindergarten hilft gegen Gewalt

Gerd Marstedt, 2.2.2007